Willkür — des Willens Kür

Showdown am Flughafen Casablanca, Bogie erschießt den Bösewicht, leistet im weltpolitischen Interesse Verzicht auf seine Dulcinea, ein Polizeipräfekt läßt ‹die üblichen Verdächtigen verhaften›, und das ist dann auch noch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ...

Gute Willkür bei allen Beteiligten, aber wohl eine Szene kaum aus dem Leben, wo sonst Polizisten gummiknüppelnd Dienst tun samt ihren Vor- und Vorvorgesetzten, Potentaten mit Willen zur Macht allemal.

Unerschöpflich aber, ausufernd scheint der Katalog weitestmöglicher Willkürphänomene: eine Frau scheitert an der Nominierung zum Außenminister (zu kleine Ohren), ein Mann scheitert am Frauenparkplatz (Bukowski), Rohigkeit, Frivolität, Zwischenbeinliches gar, Begehrlichkeiten einer (Text-)Glieder losenden Liebe (ja!), die menschliche Intermittenz im Chaos (universell), der Torschrei auf den Lippen des Erfinder-Täters (Heureka), der Zufall, immer noch dem helfend, der sich seiner bedient (corriger la fortune), grüner Punkt und blauer Umweltengel auf rezyclierten und sinnentsorgten politischen Reden (Adenauers Enkel), Prometheus, den Göttern das Feuer klauend und daraus noch den ästhetischen Funken schlagend (peng), Nietzsche, Lüge wie Wahrheit im außermoralischen Sinne betrachtend und letztere kurzerhand zu einem beweglichen Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen erklärend (1 Hammer!), der Würfelwurf auf den Grund der Dinge tauchender Dichter nach dem Absoluten (Wurzel aus einer Minuszahl) ...

Kapriolen, die die Willkür geistiger Ordnungen schlägt, mag ein Zitat von Borges illustrieren, der wiederum nach einer chinesischen Enzyklopädie die Einteilung des Tierreiches zitiert: «a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.»

Dem nun doch verstörten Ordnungshüter fällt dann noch ein altes Hausrezept ein: das Wörterbuch der Gebrüder Grimm, sprachmusealen Wilderern, die sich von Wörtern zuschneien ließen und sie dann samt ihrer Verwendung alphabetisch ordneten (digitale Willkür!). Unter unserem Stichwort verzeichnen sie einen erst im neueren Gebrauch ‹tadelnden› Sinn von Willkür, zu unterscheiden von der sonst eher ‹nichttadelnden› oder gar ‹lobenden› Verwendung: «die grundbedeutung ist freie wahl oder entschlieszung» und mit dem Hauptgewicht zu solchem «handeln», nämlich als «wahlfähigkeit».

Auch ‹willküren› oder das Substantiv ‹willkürer› sind belegt — ein Schiedsrichter, aber auch ein Eklektiker kann damit bezeichnet werden, der wiederum ein treffendes Bild abgibt für den Autor von Essays wie für deren Arrangeur.

Essays wie auch deren Komposition in der feuilletonistischen Spielwiese sind Mischprodukte, die jedem Purismus die Nase drehen, sind Dokumente von Beweglichkeit, die gegen jede repressive Ordnung aufsteht: laut Adorno läßt der Essay sich sein Ressort nicht vorschreiben, sind ihm Glück und Spiel wesentlich, sind weder «seine Begriffe von einem ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten».

Wenn jetzt noch eine Kurzdidaxe folgt, zwischen Chancen und Risiken räsonnierend, dann zur Rechtfertigung des Feuilletons: Brüche dort zu belassen, wo sie sind, keinen harmonischen Organismus zu bauen, der Sinntotales verspricht und dem Leser das Denken abnimmt, sondern zerstückelnd zu arbeiten und des «Willens Kür» (Goethe) von Ideen tranparent zu machen, macht heute noch einen guten Willen zum Schreiben aus. Kein Ende des vielen Essaymachens und der Textbegehrlichkeiten! Denn immer könnte alles doch noch anders sein.

Ralph Köhnen

Laubacher Feuilleton 2.1992, Editorial, S. 1
 
Mo, 13.10.2008 |  link | (2552) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Essai



Die Verirrungen von Herz und Geist

«Etwas verstehe ich nicht», unterbrach ich ihn: «Wie Leute, die nichts gelernt haben oder glauben, sie müßten alles Gelernte vergessen, ohne Unterlaß miteinander reden können. Man muß doch einen ungemein produktiven Geist haben, um ohne jegliche Kenntnisse eine andauernde Unterhaltung zu führen. Denn schließlich sehe ich doch, daß man in der Gesellschaft immerfort redet.»

«Das kommt daher», erkärte er, «daß man den Dingen nie auf den Grund geht. Sie haben bemerkt, daß in Gesellschaft dauernd geredet wird. Haben Sie nicht auch bemerkt, daß man sich dabei nie etwas sagt? Daß ein paar Lieblingsphrasen, einige gesuchte Wendungen und Ausdrücke, ein fades Lächeln und ein kleines maliziöses Mienenspiel alles andere ersetzen?»

«Aber man erörtert und disputiert doch fortwährend!»

«Eben! Man tut dies, ohne nachzudenken; und gerade das ist der höchste Gipfel des guten Tons. Kann man einen Gedanken weiterverfolgen, ohne in schwerfällige Ausführlichkeit zu verfallen? Man kann ihn in die Diskussion werfen, aber hat man je die Zeit, ihn zu begründen? Verstößt man nicht sogar gegen die gute Sitte, wenn man über ihn nachdenkt? Doch! Eine Unterhaltung muß, um lebhaft zu sein, immer eine gewisse Sprunghaftigkeit besitzen. Wer zum Beispiel von Krieg spricht, muß sich von einer Frau unterbrechen lassen, die das Thema Gefühl aufs Tapet bringt; sie wiederum muß — mitten aus den Gedanken heraus, die ein so hohes und von ihr so gut beherrschtes Thema mit sich bringt — verstummen, um ein galant obszönes Liedchen anzuhören; worauf der oder die, welche es singt, dann zum großen Bedauern der ganzen Gesellschaft einem Stückchen Moral Platz machen muß, das jedoch sogleich wieder unterbrochen wird, damit man sich nichts von einer mehr oder minder gut vorgetragenen Verleumdungsgeschichte entgehen läßt, die mit dem größten Vergnügen angehört wird, aber alsbald durch Betrachtungen über Musik und Dichtkunst ersetzt wird, die aus Unrichtigkeiten oder abgegriffenen Formeln bestehen und bald wieder verschwinden, weil ihnen politische Gedanken über die Regierung folgen, die ihrerseits von dem Bericht einiger beim Spiel erlebter, besonders überraschender Züge unterbrochen werden, bis schließlich einer der Kavaliere nach langem Sinnen die Runde durchbricht und alles durcheinanderbringt, indem er einer Frau über die Köpfe der anderen hinweg zuruft, sie habe zuwenig Rouge aufgelegt, oder ihr sagt, er finde sie schön wie einen Engel.»

«Wirklich ein bizarres Gesellschaftsgemälde!» fand ich.

Crebillon der Jüngere

Claude Prosper Jolyot de Crébillon. Geboren in Paris am 14.2.1707, dort gestorben am 12.4.1777. Französischer Schriftsteller, aus der Zeit des Ancien Régime.

Claude P. J. Crebillon, Deutscher Bücherbund, Stuttgart/Hamburg o. J., S. 187 – 188

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 2

 
Mo, 13.10.2008 |  link | (1534) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftliches



Deutsches Volksmurren

Ich fange an, den guten Reisegeist zu spüren, und einige von der Legion Teufel, die ich im Leibe habe, sind schon ausgezogen.

Aber je näher ich der französischen Grenze komme, je toller werde ich. Weiß ich doch jetzt schon, was ich tun werde auf der Kehler Brücke, sobald ich der letzten badischen Schildwache den Rücken zukehre. Doch darf ich das keinem Frauenzimmer verraten.

Gestern abende war ich bei S. Die hatten einmal eine Freude, mich zu sehen! Sie wußten gar nicht, was sie mir alles Liebes erzeugen sollten, sie hätten mir gern die ganze Universität gebraten vorgesetzt. Mir Ärmsten mit meinem romantischen Magen! Nicht der Vogel Rock verdaut das. Die W. hat einen prächtigen Jungen. Ich sah eine schönere Zeit in rosenroter Knospe. Wenn die einmal aufbricht! Wie gern hätte ich ihn der Mutter gestohlen und ihn mit mir über den Rhein geführt, ihn dort zu erziehen mit Schlägen und Küssen, mit Hunger und Rosinen, daß er lerne frei sein und zurückkehre, frei zu machen.

In Heidelberg sah ich die ersten Franzosen mit dreifarbigen Bändern. Anfänglich sah ich es für Orden an, und mein Ordensgelübde legte mir die Pflicht auf, mich bei einem solchen Anblicke inbrünstig zu ärgern. Aber ein Knabe, der auch sein Band trug, brachte mich auf die rechte Spur.

Ich mußte lachen, als ich nach Darmstadt kam und mich erinnerte, daß da vor wenigen Tagen eine fürchterliche Revolution gewesen sein soll, wie man in Frankfurt erzählte. Es ist eine Stille auf den Straßen, gleich der bei uns in der Nacht, und die wenigen Menschen, die vorübergehen, treten nicht lauter auf als die Schnecken. Erzählte man sich sogar bei uns, das Schloß brenne, und einer meiner Freunde stieg den hohen Pfarrturm hinauf, den Brand zu sehen. Es war alles gelogen. Die Bürger sind unzufrieden, aber nicht mit der Regierung, sondern mit den Libaralen in der Kammer, die dem Großherzoge seine Schulden nicht bezahlen wollen. Das ist deutsches Volksmurren, das lass' ich mir gefallen; darin ist Rosinische Melodie.

Wenn Sie es mir nicht glauben werden, daß ich gestern drei Stunden im Theater gesessen und mit himmlischer Minna von Barnhelm bis zu Ende gesehen — bin ich gar nicht böse darüber. Aber das Unwahrscheinlichste ist manchmal wahr. Auf der Reise kann ich alles vertragen.

Die Theaterwache in Darmstadt war fünfzig Mann stark. Ich glaube auf je zwei Zuschauer war ein Soldat gerechnet. Noch viel zu wenig in solcher tollen Zeit. Und diesen Morgen um sechs Uhr zogen einige Schwadronen Reiter an meinem Fenster vorüber und trompeteten mich und alle Kinder und alle Greise und alle Kranken und alle süßträumenden Mädchen aus dem Schlafe. Das geschieht wohl jeden Tag. Diese kleinen deutschen Fürsten in ihren Nußschal-Residenzen sind gerüstet und gestachelt wie die wilden Kastanien. Wie froh bin ich, daß ich aus dem Lande gehe.

Adieu, Adieu. Und schreiben Sie mir es nur auf der Stelle, sooft bei uns eine schöne Dummheit vorfällt.

Ludwig Börne

Briefe aus Paris, Erster Brief, 5. September 1830, Weiss Verlag, Dreich, Lizenzausgabe für den Fourier-Verlag, Wiesbaden 1986
Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 12

 
Mo, 13.10.2008 |  link | (1895) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Anderenorts



Die Lust am Text

das ist jener Moment, wo mein Körper seinen eigenen Ideen folgt — denn mein Körper hat nicht dieselben Ideen wie ich. [Seite 26]


Mit jemandem zusammensein, den man liebt, und an etwas andres denken: so habe ich die besten Einfälle, so finde ich am besten, was ich für meine Arbeit brauche. Das gleiche gilt für den Text: er erregt bei mir die beste Lust, wenn es ihm gelingt, sich indirekt zu Gehör zu bringen; wenn ich beim Lesen oft dazu gebracht werde, den Kopf zu heben, etwas andres zu hören. Ich bin nicht notwendig durch den Text der Lust gefesselt; es kann eine flüchtige, komplexe, unmerkliche, geistesabwesende Handlung sein: eine plötzliche Kopfbewegung, wie die eines Vogels, der nicht hört, was wir hören, der hört, was wir nicht hören. [Seite 38]


Manche wollen einen Text (eine Kunst, eine Malerei) ohne Schatten, der getrennt ist von der «herrschenden Ideologie»; aber das wäre ein Text ohne Fruchtbarkeit, ohne Produktivität, ein steriler Text (siehe den Mythos von der Frau ohne Schatten). Der Text braucht einen Schatten: dieser Schatten, das ist ein bißchen Ideologie, ein bißchen Darstellung, ein bißchen Subjekt: notwendige Geister, Luftblasen, Streifen, Wolken: die Subversion muß ihr eigenes Halbdunkel hervorbringen.

(Man sagt gewöhnlich «herrschende Ideologie». Dieser Ausdruck ist unangebracht. Denn was ist Ideologie? Eben gerade die Idee, insofern sie herrscht: Ideologie kann nur herrschend sein. So richtig es ist, von «Ideologie der herrschenden Klasse» zu sprechen, da es ja eine beherrschte Klasse gibt, so inkonsequent ist es, von «herrschender Ideologie» zu sprechen, weil es keine beherrschte Ideologie gibt: auf der Seite der «Beherrschten» gibt es gar nichts, keinerlei Ideologie, außer eben gerade — und das ist die letzte Stufe der Entfremdung — die Ideologie, die sie gezwungenermaßen (um symbolisieren, also um leben zu können) von der Klasse, die sie beherrscht, übernehmen. Der soziale Kampf ist nicht auf den Kampf zweier rivalisierender Ideologien reduzierbar: es geht um die Subversion jeder Ideologie.) [Seite 49]


Über die Lust am Text ist keine «These» möglich; höchstens eine Inspektion (eine Introspektion), die zu nichts führt. Eppure si gaude! Und dennoch und gegen jedermann genieße ich den Text.

Einige Beispiele wenigstens? Man könnte an eine riesige kollektive Ernte denken: man würde alle Texte sammeln, denen es gelungen ist, bei jemandem Lust zu erregen (woher auch immer die Texte stammen mögen), und man würde diesen Textkörper ausstellen (corpus: das ist es), so etwa die Psychoanalyse den erotischen Körper des Menschen ausgestellt hat. Es ist jedoch zu fürchten, daß eine solche Arbeit nur darauf hinausliefe, die ausgewählten Texte zu erklären; es käme zu einer unvermeidlichen Gabelung des Projekts: da die Lust sich nicht sagen läßt, würde sie in den allgemeinen Weg der Motivationen eintreten, von denen keine definitiv sein könnte (wenn ich hier von Lust am Text spreche, so immer en passant, in ganz ungesicherter, keineswegs systematischer Art). Mit einem Wort, eine solche Arbeit könnte nicht geschrieben werden. Um ein solches Sujet kann ich nur kreisen — und daher ist es besser, sie kurz und alleine zu tun als kollektiv und unendlich; man verzichtet besser darauf, vom Wert, der Begründung der Affirmation, zu den Werten überzugehen, die Wirkungen der Kultur sind. [Seite 51]


Sich eine Ästhetik ausdenken (wenn das Wort nicht zu sehr entwertet ist), die restlos (vollständig, radikal, in jeder Hinsicht) auf der Lust des Konsumenten beruht, wer er auch sei, welcher Klasse, welcher Gruppe er auch angehört, ohne Ansehen der Kulturen oder Sprachen: die Folgen wären enorm, vielleicht sogar umwerfend (Brecht hat eine solche Ästhetik der Lust entworfen; von all seinen Vorschlägen vergißt man diesen am häufigsten). [Seite 87]


Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet; in diesem Gewebe — dieser Textur — verloren, löst sich das Subjekt auf wie eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes aufginge. Wenn wir Freude an Neologismen hätten, könnten wir die Texttheorie als eine Hyphologie definieren (hyphos ist das Gewebe und das Spinnetz). [Seite 94]

Roland Barthes

Aus: Die Lust am Text, Frankfurt am Main 1974 (Erstausgabe). Original: Le Plaisir du Texte (Editions du Seuil, 1973). Aus dem Französischen von Traugott König. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages, Frankfurt am Main.

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 1

 
So, 12.10.2008 |  link | (3396) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Politik der Soßen

Die Wertlosigkeit des Redens

Ein Rhetor aus dem Altertum definierte seinen Beruf einmal so: «Kleine Dinge groß erscheinen lassen.» [...]

Die Schönheitskünstler, welche die Frauen herrichten und schminken, richten weniger Schaden an als solche Wortverdreher. Ist doch wenig verloren, wenn man die Frauen nicht so sieht, wie sie wirklich aussehen; während die anderen sich direkt rühmen, daß sie uns täuschen, daß sie nicht bloß unsere Augen, sondern unser Urteil vernebeln und daß sie das Wesen der Dinge verdrehen und entstellen. In den Staaten, deren gute Politik und Verwaltung sich lange hat halten können, wurde auf die Redner wenig gegeben. Ariston definiert die Rhetorik treffend als «Wissenschaft, wie man das Volk überredet». Sokrates nennt sie in Platos Gorgias «Die Kunst zu täuschen und zu schmeicheln» [...] Sie ist nur ein Mittel zum Zweck. Zum Beispiel kann man damit eine aufgeregte Volksmenge dahin bringen, wohin man will, oder sie aufhetzen. Man braucht sie nur für kranke Staaten, wie man die Medizin nur für kranke Menschen nötig hat. [...]

Die Redekunst hat in Rom zu der Zeit in der höchsten Blüte gestanden, in der die Politik am unsichersten war und in der sie dauernd vom Bürgerkrieg bedroht wurde: wie das Unkraut am meisten auf solchen Feldern wuchert, die brachliegen und nicht richtig in Kultur gehalten werden. Es scheint deshalb, daß die Staatsformen mit monarchischer Spitze die Redekunst weniger nötig haben als die anderen. Denn ein einzelner kann vor der Wirkung dieses Giftes durch Erziehung und Beratung leichter geschützt werden als eine Volksmenge, die leicht umzustimmen ist. Sie läßt sich, sozusagen an den Ohren, durch die verführerischen Klänge dieser Kunst hierhin und dorthin führen, und es gelingt ihr dabei nicht, ruhig abzuwägen und durch vernünftiges Nachdenken zu ermitteln, was richtig ist.

Mein Thema paßt auch auf einen Italiener, dem ich vor kurzem begegnet bin; er war beim Kardinal Caraffi bis zu dessen Tode als Haushofmeister beschäftigt gewesen. Ich bat ihn, mir etwas über dieses sein Amt zu berichten. Da hat er mir einen langen Vortrag über diese Maulwissenschaft gehalten, so feierlich und dozierend, so als wenn er ein tiefes theologisches Problem zu behandeln gehabt hätte. Zum Beispiel hat er mir aufgezählt, was für verschiedene Appetite es gibt, etwa vor dem Essen und nach dem zweiten oder dritten Gang; dann, wie man diese verschiedene Art Appetit in Rechnung stellt; einmal soll es nur gut schmecken, ein andermal appetitanregend, und dann wieder appetitreizend sein; dann kam die Politik der Soßen; erstens Soßen im allgemeinen; zweitens die Zutaten im besonderen, wie sie einzeln beschaffen sein müssen und wie sie auf das Ganze der Soßen wirken; es folgte das Kapitel über die Salate und ihre Unterarten, eingeteilt nach Jahreszeiten, oder danach, ob sie warm oder kalt serviert werden müssen, schließlich danach, wie sie äußerlich hergerichtet und auch für das Auge lockend gestaltet werden können. Hernach verbreitete er sich über die äußere Ordnung der Mahlzeiten: Decken, Reihenfolge der Gänge usw., wieder durchsetzt mit schönen und tiefen Sprüchen; und das alles in einer aufgeblasenen, hohen und großartigen Sprache und mit Benutzung derselben Ausdrücke, die am Platze sind, wenn man über die Regierung eines Reiches spricht. [...]

Michel de Montaigne (1533 – 1592)

Aus: Die Essais, hier: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1953; Lizenzausgabe für den Carl Schönemann Verlag, Bremen, übersetzt und hrsg. v. Arthur Franz

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 12

 
So, 12.10.2008 |  link | (1722) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Rede und Schrift

Schwäche des durch die Schrift überlieferten toten Wissens

Sokrates: Wer also eine Kunst in Schriften hinterläßt, und auch wer sie aufnimmt, in der Meinung, daß etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, der ist einfältig genug und weiß in Wahrheit nichts von der Weissagung des Ammon, wenn er glaubt, geschriebene Reden wären noch sonst etwas als nur demjenigen zur Erinnerung, der schon das weiß, worüber sie geschrieben sind. [...] Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch zu helfen imstande.

Platon (427 – 347 v. u. Z.)

Phaidros, hier: Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 1989, S. 56
Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 1

 
So, 12.10.2008 |  link | (1590) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Philosophisches



Die Grammatiker

Emsig-müßiges Volk der Grammatiker, stechende Wespen,
Raupen, die ihr kein Blatt fremder Gewächse verschont,
Es zernaget und dann wie auf Dornen häßlich umherkriecht,
Jedem Gemeinesten hold, jedem Vortreflichern feind.
Schmach der Weisen! dem lernenden Knaben die erste Verfinsterung!
In den Orkus hinab, Cerberus-Hunde mit euch!

Antiphanes (4. Jhdt. v. u. Z)
nachgedichtet von Johann Gottfried Herder

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 1
 
So, 12.10.2008 |  link | (1624) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Lyrisches



Marxismus als Rest-Größe

«Als ich das ‹Kapital› von Marx las, verstand ich meine Stücke. Man wird verstehen, daß ich eine ausgiebige Verbreitung dieses Buches wünsche» (Bertolt Brecht).

Und — was macht der Kerl jetzt, wo Marx doch endgültig widerlegt ist? Versteht er sich selbst nicht mehr? Oder war der Mensch etwa schon immer blöde? So muß es wohl gewesen sein. Denn heutzutage weiß doch schon jeder namenlose Spiegel-Spezial-Schreiber nicht nur, daß Marx sich pausenlos geirrt hat, sondern er darf z. B. aus der Tatsache, daß Marx den Tod seiner Mutter nicht gerade beweint hat, messerscharf schließen, daß sich Stalin bei seinen Massenmorden direkt auf Marx berufen durfte: Verachtung des Individuums, das Kollektiv ist alles, der einzelne Mensch ist nichts, und die Partei, die Partei hat immer recht usw.

In der Deutschen Ideologie kommt Marx über die Beschreibung und Kritik der arbeitsteiligen Gesellschaft zu der sattsam bekannten Vision einer kommunistischen Gesellschaft, «wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden». Diese ‹hübsche› Stelle muß unseren Spiegel-Kritikern entgangen sein. Nein, nein, nicht wie gemeinhin üblich als Beleg für die unseriösen Träumereien eines vielschreibenden Phantasten. Vielmehr ließe sich mit der obigen Methode doch sehr ‹schön› eine stringente Entwicklung von Marx hin zur real existierenden DDR und UdSSR zeigen: Unser Jäger bewegt sich mit Honecker in der streng abgeschirmten Schorfheide, der Fischer schaut mal eben bei dem VEB Fischfang Rostock vorbei, ob der Plan auch eingehalten wird, unser Hirte faulenzt auf seiner Kolchose der allgemeinen Hungersnot entgegen, und unser kritischer Kritiker übt nach dem Essen vor dem Parteikollektiv Selbstkritik.

Wie oft muß noch betont werden, daß Marx eine Kritik des Kapitalismus geschrieben hat — und eben nicht nur im Kapital, sondern in seinem Gesamtwerk, selbst dort noch, wo er böse gegen Zeitgenossen polemisiert oder sich mit philosophischen Strömungen auseinandersetzt. Handlungsanweisungen zum Aufbau der untergegangenen Sowjetunion oder der abgewickelten DDR hat er jedenfalls nicht geschrieben. Aber wen interessiert das schon? Marx ist der am meisten zitierte und am wenigsten gelesene, geschweige denn verstandene Autor dieses Jahrhunderts. Aber wir leben halt in Zeiten, da (‹wo›) ein Gespräch über Luxus im Regelfall die Assoziation ‹Radio› hervorruft, in den besseren Kreisen allerdings den Gedanken an günstige Kapitalanlagen weckt — womit wir wieder beim Thema wären.

Der kubanische, im Westen lebende Romancier Jesús Diaz stellte kürzlich fest: «In Osteuropa ist der Sozialismus gescheitert, in Lateinamerika ist der Kapitalismus gescheitert.» Nur dort? Es ist nicht Zynismus gegenüber dem Elend der Dritten Welt: Allein in München leben gegenwärtig 122.000 Menschen unter der Armutsgrenze. «Die Armut kommt von der pauvreté» — so verspottete schon Marx seine scharfsinnigen Kritiker, die Ausbeutung nur dort erkennen wollten, wo Menschen am Verhungern waren. Man sollte ihn eben lesen ...

Freilich kann er auch so erledigt werden: «Der letzte und vorletzte echte Marxist sitzen zusammen, sagen alle zehn Minuten ‹Scheiße, Alter, verdammt ey, total, du› und klopfen einander mit ausholender Gebärde an die Oberarme, und einer von ihnen — ist es der vorletzte oder der letzte — fragt sich, ob das die Wut im Bauch ist oder doch vom Fondue» (Thommie Bayer, SZ-Magazin). Meine Bauchschmerzen stammen nicht vom Fondue.

Notabene: «Meine Kenntnis vom Marxismus ist unvollkommen, so seiens lieber vorsichtig. Eine halbwegs komplette Kenntnis des Marxismus kostet heut, wie mir ein Kollege versichert hat, zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Goldmark und das ist dann ohne die Schikanen. Drunter kriegen sie nichts Richtiges, höchstens so einen minderwertigen Marxismus ohne Hegel oder einen, wo der Ricardo fehlt usw. Mein Kollege rechnet übrigens nur die Kosten für die Bücher, die Hochschulgebühren und die Arbeitsstunden und nicht was Ihnen entgeht durch Schwierigkeiten in Ihrer Karriere oder gelegentliche Inhaftierung, und er läßt weg, daß die Leistungen in bürgerlichen Berufen bedenklich sinken nach einer gründlichen Marxlektüre; in bestimmten Fächern wie Geschichte oder Philosophie werdens nie wieder wirklich gut sein, wenns den Marx durchgegangen sind.» (Brecht, Flüchtlingsgespräche)

Manfred Jander

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 4
 
So, 12.10.2008 |  link | (3551) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Politisches



Dreistein

Ein Feuilleton-Feuilleton

Dreispalter, Vierspalter. Fünf Spalten und eine Illustration. Freilich nehmen wir auch die ganze Seite. Denn die Schlagzeilen, jene aufreißerisch verdichteten Schlagseiten, muten glaubwürdiger an, wenn wir ihnen dort, wo die Basis zittert und flattert, etwa im Blockabsatz kurdischer oder schiitischer Minoritäten, ein paar Cicero mehr einräumen. Andererseits: Ob Welt- oder Geldpolitik, ob Hussein oder Husten, ob profan oder sakral — Qualität kommt nicht von ungefähr, jedenfalls kommt sie vor Quantität. So mag die Nachrichten-Situation verführerisch duften oder penetrant riechen, ganz nach Lage der Dinge und Stand der Personen, wir wollen beharrlich kommentieren, was Alltag und Allnacht bescheren. Dabei stolpern wir, die Feuilletonisten, immer wieder in die Grauzonen, fernab jeglicher Dialektik. Denn die Kunst der wissenschaftlichen Gesprächsführung und das Denken in Gegensatzbegriffen hat uns, schon vor fünfundzwanzig Jahren, der Endspieler Theodor W. Adorno genommen, rigoros und aussichtslos, versteht sich. Unvergessen seine Klage, die damals, im Jahr 1967, den ersten Achtundsechzigern anti-etablish-halb-nihilistischen Rückenwind spendierte: «In der zeitgenössischen Kunst», mäkelte Adorno, «zeichnet sich ein Absterben der Alternative von Heiterkeit und Ernst, von Tragik und Komik, beinahe von Leben und Tod ab.» Derlei Schwarzmalerei, grundiert mit Leinöl aus dem Hause Beckett («Lachen über die Lächerlicherlichkeit des Lachens»), steht im Widerspruch zur Pop art oder zum Orgien-Mysterien-Theater von Hermann Nitsch. Oder doch nicht? Alles eine Frage der Interpretation? Also Sprache? Die, so wußte ein anderer Vor- und Nachdenker der Nation, versagt bisweilen: Wenn's um Bach oder Schubert ging, dann verkündete Einstein, mit der Geige unterm Arm, die große Leidenschaft: «Musizieren, Lieben - und Maulhalten!» Das Maul halten — Respekt vor der Note, Skepsis in Sachen Wort. Einstein, Zweistein, Dreistein; Einspalter, Zweispalter, Dreispalter — oder mehr? Ja, die ganze Seite, die ganze Lust! Und dabei, aus dem Niederländischen, wieder eine Erinnerung: «Lust lokt lust», Lust macht Lust! Kraftfutter für schwindsüchtige Frontberichterstatter und für ihre wohlgemuten Gegenspieler aus dem Krisenlager westlicher Wohlstandsentsorgung. Butterberge und Bilderberge, Mozartkugeln im Dutzend, zwischendurch eine Stasiakte oder einen Leninkopf ohne Körper; am liebsten — das haben wir von aspekte gelernt — eine grellgrüne Nacht, halb Bürgerkrieg in Kambodscha, halb Sylvesterfeuerwerk in Dingskirchen. Außerdem: Resteverwertung Angola — nach 15 Jahren, der Untergang in Kroatien, der Widerstand in der Sowjetunion. Ereignisse, die nichts, gar nichts mit Unterhaltung zu tun haben, die dennoch den Feuilletonisten rufen. Nur er hat, in Zeiten überall aufflammender Unfreiheit, die Chance zum freien, unbekümmerten Blick, zum Urteil zwischen allen Disziplinen und Fraktionen. Freilich begibt er sich dabei ins Risiko: Allzu schnell kann er nämlich ins Niemandsland der Maulhelden geraten, wo alles versprochen und nichts gehalten wird. Doch angesichts der großartigen Möglichkeit, zwischen Lust und Last (Adorno zum Trotz) neues Terrain zu erobern, ist das Risiko des Scheiterns gering. Und wenn wir dorthin schauen, wo Hermanns Prinzendorfer Schlachtfeld längst blutige Realität geworden ist, dann können wir ohnehin nur beschämt aufs blütenweiße Manuskriptpapier blinzeln — und unsere Berufung in Frage stellen. Motto: Wem die Stunde schlägt. Just dieser Hemingway, dieser Einstein der Kriegsberichterstattung, tröstet den frustrierten Feuilletonisten: «Mich tröstet man nicht. Verstehen Sie? Nein, mich nicht. Mich nie mehr.» Hoffnung? Hoffnung auf kollektives Überleben? Schön wär's.

Karlheinz Schmid

Laubacher Feuilleton 1.1992, Editorial, S. 1
 
So, 12.10.2008 |  link | (1790) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Essai



Günter Netzer oder

Der Diagonalpaß (auch) als Textkultur

Samstag, der, subst. masc., Zeit der Rekreation für Erstligaprofis, die die Spielexegese des Trainers aushalten müssen, die Zeit der Experten, ihre mit dem Zeigefinger auf feuchte Biertische gemalten Spielzüge noch einmal zu besprechen, für Journalisten, über Nobilitierung oder Verdammnis eines Klubs zu befinden, Zeit auch für Walter Jens, über Sprachgebräuche und Denkweisen der Profis Gericht zu halten ...

Zeit jedenfalls, viel Sprache über ein Spiel zu breiten, das doch vermeintlich vom reinen Sehen, der voluptas oculorum und auch ansonsten von überschäumender Entindividuation lebt. Nicht nur, aber besonders Wittgenstein, sieht hier über das Sehen hinaus: «Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das ‹Sprachspiel› nennen.» Sprache hat Teil an Lebensformen und Tätigkeiten mit fließenden Übergängen zu ihnen. Fußball ist kommentarbedürftig wie abstrakte Kunst und erzeugt auf diese Weise Texte, die mit ihm in einem komparativen Freundschaftsverhältnis stehen, der Sport wird narrativ: Geschichten können sich daranhängen, und die Metaphorik der Kommentatoren fällt nicht selten proliferierend aus. Spiele sind Regeln, die ihre Verletzungen definieren, Differenzierungen schaffen, eine Spielsyntax definieren, Erwartungen kreieren und Spielräume gewähren. Sie benötigen und evozieren das Wort, sind abgeleitete, imaginäre Wunscherfüllung, doch deswegen nicht weniger real in ihren Konsequenzen: den sich anschließenden Kommunikationen und dem, was man an zeitgenössischer gesellschaftlicher Philosophie dahinter erkennt.

Günter Netzer und kongeniale Kollegen konnten mit dem, was seit ein paar Jahren unter «kontrollierter Offensive» (Otto Rehhagel) firmiert, nie etwas anfangen. Dem Diagonalpaß fehlt jede Langeweile, er ist äußerst riskant, eröffnet Räume, ist ein di-agon: blitzschneller Flirt des Auges mit der Tiefe des Raumes, abgesetzt gegen die öde Breite des Feldes, Beschleunigung, in der der Ball zum Signifikanten wird, ein «zwischen Fall und Flug noch unentschlossener», der, im Faszinosum des Flugs und der nie ganz sicheren Ankunft, «den Spielenden von oben / auf einmal eine neue Stelle zeigt, / sie ordnend wie zu einer Tanzfigur.» (Rilke, Der Ball) Der Diagonalpaß schafft überraschende Konstellationen. Er ist so schnell wie sensibel und formuliert einen Spielstil gegen unintelligente Kraftmeierei, gegen das Ermauern von Punkten unter dem Diktum, hinten dicht zu machen, auf das vorne der liebe Gott helfe, er ist gegen die Anspruchslosigkeit des Querpasses und die blanke Beleidigung, den Rückpaß, gegen schiere Bankkontenbewegung und verbissene Athletik, gegen die Merkantilorientierung von fußballernden Geschäftsleuten. Denen ist nämlich ebenso wie Ideologen die verschwenderische, jedenfalls riskante Bewegung suspekt.

Der Diagonalpaß, schon spielimmanent ein Dialog der Ebenen, greift auf den Zuschauer über. Dieser begeht den gelebten Raum mit Texten, Kommentaren, er ist ein lesendes und sprechendes Auge — und hieran bemißt sich auch Netzers Leistung: welche Anschlußpotentiale haben seine Pässe, in welchen Gesprächsstand setzen sie den Betrachter, welche Denkhaltungen ermöglichen sie?

Zum Beispiel: den Fußballspielern das Spielen (O, FC Bavaria, si tacuisses, was die Herrschaftsansprüche betrifft!), den Politikern die Politik und den Autoren ihre Schrift nicht einsam und kommentarlos zu überlassen. Nicht nur von Spielern, Politikern oder Autoren wird Interviewkompetenz gefordert. Zuschauer und Rezipienten sind Gesprächsmitgestalter, wenn sie die sonst getrennten Bereiche miteinander ins Spiel bringen. So appelliert der Diagonalpaß an die Politik, nicht zu mauern oder das Erreichte zu konservieren. Ebenso verdächtig ist ihm das Sichern von semantischen Besitztümern. Eine Textkultur des interpretatorischen Risikos ist gefordert: nicht sparsam zum Ziel zu kommen, sondern die Verschwendung, die Lust und den Plural zu riskieren als einen Umweg: als ein Abenteuer, das Leser und Text gleichermaßen zustößt.

Ralph Köhnen

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 1
 
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