Geldsackpolitik

in der «Krämergesellschaft»

Der Name Johannes Gaulke dürfte heute kein Begriff mehr sein. Keine seiner Schriften, die er zwischen etwa 1898 und 1928 veröffentlichte, ist heute mehr allgemein zugänglich. Das Spektrum seiner Themen reichte von Nationalökonomie und Sozialpolitik bis hin zu einem Grundriß der Kunstgeschichte (1898). Er publizierte auch in einer Reihe, die von Werner Sombart eingeleitet wurde, und gehört damit zu einem Dunstkreis von sich auf Marx berufenden Kapitalismuskritikern, die, wie im Falle Sombarts, von den Konservativen abschätzig «Kathedersozialisten» genannt wurden.

Gaulkes Büchlein Die ästhetische Kultur des Kapitalismus aus dem Jahr 1909 ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die Automatisierung, die Entindividualisierung, kurz, gegen die Verunmenschlichung des Menschen in der ausschließlich merkantilisch ausgerichteten Wirtschaftsform des Kapitalismus. Er geht den Wechselbeziehungen von Wirtschaft und Kultur nach — bereits 1904 hat er eine Schrift über Kapital und Kapitalismus verfaßt — und kommt zu dem heute um so mehr gültigen Schluß: «Der gesellschaftliche Umschichtungsprozeß, der sich unter unseren Augen vollzieht, geschieht aber — darauf weise ich besonders hin — nicht nach dem Prinzip einer Auslese der Besten und Tüchtigsten, sondern nach dem Grade der merkantilischen Begabung.»

Der Versuch einer Psychologie des modernen Menschen, also des Menschen und damit Arbeiters unter der Herrschaft des Kapitals, mit historischen Exkursen in Mittelalter und Renaissance leitet über zur Feststellung der Umwertung der Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft: Kunst als Ware, Reklame als Kunst, Prüderie in der Kunst — von Gaulke genannt «Versittlichung der Kunst» — usw. Aufgrund der zunehmenden Industrialisierung der bildenden Kunst wie auch des Kunsthandwerks («Denkmalsseuche» unter Wilhelm II.) plädiert Gaulke für eine Gesundschrumpfung nach Qualitätsmaßstäben. Auf Akademien würden ohnehin keine Künstler herangebildet, sondern, «wie auf allen staatlichen Lehranstalten, Streber und Beamte». Kein großer Künstler der Vergangenheit sei aus einer staatlichen Drillanstalt hervorgegangen. «Mehr Kunst, weniger Kunstproduktion!»

Bemerkenswert ist, daß Gaulke mit scharfem soziologischem Blick auch die sog. Alltagskultur berücksichtigt, also Mode — die, so Gaulke, den Stil abgelöst habe — oder Reklame. Er weist auf die heute wieder zum Thema gewordene Nivellierung von Kunst und Kunsthandwerk bzw. Kunstindustrie hin und stellt die ästhetisch revolutionäre Wirkung des Kapitalismus heraus: Die Werte «Schön» und «Häßlich» seien abgelöst worden durch die Wertung nach «Zweckmäßigkeit» und «Unzweckmäßigkeit». Er tritt, Adorno läßt grüßen, für die Zwecklosigkeit, die Autonomie der Kunst ein. Das gilt natürlich genauso für Literatur und Theater, denen ein Kapitel gewidmet ist. «Das Bürgertum hat als Kulturfaktor abgedankt, wenngleich es auf der Höhe seiner wirtschaftlichen Macht steht.» Die Hoffnung auf die Arbeiterschaft ist durch eine erneute Ständeverschiebung heute anachronistisch; trotzdem hat Gaulke das Kernproblem erfaßt. Liest man seine Schilderung einer fast monopolisierten Presse im Berlin des beginnenden Jahrhunderts, tauchen Bilder aus der jüngeren Vergangenheit auf.

Gaulke schreibt engagiert, leidenschaftlich, polemisch. Nicht zynisch, Zynismus ist reserviert für die Plutokraten. Man ist heute geneigt, ein Buch wie das von Gaulke nicht ganz ernst zu nehmen, weil es die Wahrheit sagt. Dieser Realitätsverschiebung könnte man dadurch begegnen, daß man gerade dieses Werk neu publiziert, um in der historischen Distanz dessen aktuellen Wahrheitsgehalt wieder zu erkennen.

Ivo Kranzfelder

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 3
 
Sa, 11.10.2008 |  link | (1661) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kunst und Geld



Frühnostalgie

Damals! Damals! Damals in den 70er Jahren, als alles so frei war, in der grauen Vorzeit der 60er Jahre, der wunderbaren Welt der 50er Jahre, in den 40er Jahren, in denen ein Mann ein Mann, ein Schuß ein Schuß und eine Kugel Zyklon B 1000 Menschen waren, in den 30er Jahren, in denen alles schon nicht mehr so war, wie es einmal war, in den 20er Jahren, als der Alkohol prohibitierte, Tee Marihuana war, das Opium langsam in die Pfeife tropfte, Quecksilber die Syphilis auch nicht heilte, in den 10er Jahren, in denen das Journal des Luxus und der Moden ganze Adelsstämme in genußsüchtige Bourgeois' verwandelte, die Psychoanalyse mysteriös war, der Qualm der Dampflokomotive die Gesichter rußte, Cézanne schon tot war, Rilke noch lebte. Damals war alles anders!

Was wie Elogen einer hoffnungslos überalterten, vergreisten Stammtischrunde klingt, ist die schonungslos offene Piedestalisierung der Väter- und Großvätergeneration, in der Hoffnung, ein Hauch sinnlicher Freude, haptischer Erregung streife das technoid-sinnentleerte Hirn des Frühnostalgikers.

Der Frühnostalgiker zündelt nicht am Zunder des Fortschritts. Das kann der Computer besser, er ist in jedem Kaufhaus als Programm zu kaufen; deshalb banal es auch den Terminator treibt: vom 21. Jahrhundert zurück in die Gegenwart/Vorvergangenheit — er gibt sich hemmungslos dem Forschergeist hin; er forscht nach den Strukturen einer Draußen vor der Tür-liegenden unvollendeten Vergangenheit, hebt mit seiner ganzen Macht und Lust die aufs Podest, die einst mit Gewalt und Kraft alle vom Sockel gestoßen, Zöpfe abgeschnitten, die alten Säcke verscheucht haben.

Der Frühnostalgiker ist ein Rächer der Verderbten! Er fährt nach Wien, schaut sich im Kino sämtliche Folgen von Raumschiff Orion an, suhlt sich im Erstaunen darüber, was da schon möglich war, ergötzt sich an Eva Pflugs Frisur. Er fährt nach Paris auf den vagen Spuren intellektueller Erneuerer, die abgeschieden in Chambres de Bonnes in ihrer Vergangenheit dahinvegetieren oder nichts mehr von ihr wissen wollen. In Kunstausstellungen wird er den Bezug zu lebenden, aber vergessenen Äquivalenten suchen, denn ach (!) heute werden ja alle so alt und stehen so lange noch in Saft und Leben. Und sie waren gut, die Alten, wahre Künstler, die kompromißlos ihrer Zeit enteilten, um von Mode, Geld und Markt überrannt zu werden.

Der Frühnostalgiker ist Rächer der Gerechten! Der Frühnostalgiker zollt der Langlebigkeit Tribut, er will keine guten Künstler, weil tote Künstler. Lebend und live sollen sie erzählen, zeigen, vorführen, wie es damals war. Der Frühnostalgiker kennt Alte nur als vegetierende Masse in U-Bahn und Altersheim und weiß, daß es das alles nicht gewesen sein kann.

Wer wie Wim Wenders 1991 einen Film dreht, der 1999 spielt, der ist alt und hoffnungslos aus der Mode!

Anne Maier

Die Autorin, Jahrgang 1955, war Schauspielerin, Journalistin, ist Pressereferentin in Berlin.

Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 5

 
Sa, 11.10.2008 |  link | (1919) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Essai



Tu etwas anderes

Ein Vorschlag, ein Problem, eine Gefahr und eine Anregung.

Eine Weigerung, sich von der selbsternannten Rasse der Spezialisten für Malerei, Bildhauerei, Poesie, Musik und so weiter kulturell kolonisieren zu lassen, das meint die «Revolte der Mittelmäßigen». Diese Revolte hat bis jetzt wunderbare Resultate in der modernen Kunst hervorgebracht. Morgen könnte jeder revoltieren? Aber wie? Untersuche es.

Ein Problem und zwar das einzige und größte Problem ist: Geld, das durch solche Arbeit nicht unbedingt geschaffen wird. Die Prinzipien der Poetischen Ökonomie müssen geschrieben werden. Schreibe!

Einige Gefahr: sehr bald, und dann für abertausende von Jahren, könnte das einzige Recht, das man den Individuen zugesteht, darin bestehen, zu sagen: «Ja, Chef.» Damit die Erinnerung an die Kunst (als Freiheit) nicht verlorengeht, werden ihre uralten Intuitionen in einfache, leicht zu lernende esoterische mathematische Formeln gebracht, wie zum Beispiel a/b = c/d (wenn zum Beispiel a als Hand, b als Kopf, c als Fuß und d als Tisch genommen wird, so kann Hand auf dem Kopf mit Fuß auf dem Tisch gleich sein, um die Erkenntnis und den passiven Widerstand zu fördern). Studiere dieses Problem. Nenne die Studie: Theorie und Praxis von A/B. Eine Anregung: Werke können so schnell geschaffen werden, wie der Verstand denkt. Du sagst «blau», und blaue Farbe oder blaues Licht erscheinen auf der Leinwand und so weiter ... Das wurde bereits eingesetzt, um in Räumen Licht einzuschalten und um Türen zu öffnen. Vielleicht braucht man keine Handarbeit mehr: Beflügelte Kunst, wie beflügelte Phantasie. Arbeite das mit anderen zusammen oder allein aus. Vergleiche dazu auch das Aktions-Manifest von 1962 L'Autrisme; während dieser Performance fragten sich die Darsteller zuerst untereinander und dann jede Person im Publikum

Was tust du?
Was denkst du?
Worauf die Antwort immer lautet:
Tu etwas anderes
Denk etwas anderes


Robert Filliou († 1987)

Laubacher Feuilleton 1.1992
Aus: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. Ausgabe 6, München 1989

 
Sa, 11.10.2008 |  link | (2033) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kunst und Gedanken



Kurzschrift

Unseretwegen

Wir erinnern, wir sehnen uns! Lang schmeckt er noch nach, der 82er Grand Cru aus Saint-Emilion, 1995 in La Rochelle erstanden für ganze 92 Francs. Oder der Nachmittag am Atlantikhafen, den die fruits de mer immer mehr in den Abend weitmachten. Oder den kompletten Schubert-Liederabend, ohne Klassikradio-Interruptus, eine ganze Nacht anhaltend, bis gar Helios meinte, es sei genug, und seinen Wagen wieder aus der Garage schob? Oder die winterliche Dauernacht ohne Viagra, nur mit Rioja, dabei achtzehnmal Sibelius' (zugestandenermaßen nicht eben umfangreiches) Symphonien-Œuvre rauf und runter.

War das nicht eine zwar anstrengende, aber wunderbare Reiselust bei dieser stundenlangen Bildbefragung ohne didaktische Erklärungstafeleien? Wer wird sie uns nehmen, die Tage in den romanischen Klöstern, gotischen Kirchen und zeitgenössischen architektonischen Kathedralen ohne kunsthistorisierende Reiseführer und -innen? Und haben beim Lesen möglichst immer mehrerer Bücher gleichzeitig unsere linken und rechten Hirnhälften nicht etwa orgiastisch kopuliert und dabei Bilder in unsere Kopfwelt gebracht, die kein Regisseur je malen kann? Und waren sie nicht unglaublich befruchtend, die beiden französischen Herren, die zweieinhalb Stunden lang nichts anderes taten als nur miteinander sprechen, so, daß man tagelang darüber gesprochen hat?

«Das Sprechen führt den Zug der zeitlichen Dinge an wie ein tanzendes Kind mit einem Wimpel, auf dem nichts geschrieben steht, oder etwas, das es weder weiß noch versteht, oder mit Kinderschrift: Tod. Deshalb folgt die Kunst in dem Zug der zeitlichen Dinge weit hinten nach, mürrisch. Sie träumt von der Gegendemonstration.»

Wie bitte? Was will uns denn der, in diesem Fall ein gewisser Jochen Gerz (ein Künstler?), denn damit sagen? Wer soll denn das verstehen? Für solche Kopfgeburten haben wir keine Zeit (mehr). Abort.

Die Dame (geistige) Auseinandersetzung klemmt die Beine zusammen, und der potentielle Beschäler onaniert über den Börsenkursen. Et vice versa. Und sollte es zwischen FAZ und NZZ und SZ, zwischen Vernissage hier und Finissage dort doch zu dem kommen, was der sogenannte TV- und Print- und IT-Boulevard Abenteuer zu nennen sich nicht entblödet, focussiert sich der Quicki in den Ganglien.

Es hatte uns (gern geschmähte) Feuilletonisten zwischenzeitlich mal die Versuchung ereilt: Hühnerbrustmayonnaise an US-amerikanischen Weichteilen vom weiten Land, hin- und her- und hinuntergehastet im Nebenzimmer eines französischen Schnell-‹Restaurants› namens Quick. Nein, wir wollten nun doch wieder genießen, und sei es, uns selber. Die (Frucht-)Folge: Laubacher Feuilleton, Kurzschrift — später anderes und anderswo (keine Werbung!), und nun hier auf Archivfüßen gelandet —, um dem Ruch der schieren Froschfresserei ein wenig entgegenzuwirken und anzudeuten, daß wir auch auf Stimmen aus dem deutschsprachigen Heiden-Jenseits hören. — Auf daß wenigstens noch ein bißchen was übrigbleibe von dem, was die dereinst nächtelangen Ausschweifungen und Dauerkopulationen ausmachten, gaben wir unserem Kind, wie heutzutage obligatorisch in der Sehnsucht nach besagter guten alten Zeit, da unsere Kinder wieder Charlotte-Wilhelmine, Helene-Louise und Paul-Martin heißen und (endlich) begriffen haben, daß der Berliner Walzer nunmal rechtsrum getanzt wird, eben einen Namen mit auf den Weg, bei dem Reminiszenz unverfänglich mitschwingt.

Doch die Jennifer-Jaquelines mögen bitte unter sich bleiben. Ebenso diese ganzen neuen Thomasse, die drüben in der neuen Neuen Welt in ihrer von High-technical-Accessoirs befeuerten Energiesparlampenmentalität den großen Schein aufgleißen sehen und das lebendige Abstraktum nicht erkennen, das weitab des Horizonts ihres 1+0-Lichtkegelchens im Dunkeln zwar ruhig, aber dennoch und vor allem geistig nicht minder vital durchs Leben huscht. Also nicht noch ein Blögchen in der endlich elektrifizierten Großgemeinde, deren selbsternannten Amtsvorsteher über allen Tanjas und Anjas stehen. Wir mögen diese ganzen Unützereien, lesen nicht nur Bücher, sondern schreiben auch selber welche, nur eben keine zur Abschaffung derselben. Uns trötet keine EU-Verordnung ins Gehör, nach der die Eingänge dort hinein gesetzlich dezibellisch zu regeln seien. Die in unsere Ohren tröpfelnde Musik ist ohnehin handgeklöppelt. Wir sind uns unseres donquixotischen Daseins bewußt, wenn wir gegen das anschimpfen, was wir die Abschaffung des Lebens nennen, das sich in diesen erschreckenden Windmühlen darstellt, die jedes zarte mikrokosmische Lüftchen zerhacken. Wir halten es mit unserem Land- und Fahrensmann, der auch schonmal etwas rabiatere Methoden in Bewegung setzt gegen die Zerstörung unseres über Jahrhunderte gewachsenen Lebensraumes, alles wegen einer Reduktion auf das Billigste, die auf den kleinsten Nenner zu bringen ist, den es dafür gibt: Und es stinkt doch!

Uns (für die Autoren dürfen wir nicht sprechen), Romantiker nennen dürfen nur diejenigen, die über diese Zeit ein klein wenig mehr wissen, als daß da immer so ein einsamer Wanderer an einem Kreidefelsen in intakter Natur herumsteht und, wenn er denn wieder zuhause ist in sein holzbefeuertem klein Häuschen, beim ersten Treffen mit der Internet-Bekanntschaft zu dem kamingewärmten Glas Rotwein die Kerzlein aus reinem Bienenwachs gehören. Wir gehören zu den Interpreten der Romantik, die zu wissen meinen, daß diese sich eben nicht ausschließlich gegen die Aufklärung gewehrt hat. Wir halten es — noch einmal — mit Jochen Gerz, der im Gespräch meinte:

«Ich schätze die Hoffnungslosigkeit der Romantiker, die Politisiertheit der Romantiker. Ich halte Novalis für einen ausgesprochen scharfen Denker. Eine Arbeit wie die von Jean Paul, in der er alle Utensilien in seinem Zimmer notiert, ist beeindruckend. Es ist klar, daß da eine Panne im Programm ist. Der Künstler hat ‹nichts› mehr zu sagen. Die Kunst verläßt den Kontext, für den sie geschaffen war. Der Auftrag ist zu Ende, das Programm ist aus. [...] In der Romantik kommt es zur Panne des Auftrags, eigentlich ein schöner Moment, unglaublich scharf und ohne jede Entschuldigung. Scharfgestellt wird auf die Kunst, und was da steht, nackt und alleine, das ist eben die Kunst. Die Kunst ohne Dauer, Publikum, Auftrag. [...] Das ist auch politisch. Das entspricht einem fast französischen Begriff des Politisierten: Wo bin ich, was kann ich anfassen — bevor ich, beispielsweise in Vietnam bin mit meinem Kopf. Das allerwichtigste: daß sie eine relativ würdige, unexpressive Haltung eingehalten haben des totalen Fehlens von Anlaß zu Hoffnung. Die Romantiker waren total getrennt von ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht, ihrem Verlangen nach Ursprung oder Zukunft, von ihrem eigenen Bewußtsein, von ihrem Programm, und ohne zu klagen und zu lamentieren und ohne sich zu verbohèmisieren haben sie das ausgehalten.»

Das ist mit L'art pour l'art gemeint! Und nichts anderes. Auch nix mit digitaler Bohème oder ähnlich. Das sind uns zwar keine bohèmischen Dörfer, aber doch auch nicht unsere. Ja, wir wissen es: Wir ticken nicht ganz richtig, sind weltfremd, fernab der Realität. Und da wir — im obigen Wortsinn — ein hoffnungsloser Fall sind, würden uns die meisten am liebsten gerne rausschmeißen. Da das so ohne weiteres nicht geht, gehen wir lieber selber.

Wir sind auf eine Insel im Grünen gestoßen, haben dabei Kartenmaterial zuhilfe genommen aus dem Gestern und den Sternen, die zwar auch ewig gestrig, aber ja eben auch die von heute sind. Wir führen eine mit elektronischer Füllfeder vollgeschriebene und zu schreibende Kladde, befüllen allenfalls einen Schuhkarton in Kleinkladdersdorf. Und aus dem spricht Per Kirkeby das Wort zum Alltag, in seinem Fister:

«Alles sieht schlimm aus, und es kann nur schlimmer werden. Zum Beispiel das immer größere Interesse der Menschen für Kunst [...]. Wenn es immer so war, daß der größte Teil des kunstinteressierten Publikums stets das Falsche wählt und auf das Billigste und Protzigste hereinfällt, dann wird diese Wirkung mit dem neuen Interesse und dem großen Andrang jedenfalls um ein Vielfaches verstärkt. Das Medienmonster ist im großen und ganzen das gleiche wie das Publikumsmonster: eine große Meute von sensationshungrigen Unterhaltungs-Vagabunden. Und plötzlich gibt es keine Normen mehr, sondern nur noch Wirkungen. [...] Man darf ja noch hoffen.»


dbm

aktualisiert aus Kurzschrift 1.1999; zuvor anderenorts veröffentlicht
 
Sa, 11.10.2008 |  link | (2151) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Inwendiges



Abschied

Werte Anwesende ... Ja, so beginnen, in der Regel, Trauerreden. So lassen wir's denn bei der Regel, denn es geht um eine Ausnahme, eine namens Laubacher Feuilleton. Sie ist es, die zu Grabe getragen wird.

Ganz tot ist sie, ist das Laubacher Feuilleton ja noch nicht. Noch halten Sie ja noch ein ‹lebendiges› Stück Papier in den Händen. Aber auch es wird, wie alle anderen schönen Stücke davor, vergilben. Wenn auch vergilben nicht gleich vergessen heißt. Wir alle werden es (vermutlich) in guter Erinnerung behalten. — Zur Sache: Mit Wirkung dieser Nummer 20 wird das Laubacher Feuilleton eingestellt. Eine Nummer 21 wird es demnach nicht geben.

Es war nicht die Resonanz. Im Gegenteil. Ein findiger Verlags- oder Kino-Presse-Mensch würde formulieren: «Das Produkt wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen angenommen.» Das ist natürlich (wie immer bei solchen Sprach-Blasen) nur bedingt richtig. Die Kritik war es, und — in einem Fall — hat sie uns auch richtig geholfen, über die (für ein, nach realistischer Einschätzung, Blättchen unserer inhaltlich und formalen Ausrichtung) sehr hoch gelegte Latte zu kommen. Das Kritik-Barometer in Tageszeitungen ging (durchaus beabsichtigt) von ‹Unverständnis› über ‹wohlwollend›, ja, Zustimmung bis ‹begeistert›, ebenfalls beabsichtigt; so richtig Negatives wußte niemand zu äußern.

Wie auch immer: Tatsache ist, daß unser Feuilleton bekannter war, als sich dieser Grad der Bekanntheit in den Abonnentenzahlen niedergeschlagen hätte. Wann auch immer wir — in erster Linie die Buchhalter-, Layouter-, Typograph-, Verleger-in und wer weiß was sonst noch alles —, Christina Schellhase, und ich zu Veranstaltungen kamen und unsere Vierteljahreszeitung vorzeigten — man kannte sie bereits.

Wir, die ‹Chefin› und ich, glauben mittlerweile, daß wir mit dem Verteilen der einzelnen Vierteljahresprodukte zu großzügig umgegangen sind. Als 1994, aufgrund eines Artikels, die große Abonnenten-‹Schwemme› kam, waren wir so euphorisiert, daß wir meinten, nun die Schallmauer durchbrechen zu können. Bei 1.500 turnus- und somit regelmäßigen Beziehern, dachten wir, wäre es endlich möglich, unseren Autoren — wenn auch kleine — Honorare zahlen zu dürfen.

Doch es lief anders. Wir brauchten, wie zu Beginn, wieder eine Finanz-Spritze. Und die kam — eben nicht — von den kapitalkräftigen ‹sponsoridierenden› Unternehmen (um die wir uns, zugestandenermaßen, auch nicht bemüht hatten), sondern von denen, die auch nicht gerade zu den sogenannten Besserverdienenden gehören: von unseren liebenden bildenden Künstlern (die angesprochenen wissen, wer gemeint ist). Ihre Benefizbeiträge waren es, die uns auf der Auktion im März 1995 eine Summe des Geldes erbrachten, die uns (finanziell) weitermachen half.

Doch nun bricht uns ein Abonnent nach dem anderen weg. Das wirkt sich aus: Die physische und — vor allem — psychische (Boris Becker: «mentale»?) Kraft schwindet — ist geschwunden. Unsere ‹zeitlose Zeitung› geht in den Orkus der Unendlichkeit.

Hoffnung hatten wir noch, als wir unser Buch Überall ist Laubach — Berichte vom Nabel der Welt auf den Weg gebracht hatten. Dieses Buch mit diesem so feinfühligen, feinsinnigen Vorwort von Annemarie Monteil — teilweise in Ankündigungen gedruckt — müsse doch einfach Anklang finden bei unseren Liebhaberinnen und Liebhabern. Ein Buch ist ein Buch und keine Zeitung, dachten wir — und fanden Bestätigung bei denen, die es erstanden. Doch es waren viel zu wenige. So gut wie niemand hat auf unsere Anzeige reagiert. — Die Kosten für das Buch berührten nie das Laubacher Feuilleton an sich. Aber die Arbeit daran wohl. Wir sind ausgeleert — in beider Hinsicht. Und wir müssen wieder aufgefüllt werden.

Und das geht — nach einer kleinen Pause — nur über neue Aktivitäten. Soweit nicht bereits in Arbeit, werden sie — in Bälde — folgen. Zwei Bücher befinden sich — innerhalb des Verlages Christina Schellhase — in Vorbereitung: Gutenberg von Florian Felix Weyh, unserem erst jüngst wieder mit einem Literaturpreis bedachten Redakteur aus Berlin, sowie eine Hommage à Mathias Zschokke unseres Kölner Redakteurs Niels Höpfner. Und last, but not least: Kurzschrift — ein Periodikum für die Freunde der Langschrift, das voraussichtlich im Herbst 1997 erstmals erscheinen wird.

So bleibt uns zu danken und die Hoffnung, daß unsere Freunde des Laubacher Feuilleton auch die folgenden Druckwerke goutieren werden.

dbm/csc

LF 20.1996
 
Sa, 11.10.2008 |  link | (3580) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Inwendiges



Laubacher Feuilleton

Weltgeist in Laubach
«Kennen Sie Laubach? Nein? Also, Laubach ist ein rund 120 Einwohner zählendes Dörfchen. […] Die Blattmacher — Kulturjournalisten, Soziologen, Schauspieler — sind sich einig in der Meinung, daß die Tageszeitungen heute kaum mehr Feuilletons mit Texten produzieren, die außerhalb des aktuellen kulturellen Geschehens liegen. Dem wollen Sie mit dem ‹Laubacher Feuilleton› entgegentreten. […] Wahrlich, der Weltgeist weht in Laubach. Wer ihn auf diese Weise einatmen will, wird von dem sympathischen Blatt […] nicht enttäuscht sein.»

Heiner Stachelhaus | Neue Ruhr Rhein Zeitung | 14. Januar 1994

Biss und Witz, Lust und Anklage
«Das gibt es noch: eine Zeitschrift, die gegen alle marktgängigen Trends schwimmt, unbekümmert Vorgestriges mit Neuestem mischt — und dabei im Tiefgang aktuell bleibt. […] Neben den Beiträgen der Jüngeren verblüffen die alten Texte von Platon bis Mark Twain. Man erwarte kein nostalgisches Sammelsurium für Schöngeister. Nein, da wird aus oft wenig bekannter Literatur so aufmüpfig ausgewählt, dass Biss und Witz, Lust und Anklage über die Jahrhunderte oder Jahrzehnte hinweg mitten in unsere Gegenwart greifen. Bis jetzt demonstriert jede der acht Nummern, was das ist: journalistische Haltung als Verpflichtung zur Humanität, gehe es um die Solidarität mit Juden, um den behutsameren Umgang mit den neuen Bundesländern, um den Respekt vor (auch nicht genehmen) Denkmälern, um das Vorstellen von Kunstschaffenden.»

Annemarie Monteil | Basler Zeitung | 22. Februar 1994

(Beinahe) alles leisten ...
«... eine Zeitschrift, die im Impressum einen Chefkoch, eine Männerbeauftragende, ein Betriebskind aufführt und sie unter die Redaktionsmitglieder rechnet, die darf sich (beinahe) alles leisten.»

Roland H. Wiegenstein | Frankfurter Rundschau am Wochenende | 16. April 1994

Eiland der Intellektuellen im Meer des Mangels
«Die Mitarbeiter des ‹Laubacher Feuilleton› […] bergen in mühevoller ‹archäologischer Arbeit› die längst verschollen geglaubten Bruchstücke literarischen und philosophischen Gesteins und türmen sie aufeinander, um der Brandung des Banalen zu trotzen. […] Das jüngere Lesepublikum verweigert sich größtenteils der Laubacher Insel. Zu Unrecht. Denn Schätze birgt sie nicht wenige.»

Thomas Grasberger | Süddeutsche Zeitung | 17. März 1995

Liebe in der Gelehrtenrepublik
«Alles atmet den Geist einer kauzigen, wohl auch ein wenig elitären Gelehrtenrepublik, die zur eigenen Kurzweil und in durchweg geschliffenem Deutsch Fundstücke oder Sottisen […] austauscht. […] Die ‹Laubacher› sehen ihr Blatt in der Tradition der klassischen Feuilletons: eine Festung gegen den Unrat der Mediengesellschaft […]. Mit einem Wort: ein symphatisches Projekt aus der Provinz, dilettantisch im besten, klassischen Sinne.»

Martin Halter | Zürcher Tages-Anzeiger | 16. August 1995

Das Laubacher Feuilleton wurde nach 20 (Quartals-)Ausgaben im Dezember 1996 eingestellt.

Die Folge: Kurzschrift.
 
Sa, 11.10.2008 |  link | (7336) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Inwendiges











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Letzte Aktualisierung: 05.12.2013, 18:31



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