Platonische Musik

Ein Höllengleichnis

Zuerst das Bekenntnis: Ich liebe laute, abgefahrene Musik. Äolisches, Phrygisches und Mixolydisches, Gregorianik und Neumoskribiertes, Bruckner, Frank Zappa und Portishead, Cecil Taylor und John Zorn. Alles fortissimo, alles dB-intensiv. Für mich ist Musik mehr Implosion, nicht so sehr Teilhabe. Sie ist kein soziokulturelles Bindemittel mehr, und ich bin temporärer Datenträger in einer auf handlichen Konserven beruhenden akustischen Vermittlung. Ich bin soz. das gemeine Musik-Schwein. In einer Art autistischer Selbstverteidigung schnalle ich mir den Kopfhörer um und ziehe die Regler auf. Zeit, Raum und Mitwelt bleiben ausgeschaltet: ich zelebriere, lasse mich fertig machen ohne SM-Gefühl! Verliere ein paar Kilo, nachdem ich The Jazz Composer's Orchestra ohne Pause durchgehört habe. Nebenprodukte sind heiße Ohren und eine solipsistische Freude am heimlichen Euphorikon.

Vor einiger Zeit wurde ich von einer Freundin auf eine neue Steigerungsmöglichkeit aufmerksam gemacht. In einer intimen Stunde gestand Salka: «Kierkegaard? Den kapier' ich nur in der mozarteischen Don-Giovanni-Fassung!» Diese spartanische Äußerung klang wie ein verschlüsseltes Credo, wie ein Code-Wort für die größte gemeinsame Formel kulturellen Daseins. Ich war platt. Mit einem Schlag wußte ich, das ‹Entweder-Oder› ist tot; und gleichzeitig die intime Proxemik, die sich visionär schon in ihrer Möglichkeitsform befand. Mit anderen Worten, wir ließen voneinander ab und verfolgten gespannt den aufgeworfenen Gedanken.

Seither lese ich die abendländische Philosophie mit anderen Ohren. Meine Forderung an eine neue Akroasis heißt: auditive Hermeneutik. Sie sucht nach der größtmöglichen Synchronizität von geschriebenem Text und dessen Duktus unterstützender Komposition. Nietzsche geht nur mit Wagner, Kant mit Kontrapunktischem (aber auch gut mit Yannis Xenakis, je nachdem, ob Vernunft rein oder praktisch diskutiert wird). Für Einsteins Relativitätstheorie oder Russells Atomismus brauche ich den Extrem-Dodekaphonisten Anton Webern oder den Aleatoriker Giacinto Scelsi. Für Heideggers Wort- und Satzalkaloide nehme ich Narkotisches von Henry Purcell oder Hildegard von Bingen, die so eine warme Nähe zu Augustinus herstellen kann, ohne erotisiernd wirken zu müssen. Nichts macht die französischen Moralisten so subcutan wie die Esprit-Musik von Erik Satie oder Charles Alkan. Auch wird Existentialismus französischer Couleur viel griffiger, wenn Sartres und Camus' Texten Taten von Sidney Bechet, Charlie Parker oder Thelonius Monk folgen.

Denken ist hören, Text ist Komposition. Aber Text und Musik oszillieren nicht nur für sich, sondern miteinander. Jedoch — die mir schon zur Regel axiomatisierte Erkenntnis kennt die Ausnahme. Und nun das Schockierende. Für alle Philosophen gibt es musico-hermeneutische Unterstützung: nur nicht für Platon. Alles habe ich schon versucht, es ist kein Beikommen. Als ob er Salkas und meine Entdeckung vorausgeahnt hätte und schon früh putativ-präventiv falsifizieren wollte. Sittenschädigende und ethoszersetzende Wirkung habe sie, die Musik, so der große griechische Aufklärer und Anti-Sophist. In der Philosophie habe sie nichts zu suchen. Platon war wirklich das hinterhältigste aller möglichen Argumente gegen meine musikalische Maieutik eingefallen: der Dialog.

Dadurch, daß Platon mindestens zwei ‹Klangquellen› des Diskurses installiert, macht er die externe anachronistisch-akustische Interpretations- und Einfühlhilfe a priori überflüssig. Und wirklich, nichts stört die Plato-Lektüre so wie musikalisches Akkompagnat. Wenn immer ich bei Plato musikalische Versuchsreihen ansetze, ich bleibe Verlierer. Dabei sehen die Zuspielungen altgriechischer Musik sogar am schlechtesten aus. Ich habe aufgegeben, relativiere meine Entdeckung inzwischen in weiten Zügen. Platon hat mich unmißverständlich gelehrt, wenn gesprochen wird, ist Musik unerwünscht, ja überflüssig, sogar deplaziert. Wilhelm Busch bündelt Platos diskrete Unterbindung und läßt in etwa sagen: Störend wird Musik empfunden, da sie manchmal mit Geräusch verbunden.

Ist Denken also doch nicht die Dialektik von Sagen und Hören? Als ich Salka meine Niederlage eingestand, meinte sie: «Vergiß es, seit den Beatles ist alles anders!» Was sollte das nun wieder!? Wie immer brachte mich auch diese Lapidarität wieder ins Denken. — Stimmt! Ich erinnerte mich an John Lennons Cold Turkey. «Play it loud» stand auf dem Single-Label. Warum kam ich nicht selber dahinter? Sogleich fiel mir die auf Austausch und Teilhabe — sprich auf Massendistribution — ausgerichtete Popular Music ein. Sie hat wirklich mit Plato Schluß gemacht. Seit die Cafés mit nach oben fast offenen Lautstärkeskalen amplifiziert sind, ist der Dialog in der Öffentlichkeit nicht nur in Gefahr, sondern unterbunden. Manche nehmen's schreckhaft, manche versteigen sich in Protest, andere resignieren. Aber ich tendiere zurück zu meiner Entdeckung: Jede Philosophie hat ihre verdiente akustische Hermeneutik!

Herbert Köhler

Kurzschrift 2.1999, S. 11–13
 
Sa, 07.03.2009 |  link | (3419) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Musikalisches


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Biographische Notiz
Herbert Köhler (* 1953) absolvierte zunächst die Studiengänge Physik und Mathematik, um anschließend die Fakultäten der Geisteswissenschaften zu blockieren: Kunstgeschichte (darin promoviert), Musikwissenschaften und Philosophie. Er hat unter anderem am Zentralorgan der Freunde der Langschrift mitgearbeitet: Kurzschrift 3 hat er überdacht) — es folgte auf das Laubacher Feuilleton. Seit langem schreibt er für das Kritische Lexikon der Gegenwartskunst sowie die Redaktion Klassische Musik (B 4) beim Bayerischen Rundfunk. Er ist vom boden-seenahen Ravensburg aus als Kulturpublizist und Ausstellungskurator tätig.






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