Abschied

Werte Anwesende ... Ja, so beginnen, in der Regel, Trauerreden. So lassen wir's denn bei der Regel, denn es geht um eine Ausnahme, eine namens Laubacher Feuilleton. Sie ist es, die zu Grabe getragen wird.

Ganz tot ist sie, ist das Laubacher Feuilleton ja noch nicht. Noch halten Sie ja noch ein ‹lebendiges› Stück Papier in den Händen. Aber auch es wird, wie alle anderen schönen Stücke davor, vergilben. Wenn auch vergilben nicht gleich vergessen heißt. Wir alle werden es (vermutlich) in guter Erinnerung behalten. — Zur Sache: Mit Wirkung dieser Nummer 20 wird das Laubacher Feuilleton eingestellt. Eine Nummer 21 wird es demnach nicht geben.

Es war nicht die Resonanz. Im Gegenteil. Ein findiger Verlags- oder Kino-Presse-Mensch würde formulieren: «Das Produkt wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen angenommen.» Das ist natürlich (wie immer bei solchen Sprach-Blasen) nur bedingt richtig. Die Kritik war es, und — in einem Fall — hat sie uns auch richtig geholfen, über die (für ein, nach realistischer Einschätzung, Blättchen unserer inhaltlich und formalen Ausrichtung) sehr hoch gelegte Latte zu kommen. Das Kritik-Barometer in Tageszeitungen ging (durchaus beabsichtigt) von ‹Unverständnis› über ‹wohlwollend›, ja, Zustimmung bis ‹begeistert›, ebenfalls beabsichtigt; so richtig Negatives wußte niemand zu äußern.

Wie auch immer: Tatsache ist, daß unser Feuilleton bekannter war, als sich dieser Grad der Bekanntheit in den Abonnentenzahlen niedergeschlagen hätte. Wann auch immer wir — in erster Linie die Buchhalter-, Layouter-, Typograph-, Verleger-in und wer weiß was sonst noch alles —, Christina Schellhase, und ich zu Veranstaltungen kamen und unsere Vierteljahreszeitung vorzeigten — man kannte sie bereits.

Wir, die ‹Chefin› und ich, glauben mittlerweile, daß wir mit dem Verteilen der einzelnen Vierteljahresprodukte zu großzügig umgegangen sind. Als 1994, aufgrund eines Artikels, die große Abonnenten-‹Schwemme› kam, waren wir so euphorisiert, daß wir meinten, nun die Schallmauer durchbrechen zu können. Bei 1.500 turnus- und somit regelmäßigen Beziehern, dachten wir, wäre es endlich möglich, unseren Autoren — wenn auch kleine — Honorare zahlen zu dürfen.

Doch es lief anders. Wir brauchten, wie zu Beginn, wieder eine Finanz-Spritze. Und die kam — eben nicht — von den kapitalkräftigen ‹sponsoridierenden› Unternehmen (um die wir uns, zugestandenermaßen, auch nicht bemüht hatten), sondern von denen, die auch nicht gerade zu den sogenannten Besserverdienenden gehören: von unseren liebenden bildenden Künstlern (die angesprochenen wissen, wer gemeint ist). Ihre Benefizbeiträge waren es, die uns auf der Auktion im März 1995 eine Summe des Geldes erbrachten, die uns (finanziell) weitermachen half.

Doch nun bricht uns ein Abonnent nach dem anderen weg. Das wirkt sich aus: Die physische und — vor allem — psychische (Boris Becker: «mentale»?) Kraft schwindet — ist geschwunden. Unsere ‹zeitlose Zeitung› geht in den Orkus der Unendlichkeit.

Hoffnung hatten wir noch, als wir unser Buch Überall ist Laubach — Berichte vom Nabel der Welt auf den Weg gebracht hatten. Dieses Buch mit diesem so feinfühligen, feinsinnigen Vorwort von Annemarie Monteil — teilweise in Ankündigungen gedruckt — müsse doch einfach Anklang finden bei unseren Liebhaberinnen und Liebhabern. Ein Buch ist ein Buch und keine Zeitung, dachten wir — und fanden Bestätigung bei denen, die es erstanden. Doch es waren viel zu wenige. So gut wie niemand hat auf unsere Anzeige reagiert. — Die Kosten für das Buch berührten nie das Laubacher Feuilleton an sich. Aber die Arbeit daran wohl. Wir sind ausgeleert — in beider Hinsicht. Und wir müssen wieder aufgefüllt werden.

Und das geht — nach einer kleinen Pause — nur über neue Aktivitäten. Soweit nicht bereits in Arbeit, werden sie — in Bälde — folgen. Zwei Bücher befinden sich — innerhalb des Verlages Christina Schellhase — in Vorbereitung: Gutenberg von Florian Felix Weyh, unserem erst jüngst wieder mit einem Literaturpreis bedachten Redakteur aus Berlin, sowie eine Hommage à Mathias Zschokke unseres Kölner Redakteurs Niels Höpfner. Und last, but not least: Kurzschrift — ein Periodikum für die Freunde der Langschrift, das voraussichtlich im Herbst 1997 erstmals erscheinen wird.

So bleibt uns zu danken und die Hoffnung, daß unsere Freunde des Laubacher Feuilleton auch die folgenden Druckwerke goutieren werden.

dbm/csc

LF 20.1996
 
Sa, 11.10.2008 |  link | (2316) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Inwendiges






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