Strip-Poker der Götter

Spiel und Erotik

Wie alle Universalia der Kulturgeschichte provoziert das Phänomen Spiel zu kontroverser Theoriendiskussion. Unabhängig davon, welcher theoretischen Richtung man zuneigt und welche der zahllosen Definitionen man bevorzugt, gilt es festzuhalten: Spiele gibt es in allen menschlichen Gesellschaften, und Spiele muß man emstnehmen. Als Quelle der kulturhistorischen Forschung lassen sie Rückschlüsse zu auf Weltbild, Gesellschaftsordnung und viele andere Bereiche einer untersuchten Gesellschaft.

Ohne weiter auf ihre Systematik und Typologie einzugehen, möge ein Aspekt aus dem gesamten Komplex herausgegriffen und in aller Kürze exemplarisch dargestellt werden: der Zusammenhang von Spiel und Religion. Wir wählen aus der verruchten Schublade der Spielkiste das Glücksspiel, gepaart mit der erotischen Komponente der Nacktheit. Die naheliegende Herleitung des Glücksspiels aus der Divination mag hier nur kurz referiert werden, um den sakralen Kontext zu umreißen, Alleingültigkeitsanspruch besteht nicht, zumal da neben dem Zufallsprinzip beim Glücksspiel ja auch spezifische Spielereigenschaften der Teilnehmer sich auswirken wie Geschicklichkeit, Geduld, Risikobereitschaft et cetera. Grundlegend beim Spiel mit dem Zufall, dem von den numinosen Kräften gesteuerten Unabwägbaren, war der Wunsch des Menschen, Kenntnis über die Zukunft zu erlangen, über das Schicksal, den Willen der Götter. Das zu diesem Behufe verwendete kulturelle Inventar hat sich zum Teil, wie Würfel, Lose oder Spielkarten, bis heute sowohl in der Mantik als auch im Glücksspiel erhalten. Auch das Prinzip des Roulettes läßt sich so auf Divinationsinstrumente wie Kreiselnüsse in Ozeanien oder Kreiselwürfel in China zurückverfolgen. Glücksspiel ist also eine Art von säkularisierter Divination. Zur Belebung des Spiels brachten die Beteiligten irgendetwas aus ihrem Besitzstand als Einsatz.

Unter religiösen Gesichtspunkten nun war das Spiel mit dem Zufall als Ritus, als regelgenauer Vollzug mythischer Vorgaben eine ernste Angelegenheit. Die ersten Spieler waren die Götter. Die Symbolisierung der kosmischen Weltordnung durch den Spielverlauf, dessen Nachvollzug die kosmische Ordnung garantiert, ist bei vielen Glücksspielen signifikant. Jedes Spiel kreiert einen Mikrokosmos, die Spieler inbegriffen. Sie haften für ihren Einsatz mit ihrem Ansehen, ihrem sozialen Status. Glücksspiel ist eine affair d'honneur. Spielen um den Einsatz der eigenen Freiheit ist die ultimative Form. Ein anderes suggestives Bild für den totalen Einsatz im sakralen Spiel ist das Entkleiden. Es zeigt sich hier, daß Statusverlust mehr bedeutet als nur den Verlust des Gesichtes. Die sakrale Korrelation zwischen Giücksspiel und Entkleiden, der bemerkenswerte kulturhistorische Zählebigkeit zugesprochen werden kann, läßt ein weites Feld von Gründen und Motiven erkennen, das von tiefer Demütigung bis zur Erotik reicht. Demütigung und Leid , wie sie im Verlosen der Kleidung des sakralen Opfers augenscheinlich wird, vergegenwärtigen etwa die einschlägigen Passagen der Passion (Jah. 19:23 – 24; Mk. 15:16 – 20; 24; Mt. 27:28 – 29; 36) «Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los, was jeder bekommen sollte.» Mit der vollständigen Entkleidung stürzt die kosmische Ordnung, die Periode des Chaos' tritt an ihre Stelle.

Auch in der altindischen Mythologie ist die Korrelation evident. Im großen Epos Mahabharata verlieren die Pandava-Brüder im Spiel all ihre Habe, selbst ihre Freiheit und ihre gemeinsame Gattin Draupadi. Höhepunkt der Katastrophe ist der Versuch der Kaurevas, die gewannen, die Heldin vor den Augen der Ehemänner und der gesamten Versammlung zu entkleiden. Da Draupadi eine lnkarnation der Göttin ist, verhindert Krsnas wunderbare Intervention ihre Entkleidung. Ihre Nacktheit würde zur unzeitgemäßen Auflösung des Universums führen, da die Handlung in einer Periodezwischen den Zeitaltern (yugas) angesiedelt ist.

In den klassischen Mythen spielt Siva, der Gott der Spieler, mit Parvati, seiner Gattin. Beim Würfelsspiel der Götter heißen die Würfel nach den vier Zeitaltern (yugas), die alle viertausendmal rollen innerhalb der größeren Zeiteinheit des kalpa. Das Spiel des göttlichen Paares determiniert Kontinuität und Zäsur des Universums. Die Einsätze, um die Siva und Parvati spielen, sind ihre Kleider und Schmuckstücke. Wenn Siva sein Lendentuch verliert, wird er zornig, verläßt nackt das Spiel oder weigert sich, die Spielschuld zu begleichen. Parvati weist darauf hin, daß sie niemals gewinnt, außer durch Betrug. Indes kommt es niemals dazu, daß beide gleichzeitig völlig nackt sind, was ihre Verschmelzung miteinander zur Folge hätte — als Siva und Sakti, als Purusa und Pakrti am Ende aller Zeiten.

Offensichtlich handelt es sich beim Strip-Poker um eine säkulare Variante des erotischen Spiels.

Bertram Turner


Laubacher Feuilleton 13.95, S. 2 f.
 
Mi, 18.03.2009 |  link | (1402) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Goettliches



Kinners, tut das not?

Also, ich komm' gerade runter in Papis Arbeitszimmer, um auf seiner alten ‹Adler› mal wieder meine Einsichten in die Welt der Erwachsenen runterzuhacken.* Hat er doch wahrhaftig versehentlich seinen Computer angelassen! Und was muß ich für eine gequirlte Sch... (Ferdinand und ich dürfen dieses Wort nicht in den Mund nehmen, sonst hagelt's einen Satz leere Drohungen) lesen? «Vom pädagogischen Standpunkt aus gesehen bieten die phantastischen Geschichten des Käpt'n Blaubart wenig Neues. Schon Odysseus und andere Protagonisten haben in den klassischen Sagen des Altertums ...» Schnarch, Gähn!

Wenn die Leser des Laubacher Feuilletons (Ob dieser Titel für die Verkaufe gut ist, will ich mal dahingestellt sein lassen. Wer weiß schon, wo Feuilleton liegt und was ein Laubacher ist?) tatsächlich was über Käpt'n Blaubär erfahren wollen, sollen sie sich gefälligst vertrauensvoll an mich wenden. Wenn also ich (Annika, kurz vor sechs) und mein Bruder Ferdinand, dreieinhalb) uns Sonntag morgens Die Sendung mit der Maus (ARD, 11.30 Uhr) reinziehen (auch als Kind hat man so seine festen Rituale), kommt garantiert kurz vor zwölf Papi in seinem allseits beliebten Bademantel angetrabt, hockt sich vor die Glotze und fragt: «Na, ihr Ratzen, hat Käpt'n Blaubart schon angefangen?» Wir (unisono): «Nee! Außerdem heißt der Käpt'n Blaubär!» (Auf die reine Rhetorik seiner Frage sprechen wir ihn lieber erst gar nicht an. Schließlich sieht er doch selber, daß sie gerade zeigen, wie die Kapitalisten die Regenwälder abholzen, um pro Baum ein Streichholz zu produzieren, und was für tolle Maschinen sie dafür hernehmen,) Trotzdem ist es schön, zu sehen, daß es wenigstens etwas gibt, daß unsere Generationen miteinander verbindet.

Dabei ist dieser Käpt'n Blaubär eigentlich gar nichts Besonderes: ein hellblauer 08/15-Teddy (Kaufhof, 19,95 Mark, schätze ich mal), den sie in Hamburger Platt schnacken lassen. Der wohnt mit seinen drei Enkeln (nicht Neffen, ha, ha!) in einer gestrandeten Kogge hoch droben auf einem Riff: drei Mini-Bären (14,95 Mark pro Stück), die, statt irgendwas in Richtung Tick, Trick und Track zu heißen, einfach gelb, rosa und grün sind.

Gelegentlich taucht auch noch eine Tunnelratte namens Hein Blöd auf (bei dem haben sich die Puppenbildner vom Fernsehen etwas mehr Mühe gegeben). Über dessen Verwandtschaftsverhältnis zu den Buntbären werden keine klaren Aussagen gemacht (entweder ein Leibeigener oder eine Erblast aus den Neuen Bundesländern, nehme ich mal an).

Die Episoden fangen mehr oder weniger jedesmal damit an, daß Gelb, Rosa und Grün allein zu Hause sind und sich furchtbar langweilen. Dann, endlich, taucht Käpt'n Blaubär auf! Und spinnt seinen Enkeln sein Seemannsgarn vor (als ‹Stilmittel› setzen die Jungs vom Fernsehen für solche Einschübe den Zeichentrick ein; vermutlich immer noch billiger, als beim Kaufhof neue Plüschtiere nachzufassen). Der Käpt'n erzählt von Bonsai-Männchen, die er geschenkt bekam, nachdem er mit der Lupe Japan entdeckt hatte. Oder wie er als Perltaucher die Perlzwiebeln aus dem Sauren Ozean raufgeholt hat und zum Gurkenkönig von Cornichon gewählt wurde.

Papi: «Gurkenkönig von Cornichon? Ich dachte, das wär' Käpt'n Blaubart.»

Ich und Ferdinand: «Blaubäääär!» (Wahrscheinlich lernt er's nie. Einer von diesen humorlosen Erwachsenen halt.)

Weil Gelb, Rosa und Grün nicht so doof sind, wie sie aussehen, und jede Facette von Käpt'n Blaubärs Story kritisch hinterfragen (das könnten sie glatt von mir haben), verstrickt sich ihr Opa in immer gewagtere Lügenkonstruktionen, vor denen die drei dann schließlich doch kapitulieren müssen (von mir können sie das nicht haben).

Manchmal stößt Hein Blöd dazu und erzählt auch noch was vom Pferd. Zum Beispiel, wie er als Ratte von Calais mit den Ratten von Dover Karotten gegen Fruchtgummis tauschen wollte und dabei der Kanaltunnel beinahe schon 100 Jahre früher entstanden wäre.

Aber natürlich haben seine Schwänke längst nicht das Format, sonst würde die Serie ja ‹Hein Blöd› heißen.

So, jetzt muß ich Schluß machen. Papi hat gerufen. Wahrscheinlich soll ich ihm erklären, was ein Bonsai-Männchen ist oder wo der Saure Ozean liegt. Kann er haben. Was ich ihm allerdings nicht verraten werde: daß Käpt'n Blaubär samstags in der Frühe auch im Radio kommt (Antenne Bayern, 8.13 Uhr).

Ullrich Jackus

Laubacher Feuilleton 6.1993, S. 16

* 39 von der Sorte sind bereits in Buchform erschienen: Ullrich Jackus, Nachrichten aus dem Kinderzimmer — Die geheime Elternfibel.

 
Mi, 18.03.2009 |  link | (1768) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Filmisches



Tenöre sind blöd

Sie sind fett, sie haben eine große Klappe, sie singen am lautesten von allen auf der Welt, sie sind Meister aller Klassen aller Kehlköpfe, Erster Preis der Stimmbänder, Nummer Eins des Atmens, sie haben Preise wie Fußballspieler, und interviewt man sie, sind sie so intelligent wie Boxer: José Carreras, Placido Domingo und Luciano Pavarotti! Da Yvette Horner [eine französische Carolin Reiber] schon für die Tour de France in die Pflicht genommen war, holte man für dieses verschissene Finale der Weltmeisterschaft, und das für die Lächerlichkeit von 15 Mio. Dollar, drei singende Walrösser aus der Versenkung. Walrösser, die in der Lage sind, selbst eingefleischte Bierdimpfl aller Länder in Musikliebhaber zu verwandeln. Alles unter dem Vorwand, daß Lieschen Müller, wenn sie «Jeux Interdits» [«Maria, Maria»] singen, das Flennen anfängt. «Halt die Klappe, Bernard [es könnten auch Arthur oder Karl gemeint sein; Anm. der Übersetzerin], ich bilde mich. Guck' nur, wie der Dicke schwitzt ... Ich glaub', nicht mal, wenn ich mit der Qualmerei aufhören würde, könnte ich so laut brüllen.» Sport und Kultur ... Da geht was nicht zusammen. Man kann nicht den ganzen Planeten mit Fußball-Spielen hypnotisieren und gleichzeitig ein kulturelles Deckmäntelchen vorschieben, indem man drei Roboter der Luxusklasse singen läßt. Soll man sie doch mit Marschmusik zudrönen, das würde sie besser an einen Dritten Weltkrieg gewöhnen, den sie mit ihrer Unkultur und ihrem nationalen Wahnsinn noch auslösen werden.

Und dieses Arschloch von Pavarotti ... Sein ganzes Leben suhlt er sich in den schönsten Melodien der größten Komponisten ... Und was ist seine Leidenschaft? Fußball. Es gibt Leute, die sind wie abwaschbare Tischdecken. Man taucht sie ein in die wunderbarsten Düfte des Orients, läßt Rembrandt auf ihnen zeichnen, und Schwamm drüber, werden wieder zu den immergleichen, tristen, geblümten, immer etwas klebrigen Wachstischdecken aus Plastik, auf denen sich sogar die Fliegen, die darauf herumkriechen ... anöden.

Charlie Hebdo

Fremde ohne Grenzen, Tenöre sind blöd, aus dem Französischen von Anne Maier

Laubacher Feuilleton 11.1994, S. 11

 
Mi, 18.03.2009 |  link | (1383) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Musikalisches



Ankunft Köln

Der etwas andere Arbeitstag kann beginnen. [...] Anschlußfahrt von München nach Köln. In der Domstadt um 21.59 Uhr steht der nunmehr vom Arbeitsalltag — entsprechendes technisches Gerät vorausgesetzt — Befreiten ein lustvoller Magen-Marathon bevor. Nach 80 gelaufenen und nicht gegangenen Metern – die Bude schließt um 22.00 Uhr! — drei Rievkoche (auf deutsch: Reibekuchen) — ohne Apfelmus! — bestellen, das dampfend-duftende Kartoffelgekröse in sich hineinstopfen und mit einem ersten Kölsch aus der Dose hinunterspülen.
Anne Maier

aus: Müsli-Rievkooche-Tofu, Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 6


Arsch huh, Zäng ussenander
Toleranz is en Frembwoot, für Toleranz jit et keen deutsches Woot. In Kölle verston se Toleranz ohne vill darüver zu kalle. Me is noch stolz drupp, dat dereenst de Römer, de Spanier, de Franzuse und de Belgier etc. irjendwann ihre Spure he hinterlasse han. Nur mit den Preussen gab's Verständigungsschwierigkeiten: «Wie künnt er dann scheeße, süht er nit, dat he Lück ston?» riefen die kölschen Stadtsoldaten, wie die Preußen zu scheeße anfinge.

«Süht er nit, dat he Lück ston?» mööt jedem Blödmann an de Kopp jeworfe weede, der mit Molotowcocktails um sich wirf oder am Stammtisch palavert, die Hand zum Hitlergruß hev oder immer noch jläuvt, dat de Ausländer schuld dran sin, dat sing Firma ihn rusjeschmiße het. Jejen sovill Blödheit hilft nur «Arsch huh, Zäng ussenander!»

Am 9. November 1992 war am Chlodwigplatz en Konzert, Rostock wor nid wig, de Hätze voll, de Wut wor jroß, de Chlodwigplatz schwatz vor Minsche. Schwatz-brung darf ohne Komplexe en Johr wigger üm de Ecke lure.

Ene zum Präsidentenkandidaten ruffjedeutet Frettchen, dat och noch nach fünf Uhr brung Schohns zum schwatze Anzoch anhet, sprich ungeniert vom Ende der Verantwortung. Mir wisse jo «Deutsche Sprache, schwere Sprache.»

Jitz ersching im Bund-Verlag Köln dat Buch zum Konzert. Verzällt wird wie et wor vom 14.10.92, als de Idee jebore wood, bis zum Dach vom Konzert. Im Vorwoot tät sich Anke Schweitzer janz besonders an de jung Lück richte: «Mit diesem Buch wollen wir Euch antifaschistisches Gedankengut nahebringen. ... Ich denke, daß dieses Buch anders ist als das oft sehr trockene und langweilige Lehrmaterial, mit dem ihr so oft konfrontiert seid. ... Schon immer gab die Musik den Menschen die Möglichkeit, sich auch politisch auszudrücken, und besonders in gesellschaftlich brisanten Zeit gibt sie uns die Möglichkeit, vielen Menschen kritisches Denken verständlich zu machen, Mut zu machen, zu den persönlichen Werten zu stehen. ... Ihr werdet jetzt vielleicht denken: die hat gut reden, in Zeiten, wo nur noch Leistung zählt. Aber ich denke, wir sollten nicht resignieren.» Dat klingg all wie vun annopief, ever sin mer nid schon längs uff em Wech zurück in de Zukunf?

Bap, Bläck Fööss, Brings, Charly T., De Höhner, L.S.E., V. Nikitakis, The Piano has been drinking, Viva La Diva, B. Winterschladen, Zeltinger, Anke Schweitzer un Triviatas woren mit dabeei. Songs, Texte un Musik sin perfekt nohzolesse un auf de Jittar nohzuspille, wenn mer et will. Mit Fotos un Kommentaren is dat Buch dann quasi komplett. Ever irjendwat is nit drin: Beim Willy fellt der Text. Mir meine nid de Willy us em Leed vom Konstantin Wecker, sondern de kölsche Willy Millowitsch, wigg über 80 Johr. He het uf em Chlodwigplatz us Carl Zuckmayers Des Teufels General jelesse. Dat ham mir in dr Schul jeliert. We me de Pänz och immer vorwirf, die täten nid lese, warum tät me ihne denn de Text vorenthalte?

«Wer en Sproch hät, muß sich wehre!
Arsch huh un Zäng ussenander!
We e Hätz hät, sich erkläre!
Arsch huh un Zäng ussenander!
Jäjen Jewalt un Nazidreck!
Arsch huh un Zäng ussenander!
Sonst sid ihr all als Nächste weg!
Arsch huh un Zäng ussenander!»


(Alle Zitate gemäß Publikation)

Anne Maier.Hedy Markwald

Laubacher Feuilleton 8.1993, S. 10

Arsch huh, Zäng ussenander! Autor: Bruno Zimmermann, Bund-Verlag (KiWi), Köln 1993

 
Mi, 18.03.2009 |  link | (3220) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftliches



Höchst zerstreute Gedanken

Geistiges. Kreisleriana.

Man spricht so viel von der Begeisterung, die die Künstler durch den genuß starker Getränke erzwingen — man nennt Musiker und Dichter, die nur so arbeiten können (die Maler sind von dem Vorwurfe, soviel ich weiß, frei geblieben). — Ich glaube nicht daran — aber gewiß ist es, daß eben in der glücklichen Stimmung, ich möchte sagen, in der günstigen Konstellation, wenn der Geist aus dem Brüten in das Schaffen übergeht, das geistige Getränk den regeren Umschwung der Ideen befördert. — Es ist gerade kein edles Bild, aber mir kommt die Phantasie hier vor wie ein Mühlrad, welches der anschwellende Strom schneller treibt — der Mensch gießt Wein auf, und das Getriebe im Innern dreht sich rascher! — Es ist wohl herrlich, daß eine edle Frucht das Geheimnis in sich trägt, den menschlichen Geist in seinen eigensten Anklängen auf eine wunderbare Weise zu beherrschen. — Aber was in diesem Augenblicke da vor mir im Glase dampft, ist jenes Getränk, das noch wie ein geheimnisvoller Fremder, der, um unerkannt zu bleiben, überall seinen Namen wechselt, keine allgemeine Benennung hat und durch den Prozeß erzeugt wird, wenn man Kognak, Arrak oder Rum anzündet und auf einem Rost darüber gelegten Zucker hineintröpfeln läßt. — Die Bereitung und der mäßige Genuß dieses Getränkes hat für mich etwas Wohltätiges und Erfreuliches. — Wenn die blaue Flamme emporzuckt, sehe ich, wie die Salamander glühend und sprühend herausfahren und mit den Erdgeistern kämpfen, die im Zucker wohnen. Diese halten sich tapfer; sie knistern in gelben Lichtern durch die Feinde, aber die Macht ist zu groß, sie sinken prasselnd und zischend unter — die Wassergeister entfliehen, sich im Dampfe emporwirbelnd, indem die Erdgeister die erschöpften Salamander herabziehen und im eignen Reiche verzehren; aber auch sie gehen unter, und kecke, neugeborne Geisterchen strahlen in glühendem Rot herauf, und was Salamander und Erdgeist im Kampfe untergehend geboren, hat des Salamanders Glut und des Erdgeistes gehaltige Kraft. — Sollte es wirklich geraten sein, dem innern Phantasie-Rade Geistiges aufzugießen (welches ich doch meine, da es dem Künstler nächst dem rascheren Schwunge der Ideen eine gewisse Behaglichkeit, ja Fröhlichkeit gibt, die die Arbeit erleichtert), so könnte man ordentlich rücksichts der getränke gewisse Prinzipe aufstellen. So würde ich z. B. bei der Kirchenmusik alte Rhein- und Franzweine, bei der ernsten Oper Champagner, bei Kanzonetten italienische feurige Weine, bei einer höchst romantischen Komposition, wie die des ‹Don Juan› ist, aber ein mäßiges Glas von eben dem von Salamander und Erdgeist erzeugten Getränk anraten! — Doch überlasse ich jedem seine individuelle Meinung und finde nur nötig für mich selbst im stillen zu bemerken, daß der Geist, der, von Licht und unterirdischem Feuer geboren, so keck den Menschen beherrscht, gar gefährlich ist und man seiner Freundlichkeit nicht trauen darf, da er schnell die Miene ändert und, statt des wohltuenden, behaglichen Freundes, zum furchtbaren Tyrannen wird.

E. T. A. Hoffmann

Laubacher Feuilleton 2.1992, S. 2

E.T.A. Hoffmanns Werke in fünfzehn Teilen, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin – Leipzig – Wien – Stuttgart, etwa 1912, Band 1–2, S. 61–62

 
Di, 17.03.2009 |  link | (1721) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Mark Twain ißt in Europa

Das europäische Mittagessen ist besser als das europäische Frühstück, aber es hat seine Fehler und Mängel, es sättigt nicht. Der Verbannte kommt gierig und hungrig an den Tisch, er schluckt die Suppe hinunter — irgend etwas Unbestimmtes fehlt an ihr; er denkt, der Fisch werde das sein, was er braucht — er ißt ihn und ist sich dessen nicht sicher; er denkt, der nächste Gang werde vielleicht derjenige, der die hungrige Stelle trifft — er versucht ihn und merkt, daß auch daran irgend etwas fehlt. Und so macht er weiter, von Gang zu Gang, wie bei einem Jungen, der hinter einem Schmetterling her ist, welchen er jedesmal, wenn er sich niederläßt, beinahe erwischt, aber schließlich irgendwie überhaupt nicht bekommt; und zum Schluß ist es dem Verbannten und dem Jungen ungefähr gleichergangen: Der eine ist voll, aber nicht satt, der andere hat viel Bewegung, viel Spannung und eine schöne Menge Hoffnungen gehabt, aber er besitzt keinen Schmetterling. Hier und da sagt ein Amerikaner, er könne sich erinnern, von einer europäischen Table d'hôte vollkommen satt aufgestanden zu sein; aber wir dürfen nicht übersehen, daß auch hier und da mal ein Amerikaner vorkommt, der lügt.

Die Anzahl der Gänge reicht aus; aber es ist eben eine so monotone Vielfalt unbeeindruckender Gänge. Es ist eine leblose Eintönigkeit von ‹gut bis mittelmäßig›. Es gibt keine Akzente. Wenn vielleicht der Hammel- oder Rindsbraten — ein großer, ordentlicher — auf dem Tisch käme und in voller Sicht des Gastes aufgeschnitten würde, könnte das der Sache den richtigen Anstrich von Gediegenheit und Greifbarkeit geben; aber das machen sie nicht, sie reichen das in Scheiben geschnittene Fleisch auf einer Platte herum, und so bleibt man vollkommen unbewegt, es regt einen überhaupt nicht auf. Aber ein riesiger gebratener Truthahn, breit auf den Rücken gelegt, die Füße in die Luft, und der kräftige Saft rinnt ihm aus den fetten Seiten ... aber ich kann ebensogut hier abbrechen, denn sie wüßten ja nicht, wie sie ihn zubereiten sollten. Nicht einmal ein Huhn können sie anständig kochen; und was das Tranchieren angeht, so besorgen sie das mit dem Beil.

Mark Twain

Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 1

Poeten tischen auf, ein kulinarischer Streifzug durch die Weltliteratur, unternommen von Günther Cwoidrak, Eulenspiegel Verlag, Berlin 1987, S. 131 und 132

 
Di, 17.03.2009 |  link | (1542) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Frische(r) Wahn

Vollkorn und Verfolgungsangst

Für unsere Betrachtung nehmen wir nichts Verrücktes aus dem Reformhaus, sondern einen «normalen», «allgemein anerkannten», ebenso teuren wie erfolgreichen Markenartikel. Hier der um Vertrauen werbende Text auf der Verpackung (ohne die Anweisung, wie die Packung zu öffnen sei, ohne Wiederholungen und die detaillierte Einschärfung, der Artikel passe ideal zu allen überhaupt möglichen Mahlzeiten): «ROGGI-BRÖD ist Vollkornbrot, aus dem mahlfrischen Mehl erlesenen Roggens behutsam gebacken. Vitamine, Mineralien und Nährstoffe des ungeschälten Roggenkorns bleiben dabei unversehrt erhalten. Das ergibt ein gesundes, nahrhaftes Vollkornbrot von köstlichem Aussehen, Duft und Wohlgeschmack. Seine Knusprigkeit regt zum guten Kauen an. Das beugt der Zahnkaries vor. Dank leichter Verdaulichkeit und niedrigem Kalorienwert — ein wahrer Freund der schlanken Linie».

«Aus Vollkornroggen, Hefe und frischem Quellwasser»
«das gute, echte Knäckebröd aus Schweden»
«aus den größten Knäckebrotwerken der Welt».

Der topos des Rekords als des Erfolgs, der weiteren Erfolg nach sich zieht (Motto: «thirteen million Americans can't be wrong»), ist am leichtesten zu lesen. Wir werden später seine Verwandtschaft zum terroristischen Modell von Reklame zu erweisen suchen (vgl. den Typus «man ist man»). Auf dem Wege der Assoziation und der Umkehrung versuchen wir nun, die übrigen Elemente zu interpretieren. Im «Vollkorn» klingt «Erfüllung» an, «Ganzheitlichkeit». Sein Name sagt, es sei voll und ganz Korn (und keine Ware). Der Name ist magisch, er beschwört, die Leere im Versprechen von ihr zu befreien. Indem er gegen sie versichern soll, deutet er auf das tatsächlich herrschende Gefühl von Leere, und das heißt: von Betrogensein um die Fülle der Dinge. «Vollkorn» weist auf die aktuelle Haben-Form der Dinge, vor allem für die ökonomisch Abhängigen: überdeckt von der platten Pracht der in allen Anilinfarben blühenden Verpackungen sind die «Sachen selbst» zu Schemen verblaßt und in ihrer äußerlich versprochenen Substanz bald so wenig faßbar wie das sagenhafte «Ding-an-sich» des bürgerlichen Agnostizismus. Ästhetik und Gebrauchsleib der Massenwaren sind dissoziiert und durch die Dissoziation beide beschädigt. Daß über den miesen Inhalt die strahlende Verpackung triumphiert, diskreditiert mit dem Inhalt den Triumph der Strahlen. Die Lust am Glanze wird falsch. Alles Fruchtige floß in die Hülle, und die Hülse droht leer zu sein. Daher: voll Korn.

Die Lobrede, die mit Vollkorn anhub, endet mit der Versicherung, «R» sei «ein wahrer Freund der schlanken Linie». Heißt das: es gibt nicht nur ein Verlangen nach Fülle, sondern auch Angst davor? Fühlen wir uns von den Genüssen verfolgt, die wir verfolgen? Müssen wir in Freunden Feinde fürchten, so daß es der beschwörenden Qualifizierung «wahrer Freund» bedarf? Wie die verdinglichten Menschen «fühlen sich» auch die kapitalisierten Dinge verfolgt. Die Konzentration und Zentralisation ihrer Produktion, d. h. ihre Vergesellschaftung innerhalb der Schranken des Privatbesitzes, räumt weitgehend auf mit den objektiven Unterschieden der «konkurrierenden» Markenartikel. Am Ende unterscheiden sich fast nun mehr die Artikelmarken. Das Besondere einer Ware hat seinen Ort jetzt in der Verpackung, die zugleich ihre zweite Oberfläche und ihre Maske ist, unter der sich ihre Unterschiedslosigkeit verbirgt. Wo aber tendenziell nur noch die Werbeveranstaltungen der Waren «konkurrieren», nimmt Werbung wahnhafte Züge an. In ihnen drückt sich eine Art Verfolgungswahn der Waren aus, der, wie man Freud umschreiben könnte, gesetzmäßig aus der Abwehr überwiegend gleichartiger Beschaffenheit von Waren hervorgeht, die zwanghaft Verschiedenheit beanspruchen müssen. Der Zwang zur unverwechselbaren Besonderheit spiegelt den kapitalistischen Charakter ihrer Produktion wider. Wäre ihre Produktion nicht nur der Stufenleiter, sondern auch der Form nach gesellschaftlich, entfiele dieser Zwang zum falschen Schein des Besonderen. Der Zwang zur scheinbaren Ungleichheit ist allen kapitalistisch, d. h. privat produzierten Waren, gemein. In den Erscheinungen der Waren drückt sich dieser Widerstreit aus: sie sehen aus, als fühlten sie sich von der Gleichheit der Warencharaktere verfolgt. Um sich als etwas Besonderes von den konkurrierenden Waren abzusetzen, müssen sie im Namen ihrer Marke den Abstammungsnachweis unverwechselbarer Qualität erbringen. Um diesen Nachweis wiederum leisten zu können, müssen sie sich wie irre mit ihrer dem Stand der Produktivkräfte wie der weitgehenden Zentralisation ihrer Herstellung verdankten massenhaften und standardisierten Produzierbarkeit herumschlagen. Daß sie hochproduktiv und in riesenhaften Quantitäten hergestellt werden können, müssen sie, um sich als «Marke» zu behaupten, wie einen Makel der Abkunft zu verdecken suchen.

«R» beteuert Einmaligkeit und Ursprungsnähe: «mit frischem Quellwasser» ist das «mahlfrische Mehl erlesenen» — das heißt: nicht für die Massen, sondern für eine Konsumelite bestimmten — Roggens zubereitet. Der Fabrikationsprozeß muß sich zur «Behutsamkeit» bescheiden: nur ganz unwesentlich sei das Natürliche umfabriziert. Gegen die Schattenseiten des Fabrikatcharakters, Konserve zu sein — das heißt: zeitlos, vor Vergänglichkeit «bewahrt» — protestieren die Versicherungen von Unmittelbarkeit und Frische. «Frisch» spekuliert wiederum auf gesellschaftlich durchaus begründete Zwangsvorstellungen der Menschen. Die Angst, veraltet zu sein, abgestanden, wird angetippt in dem Wörtchen «frisch», das sechsmal auf jeder Packung fungiert, davon dreimal in Zusammensetzungen («mahlfrisch», «Frischhalte»).

«Frisches Quellwasser» kann zunächst als Symbol für eine unbefleckte und quellend unverdinglichte Lebensart gelesen werden. Es wird aber mehr noch die latente Angst und Sehnsucht — im Modus der Enttäuschung — derer ansprechen, die von den Profitinteressen abgespeist werden mit abgestandenen Surrogaten, und dies in einer «Umwelt», die von denselben Profitinteressen rücksichtslos in einer Weise verwertet wird, die Verwüstung und nicht nur Verschmutzung genannt zu werden verdient. Für die in der Großindustrie und den großen industriellen Zentren arbeitenden Massen wird «frisches Quellwasser» zum Topos aus der ihnen als Sprache der Waren gegenübertretenden Mythologie ihrer Sehnsüchte. Dem verwerteten Leben verspricht die Werbung Gesundung in topoi der idyllischen Naturästhetik Rousseaus: «Unversehrtheit», «Naturreinheit», «Gesundheit», «ungeschält» und «von köstlichem Aussehen, Duft und Wohlgeschmack». Liegt in «bleiben» und «erhalten» der Akzent auf konservativen Reizworten, so regrediert im Onkel-Doktor-Ton der Scheinaufklärung über Mineralien und Lebensstoffe sowie im kindischen Kosenamen «Roggi» das dieser Werbung entsprechende Bewußtsein vollends ins Infantile. Die Werbung beutet aus und befestigt so, indem sie mit dem Antiurbanismus die Vernunftmüdigkeit anspricht, ein reaktionäres Gefüge von Wahnideen und ins Infantile zielenden Symbolen. Im Wahn steckt jedoch soviel Wahrheit, daß die Welt, in der er seine Wirkung nicht verfehlt, immer irrationaler in ihren Zielen wird. Man hat allen Anlaß, sich vor falschen Freunden zu hüten. Genuß ist verfälscht oder rächt sich. Nichts hält, was es verspricht. Und was dir etwas verspricht, bedroht dich auch. Das Ganze wird immer schwerfälliger und undurchsichtiger. Inmitten des Reichtums sind wir frustriert und verflucht: wenn wir uns nicht der Befriedigung enthalten, um derentwillen wir uns zur Leistung antreiben ließen, müssen wir Angst haben, zu verfetten und mit verfallenden Zähnen aus dem Verfolgungsrennen auszuscheiden. Der von den irren Verhältnissen produzierte Wahn und selbst das Echo, das er im Irrsinn der manipulativen Phänomene findet, ist «der Ersatz für den Traum, daß die Menschheit die Welt menschlich einrichte, den die Welt der Menschheit hartnäckig austreibt», wie die kritische Theorie den Sachverhalt umschrieb.

Wolfgang Fritz Haug

Laubacher Feuilleton 9.1994, S. 7

Wolfgang Fritz Haug, Warenästhetik, Sexualität und Herrschaft Gesammelte Aufsätze, Frankfurt am Main 1972, S. 33–36

 
Di, 17.03.2009 |  link | (2294) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches











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