Einheits(sprach)brei

Warum die Österreicher nicht in die EG wollen

Wie gemeinhin bekannt ist, hat das, was oftmals fälschlich «leibliches Wohl» (siehe auch Laubacher Feuilleton Nr. 5, Seite 16) genannt wird, innerhalb Europas und lange bevor man innerhalb Europas an Europa dachte, ein Europa gebildet, das in jeder Hinsicht seinesgleichen sucht. Kein türkischer, französischer, italienischer, spanischer, griechischer, portugiesischer, dänischer Nebenerwerbsgastronom, der es nicht geschafft hätte, im mitteleuropäischen Land der unbegrenzten Möglichkeiten die aus der Heimat mitgebrachten Rezepte so zu nivellieren, daß die Deutschen nicht auch hier ihren (immer friedlichen!) Okkupationsgelüsten hätten Geltung verschaffen können. Das beste Beispiel dafür ist die allseits so geliebte Küche chinesisch-thailändisch-vietnamesisch-koreanisch-taiwanesischer-et-cetera Provenienz. Sogar der japanische Meister des flinken Messers hat begriffen, daß er dem deutschen Gourmet innerhalb seines geliebten Sushi das Walfleisch als Clupea pallasii offerieren muß, um nicht Gefahr zu laufen, nach Hause ins Asyl geschickt zu werden (aber da er dort gerade ausgewiesen worden ist, weil er mehrere Kugelfische falsch tranchiert hat, will er dorthin sobald nicht wieder zurück, weshalb auch er tunlichst die deutsch-europäische Variante der gastronomischen Einheit pflegt).

Kurzum, die vereinte international-industrielle Großküchenallianz hat sich darauf spezialisiert, mittel-europäisch zu werden, das zu entsenden und zusammenzukochen, was den deutschen Gaumen kitzelt — die meisten Ingredienzien würde der Absender vermutlich nicht mal seinem Hund zum Fraß vorwerfen, weil der nämlich dann nicht mehr schmecken würde.

Selbstverständlich machen das die Österreicher genauso. Auch sie möchten ja, wie laut und vernehmlich zu vernehmen war, sich hineinsetzen in die vermeintliche riesengroße Buttercremetorte EG — hergestellt aus Zutaten, die, wie uns vor einigen Monaten via Zeitmagazin vermittelt wurde, Wege gehen, gegen die sich die von Christoph Columbus und Vasco da Gama wie Wochenendausflüge ausnehmen. — Aber nun, ach! Da stellen doch diese Brüsseler Spitzen-Bürokraten eine Bedingung — die nämlich, daß die Namen und Begriffe der Produkte, die in den EG-Handel gelangen sollen, zu vereinheitlichen sind.

Ratlosigkeit, Empörung, ja Wut sind zu vernehmen aus Judenburg, Deutschlandsberg, Saalbach-Hinterglemm, Wörgl oder Vöcklabruck. Sie wollen auch in Zukunft, so versichert der oberösterreichische Gastronom mit oberbayerischer (sic!) Depandance, Arthur Tuschak, auch weiterhin ihre pfleglichst, durchaus auch mit internationalen Chemikalien behandelten und verarbeiteten Produkte mit einheimischen Bezeichnungen deklarieren.

Wir haben größtes Verständnis dafür, weshalb wir im folgenden auflisten, was den EG-Europäern, aber auch den am Rande dahinsiechenden entgeht, wenn man den Österreichern nicht das zugesteht, was z. B. Dänen oder Engländern längst zugestanden wurde — zumindest die eigene Sprache.

dbm
Beisl = Gasthaus — Buchteln = Dampfnudeln — Erdäpfeln = Kartoffeln — Faschierts = Hackfleisch — Fleckerln = Nudeln — Galatsche = Hefestückchen — Germ (siehe auch Germslang) = Hefe — Gspritzter = Weinschorle — Guglhupf = Napfkuchen — Karfiol = Blumenkohl — Klacheln = Schweinehaxe — Kranawittbeern = Wacholderbeeren — Kukuruz = Mais — Marillen = Aprikosen — Maronen = Eßkastanien — Obers = Sahne — Palatschinken = Pfannkuchen — Paradeiser = Tomaten — Powidl = Pflaumenmus — Reindling = Pfanne — Ribisl = Johannisbeere — Salonbeuschel = Lungenhaschée — Schanegarten = Biergarten — Scheiterhaufen = Auflauf — Schwedenbombe = Mohrenkopf — Sterz = Gries — Tirteln = Tasche(n) — Topfen = Quark — Vogerlsalat = Feldsalat
Und so weiter.


Laubacher Feuilleton Nr. 6, 1993, S. 16

 
Mi, 29.09.2010 |  link | (1448) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Vom Eros des Zeitschriftenmachens

Wie Monat für Monat Zeitschriften entstehen

Immer wieder erhalten die Zeitschriftenredaktionen Zuschriften von Lesern, die anfragen: Wie schafft ihr es nur, jeden Monat und immer wieder, Gruner & Jahr-aus und jahrein, eine Monatszeitschrift an den Kiosk zu knallen? Es gibt darauf nur eine Antwort: Zeitschriftenmachen ist erotisch.

Weil jeden Monat ungezählte Zeitschriften und Magazine auf den Markt kommen, haben wir schon begonnen, die Existenz von Hochglanzblättern als Selbstverständlichkeit anzusehen. Doch wer wirklich weiterfragt (und wir tun das mit zunehmendem Erfolg seit Jahren), der wird feststellen, daß der typische Zeitschriftenleser überhaupt keine Ahnung hat, wie denn so ein Monats- oder auch Wochenmagazin überhaupt entsteht (als herausragende Beispiele seien für beide Kategorien angeführt: Blähbauch — alles was Männer dick macht; Der Striegel — Das deutsche Reitermagazin). Nach neuesten Umfragen glauben immer noch 67,4 Prozent aller Alphabeten (der Anteil der Analphabeten unter den Zeitschriftenlesern wurde nicht berücksichtigt, nimmt aber zu), daß Magazine durch die Vereinigung von harten Druckplatten mit jungfräulichem Papier entstehen. Das ist nur zum Teil richtig, eine gewissermaßen auf die symbolische Ebene verlagerte Betrachtungsweise des tatsächlichen Zeugungsvorgangs. Denn auch im Zeitalter von Computersatz, Lichtsatz und elektronisch gesteuerten Druckmaschinen entstehen Zeitschriften auch heute noch wie vor hundert Jahren: Durch den Begattungsakt zwischen Redaktion (weiblich) und Verlag (männlich).

Obzwar diese grundlegende Erkenntnis schon kurz nach der Erfindung der Druckerpresse durch Hieronimus Gutenzweck theoretisch formuliert wurde, gelang es doch bisher nicht, den Zeugungsvorgang begrifflich korrekt darzustellen. Wir bringen deshalb weltweit zum erstenmal eine wissenschaftlich fundierte Darstellung von der Zeugung einer Zeitschrift. Prüde Zeitgenossen werden uns jetzt vielleicht vorhalten, daß wir damit endgültig die Grenze des Schicklichen überschreiten und uns auf einer Ebene mit den einschlägig vorbelasteten Hochglanzgazetten wiederfinden. Doch ein wagemutiger Redakteur kann da nur mitleidig lächeln. Denn unser Blatt ist nicht nur interessant, einmalig und höchst renommiert, es ist auch außergewöhnlich erfolgreich. Weshalb wir auch die Übernahme der Hochglanz-Devise Nummer eins («Sex erhöht die Auflage») immer kategorisch abgelehnt haben. Auf der anderen Seite findet nicht der Hauch einer erotischen Regung statt. Und was hat es uns eingebracht? Richtig, eine galoppierende Auflagenerhöhung, von denen die sexistische Kampfpresse nur wunschträumen kann. Sogar die rosafarbenen Gummibärchen im Playbock und verwandten Publikationen bringen nicht mehr Auflage als unsere keimfreie sterile Fehlanzeige in Sachen Sex. Im Gegenteil: Mit zunehmender Prüderie in der Öffentlichkeit werden wir sogar noch zulegen, denn unser Blatt ist so konzipiert, daß man weder beim Kauf am Kiosk noch beim Lesen in der U-Bahn den Blick senken und einen roten Kopf bekommen muß.

Doch genug der Abschweifungen, kehren wir zum Thema zurück: Der Entstehung des Monatsmagazins aus der Umarmung von Redaktion (weiblich) und Verlag (männlich). Jahrzehntelange Erfahrung im Zeitschriftenwesen hat uns gelehrt: Wer nicht anständig durchgebumst wird, wird es nie zur vollen Selbstbefriedigung bringen. Dieser nur scheinbar paradoxe Zusammenhang soll uns zunächst exemplarisch beschäftigen.

Die Redaktion (verführerisch, treusorgend, passiv gebend, unten liegend) trägt nicht von ungefähr die Charakteristiken des Weiblichen, während der Verlag (fordernd, züchtigend, aggressiv, obenauf schwebend) ganz unverkennbar Züge ewiger Männlichkeit sein eigen nennt. Das Verhältnis zwischen Redaktion und Verlag wurde denn in der Fachliteratur als ähnlich dem einer langjährigen Ehegemeinschaft« bezeichnet. (vgl. das Standardwerk von R. Augstein, Wie bumse ich einer unbotmäßigen Redaktion wieder Verstand zwischen die Heftseiten? Hamburg 1972, S. 768 ff.). Und wie eine gute Ehe entsteht auch eine Zeitschrift durch harmonisch ausgewogenes Geben und Nehmen. So gibt der Redakteur zum Beispiel jeden Tag acht und mehr Stunden seiner Lebenszeit (tempus viva), die der Verlag großzügig als selbstverständlich hinnimmt. Wer lange Jahre nach oben gebuckelt und nach unten getreten hat, weiß, wovon wir sprechen. Das geht so von Montag bis Freitag. Gelegentlich nimmt der Redakteur auch noch Arbeit ins Wochenende mit, und gibt sie Montag früh dem Chefredakteur, der sie mit dem Ausdruck des Entsetzens nimmt. (Auch hier, wie in jeder Hierarchie, ein permanentes Geben und Nehmen). Wenn man dann vier Wochen lang seine Zeit vergeben hat, kommt man selbst mit Nehmen an die Reihe: Es trifft ein verschlossener Bogen Papier ein, auf dem in schwarzen Zahlen vermerkt wurde, wieviele Währungheiten der Verlag auf das Konto des Redakteurs transferiert hat und wieviel der Staat einbehält. Die wichtigste Frage bleibt aber unbeantwortet: weshalb es nie reicht. In Kreisen der Normalbevölkerung heißt dieser besondere Tag im Monat Zahltag, in der Zeitschriftenbranche hält sich noch immer hartnäckig Hurenlohn (nicht zu verwechseln mit Hurenkind, einer Bezeichnung aus der Setzersprache. Vgl. den Aufsatz von P. Boenisch: Wer kommt für den Unterhalt von Absätzen am Seitenanfang auf?).

Doch, wie gesagt, der Verkehr zwischen Redaktion und Verlag beruht weitgehend auf dem Austausch zwischen gleichberechtigten, selbstbewußten Individuen, die jedoch gewisse Mittel zur Verhütung des Schlimmsten anwenden müssen.

Das Schlimmste zu verhüten wird im heutigen Zeitalter von AIDS (Allgemeiner Interessenschwund an Deutscher Sachkunde) immer wichtiger. Denn was geschieht, wenn die Auflage sinkt? Nun, im allgemeinen bumst es dann gewaltig zwischen Redaktion (weiblich) und Verlag (männlich). Wir wollten eigentlich unerschrocken im Selbstversuch erproben, wie sich der Verlag im Falle eines Umsatzrückgangs verhalten hätte. Doch wurde uns von höchster Stelle mitgeteilt, daß auch eine kalte Reportage, das heißt, mit Material aus dem Archiv, ihre aufklärerischen Zwecke erfüllen würde. Nun denn, was wir aus der Geschichte lernen (und was wir Ihnen nicht vorenthalten wollen) ist Folgendes (auch als der 1. und 2. Satz der Publikationsdynamik bekannt):
1. Je höher der Posten desto rascher der Abgang.
2. Je größer die Abfindung desto dümmer der Redakteur.

Wie Sie sich denken können, käme es keinem Verleger in den Sinn, einen Chefredakteur nur wegen sinkender Auflagen zu entlassen. In der Tat kommt das so gut wie gar nicht vor (nur in 0,0017 Prozent aller Fälle). Gewöhnlich (93,2 Prozent aller Fälle) trennt sich ein Verlag von seinem Geld (der Abfindung) und seinem Sexobjekt (dem Chefredakteur) aus Gründen «unterschiedlicher konzeptioneller Auffassung», was im Bereich des Ehelebens etwa der «unüberwindlichen Abneigung vor Schnarchen, Furzen und Nasenbohren» entspricht.

In der Regel (vgl. O. Kolle, Liebe in der Regel — nie oder erst recht?), kann der Erfolg eines Heftes auch durch einseitige Inkompetenz kaum verhindert werden. Auch wenn der Verlag keine Ahnung hat, weshalb eine Redaktion gerade mikt dieser Art von Zeitschrift üppige Auflagen hubert — erfolgreich wird sie aus Gründen, die ähnlich geheimnisvoll im Dunkel liegen wie der Zusammenhang zwischen Frühling und Condomabsatz. Doch schafft es eine Redaktion, aus welchen Gründen auch immer, den Auflagenzeiger einer Erektion gleich nach oben schnellen zu lassen, dann kommt das den bekannten Gefühlen im Wonnemonat gleich.
Der Verlag ist selig und nimmt den Gewinn, der Redakteur gibt sein Wochenende dran und nimmt die Arbeit mit nach Hause. Ja, geben und nehmen — nur so kann ein alle Beteiligten erfreuendes, strammes Magazin an den Kiosk gelangen.

Hans Pfitzinger

Laubacher Feuilleton 3,1992 S. 8
 
Mo, 12.07.2010 |  link | (1022) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Neusprech (1996)

«Wer Ladyisches will, der searcht nicht bei Jil Sander»: Das Snacken auf die junge Art.

Von einem akuten Erstickungsanfall wurde der Autor jüngst beim Verzehr einer süßlich ummantelten Erdnuß befallen, nachdem er zufällig auf die Packung geblickt und dort folgenden Satz wahrgenommen hatte:

«Genießen Sie die knusprig feurigen NIC NACs. The double-crunch-Peanuts. Erst nict man die köstliche Hülle, dann nact man die knackige Erdnuß. Das ist Snacken auf die junge Art. NIC NACs Turn it up!»

Es ist ja eine Sache, die nach schulärztlicher Auskunft ohnehin zu verfrühter Wohlbeleibtheit tendierende Jugend mit immer neuen Kalorienbomben der Versuchung auszusetzen; eine andere — schlimmere — ist es aber, dies in einer Art und Weise zu tun, die schon voraussetzt, was allenfalls ihre Folgen sein könnte: daß nämlich die konsumierende Jugend geistig weit hinter jede Schwachsinnsgrenze zurückgefallen ist. Definitiv hinter dieser Grenze bewegen sich inzwischen größere Teile der Werbungstreibenden: Sie sind offenbar dumpf entschlossen, die deutsche Sprache in ein seltsames Gebräu aus falschem Amerikanisch und noch falscherem Deutsch und damit in eine der vielen Pidgin-Varianten des Englischen zu verwandeln. Die Lufthansa zum Beispiel informiert: «Miles & More führt ein flexibles Upgrade Verfahren ein: Mit dem neuen Standby-Oneway Upgrade-Voucher kann direkt beim Check-in das Ticket aufgewertet werden» — und wir sind ernstlich der Meinung, daß eine verantwortungsbewußte Bundesregierung einer Fluggesellschaft, die solche Sätze in großer Auflage drucken läßt, für mindestens ein Jahr die Landerechte auf allen deutschen Flughäfen entziehen müßte.

Die Bayerischen Motorenwerke verspielen ihren Ruf als Erzeuger intelligenter Fahrzeug- und Motorentechnik, indem sie zur Förderung ihres Absatzes von Kombilimousinen auf ganzseitigen Anzeigen — tiefer, breiter, dümmer — stammeln: «Skate, Jog, Camp, Race, Glide, Sprint, Drive«.

Die Telekom verkündet, daß samstags und sonntags zwischen Dagebüll und Altglashütten ein «Weekend-Tarif» gelte, und die Deutsche Bundesbahn bringt einen «Intercity-Night» durch das Schwäbische auf den Weg.

Und die seit längerem völlig durchgeknallte Textilbranche faselt außer von «Casual Wear», «Basics» und «Classics» neuerdings auch noch was von «Ausstatter-Socks», und ein Normalgebildeter hat ja einige Mühe herauszufinden, daß es sich dabei um Strümpfe (englisch: Stockings) der besseren Art handeln soll.

In einer unappetitlichen Mischung aus Sprachmasochismus, Jugendlichkeitswahn und schlichter Verblödung taumeln Medien, Werbung und alle anderen Trendbesoffenen in einen Sprachgebrauch, dessen Folgen man in 15 Jahren wird besichtigen können — wenn die heutigen Jugendlichen, denen dieser Müll in die Lebensphase geschüttet wird, in der Sprachgefühl und Sprachstil sich bilden, zu sprechen, zu schreiben und «zu sagen» haben werden.

Wer nicht solange warten will, muß allerdings nur den richtigen Leuten zuhören: Frau Jil Sander etwa, einer Modeschaffenden, die «etwas Weltverbesserndes» in sich verspürt und möglicherweise deswegen in ihren öffentlichen Verlautbarungen die verheerenden Folgen langjährigen Modemachens, Werbungstreibens, Trendsettens und Cityhoppens dramatisch illustriert:

«Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß. Meine Idee war, die handtailored Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wel Ladyisches will, searcht nicht bei Jill Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.»

Ich weiß: Die Anhänger eines immerwährenden «Laissez faire, laissez aller» wiegeln ab und meinen, dieses Kauderwelsch sei ein bezahlbarer Preis für Weltläufigkeit und kosmopolitische Gesinnung; und beide seien im Zeitalter der Globalisierung ganz unverzichtbar.

Weltläufigkeit und kosmopolitische Gesinnung? Die Haltung, die einmal «weltbürgerlich» genannt wurde, zeichnete sich gerade dadurch aus, daß sie kulturelle und sprachliche Unterschiede zu schätzen, auszuschöpfen und zu genießen wußte. Das allerdings erfordert eben Kenntnis dieser Unterschiede — und Respekt vor und Liebe zu den jeweiligen Eigenarten: der eignenen und der anderen Sprache und Kultur.

Was sich heute mit «Global village» und «It's one world»-Phrasen in einem schauderhaften Sprachverschnitt als «kosmopolitisch» herausputzt, ist kein neues Weltbürger-, sondern ein kenntnis-, gedanken- und empfindungsleeres Weltbanausentum, geprägt von einem dumpfen, spießbürgerlichen Ressentiment gegen alles «Nichtglobale».

Thomas Hoof

Laubacher Feuilleton 19.1996, S. 11

aus: ‹ManuFactum›-Hausnachrichten (Sommer 1996) des Versandhauses, das sich das Motto ‹Es gibt sie noch, die guten Dinge› aufs Firmenschild geschrieben hat (siehe Laubacher Feuilleton 12.1994, S. 12) Unser Autor, dem wir herzlich für die Nachdruckgenehmigung danken, betreibt außer der genannten auch noch eine Firma namens ManuScriptum, mit der er sich der ‹Wiederlebung› alter Bücher widmet, beispielsweise: Charles Dickens, Werke in 12 Bänden, in der Übersetzung von Gustav Meyrink.

 
Mo, 03.05.2010 |  link | (1476) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Germslang

oder: Weshalb fällt mir Jean Paul auch noch in den Rücken?

Er hatte ja keine Ahnung, mein großer fränkischer Landsmann. Vor lauter Begeisterung für die französische Kultur veränderte er sogar seinen Namen, nannte sich nicht mehr Johann Paul Friedrich Richter, sondern Jean Paul (wobei er Paul der Überlieferung nach deutsch aussprach, also nicht Pol.) Und dann, im Jahr 205 nach der Großen Revolution, tritt diese Kultur — genauer: der daraus hervorgegangene Staat — zum verzweifelten Kampf für den Erhalt ihrer Sprache an. Bis zu sechs Monate Gefängnis drohen künftig in Frankreich jenen Untertanen, die im öffentlichen Gebrauch Fremdwörter benützen, für die es auch Ausdrücke in der eigenen Sprache gibt.

Endlich! Meine Freude beim Lesen dieser Nachricht war spontan und solidarisch. Trotz aller Vorbehalte gegen staatliche Eingriffe — ein ähnliches Gesetz wider den Ungeist wünschte ich mir hierzulande schon lange. Namen tun ja nichts zur Sache, aber ich würde Marie Waldburg von der Abendzeitung glatt ein Reclam-Bändchen (Schulmeisterlein Wutz womöglich) in den Frauenknast schicken. In früheren Jahren habe ich schon mal Kollegen und -innen per Postkarte auf ihre Vergewaltigung der deutschen Sprache hingewiesen. (Außer über locker-flockige Importe aus der T-Shirt-Kultur regte ich mich auch gern über den Begriff Azubi auf.) Klar, daß man sich damit keine Freunde schafft. Aber ich handle in Notwehr. Meine Schmerzschwelle liegt da wohl etwas tiefer, als bei den meisten Mitmenschen. Inzwischen ist nicht nur das Porto, sondern auch die Zahl der amerikanischen Begriffe im deutschen Sprachgebrauch derart gestiegen, daß ich das Verschicken von mahnenden Postkarten aufgeben mußte. Doch bevor der Deich vollends bricht, stemme ich mich — die Hochwasseropfer an Mosel, Rhein, Altmühl und Bode mögen mir die Metapher verzeihen — mit dieser Zeitung verzweifelt gegen die Flut.

Ja, ich handle in Notwehr. Gelegentlich glaube ich ja, die Schreiber und Texter beharren auf ihrem Tun gar nicht extra, um mir Schmerz zuzufügen. Vielleicht wissen sie es gar nicht anders, weil sie eh nichts lesen, was älter ist als der ‹Spiegel› dieser Woche. Wie anders könnte sich diese von Giorgio Armani beschneiderte Journalistin denn sonst in meinen Fernseher schleichen und von «Pseudotaffneß» faseln, was wohl toughness geschrieben würde und Härte bedeutet? Hat sich denn die gesamte schreibende (und fernsendende) Zunft verschworen, mit dem Ziel, mich zur Weißglut zu bringen? Wie soll ich mir denn die Inflation dieser englischen Vokabeln erklären, die — häufig auch noch falsch verwendet — allgegenwärtig sind: in Tageszeitungen, Magazinen, Wochenschriften, Werbetexten, Sportreportagen, Fernsehsendungen, Talg-Shows (so spricht's der Franke aus, korrekt, wie ich meine), Bedienungsanleitungen, Verpackungen und Radiosendungen? Da wird ständig geschrieben und gesprochen von adventure und von biken, von Event und Location, von Birthing und Breathing und Walking, von Big Points und genau getimten Pässen, von Superslowmo und von Riverrafting, da werden Songs und Ereignisse gecovert, nicht die geringsten Selbstzweifel geoutet, TopNews und Tiwi for Nature gesendet, da wird eine Zeitschrift mit dem Titel ‹Fit for Fun› herausgebracht. Noch toller treiben sie's mit Begriffen, die es im englischen Sprachgebrauch gar nicht gibt: der Talkmaster gehört dazu, der Dressman, Max Goldts Pullunder oder — gesehen im Untergeschoß des Münchener Hauptbahnhofs — die Modejuwelery. Im Sport- und Schaugeschäft feiern sie allüberall die ‹Shooting Stars›, obwohl sie in den meisten Fällen ‹Rising Stars› meinen. Ersteres erfüllt ja fast den Tatbestand der Beleidigung, denn eine Sternschnuppe ist bekanntlich sehr kurzlebig, während das Etikett aufgehender Stern schon eher als Kompliment durchgeht.

Weshalb mich solche Begriffe so ärgern? Vielleicht, weil die meisten der mir lieben Schriftsteller im 19. Jahrhundert geschrieben haben. Will ich mich, als Dank für die Freude, die mir Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Jean Paul, E.T.A. Hoffmann mit ihren Büchern bereitet haben und bereiten, am Kreuzzug zur Rettung und Erhaltung ihrer bedrohten Sprache beteiligen? Kann schon sein. Bin ich einer jener heimatlosen Linken, die sich — weil sie ihr sorgsam verkapseltes Nationalgefühl nicht anders äußern können — wahnhaft an korrektes Deutsch klammern? Nee, glaub ich eher nicht. Unterschwelliger Anti-Amerikanismus, ohnmächtige Wut, daß die Sieger unsere Kultur und Sprache mit Erfolg kolonialisert haben? Nicht ganz daneben. Wobei ich den Siegern/Befreiern weniger Vorwürfe mache als den bereitwillig kuschenden Besiegten, die in Personalunion zuvor die Mitläufer wildgewordener Radikalgermanisierer waren. Denn wie der Höhlenbewohner mit dem Bärenblut die Stärke des Gegners aufzunehmen glaubte, hofft auch der Unterdrückte stark zu werden wie der Unterdrücker, wenn er die Siegersprache und -kultur übernimmt. Der mich quälende Mensch am Schreibcomputer will deutlich machen, daß er dazugehört, zu den jungen, dynamischen, frischwärts cleanen Erfolgstypen, der young generation von C & A, die den kapitalistischen Frohsinn verkörpern: It's the taste — der Geschmack von Macht, versteht sich, von Potenz und Jugend = Stärke. (Gestern sehe ich an der Bushaltestelle die Werbung für lila Pause: Neu! Crisp wie nie! Und beim Kaufen und Knuspern darfst du dann zur Belohnung an die kräftigen Oberschenkel der schnell schwimmenden Franziska van Almsick denken. Im übrigen finde ich das verniedlichende Franzi inzwischen schlimmer als Azubi.)

Ja, ich gebe es zu: Ich fühle mich unterdrückt von dieser weltumspannenden, amerikanisch daherkommenden Mentalität des Macht-euch-die-Erde-untertan-Kommerzes. Ich fühle mich angezogen von Kulturen, die in Harmonie mit der Natur zu leben versuchen. Den gedankenlosen Benützern von Germslang erkläre ich deshalb: Ihr seid meine politischen Feinde. Dabei berufe ich mich auf einen Autor namens Lewis Carroll und sein Buch ‹Alice im Wunderland›. Zugegeben, Mr. Carroll ist kein Deutscher, aber seine Schrift wurde recht sorgfältig übersetzt. In ihr las ich über den Zusammenhang zwischen Wort und Politik: Wer die Definitionen hat, erfährt Alice, hat die Macht. Auch wenn sie es nicht wissen, jene Sprachverhunzer, sie sind allesamt am Kampf um die Definitionen beteiligt, und ich stehe da rigoros auf der anderen Seite, nämlich auf meiner.

Sogar mein großer fränkischer Landsmann läßt mich in Stich, verharmlost, beschwichtigt, spielt das Problem herunter, spricht von «der Unart, alles verdeutschen zu wollen». Was er wohl 1994 zum ‹Wörterbuch der offiziellen Ausdrücke der französischen Sprache› gesagt hätte, in dem der air bag zum sac gonflable wird? Wir werden es nie wissen, weshalb ich wenigstens eine Äußerung Jean Pauls aus dem Jahre 1796 zitieren möchte: «An und für sich ists doch einerlei — um so mehr, da alle Sprachen wie alle Menschen miteinander verschwistert und verschwägert sind —, ob ein Wilder oder ein Ausländer ein Wort erfand, ob es wie Moos unter den deutschen Wäldern aufwuchs oder wie Festungsgras in den Pflastersteinen des römischen Forums.» Aha. Doch Herr Richter sprach von der Lateinisierung des Deutschen. Hätte er je die Illustrierte ‹Stern› oder eine Ausgabe der Münchener ‹Abendzeitung› des Jahres 1994 aufgeschlagen, würde er sich dann noch über mich und meine Mitkämpfer lustigmachen, der Vorfahr? Jedenfalls höhnt er: «[...] als wenn ein Wort sich um eine bessere Naturalisationsakte zu bewerben hätte, als die ihm seine allgemeine Verständlichkeit erteilt.» Der Dolchstoß gegen die eigene Sprache, Herr Paul? Nein, ich glaube eher, er konnte einfach nicht ahnen, wie schlimm es mal werden würde, in Frankreich und Deutschland, konnte nicht wissen, womit mich diese — im besten Fall nur doofen — Quassler und Schmierer 200 Jahre später tagtäglich quälen würden. Daß wir mit all den happy fashion victims auf ihren Inline Skates, am Ohr den Ghettoblaster, die überseeischen Vetterbegriffe wieder heim ins gemeinsame Reich der germanischen Sprachen holen, mag andere trösten.

Jean Paul konnte ja damals gar keine Ahnung haben.

Hans Pfitzinger

Laubacher Feuilleton 10.1994, S. 2
 
Sa, 20.02.2010 |  link | (4616) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Über Thomas Mann und die deutsche Sprache

Bereits in einem der vorangegangenen Kapiteln habe ich behauptet, daß die einzige Person, die in einem Kunstwerk von Belang ist, der Künstler selbst sei, das gilt nicht zuletzt für den Schriftsteller. Die Hauptperson eines jeden Romans ist folglich der Verfasser selbst, der Erzähler. Manche von ihnen schlüpfen in die Rolle einer Person, die an Sprechwahn leidet, einer Art sprachlichem Durchfall. Viele bieten das Bild verkrampfter Psychopathen und geben ein mystifizierendes Gefasel von sich, das man fast nur noch mit Hilfe von psychoanalytischen Lehrbüchern verstehen kann. Andere wiederum haben die Leidenschaft, in Buchform über sich selbst und andere unentwegt Pornographisches zu verbreiten. Wieder andere erzählen, als stünden sie unter Drogeneinfluß, Geschichten von mehreren hundert Seiten Länge, oder sie sind hochgradig hysterisch.

Es ist hinlänglich bekannt, daß Dichter und Schriftsteller widerborstige Leser sind; sie fühlen die Last der Verpflichtung, ihre Kollgen mindestens ebenso schonungslos wie sich selbst zu kritisieren. Da ich nun, wenn auch nur ansatzweise, mein Verhältnis zur französischen und englischen Literatur dargestellt habe, so darf ich wohl auch nicht versäumen, meine Erfahrungen mit einem bemerkenswerten Meister ganz anderer Provenienz zu erwähnen, der nicht mehr und nicht weniger war als die Leitfigur der deutschen Literatur in der letzten Generation vor Brecht. Ich meine natürlich Thomas Mann. Als ich die Buddenbrooks in Los Angeles zum ersten Mal las, glaubte ich, all die Ansichten über die deutsche Literatur, zu denen ich mich auf Grund von Erfahrungen berechtigt fühlte, radikal korrigieren zu müssen. Unter dem Eindruck der unerwarteten Begeisterung, in die ich beim Lesen dieser Chronik verfiel, raffte ich mich dazu auf und las das meiste und Wichtigste von dem, was Thomas Mann bis dahin verfaßt hatte, doch — wie ich gestehen muß — mit mehr Bewunderung für seine allgemeine Intelligenz und Bildung als etwa mit überströmender Begeisterung für seine Dichterische Kraft, die zwar für eine Familienchronik wie die Buddenbrooks ausreichte, die aber offenbar nicht die notwendige Nahrung im deutschen literarischen Erbe fand, um einen solchen Autor zur poetischen Vollendung gelangen zu lassen. Thomas Manns zweites Hauptwerk zum damaligen Zeitpunkt, Der Zauberberg, von dem erzählt wurde, daß er zu seiner Abfassung 16 Jahre gebraucht habe, ertrinkt als Dichtung in dem alptraumhaften Übermaß von Philosophieren, das die Deutschen ruiniert und aus dem ihnen leider eine der Landplagen der Welt zu schaffen gelungen ist. Wenn die Deutschen am besten schreiben, so schreiben sie wie die Professoren; eben dieser professorale Stil ist es, der Thomas Mann als epischem Dichter zum Verhängnis wurde. Es ist schwer zu sagen, ob der Traditionsmangel der deutschen Erzählkunst in der Unvollkommenheit der deutschen Sprache wurzelt oder ob umgekehrt die Mängel der Sprache daher rühren, daß sie zu wenig der Erzählkunst angepaßt wurde. Eine deutsche Literatur wurde eigentlich nie recht geschaffen, es gibt auch keine entsprechende Tradition in früheren Zeiten, sondern lediglich hier und da in den Provinzen lokal begrenzte und durch lange Zeitabstände voneinander getrennte einzelne Ansätze; im 17. Jahrhundert hatten die Deutschen bereits so sehr resigniert, je eine eigenständige Literatur zu schaffen, daß sie begannen, auf französisch zu dichten. Schließlich unternahm man doch noch eine Anstrengung, zu einer für ganz Deutschland einheitlichen Schriftsprache zu gelangen. Vorher war ‹Deutsch› nur ein vager Sammelbegriff für einige volkstümliche Dialekte innerhalb des ‹Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation› gewesen. Der erwähnte Versuch hatte zur Folge, daß alles, was an Mundart erinnerte, ziemlich rigoros aus der Schriftsprache eliminiert, die ‹feine› Sprache dagegen aus der spezifischen Redeweise der schlechtgebildeten Adligen im östlichen Mitteldeutschland, aus der Kanzleisprache von Beamten und aus schulmeisterlichen Nachahmungen von Lateinübersetzungen zusammengebraut wurde.

Dieses farblos-sterile, steife und unvolkstümliche ‹Esperanto› der Deutschen, ihr Hochdeutsch, versucht in immer sich wiederholenden romantischen Anläufen vom 18. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart hinein, sich Bahn zu brechen zu etwas, was Ähnlichkeit mit volkstümlichem Ursprung hätte; entweder indem es sich zur Vorstellungswelt der Bauern und kleinen Handwerker zurückwendet oder indem es sich geistig durch die Exhumierung eines fiktiven Mittelalters zu inspirieren trachtet. So geschah es, daß die Werke romantischer Lyriker, von denen Heinrich Heine alle haushoch überragt, zu ‹hochdeutscher› Literatur wurden. Doch war die Romantik ihrem Wesen nach nie etwas vollkommen Echtes; vieles in ihr ist affektierte Sentimentalität, archaisierendes Epigonentum, Ossianismus, schwärmerische Begeisterung für den Landmann und die schöne Müllerin, für Handwerk und Mittelalter, für ‹Ferne›, grandios-bizarre Landschaft, einsame Klippen, die eher Widerstand gegen den Zeitgeist als dessen Ausdruck war. Deutsche Klassik hat es zu keiner Zeit gegeben; die Romantik war unter Wagner absurd geworden, verbrecherisch wurde sie unter Hitler.

Abgesehen von der Lyrik erscheint das zusammengeklitterte Deutsch als ein ungepflügter Acker. Es wird Erzählern wie Dramatikern zur Fessel und hat deutsche Genies zu Torfstechern degradiert. Einzelne große Werke wie die Buddenbrooks ändern nichts an dieser Tatsache, auch nicht das einmalige dramatische Schaffen Brechts, obwohl er als das wahre deutsche Wunder unserer Zeit zu bezeichnen ist. Sogar Goethe, den die Deutschen mit Gewalt vor sich selbst und der Welt hochgelobt haben, war nie etwas anderes als nur der Anlauf zu einer deutschen Klassik. Selbst ein Opus magnum, das Faust-Gedicht, das den Anschein erwecken will, als wäre es eine Art Drama, ist zum überwiegenden Teil nichts anderes als eine konformistische Schulmeisterdichtung, die sich, je weiter das Werk fortschreitet, in zusammenhanglose Wahnvorstellungen auflöst. Desungeachtet findet sich zweifellos in diesem Werk so manches bedeutende Stück kristallklarer Lyrik, die in einem Atem zu nennen ist mit der stattlichen Reihe Goethescher Gedichte, die unbestritten der Gipfel seines Schaffens sind.

Halldór Laxness

Laubacher Feuilleton 6.1993, S. 11
Aus: Halldór Laxness, Zeit zu schreiben. Ullstein Verlag, 1991, S. 47 – 50; mit freundlicher Genehmigung

 
Fr, 16.10.2009 |  link | (1371) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Erinnert das...?

Philosophisch fabelt's, daß alles, was dem Geist so vorschwebt, ein Wiedererinnern vorgeburtlich geblickter Ideen ist (Plato), tragödisch gemünzt werden dadurch Schlüsselstellen des Erkennens im Drama heraufbeschworen (Aristoteles): familiäres Wiedererkennen, Happening, Ödipus erinnert sich. Rhetorisch taucht Erinnern in zweierlei Funktion auf. Als admonitio — jemand soll sich an etwas oder einer Sache erinnern, um zur ethischen Umkehr zu gelangen («ich erinnere euch aber, lieben brüder, des evangelii», 1. Kor. 4, 17) — und im Sinne der memoria, des wiederholenden Bewußtseins. Daraus macht Freud eine archäologische Tiefenhermeneutik, Patienten mit der Nase oder dem Genital auf Erinnerungen im Wunderblock der Seele stoßend, diese Wachsplatte, in die halbleserlich Spuren geprägt sind. Man erinnert sich gründelnd. Man erinnert sich an Alltagstriviales und -quadriviales, es fällt einem eben ein, man erinnert sich jemandes, etwas ist einem gar erinnerlich — nun aber soll es um eine Wendung gehen, die zwar vereinzelt schon im 19. Jahrhundert auftaucht, aber erst in den letzten Jahren so richtig an Tempo gewonnen hat: erinnern ohne persönlichen Akkusativ: eine Sache, einen Inhalt, kurzum: etwas erinnern.

Der direkte Zugriff, den die englische Sprache mit dem häufigen Gebrauch des Akkusativ nach Verben des öfteren beweist, dort nicht ohne trockenen Charme von Oxford und Cambridge, wird hier zu einer ausgepichten Lehnwendung (von «to remember sth.»), zum bald institutionalisierten Anglizismus. Verknappung angedeutet, Präzision suggeriert, kein Zaudern zugelassen, man spart 6 (in Worten: sechs) Buchstaben im Vergleich zum Dativ mich an oder dem Genitiv dessen, seiner oder ihrer, abgesehen vom Inhalt, der eben zupackenden Wesens ist, den Sprecher als vom Schlage eines ausgebufften Managers darbietet — solche Atmosphäre verbreitet ich erinnere etwas. Und wird damit zu einem Chamäleon der Gegenwartssprache: dem Frühstücksdirektorendeutsch, das mit dem «Ja gut, ...» verschwitzt interviewter Fußballprofis beginnt, einer phatischen Phrase zum (gedanklichen) Luftholen, die ineins alles dementiert und kommentiert, und etwa endet bei «ausgelasteten Kapazitäten, die durch nichts mehr zu überbieten sind» [sic]. Darf in solcher Gegenwart die Kunst womöglich noch heiter sein und abgehetzten Yuppies nette Zerstreuung bieten, müssen demgegenüber die Strömungsverhältnisse der Alltagssprache reibungslos funktionieren.

Man freut sich schon, in der Ära postmodernen Wissens (mit geringsten Halbwertzeiten von Erinnerungen) überhaupt auf gelegentliche Erinnerungen zu stoßen, und sei es mit Akkusativ. Und doch wird die Alzheimerisierung von ausgewachsenen ehemaligen Bundeskanzlern nicht verhindert, die — Blackout! tschulligung! — nicht mehr so genau erinnern, wer welcher Partei wann was gespendet hat; ebenso verkürzt sich die Halbwertzeit der Informationen im Medientaumel zwischen Jugoslawien, Rostock überall, Lottozahlen und Steffi Graf. Etwas erinnern tröstet über so manchen Gedächtnisausfall hinweg, ist eine Allmachtsphantasie, die aber den Sprecher und den Zuhörer darüber täuscht.

Anglisierte Wissenschaftssprache der 70er Jahre macht's möglich, vom brainstorming, es hirnstürmt so frei flottierend und doch so gruppendynamisch ertragreich, über workshop, Kunst ist machbar, bis zu kaum zählbaren Lehnwendungen, die mehr oder weniger Sinn machen (make sense) und allesamt Verkünder mächtiger Aktionen von toughen trendies der Gegenwärtigstsprache sind. Meditativ-melancholisch nimmt sich dagegen noch das Unterfangen Prousts aus, der sich an die verlorene Zeit erinnern will, dessen Helden beim Eintauchen eines Madeleine-Kekses in Lindenblütentee eine Kindheitsszene aufleuchtet, die das Epiphanische, Gesichthafte, Unfreiwillige einer Entdeckungsfahrt hat. Nichts wird da erinnert, sondern etwas taucht auf, wird offenbar, in einem Vorgang, der selbst so beeindruckend ist wie das, an was sich da erinnert wird.

Nein, keine Oberlehrerklage gegen Sprachverfall, auch nichts gegen die Durchlässigkeit einer Sprache gegenüber einer anderen und umgekehrt, diesen interessantesten Vorgang von produktiver Deformation. Aber ein kleines Plädoyer für das Umständliche, das Umwegige der Präposition: zu retten ist hier nicht nur der Genitiv des Sich-einer-Sache-Erinnerns, sondern auch der Dativ des reflexivischen «sich an etwas erinnern», die sich imprägnieren gegen die ökonomisierenden Übergriffe des Akkusativ-Objekts. Sonst wird's am Ende noch persönlich, mit einer hinterhältigen Art des Andenkens: man erinnert jemanden ...

Ralph Köhnen


Laubacher Feuilleton 4.1992, S. 1
 
Mi, 24.06.2009 |  link | (1514) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Wetten da’ss??

Ein apo’strophiertes Resignativum

Über die Physiognomie der Satzzeichen hat sich kaum jemand treffender geäußert als Adorno, der dabei teils auf ihre Semantik, besonders aber auf ihre optische Wirkung liebevoll einging. So sperrt der Doppelpunkt den Mund weit auf, schwierig, ihn zu füllen; das Ausrufezeichen ist ein erhobener Zeigefinger; das Fragezeichen ein Blinklicht, ein Augenaufschlag; der Gedankenstrich zieht «stumme Linien in die Vergangenheit, Falten auf der Stirn der Texte». Das Semikolon (aussterbensbedroht! Rettungsbedarf!) ist ein respektheischender Hängebart mit Wildgeschmack (sic). Auch den Hang zur Musik sieht Adorno bei den Satzzeichen: die Ausrufungen seien «lautlose Beckenschläge», Fragezeichen «Phrasenhebungen nach oben» und Doppelpunkte gar Dominantseptakkorde.

Der schöne Versuch zur Synästhesie der Zeichen ist immer noch fortzuschreiben, hier mit einem bislang recht unscheinbaren Gegenstand: nämlich dem Apostroph vor dem s, das bislang dem englischen Genitiv vorbehalten war und im Deutschen dazu diente, bei Eigennamen, die mit s enden, ebenfalls den Genitiv anzuzeigen, vor allem aber Auslassungen von Vokalen unter bestimmten Bedingungen anzuzeigen — das wäre zum Beispiel poetisches Sprechen, aber auch die Abschleifung von vokalischen Wortanfängen als markierter Nachbildung der gesprochenen Sprache.

Mittlerweile benimmt sich allerdings die geschriebene Sprache immer mehr wie die gesprochene. Länger schon erkennbar ist die Übernahme der englischen Genitivapostrophierung, die nunmehr beste Chancen hat, auch hier lexikalisiert zu werden: überall gibt es jetzt Döbbe’s Brot, Lothar’s Tagebuch, das Schweigen Kohl’s. Becker’s Bester wird im Saftladen angeboten. Werther’s Echte Bonbons bietet eine altertümelnde Variante, zumal im Verein mit dem ›th‹ — man soll das Produkt mit der Tradition des novecento assoziieren und es wohl auf die Zeit vor der letzten Rechtschreibreform von 1901 datieren. Weiterhin hält nun Einzug die Markierung des Plural-s mit Apostroph, also eine Übergeneralisierung des Genitiv-Apostrophs: Auto’s werden angepriesen, Disco’s besucht, Kaffee’s getrunken, und Kunst- und andere Tussi’s oder deren Heini’s von den Uni’s sind in ihren Sprachforschungen sowieso längst so fortschrittlich, die neuesten Erkenntnisse aus dem klopalen Internett beziehen.

Streitfälle und Irritationen? Pommes als Pomme’s oder Pommes’s? Pommes’s frittes’s? Oder lieber doch so lassen?. Schließlich ergibt sich die Chance, vor jedem s, das sich Richtung Wortende auftut, ein Apostroph zu setzen. Folgendes und mehr ist dokumentiert: nicht’s, ein Helle’s, fließend kalte’s und warme’s Wasser – gesehen in felix (felik’s) Bavaria, wo die Entwicklung der Apostrophierung grundsätzlich zügiger vonstatten geht als anderswo, handgemalt auf Plakaten oder gar gedruckt auf Schildern. Der apostrophische Wort-Interruptus ist ein V-Effekt des Alltags, macht stutzig — etwa’s pa’ssiert, etwas erscheint, da’s mich durcheinanderbringt. Aufreizend prangt da’s Apo’stroph, dri’scht es auf da’s zer’störte Wort ein, lauert ihm auf und lagert ‘sich ihm para’sitär an. Werden e’s mehr, typographi’sche Heu’schreckenschwärme, bringt mich da’s ‘staccato, da’s Gehämmer von lauter ‘’’’ in ‘Schwindel. Der Blick geht dann nicht mehr durch die Zeichen auf eine Bedeutung (wie durch’s Gla’s), ‘sondern bleibt daran hängen wie an einem ‘Spiegel. Rät’sel tun ‘sich auf, und der näch’ste ‘Schritt wird ‘sein, zur Vermeidung von Zweifel’sfällen das bloße s auf der Tastatur durch die Kombination ‘s zu ersetzen.

Denn läng’st verbla’sen da’s Gefühl dafür, wa’s nun richtig i’st, jede Erinnerung ein fahriges ‘Schwindelgefühl: i’st ‹nicht’s› ein Genitiv, oder ist’s eine Steigerung des Nichtenden im Plural? Nicht nur die Oberlehrer verlieren ihre Kategorientafeln, lang’sam ‘schwinden auch dem Normal’sprachbenutzer die ‘Sinne. Eine anarchi’sche Ur’suppe i’st zu durch’schwimmen mit lauter hochge’schnürten Genitiv’s, ‘stolzierenden Plural’s u. v. a. Und’soweiter’s, vielleicht verrutscht die Tastatur und es kommt *,+, gsfgölcö45(=(%/%§%§W!“/“§/!`)=()(&%&$§’’’’’’’ Oder ‘’,,’#?()/&=%%%%???

Man wird künstliche s-Wortendungen erfinden, denen man dann in besserwisserischer Pedanterie ein Dümmlichkeitsapostroph verabreicht. Alle Eigennamen wären probeweise in ‘’ zu setzen, auch ganze Sätze, wie in Anzeigen, in denen es ‘’Julia’s Traum bedeutet in Romeo’s neuem Audi TT in Padua‘s Liebesnest beifahren zu dürfen. Aus Paritätsgründen Akademiker bevorzugt‘’, viele Striche oben, dafür keine unten, quasi die eigene zerebrale Unwucht ihrer Genialität wegen vorab als Zitat kennzeichnen. Weiterhin könnte man jedes Wort überhaupt mit ‘’ begleiten, schließlich könnte man durch Kürze und Länge, Dick- oder Dünndruck, Kursivsetzung, Positionierung etc. die 26 Buchstaben des Alphabets codieren, mit Bildzeichen Ø@©•♣•♥♠↔←↑→↓±⎤⎡⎝⎛⎣⎧⎨∫⌠⎭‘s begleiten oder einfach ersatzlos streichen. Welche Vorteile beim Bau von Laptop’s! Daher schließlich der Vorschlag an die Rechtschreibkommission: alle Inkonsequenzen und Absurditäten abzublasen, kleinliche Vokalverdoppelungdehnungdoppel’s’statt’daß’hintervorderläufigkeitpunktuationsauseinanderschreibsorgen sowie auch alle Hoffnungen auf Restalphabetisierung gleich fahren zu lassen, mit einem großen Furz, von dem bislang nicht mal Bill Gates etwas ahnt: Die Schrumpfung des Tastaturumfangs um 96%!! Millionen von Kleinanleger-Tierchen können dann der Milchmädchen-Hausse der mikroelektronischen Branche fröhnen, die ad-nauseam-Diskussionen zwischen Schuldirektoren, Autoren und Regierungshansels haben ein Ende, und alle anderen widmen ihre Aufmerksamkeit dem Fußball, der haute cuisine, den Bildern, den Tönen oder den anderen schönen Dingen, die es vor und nach Rechtschreibreformen gab (und geben wird?).

Ralph Köhnen

Kurzschrift 3.2000, S. 55 – 57
 
Mi, 20.05.2009 |  link | (4866) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Schikoree passt nicht zu Oberginen

Eine Erinnerung an 1993
Erläuterungen zur geplanten Rechtschreibreform

Es ist ruhig geworden um die Rechtschreibreform, seit ihre beinahe einen Bürgerkrieg auslösenden Maximalforderungen abgeschmettert worden sind. Doch im stillen wurde weitergearbeitet, und schließlich einigten sich die zuständigen Gremien in Rostock, Wien, Zürich und Mannheim auf einen gemeinsamen Kanon, der nun vorliegt. Noch in diesem Jahr soll(t)en nach diversen Anhörungen die politischen Instanzen entscheiden*, und 1995 soll das Reformpaket in Kraft treten. Was sich dann ändern wird, darüber gab Anfang des Jahres eine Diskussionsrunde in der Bonner Buchhandlung Bouvier Auskunft, die von der Gesellschaft für deutsche Sprache, Zweig Bonn, sowie der Volkshochschule Bonn veranstaltet wurde.

Angetreten waren — unter der sanften Führung des Fernsehjournalisten Reinhard Appel — der Ko-Autor jener Vorschläge, Gerhard Augst, der Duden-Chef Günther Drosdowski, Georg Gölter, einst Kultusminister von Rheinland-Pfalz, und Franz Niehl, Ministerialdirigent des Landes Nordrhein-Westfalen mit Sitz an der Kultusminister-Konferenz.

Worum also geht es bei dem Reformpaket, und was ist davon vernünftig? Beginnen wir mit dem Positiven: Die Worttrennung am Zeilenende wird stark vereinfacht. Fremdwörter gehorchen nicht mehr allein den Trennregeln der Sprache, der sie entstammen, sondern werden unter das Gesetz der deutschen Silbentrennung gestellt. Man trennt also künftig neben (wie bisher allein) Päd-ago-gik auch Pä-da-go-gik. Auch s und t tut man weh, doch erleichtert das manches. Ein fehlerlos funktionierendes Trennprogramm für Computer wird es dennoch nicht geben, denn auch nach der neuen Regel kämen Trennungen wie Wel-tende oder Blumento-pferde oder Anal-phabet zustande.

Schon weniger Vernunft waltet, wo es um die Reform der Schreibung von ß und ss geht. Nach dem Willen der Kommission soll künftig nach kurzem Vokal stets ss geschrieben werden, nach langem Vokal oder Diphtong ß. Also Fluss und Fuß bzw. (er) passte und (sie) spaßte. Nun wurde von vielen Schreibern das scharfe S eher als Schreibkonvention empfunden — am Wortende und im Wort vor einem Konsonanten hatte statt ss ein ß zu stehen. Das war einfach, nur bei folgendem Vokal bedurfte es der Regel über Länge und Kürze des vorausgehenden Selbstlauts. Wenn nun die Rechtschreibreformkommission ihr Späßchen gehabt hat, muß zumindest der Süddeutsche erst einmal nachdenken oder im Duden nachschauen, wie er das Wort Späßchen schreibt, im Schwäbischen wird da ein kurzer Vokal gesprochen.

Daß die Kommission damit droht, die Konjunktion daß wie den Artikel das schreiben zu lassen, ist eines der Ärgernisse des Reformpakets. Wie soll ein Lehrer seinen Schülern beibringen, daß es sich hier um zwei völlig verschiedene Wortarten handelt? Nur weil das Wort oft falsch geschrieben worden ist, darf man den Fehler nicht sanktionieren (sonst müßte man am Ende noch Triumpf neben Triumph gelten)! Und es gibt im Deutschen lange Schachtelsätze, bei denen es das Lesen erleichtert, rechtzeitig zu wissen, welche Art von Nebensatz beginnt. Ein Beispiel, das fast beliebig verlängerbar wäre: «Man sieht in dem Haus, das (daß) Peter, als er fünfundsechzig Jahre alt wurde und ebenso wie seine Frau noch recht munter war, gebaut hat, eine Skulptur von Breker.» (Oder: «... munter war, nicht einen Funken Geschmack besaß.») Die Schweizer Orthographen haben sich glücklicherweise dieser Idee verweigert, und man kann hoffen, daß die Konjunktion uns nach 1995 als dass erhalten bleibt.

Bei der Schreibung von Fremdwörtern will man manches vereinfachen, so soll etwa die Schreibung von Wörtern aus dem Französischen, die mit é, ée oder ee enden, künftig vereinheitlicht werden. Die alten Formen bleiben daneben bestehen. Es wären hierbei sogar noch weiter gehende Vorschläge denkbar: So soll künftig Schickoree neben Chicorée stehen können und Nessessär neben Necessaire, aber nur Dränage neben Drainage (und nicht — wenn schon, denn schon — Dränasche) und Obergine neben Aubergine (und nicht Oberschine). Immerhin darf man endlich Hämorriden haben, ohne als ungebildet zu gelten. Wie schwierig dieses Problem zu sein scheint (womit nicht etwa die Hämorrhoiden gemeint sind), sieht man an einem Fehler, der diesem Gremium der Orthographie unterlaufen ist: Es soll künftig als ‹integrierte› (also dem Deutschen angeglichene) Schreibung preziös neben pretiös stehen können. Das Wort pretiös hat's aber nie gegeben, da preziös vom französischen precieux abstammt und in diesem Wort weit und breit kein t auszumachen ist.

Am härtesten trifft die Orthographiereform die ohnehin schon arg gebeutelte Tabakindustrie. Man soll nämlich künftig statt Zigarette — analog zu ZigarreZigarrette schreiben. Also wird die Beschriftung aller Verpackungen geändert werden müssen, wenn die Reform nicht blauer Dunst bleibt.

Im Falle der Zusammen- und Getrenntschreibung klingen die Vorschläge recht brauchbar. Grundsätzlich soll auseinander geschrieben werden, was nicht untrennbar verschweißt ist. Man wird also Rad fahren, wie man Auto fährt und Eis läuft. Die Differenzierung der Wortbedeutung durch Zusammen- oder Getrenntschreibung soll weitgehend aufgehoben werden (Ausnahme z. B.: gut schreiben und gutschreiben); der arme Schüler, der die Orthographiereform nicht versteht, wird dann sitzen bleiben wie der Buchhändler auf seinem Rechtschreib-Duden. Warum man aber selbst nach der Reform noch statt dessen und infolgedessen schreiben wird, ist unverständlich. Doch vielleicht klärt sich da manches bei der Arbeit am noch zu erstellenden Wörterverzeichnis. Bislang liegt nur das Regelwerk vor, das die Regeln von 1902 ablösen soll.

Die Zeichensetzung, besonders die Komma-Setzung, wird äußerst moderat angegangen. Im Grunde ändert sich nur etwas bei den Kommata vor und nach dem erweiterten Infinitiv. Hier soll weitgehend der Schreibende entscheiden, ob er ein Komma setzt oder nicht. Auch beim Komma vor und und oder zwischen Hauptsätzen erhält der Schreibende eine ungewohnte Freiheit.

Zur Groß- und Kleinschreibung, der Crux der deutschen Orthographie, liegen drei Vorschläge auf dem Tisch: einmal eine Festschreibung des Status quo, dann eine behutsame Vereinfachung und schließlich die ‹gemäßigte Kleinschreibung›, bei der im wesentlichen nur Satzanfänge und Eigennamen groß geschrieben werden. Dieser letzte Vorschlag wird von der Kommission einstimmig empfohlen, doch ist er, wie sich gezeigt hat, politisch nicht durchsetzbar. Eine große und vernünftige Vereinfachung, der nur optisch etwas zum Opfer fiele, scheitert an der irrationalen und falschen Auffassung von Tradition. Ohne ihr Kernstück aber bleibt die Orthographiereform trotz guter und richtiger Ansätze auf halbem Weg stecken.

Georg Altenrepen

* Eine erste Anhörung zur Rechtschreibreform fand am 4. Mai 1993 im Wissenschaftszentrum Bonn statt.

Laubacher Feuilleton 8.1993, S. 13

Nachdruck aus: Kulturberichte des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute e. V. (Aski), 1/93, Seiten 17—19; mit freundlicher Genehmigung des Autors (hinter dessen Pseudonym sich ein Verleger verbirgt; deshalb hier kein biographischer Hinweis).

Die Photographfie sztamt von quapan unter CC.

 
Sa, 09.05.2009 |  link | (1247) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Das helle Feld

R. S. Thomas

Eines erbat ich
vom Richter für Fragen
des Lebens: daß die Wahrheit sich der Schönheit
füge. Das wurde nicht gewährt.


Daß man jenseits aller Verabschiedungsgesten und moderner Überbietungsästhetik immer noch Liebesgedanken, Technikskepsis, religiöse Themen und Naturbilder in Lyrik fassen kann, ohne langweilig oder redundant zu sein, mag erstaunen. Und doch gibt der Auswahlband des walisischen Dichters R. S. Thomas hierfür einige Hoffnung.

Die Bandbreite seiner Themenbereiche erfordert verschiedenste Termini, die ihren je eigenen Stimmungshorizont mitbringen. Gelegentliche naturwissenschaftliche Begriffe wirken in den Gedichten schroff ihrer Umgebung gegenübergesetzt, stehen aber doch nicht dilettantisch da; sie behalten ihren Eigenwert und fügen sich dennoch in den Kompositionsduktus. Die Übersetzung (von Kevin Perryman) arbeitet diese Kontraste genau heraus, bindet sie aber stilistisch ebenso wie das Original in einen übergreifenden Zusammenhang, der gleichwohl unabgeschlossen, stets auf der Suche bleibt und jeden Jargon der Eigentlichkeit durch Aussparungstechnik vermeidet. Sicherlich ist dabei ein ‹Deus absconditus› im Spiel, wie der Übersetzer im Nachwort bemerkt, ein verborgener Gott in einer leeren Kirche, aber es ist auch ein von Rationalitäts- und Fortschrittswahn verstoßener. Darüber wird nicht nur die Natur zum letzten Statthalter Gottes, sondern die Welt wird selbst zum Buch, romantische Universalpoesie fortschreibend. Die Skepsis gegenüber blindem Fortschrittswahn und Technik wird offenkundig, die Angst vor der Maschine geht manchmal so weit, daß sogar das Gedicht zum Apparat mit Formzwängen zu werden droht.

Die Lyrik Thomas' entkommt jedoch jeder Mechanik, indem sie auf eigenwilligen Enjambements besteht, mit in der Strophe unvollständigen Verbkonstruktionen nach der nächsten Strophe greift.

Die konkret benannten Dinge sind eigentümlich in der Schwebe gehalten — dies spiegelt sich auch in der harten Fügung der Satzteile, ihren gelegentlichen Verstößen gegen die konventionalisierte Sprache, in der unterbrochenen Satzmelodie und gelegentlichen Rhythmusstörungen, wie sie auch die Übersetzung geschickt wiedergibt. Die Dinge sind sublim, ohne doch die Härte ihrer Kanten zu verlieren. Eine knappe Wendung mag dies verdeutlichen: «während die Luft zerfiel/so großzügig über mir gebrochen wie Brot». Das Abendmahlsmotiv klingt an, kühne Attributierungen werden vorgenommen, doch wirkt auch der distante Vergleich von Luft und Brot nicht holprig, sondern erzwingt den Versuch, das Bild nachzuvollziehen: die Luft wird zum harten Gegenstand ummarkiert, das Brot hingegen verliert alle Schwere. Immer ist die Leichtigkeit der Vorstellungen an die Schwere der Dinge gebunden, ganz verwandt der Lyrik des Amerikaners William Carlos Williams und dessen Credo: «no ideas but in things».

Wenn die Kritik von einer «schönen Balance zwischen Emotion und Nüchternheit» spricht (Harald Hartung in der FAZ), so müßte man doch noch genauer sagen: es handelt sich um eine Nüchternheit, die in darstellerischen Diensten der Emotion steht. Um diese zu retten — und Thomas hat genug Gespür dafür, daß das pure Schwelgen nicht mehr geht —, ist der Stil lakonisch zurückgehalten, auf Knappheit reduziert, voll von abrupten Brechungen, von unaufgelösten Paradoxa, in denen sich permanenter Zweifel äußert. Und auch dieser Ton wird in der Übersetzung genau getroffen, die sich nicht gegenüber dem Original profilieren will, sondern dessen Fülle und Skepsis zugleich evoziert. Wenn auch manchmal die Szenen zum Idyll tendieren («eternity is here in this small room»), sind sie fast nie in der Gefahr, zu verkitschen.

Ein guter Teil der Gedichte handelt von der strömenden Beziehung zu einem Du, verfällt aber nicht in den Fehler der direkten Anrede (wie ihn noch Benn in seiner Marburger Rede über Lyrik markiert hatte). Der weibliche Körper kann Verwandlungen an Dingen vornehmen, Körperworte sprechen — die Frau wird zur Dichtung, die dann den Weg in das Buch zurücknimmt und zum Wortkörper wird: «from the familiar prose/of her body make his way back/to his book». Das Titelmotiv des Gedichtbandes, das «helle Feld» läßt sich derart auch metapoetisch lesen als unbeschriebener Grund, als leere Haut, vielleicht als «page blanc» im Sinne Mallarmés, als papierner Fluchtpunkt von Hoffnungen. Gerade dieser körperliche Aspekt von Sprache läßt es passend erscheinen, daß das Buch selbst sein Material thematisiert mit Büttenumschlag, roh belassenen Papierkanten oder bedachtsam gewählter Drucktype.

Ralph Köhnen

Laubacher Feuilleton 19.1996, S. 12

Die Photographie ist ausgeliehen vom R. S. Thomas Study Center © Bangor University.

 
Do, 02.04.2009 |  link | (1102) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Von der Würdelosigkeit des Schreibens

Schriftsteller sind die geheimen Gesetzgeber der Welt, sagte Shelley. Aber ich behaupte, sie sind nicht mal unsere Müllmänner und Straßenkehrer. Im Gegenteil: Umweltbewußt, wie wir sind, grüßen wir die lustigen kleinen Kümmeltürken in ihren Apfelsinenkluften und freuen uns, daß es sie gibt. Das hindert uns freilich nicht, uns zusätzlich zu freuen, daß für dieses Gekrame in unseren Abfällen irgendwelche Exoten existieren, die nichts dabei finden.

Und wirklich, es gibt ja edlere Berufe. Und wer ganz hoch hinauswill, bis drei zählen kann und Einfälle hat, setzt sich hin und schreibt.

Diese Arbeit ist schwer, schädlich und gesundheitsschädlich. Aber vor allem ist sie entwürdigend. Daß wir uns für sie noch keine Anatolier geholt haben, liegt nicht allein an der Sprachbarriere. Es liegt vor allem daran, daß das Entwürdigende dieser Arbeit als das natürliche Risiko dieses Berufes aufgefaßt wird — soweit es überhaupt bekannt ist.

Schriftsteller sind definiert durch das Privileg, ihre Neurosen in die Öffentlichkeit zu tragen. Ferner durch den glücklichen Umstand, daß sich oftmals Leute finden, die es ihnen bezahlen. Logisch, verlangt solches Privileg einen hohen Preis: Kein Berufstätiger muß so tief hinab wie der Schriftsteller.

Als ich im Zuchthaus war — damals hieß das noch so —, hatte ich u. a. auch zu tun mit dem Problem der Entwürdigung. Insofern war ich auf meinen Beruf gut vorbereitet. Aber für dessen besondere Seiten hat die alte Schule dann doch nicht ausgereicht. Etwa ist der Wächter dazu angehalten, die Gefangenen korrekt zu behandeln. Ja bereits im Vernehmungszimmer der Polizei hängt ein diesbezügliches Poster: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Im Freigelände der Schreibkultur gibt es kein Ministerium, das besagte Korrektheit überwacht und keinen Wandschmuck, der an das Grundgesetz erinnern könnte.

Handstand kann nicht jeder, selbst Malen muß man irgendwie lernen, aber schreiben können alle. Und da das Schreiben neben dem Reden, dem menschlichen Mitteilungsbedürfnis, ideal entgegenkommt, tun sie's auch. Verrückterweise sind die Resultate hier verkäuflich, oder jedenfalls haben sie, selbst als Schubladenhüter, Warencharakter. Und so wälzt sich ein Strom schreibender Ameisen auf die Redaktionen zu: ein Fall von kultureller Naturkatastrophe. Man kann darauf herumtrampeln, wie man will, der Strom strömt und strömt, und die Redakteure und Lektoren können die Türen verrammeln, wie sie wollen: Die Post findet immer noch ein Loch und schmeißt ihnen die Papierpakete in die entsetzten Gesichter.

Die Würdelosigkeit beruht also erstens auf dem massenhaften Dasein der Schreiber und zweitens auf ihrer faktischen Nutzlosigkeit. Zwar: Das Fernsehen kann nicht leben ohne sie, es gäbe keinen einzigen Buchverlag ohne sie, aber gegen den kraftvoll konkreten Vorgang des Brotbackens etwa ist das bloß Rascheln mit Geist, doch ohne eine recht luftige, um nicht zu sagen seriöse Tat. Jemand, der etwas schafft, ohne wirklich etwas zu schaffen, muß wohl bereit sein, zu akzeptieren, daß seine dubiose Position die entsprechende Bedienung erfährt.

Mal angenommen, ich sei der Inhaber einiger leerstehender Wohnungen unbehandelten Zustands. Kaum wird das ruchbar, kommen die Könner schon angerannt: Möbeischreiner, Innenarchitekten, Maler. Nach sechs Wochen sind alle Zimmer in Schuß, und schon ein halbes Jahr später komme ich selbst höchst eigenhändigen Fußes, beschaue die Werke und schweige sie an. Jedoch — da sie mir nicht recht zusagen, drücke ich den Machern und Lieferanten einige hektographierte Blätter in die Hände des Inhalts, sie könnten ihr Zeugs wiederhaben, worin sie aber bitte kein Werturteil sehen möchten mit freundlichen Grüßen.

Ein derart behämmerter Vorgang kommt in unserem Wirtschaftsleben gottlob nicht vor. Eine Fülle gesetzlicher Sperren würde ihn schon im Ansatz verhindern, er hätte Scheußlichstes zur Folge: Zahlungsbefehle, Betrugsanzeigen, Drohungen mancherlei Anwaltskanzlei, es wäre schon gleich die Funkstreife da, um nach dem Irren zu schauen, und das Amtsgericht hätte sich alsbald mit der Frage zu befassen, ob über einen derart ausgefallenen Beschäftigten von Handwerksleuten nicht die Pflegschaft zu verhängen sei.

Aber wie gesagt, das alles geschieht ja nicht. Vielmehr besteht in unserer Wirtschaftsordnung doch ein großer Konsens darüber, daß jede Arbeit ihres Lohnes wert sei.

Der Schriftsteller ist in diesen Konsens nicht einbezogen, aber wie schon erwähnt, das ist sein eigenes Risiko. Es ist auch die Basis seiner Entwürdigung. Wer sich bereit findet, gratis zu arbeiten, kann konsequenterweise nicht erwarten, daß man ihn sonderlich hoch einschätzt. «Was nix kostet, ist auch nix», sagt der Volksmund, wobei er freilich in einem Punkt irren kann: Das Kostenlose kann durchaus etwas sein.

Richtig dagegen ist, daß es aus Händen kommt, die moralisch längst in den Gully gesaust sind. Kunstprofis aller Couleur kennen sich aus: von der Kultur etwas erwarten zu wollen, heißt Wasser finden wollen in der Wüste (womit schon eingeräumt ist, daß es Oasen gibt). Das Betragen der an den Machthebeln befindlichen Abendlandswächter würde oft kaum ausreichen für die Aufnahmekontrolle im Obdachlosenasyl. Wenn etwa Deutschlands edelster Verlag einem Schriftsteller mitteilt, im Zuge eines großen Hausputzes seien dessen Manuskripte entdeckt worden und «diese sind bei Ihnen doch sicherlich besser aufgehoben als bei uns», dann beschreibt das eben, um im Bild zu bleiben, die Beziehung eines Wüstenscheichs zu seinen Kamelen. Er braucht sie zwar wie die Luft zum Leben, weiß man, aber unbestreitbar stinken sie und benötigen ab und zu einen Tritt.

Dieser Stil, so originell er sich anhört, folgt jedoch nur dem uralten Grundmuster des Absolutismus. Zwischen unangreifbar Mächtigen und total Abhängigen gibt es schon theoretisch keine Möglichkeit vernünftiger Kommunikation. Das Bestreben des Schriftstellerverbandes, bessere Klauseln zu erreichen, bedeutet da nur ein Kurieren an Symptomen: ein Teilchen der absoluten Macht soll umgewandelt werden in einklagbare Rechte der Beherrschten ein Bemühen, das nur dadurch nicht lächerlich wirkt, daß besagte Beherrschte durch Zusammenrottung ihrerseits Machtstruktur herzeigen. Faktische Macht üben sie jedoch nicht aus, höchstens eine moralische, und deren Geltung und Respektierung ist wiederum abhängig vom Urteil ihrer kommerziellen Gegner.

Man kann sich vorstellen, wie das ausfällt; denn ein Streik der Ameisen ist nicht zu befürchten. Legt die eine keine Eier mehr und platzt darob, tut's eine andere, und in dieser Zuverlässigkeit liegt die Schwäche des gesamten Heeres. Der Mensch hat jedoch die köstliche Freiheit, nicht schreiben zu müssen. Daß er sie sowenig nutzt und erst dann wirklich resigniert, wenn ihm schon der Gerichtsvollzieher ins Haus und der Suff aus den Ohren läuft, liegt — abgesehen vom Drang der Seele zur Schreibmaschine — an der optischen Attraktivität des Schriftstellerberufs. Man hockt sich hin, popelt sich was aus dem Hirn, macht es zu Geld, läßt sich ehren, wälzt seinen Namen durch anderleuts Mund, und die Kritiker schütten Hormone aus und fallen ergriffen vom Stuhl. Das ist schon eine herzerfreuliche Masche, einen Bogen zu schlagen um Stechuhr und miese Chefs. Hinzu kommt der Touch des Erlauchten. Wer Feuilletons liest, muß den Eindruck gewinnen, Schriftsteller seien die Zierde des Erdkreises; nach wie vor lämmert Lorbeer um ihre Schläfen und kitzelt die Nüstern.

Wer dagegen Kohlen schaufelt 700 Meter untertags, kommt erst dann in die Zeitung, wenn ihn ein Schlagwetter an die Wand klatscht.

Hinzu kommt das Künstlertum. Es hockt im Herzen wie eine Hummel im Hintern und macht Radau; bis heute ist eine zuverlässige Therapie weder bekannt noch gefragt. Hinzu kommt der Eindruck, jedes Leben, soweit gelebt, sei «ein Roman». Es haben schon weniger Menschen mehr erlebt, als aus allen bisherigen Büchern zu erlesen war, mit Recht fühlt sich der Geist provoziert, nun endlich zu sagen, was noch niemand gesagt hat und freilich auch niemand hören will.

Kurz: Die Chance, nicht schreiben zu müssen, existiert bedingt. Der berufene Autor ist mithin unfrei, und das wissen seine Benutzer und nutzen den Zwang, mit dem er sich selber ausliefert und gehalten ist, den Absolutismus in nomine artis zu akzeptieren.

Es ist in unserer Gesellschaftsordnung der einzige Absolutismus, der bis heute keine Reform, geschweige denn eine Revolution erfahren hat. So dramatisch das klingt, so dramatisch ist es im Grunde. Hier hat sich ein Reservat total veralteter sozio-ökonomischer Beziehungen erhalten, das nur deshalb nie eine Reform erfuhr, weil es sozi-ökonomisch ohne jedes Gewicht ist. Wäre der Schriftsteller ein so bedeutsamer Faktor wie die von ihm unterhaltene Industrie, hätte er sich längst seine Rechte geschaffen. Um wieder ein Bild zu bringen, nachdem es die Wörter nicht bringen: Eier ohne Hühnerfarmen wären heute unerschwinglich; folglich brauchen wir Hühnerfarmen. Aber die Hennen dürfen nicht zur Bundestagswahl, sie haben schon nicht mal ein Recht, über ihre Eier zu befinden. Mehr weich, mehr hart — erste Pflicht eines jeden Huhns ist, den Schnabel zu halten. Ein Autor hat schon Glück, wenn er irgendwo und -wann abgekocht und verbraten wird und am Ende sein Name jenes Menü benamst, auf das im Grunde wiederum zu verzichten wäre.

Da keine innere Notwendigkeit besteht, diese Konstellation zu ändern, wird sie um so fester, je älter sie wird. Daher kommt es, daß nicht einmal der Erfolg eines Autors ihm jene Immunität verschafft, die ihn endlich schützen könnte vor der Entwürdigung. Sicher, aber irgendwann ist man nett zu ihm, und der Dramaturg kommt selbst und reicht ihm den Aschenbecher. Denn von diesem Autor, weiß man, kommt noch was, er hat ein geniales Legeloch.

Ein Autor, der sich nicht auskennt, zieht daraus falsche Schlüsse. Ich bin durch! sagt er sich, aber durch ist auch der Schiß nach einer Sitzung; die Formulierung ist mithin kein Indiz. Tatsache ist vielmehr, daß auch der halbwegs etablierte Autor seine Manuskripte nur am Lieferanteneingang abliefern kann, und damit ist seine Mission erschöpft. Wer geliefert hat, ist, im strengsten Sinne, kein Lieferant mehr, und die Sinne sind streng.

Schriftsteller, Lektoren und Dramaturgen bestehen da korrekt auf Berufstreue. Folglich praktiziert der Schriftsteller seine Manuskripte in die Weiterverarbeitung wie ein Irrer den Speck in die Mausefalle: Vorsichtig lanciert er den Brocken in das höllisch gespannte Ding, und gerade kann er noch die Finger wegziehen, bevor es zuschnappt.

Das Manus gerät aufs Förderband, ein Regisseur kommt und sagt: Das machen wir schon. Der Autor kommt und will noch wat mitpiepen — der Regisseur ruft sofort die städt. Müllbeseitigung an und regt sich auf: Bitte, wer ist jenes Ungeziefer, wieso wird das nicht abgefahren?

Der Autor hat nur wenig Ahnung, was er mit seinem Schrieb eigentlich gewollt hat. Ahnung haben, ist wiederum Sache der Kunstgestalter, sie brauchen nur den Rohstoff, versehen ihn mit Titel und Drall und teilen dem Piependen mit: «Ach, das haben wir gar nicht so gerne, wenn der Autor da noch Einfluß nimmt, wissen Sie, es ist immer so, wenn der Autor mitredet, das gibt oft nur Ärger, und eigentlich ist das hier auch gar nicht üblich, das wird nicht gern gesehen, wie geht's Ihrer Frau?»

Es geschieht tatsächlich — und das ist die Regel —, daß dem Schriftsteller nicht zugetraut wird, zu wissen, was er mit seinem Stück gemeint hat und was er sagen wollte. Und das liegt zum Teil auch daran, daß die angestellten Meiner und Sager von ihrer Seele her oft selber Schreiber sind und nur den Absprung nicht schafften in eine mehr eleusische Position. Logisch machen sie sich über die Eier her und sagen: Er ist ein armes Huhn, man muß ihn vor sich selber schützen.

Je inniger hier die Beziehung zwischen Lieferant und Verarbeiter, um so härter das Mißtrauen. Das kann nicht ausbleiben angesichts der Tatsache, daß die befindenden Weiterverarbeiter eine Art Liebesverhältnis haben zur Literatur oder jedenfalls so weit bewandert sind, um zu wissen, daß ‹es› besser wäre, wenn der Autor es so geschrieben hätte, wie sie es selbst geschrieben hätten, wenn sie mehr Zeit hätten, aber nun, und das läßt sich ja kompensieren. Und da Machtbesitz zugleich auch Besitz von Kompetenz insinuiert — jedenfalls im Absolutismus ist das so —, sind die Autoren allemal diejenigen, die sich gefallen lassen müssen, von Inkompetenten befunden zu werden. «Sie hätten», sagt der 90-Kilo-Kritiker zur Ballettratte, «beim Aufhellen des Sonnenlichts etwas elegischer hüpfen müssen» — das alte Problem von Schöpfung und Bewertung. Das erinnert wieder ans Zuchthaus. Dort schrieb mir der Oberlehrer zwecks Genehmigung eines weiteren Hefts ins Heft: «Gute Schanze zu weiterem guten Ausdruck, weiter so!» Der gerissene Autor lächelt dazu und macht weiter so, damit er das Heft bekommt. Er ist also einverstanden mit dem neuen Titel seines Werks, er ist einverstanden mit der aberratischen Inszenierung seines Stücks, und der Boß kommt und sagt: «Sie sind ein guter Autor, mit Ihnen kann man auch gut arbeiten. Sie haben ein klares Verhältnis zur Praxis. Wir können Sie — höre ich heraus — vorzeitig entlassen wegen guter Führung.»

Nicht eingehaltene Termine, gebrochene Versprechen, keine Entschuldigung nach allem, windige Zusagen, Optionen ohne realen Hintergrund, unbeantwortete Briefe, hektographierte Bescheide auf Einsätze, die bis ans Leben, zumindest an die Leber gehen. Der Autor, gerissen und bereit, die Mißhandlung hinzunehmen als konsequente Emanation des Absolutismus, frißt das alles wie Wasser und sagt sich: «Irgendwann bin ich durch.»

Gleichwohl gibt es Zeichen seiner Respektierung. Z. B. geht die Kulturindustrie von seiner übermenschlichen Überlebungskraft aus. Circa 200 Jahre, kalkuliert sie, wird er leben. Nach einem halben Jahr teilt sie ihm mit, daß das Manuskript noch einigen Kollegen vorzulegen sei, wenn Sie sich bitte bis dahin gedulden. Nach einem weiteren Jahr «sollte man über die Sache sprechen», und richtig tritt die Sache nach einem Jahr in das spruchreife Stadium, nur jetzt in der Urlaubszeit, Sie verstehen, aber ich schätze im Frühherbst. Nach einem weiteren halben Jahr wechselt der Verlagsleiter, ein Jahr später soll die Sache nun doch ernsthaft in Angriff genommen werden, allerdings «kommen wir, wenn wir die Sache jetzt forcieren sollen, in Terminschwierigkeiten», weshalb also die übernächste Buchmesse, über Kürzungen werden wir uns einigen können, aber die Idee hat fasziniert, vielleicht kommen Sie mal demnächst nach Stuttgart (Hamburg, Berlin, Frankfurt) — und richtig, zwei Jahre später überweist der Verlag 59 Mark und gratuliert zu den glänzenden Rezensionen.

Gottlob hat der Autor sich inzwischen selber beholfen und dem Rundfunk ein Skript vorgelegt. Nach einem halben Jahr teilt ihm das Lektorat mit, «daß die faszinierende Idee, aber die Urlaubszeit ..., und eigentlich sind wir ja ausgebucht, aber im Frühherbst. Sie müssen Geduld haben», erlauben sich Kenner der Szene zu sagen, «Erfolg kommt nicht so schnell». Sie sollen, hat mir noch jemand gesagt, inzwischen etwas zu essen haben. «Sie sollten», sagte mir jemand, «mal einen großen menschlichen Roman schreiben, das würde Ihnen doch liegen.» Nur einem Schriftsteller gegenüber ist diese Dreistigkeit erlaubt, ihn zu einer Arbeit aufzufordern, die er selbst zu bezahlen hätte. In keinem Gewerbe wird so knallhart definiert, daß der Arbeiter weder Rechte zu fordern noch zu erwarten hat. Er schreibet wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet — es kann schon längst niemand mehr Minister in Weimar sein und so einen Heckmeck reden.

«Wer publiziert, darf nicht wehleidig sein», sagt Max Frisch. Und wirklich klingt alles Vorstehende wie eine große Klage. Aber es wäre die Klage desjenigen, der Gedichte und ähnlichen Tinnef erzeugt in einer Welt, die von Brot lebt. Mit Recht gilt der Schreiber als arrogantes Dekor und hat froh zu sein, daß er wenigstens Aussicht hat zu leben, wenn er schon nichts dazu beiträgt, daß es möglich sei. Aber ihn oben zu feiern und unten zu demütigen — das halte ich entschieden für einen Akt von schlechtem Geschmack.

Der Schriftsteller, der Freieste von allen, ist der Gefangene jeder Institution, die er beliefern will. Hin und wieder bekommt er einen Vertrag, in dem die Haftgründe und -bedingungen näher beschrieben sind. Etwa: Er habe auch sein nächstes und übernächstes Manuskript dem gleichen Verlag anzubieten. Der Autor wird in die Pflicht genommen, faktisch und juristisch, ohne daß der Vertragspartner — aus irgendeinem Grunde heißen diese Verträge ‹Vertrag› — selbst die geringste Verpflichtung eingeht. Das kann man ja wohl nur mit jemandem machen, der notorisch wehrlos und grenzenlos verfügbar ist. Und alle Welt weiß: Der sitzt da jetzt hinter Gittern und bedarf, wenn er sonstwo verhandeln will, zunächst mal der Sprecherlaubnis. Bekommt er sie, liegt das Anrüchige dieses Urlaubs auf Ehrenwort auf der Hand: wer so leichthin entlassen wird, hat ja wohl nichts Starkes mehr zu bieten. Weshalb will Ihr eigener Verlag Sie nicht, fragt die fremde Geliebte in litteris, haben Sie Flöhe?

Der freie Autor hat die Freiheit, zu tun, was ihm paßt. Er kann, so ihm etwas nicht paßt, den Auflagen nachkommen oder sein Angebot zurückziehen. Im ersten Fall hat er ab irgendwann Grund, Kasse zu machen zu Lasten des Stolzes! Im zweiten Fall hat er ab irgendwann Komplikationen: das Arbeitsamt sagt, Warum arbeiten Sie nichts, und das Sozialamt sagt: Wären Sie doch einem ordentlichen Beruf nachgegangen wie jeder andere auch! Es gibt ihm 10 Mark und 1 Essens-Marke, und der Autor legt beides dem Gerichtsvollzieher vor und sagt: Wären Sie doch einem ordentlichen Beruf nachgegangen wie jeder andere auch.

Und wirklich wäre ja darüber zu diskutieren, wie ordentlich denn die Schreiberei sei. Es gibt Autoren, die stehen des Morgens um achte auf, waschen sich, ziehen sich an, kochen den ersten Kaffee und heben um neune an zu beginnen: einen Roman, ein Gedicht, einen Essay wie diesen. Aus derlei Leuten wird bekanntlich nichts; sie haben kein Genie und sind bereits nach hundertfünfzig Jahren vergessen.

Und andere sausen und saufen herum, fallen in Zustände und ins Bett, tun nichts und verzweifeln, daß sie nichts tun und tun endlich doch etwas: schreiben dem großen Filmmenschen. Sowieso endlich das Treatment jener Idee, die den so fasziniert hat — sie arbeiten! Sausen und saufen herum, entwerfen, verwerfen, telephonieren und sikutieren, und irgendwie ist das Werk dann da, atmet Großes und verspricht eine freudige Zukunft: Mäuse und Miete, Anerkennung und Altersversorgung — verliert sich dann allerdings ein Jahr später, meistens im Frühherbst, zwischen Redaktionen und Kompetenzen, und endlich kommt aber dann doch die große Hilfe aus aller Not, es kommt jemand und sagt: Sie sollten mal einen großen menschlichen Roman schreiben, das müßte Ihnen doch liegen.

... heiter die Kunst, sagte Schiller, und das ist der Grund, weshalb die Selbstmordrate in meinem Gewerbe unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Bevor ein Weiser sich kaputtlacht, lacht er bloß. Denn der fähige Beschreiber des Lebens ist eben auch sein fähiger Beherrscher. Der Mensch muß ja nicht schreiben, sagt er sich locker, er muß nur Verbindungen haben. Infolgedessen ergibt sich im Zuge einer Verlobung, daß die Verlobte einen Onkel hat, der selber Gedichte schreibt und einen Herrn kennt, der im Rundfunk sitzt und Feature-Ideen sucht. Zwei Jahre lang benötigt dieses Projekt zu seinem endgültigen Scheitern — da trifft den Autor der Brief von einer Institution, die er schon längst vergessen hat: «Ihr Manuskript gefällt uns, wir sollten über eine Realisierung sprechen.» Wieso es denn tatsächlich ‹realisiert› und bezahlt wird — ich kenne keinen Kollegen, der sich diesen Vorgang erklären kann. Aber der Realisierte ist nun ein gemachter Mann, hat 4.000 Mark auf dem Konto und keine Erinnerung mehr, für diesen Betrag je etwas gearbeitet zu haben.

Dann kommt die Weihnachtsparty des Verlags, der Autor ist eingeladen und ißt Knödel aus dem Public Relations-Etat. Ein Kritiker naht und spricht: «Sehen Sie, was ich Ihnen damals gesagt habe: Sie müssen Geduld haben. Nur Geduld, das ist alles.» Bevor der Autor ihm eine Bierflasche in die Fresse hauen kann, ist der Erlauchte schon weg und befindet sich woanders. Über die Herren und Damen Befinder auf den Bischofssitzen der Zeitungsredaktionen hat Kollege Günter Seuren schon alles für alle Zeiten Gültige gesagt (Esquire, Nr. 2/76). Es genügt, zu wiederholen, daß auch gegen deren Anathema keine Berufsinstanz existiert und Wohl und Wehe Leib und Leben des Autors abhängen von Verdikten, deren Natur die Unwiderleglichkeit ist.

Man muß nicht schreiben, wirklich nicht. Aber man tut's, weil man fühlt, daß man muß. Gefühl ist alles, und wer zu müssen hat, hat nichts zu wollen. Und das ist der Preis, den man zahlen muß für die Früchte im — wie gesagt — Frühherbst. Und das zu verkünden, zu reproduzieren, brauche ich widerum meine Gegner. Bin gespannt, wer da mitzieht. Ich wäre bereit, ihm zu versichern, daß ich alles nicht so ernst gemeint habe, wie es ist.

Horst Schloetelburg


Laubacher Feuilleton 19.1996, S. 4–5

Aus: Vergewaltigung eines Genies. Dokumentation von Renate Mayer-Zaky †, Littera-Verlag, München 1992, S. 47–58

 
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