Käse hält aufrecht

Frankreich — die wunderbare Illusion

Saint Uguzon bewahrt meinen Freund Roland und alle anderen Käsehändler vor Wahlen und anderem Übel. Weil ich mich vor Roland nicht nur im Umgang mit diesen edlen Faulprodukten gelehrig gezeigt hatte, sondern auch mit Abscheu deutschen Protektionismus ablehnte, der nur noch hygienischen Käse, was ein Widerspruch in sich ist, über die Grenzen lassen wollte, wurde ich nach eingehender Prüfung gebeten, an einem Chapitre, einer Würdigung für Saint Uguzon, teilzunehmen.

Am Ehrentisch sitze ich neben dem noch leeren Stuhl von Pierre Androuet, dem Gründer und Prèvot der Confrérie, wie ich seiner Tischkarte entnehme. Gegenüber das Ehepaar Rappaport. Roland Rappaport ist Rechtsanwalt. Wir sind — obwohl «Nichtkäseleute» — auserwählt, heute abend zu Compagnons de Saint Uguzon ernannt zu werden. Die Kapelle schmettert ohrenbetäubend los. Wir erschrecken, doch wird uns schlagartig klar, daß hier nur der Einmarsch des «Präsidiums» musikalisch untermauert wird.

Um den Hals hängt ihnen allen eine große Kette, an deren Ende eine handtellergroße Medaille baumelt. Später werden wir erkennen, daß diese alle gleich wirkenden Medaillen kleine Gradunterschiede aufweisen. Ein einfacher Compagnon de Saint Uguzon hat einen silbernen Rand. In der nächsthöheren Stufe erscheint das untere Drittel mit den Worten «Fromages maintiendront» (Käse hält aufrecht) in Gold. In der höchsten Stufe glitzert die ganze Medaille aus Gold und bedeutet «Maitre fromager».

In der Käsegilde haben sich diejenigen zusammengeschlossen, die für Qualität des Käses in Herstellung und Verkauf bürgen. Da es in Frankreich weder ein geregeltes Gesellen- noch ein Genossenschaftswesen wie in der Bundesrepublik gibt, gründen Produzenten und Fachleute, die auf Qualität achten, ihre eigenen Confréries, in denen nur diejenigen aufgenommen werden, die ihren Ansprüchen genügen. Die Confrérie de Saint Uguzon betreibt Werbung für ihre Mitglieder und sorgt für neue Kontakte.

Die edlen Damen und Herren des Präsidiums begeben sich zu der mit Spanplatten belegten Tanzfläche und stellen sich mit Rücken zu den Musikern auf. In ihrer Mitte vor dem Mikrophon Pierre Androuet, ein älterer, stämmiger Mann, vielleicht einsfünfundsechzig groß, der das Wort ergreift. Über siebzig wird er sein, der Karajan der französischen Fromagerie. Ja, ohne Hemmung darf man in Frankreich einen solchen Käsehändler mit Karajan vergleichen — wer die Papillen göttlich kitzelt, gilt dem als ebenbürtig, der über das Ohr eine Traumwelt entfaltet. Was für eine imposante Figur, dieser Prévot, mit seinem weit ausladenden Bart. Selbstsicher eröffnet er die Sitzung, einige Männer tragen über ihrem linken angewinkelten Unterarm eine Anzahl Schärpen mit Medaillen. Und dann wird aufgerufen, wer die Ehre hat, zum Compagnon de Saint Uguzon ernannt zu werden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, man muß die Erhöhung schon verdient haben, und deshalb bedarf es zweier Bürgen, die vorschlagen, was der Vorstand genau überprüft.

Nachdem Roland mich gefragt hatte, ob ich die Ehre annehmen würde, hat er sein Präsidium auf mich aufmerksam gemacht, denn ich hatte in einem Film über seinen Käseladen den französischen Käse mit Verve in Deutschland verteidigt.

Das war ein Kampf, meine Damen und Herren! Da hatte man einen Prozeß in Freiburg angestrengt, ob ein wunderbar gereifter Käse noch als Nahrungsmittel verkauft werden dürfe. Ein solch affinierter Chèvre sieht wie ein gräulich-grüner Schimmelhaufen aus, was den Kenner auch nicht verwundert, denn der Schimmel ist es ja, der das Kasein verwandelt und — und bei richtiger Temperatur gerade lang genug gelagert — im Innern eine Köstlichkeit verbirgt.

Die Kartoffel hat man einst verboten, weil man von ihr Lepra bekam: Die Unwissenden hatten statt der Knolle die Blüte gegessen, und davon war ihnen übel geworden. Nun meinten die klagenden Deutschen wohl, der Schimmel müsse mitgegessen werden! Im Freiburger Käseprozeß ging es in Wirklichkeit um Protektionismus. Die deutsche Käseindustrie wollte die französischen Produkte vom Markt fernhalten. Bis in den Bundesrat hat es ein Gesetzentwurf gebracht, wonach die Einfuhr von Käse aus nichtpasteurisierter Milch aus «hygienischen» Gründen untersagt werden sollte.

Ein deutscher Käse entspricht einem Putzmittel: Der steht da, riecht sauber, sieht auch so aus und läuft nicht fort; das verdankt er der pasteurisierten Milch, aus der er hygienisch hergestellt worden ist.

Ein französischer Käse ist ein Lebewesen. Von einem Handwerker wird er — so er besondere Qualitäten erhalten soll — nach alten Rezepten aus roher Milch geformt, und seine Güte erhält er erst durch einen ständigen Reifungsprozeß.

Roland Barthélmys Ruf als Käsehändler beruht auf seiner Kunst, Käse in seinem eigenen Keller nachreifen zu lassen und erst dann zu verkaufen, wenn er den geschmacklichen Höhepunkt erreicht hat. Wer bei Roland kauft, der sagt einer seiner rosa gekleideten Verkäuferinnen, womit er vorher die Gäste bewirten wird und wann — heute abend, morgen abend — der Käse gegessen werden soll, ob er den Pouligny eher trocken oder cremig mag, ob der Saint-Marcellin stärker oder weniger nach Stall schmecken soll.

Die deutsche Käseindustrie, die erhebliche Mengen ‹sauberen› Käses aus dem Allgäu oder Bayern (das kann durchaus identisch sein, bemerkt, mit Gruß nach Hamburg, die Redaktion) an französische Supermärkte verkauft, wollte nun verhindern, daß die Deutschen auf den Geschmack kommen und unter dem Schimmel etwas noch Köstlicheres entdecken. Gott sei Dank wachte irgendwer in Bonn noch auf, und das Anti-Käsegesetz wurde zu Fall gebracht.

Ulrich Wickert


Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 4 und 5

Den Beitrag (© 1989 Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg) hatten wir entnommen dem 1993 erschienenen ELAN. Das Kulturmagazin von ERATO, Frankreichs Klassiklabel Nr. 1. Ulrich Wickert hatte uns damals freundlicherweise die Genehmigung erteilt. Daß wir ihn — wie viele andere Beiträge aus dem Laubacher Feuilleton — hier erneut veröffentlichen, hat einmal mehr mit der Aktualität zu tun. Ein Kommentar zu diesem ganzen Käse findet sich hier.

 
Fr, 13.03.2009 |  link | (2549) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Opfer der Konsequenz

Ein Opfer ihrer konsequenten Ablehnung aller ungesunden Lebensmittel wurde die Frührentnerin Katharina S. (56). Frau S. erlag in ihrer Münchner Wohnung einem Kreislaufkollaps infolge hochgradiger Unterernährung.

Nachforschungen im Bekanntenkreis der Verstorbenen ergaben, daß nicht finanzielle Not die Ursache ihres Fastens gewesen sei. Angefangen habe es bereits vor Jahren, als die von Frau S. sehr geschätzte Nachspeise Tiramisu in die Schlagzeilen geriet. Vorsichtshalber habe sie sich daraufhin aller Süßspeisen enthalten und den Besuch von Konditoreien und Cafés gemieden, was für die als Liebhaberin feiner Torten bekannte Frau eine beträchtliche Einbuße an Lebensfreude bedeutet habe. Als kurz darauf auch die Eiernudeln in Salmonellenverdacht gerieten, habe sie auf alle Nudelgerichte wie Spaghetti, Tortellini, Ravioli und Lasagne verzichtet, was ihr auch den Besuch der früher gern frequentierten Pizzeria unmöglich machte.

Eine Nachbarin will beobachtet haben, wie Frau S. eine Pfanne mit Spiegeleiern aus dem Fenster warf und dazu erklärte, diese Ochsenaugen könne sie nicht essen, die schauten sie so giftig an.

Aus Protest gegen die Schlachttierhaltung habe sie auch kein Fleisch mehr gegessen und die seltsame Ansicht verbreitet, nun müsse schon ein Tier weniger im vollgepferchten Waggon elend verenden — und wenn andere sich ihren Sitten anschlössen, hätten die armen Viecher wenigstens mehr Platz auf ihrem letzten Weg. Sie habe solche Reden vornehmlich am Gemüsestand geführt, zur Freude des Standbesitzers, der ihr als guter Kundin immer die schönsten Tomaten und Kohlköpfe aus dem Land mit den Windmühlen aussuchte. Aber dann habe ihr jemand erzählt, auf welche Weise das Gemüse dort gedüngt und gezüchtet werde, und sie habe es weggelassen.

Der Genuß von Fisch habe ihr angesichts der verseuchten Gewässer auf dem Bildschirm Übelkeit verursacht. Auch der Butter vom EG-Butterberg habe sie nicht mehr getraut. Das Brot, das sie — wie in Ein-Personen-Haushalten üblich — in Packungen kaufte, habe allzu schnell Schimmel angesetzt. Äpfel mit verdächtig glänzender Schale mochte sie ebenso wenig wie die gespritzten Orangen.

Auf den Versuch einer besorgten Freundin, der schon weitgehend Geschwächten Kindernahrung einzuflößen, habe sie mit Schreikrämpfen reagiert und die gute Kost an die Wände gespuckt. «Dir wird es ergehen wie dem Suppenkaspar», habe die erzürnte Freundin ganz richtig prophezeit. Worauf Frau S. mit ersterbender Stimme etwas von «Konsequenz» gemurmelt habe. Dies war ihr letztes Wort.

Mit Betroffenheit registrieren wir das tragische Ende dieser konsequent gesundheitsbewußten Bürgerin. Es steht zu befürchten, daß der Fall der Frau S. kein Einzelfall bleibt. Immer mehr Bürger der EU-Länder leiden an der Furcht vor Vergiftung und weigern sich daher, die im Handel angebotene Nahrung zu sich zu nehmen. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

Die Frage wird demnächst auf einer Konferenz von Politikern, Ernährungswissenschaftlern, Wirtschaftsexperten und Psychologen in Brüssel erörtert werden. Nach Beendigung der Verhandlungen wird zum entspannten EU-Eiertanz gebeten. Mit reichhaltigem Buffet.

Jutta Makowsky

Laubacher Feuilleton 6.1993, S. 16; Nachdruck aus der Süddeutschen Zeitung
 
Fr, 13.03.2009 |  link | (1258) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Gourmetgermanen

Die Deutschen sind Extremisten. Jahrzehntelang nervten sie die Welt mit ihren merkwürdigen Eßsitten, mit Würsteln und Kraut. Dann plötzlich, vor zehn Jahren, mutierten die Germanen zu Gourmets. So perfekt kochten sie auf, daß selbst die französischen Altmeister zu Exkursionen in die gallische Randprovinz aufbrachen. Doch mittlerweile haben sich die wankelmütigen Deutschen schon wieder um 180 Grad gedreht. Jetzt huldigen sie dem vetrauten Bier, dem Rettich und zeihen ihre Superköche des welschen Wohllebens.

Überraschend kommt das alles nicht. Denn am Tisch saßen in den letzten Jahren keine Genießer, sondern Beckmesser, die mit säuerlicher Miene Zehngänge-Menüs verzehrten und mit wichtigtuerischer Geste und mitgebrachten Thermometern die Weintemperatur vermaßen. Deutschland auf alle Ewigkeiten verloren für den subtilen Genuß?

Hans Lauber

Laubacher Feuilleton 7.1993
 
Do, 12.03.2009 |  link | (1360) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Mahlzeit(en)

Ist eine Familie durch Krankheit, Arbeitslosigkeit des Mannes, oder sonstiges Mißgeschick in Dürftigkeit und Noth gerathen, dann ist ihr eine tägliche gute Mahlzeit auch mit einem ordentlichen Stücke Fleisch gewiß ebenso von Herzen gegönnt, wie auch den begüterten Leuten. Aber darin besteht ja gerade die Noth, daß die Hausfrau nicht weiß, woher sie das Geld bekommen soll, um ein Stück Fleisch und die sonstigen Nahrungsmittel zu einer guten Mahlzeit zu beschaffen. Ausgenommen nun, sie hat außer dem Betrag für Brod täglich für ihre sämmtlichen Mahlzeiten nur einige Groschen zur Verfügung, wie soll sie das ihre Küche einrichten? Antwort: recht einfach, aber doch gesund und kräftig. Unter allen Umständen aber muß sie jeden Mittag kochen und nicht unter dem Vorwande von Armuth nur Kaffee mit Butterbrod auf den Tisch bringen; es wird viel theurer, als wenn sie Speisen nach den folgenden Angaben zubereitet. Um nun einfach, aber doch gesund und kräftig kochen zu können, muß sie nicht bloß einen Ersatz für Fleisch, sondern auch Ersatz für Fett suchen, weil sie nicht die Mittel hat, ihre Speisen mit Butter oder Rinderfett schmackhaft und kräftig zu machen.

[...] Um einen Ersatz für Fett zu bekommen, muß man sich Wurstbrühe, frische Schweineknochen und Oel zu verschaffen suchen.

Wurstbrühe ist bei jedem Metzger umsonst, oder für einige Pfennige das Liter zu haben. Nur wenig davon in ein Gemüse oder eine Suppe macht die Speise sehr kräftig. In Verbindung mit Buchweizenmehl als Panhas bereitet, kann man sich durch die Wurstbrühe eine sehr billigen Ersatz für Fleisch verschaffen. Zu 1 Liter Brühe 2 Pfund Buchweizenmehl steif gekocht, in Scheiben geschnitten und gebraten (wie in den Kochrezepten bei Panhas angegeben*), ergibt ungefähr 4 Pfund Panhas, die höchstens 40 Pfg. kosten und für zwei Mahlzeiten das Fleisch ersetzen. — Hierdurch kann also die Hausfrau auch eine Mahlzeit von Möhren, Rüben, Kartoffeln, Reis und anderen billigen Nahrungsmitteln, die für sich allein zu schwach sind, ausreichend kräftig machen.

* Panhas: Man nimmt fette Fleischbrühe, gehackte oder fein geschnittene Speckwürfel — (will man ihn gut machen, gekochtes oder gehacktes Fleisch), — streut unter fleißigem Rühren so viel Buchweizenmehl hinein, bis das Ganze gut durchgekocht hat und sich vom Topfe löst. Man würzt den Panhas mit Salz, Pfeffer und gestoßenen Nelken. Ist er fertig, füllt man ihn in eine irdene Schüssel und stellt ihn an einen luftigen Ort. Zum Braten schneidet man ihn in Scheiben und legt diese in die Pfanne. Ist der Panhas sehr fett zubereitet, dann braucht man kein anderes Fett beim Braten zu verwenden.


Fleisch

1. Gutes Rindfleisch hat eine frisch rothe Farbe, — seine Fasern, — ist dicht und fett – und darf nicht übel riechen.

2. Kalbfleisch muß fett und weiß sein. Ob es von jungen oder älteren Thieren ist, bleibt sich ziemlich gleich. Es darf aber nicht zu frisch geschlachtet sein, weil es sonst im Kochen un Braten zäh bleibt.

3. Hammelfleisch soll nicht gar zu fett, aber fest sein. Das Fleisch von Mutter-Schafen ist schlechter als das von Hämmeln.

4. Guter Speck ist dick und fest, — von röthlich weißer Farbe. Auch geräucherter Speck muß immer weiß sein. Ranzigen und zu alten Speck erkennt man an der gelblichen Farbe im Anschnitt.

Beim Einkauf von Speck ist große Vorsicht nöthig und darf man nicht auf ein paar Pfennige Preisunterschied sehen. Abgesehen von der großen Gefahr von Finnen und Trichinen, ist der Geschmack von schlechtem, zu altem oder verdorbenem Speck so unangenehm, daß er alle Speisen, die damit gefettet werden, verdirbt. Da er aber so nützlich zu brauchen ist und in manchner Küche fast täglich verwendet wird, sollte die Hausfrau doch lieber einige Groschen mehr anwenden und die täglichen Stücke etwas kleiner nehmen, um guten Speck zu bekommen.

Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 16

Nachdruck aus: Das häusliche Glück. Vollständiger Haushaltungsunterricht nebst Anleitung zum Kochen für Arbeiterfrauen, hrsg. von der Commission des Verbandes ‹Arbeiterwohl›, M. Gladbach und Leipzig, Verlag von A. Riffarth, 1882, S. 53–54, © Rogner & Bernhard Verlag, München

 
Do, 12.03.2009 |  link | (765) | 0 K | Ihr Kommentar | 



Ehrlichkeit des Gastes

Da stimmt was nicht, da geht dauernd etwas schief: Beim Abräumen der Teller und Präsentieren der Rechnung gibt es zu selten, ach was, eigentlich nie eine ehrliche Antwort auf die saudumme Frage, ob es geschmeckt habe. Erstens ist die Frage sowieso übel, aber das ist nicht unser Problem — warum, zum Teufel, schaffen wir es nicht (wie in nicht wenigen Fällen angebracht), wenigstens mit müde-lässiger Betonung zu flüstern: «Nein, überhaupt nicht. Und halten Sie bitte Ihren Mund.»

Und je mieser die Kneipe, desto schleimig-freundlicher die Frage, und da sitzen wir und gucken uns gottergeben an, und die Bedienung räumt ab, und uns kommt schon das erste fiese Bäuerchen den Hals hoch ob der Puszta-Plempe, die wir in dem Schuppen neben der Reifenwerkstatt während einer Autofahrt mit Notreparaturzwang im Rahmen eines gartenfrischen Salates Nr. 12 für 7,90 zu uns zu nehmen nicht unterließen, und der Magen sagt «nein!», und wir sagen «ja», und wir fühlen eine Ohnmacht wie gegenüber der Klimakatastrophe, und das muß endlich anders werden, und eine kleine Schlägerei wäre manchmal gar nicht so schlecht.

Martin Eder

Laubacher Feuilleton 5.1993, S. 16
 
Do, 12.03.2009 |  link | (1239) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Unbekannte Drogen

17.00 Uhr. Wir machen Schluß. Richtung Kneipe. Durst. Vorher was essen. Nicht viel Zeit. Natürlich einen Hering.

Nicht im Laden. Fischgeschäfte gibt es kaum noch in Amsterdam. Heringsbuden aber genug: dutzende sogar. Holzbauten ohne Räder. Für die Unbelehrbaren: Wohnboote sind auch ohne Räder! Als Aufklärung für Nord(-west-ost-)deutsche: Currywurstbuden ohne Wurst, aber dafür mit mindestens sechs Sorten Fisch.

Wie ißt man einen solchen Hering (für die Pedanten unter uns: Sowohl junge als auch nicht mehr so junge Heringe)? Man nimmt den Hering beim Schwanz, zieht ihn durch die feingehackten Zwiebeln, lehnt den Kopf leicht nach hinten und bringt das Ganze so schnell wie möglich hinter sich.

Der Durst hat sich natürlich multipliziert. Zum Glück hat man schon vorher bezahlt. Die vorgesehene Kneipe ist nicht weit. Erschöpft, völlig versalzen, kaum noch fähig zu reden, mimt man die Muttersprache und trinkt das erste Bier. Beim zweiten ist man dann schon einigermaßen fähig zu artikulieren, und beim dritten gibt es, zur Feier der wiedergewonnenen Sprache, eine Runde. Das finanzielle Risiko ist gering. Ein paar Süchtige findet man immer.

P. S. Dieser Beitrag ward ursprünglich Monsieur le Président, Jacques Chirac, angeboten — und von diesem anerkennend sowie beruhigt zur Kenntnis genommen; war er es doch, der vor nicht allzu langer Zeit die Niederlande (nicht nur Holland!) als Narkotika-Staat bezeichnet und, in Zusammenarbeit mit seinem (innen-)politischen deutschen Kollegen Manfred Kanther, großes Interesse daran gezeigt hat, den verschiedenen Drogenarten in den Niederlanden und deren Konsum auf die Spur zu kommen.

Leider (calvinistischen) Gottes hat die niederländische Presse an diesem Beitrag kein Interesse gezeigt.

Johan de Blank

Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 5
 
Do, 12.03.2009 |  link | (2599) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Die Deutschen essen ...

Tagebuch aus Braunschweig

18. April 1808 Bei der Ankunft im Gasthof wird einem Milchkaffee mit Butterbrot angeboten, zwei sehr dünne Scheiben Schwarzbrot mit Butter dazwischen. Die braven Deutschen essen vier bis fünf Butterbrote, trinken zwei große Glas Bier und zuletzt einen Schnaps. Diese Lebensweise kann den heftigsten Menschen phlegmatisch machen. Mir raubt sie alles Denken.

Außer dieser kleinen Mahlzeit, die einem in den Gasthöfen angeboten wird, wenn man sehr früh oder sehr spät ankommt, findet man um ein Uhr ein Mittagessen, das heißt eine Wein- oder Biersuppe, gekochtes Fleisch, eine riesige Schüssel Sauerkraut (auch ein verdummendes Gericht), dann einen Braten mit Krautsalat, glaube ich, der abscheulich riecht. Zu diesem Mahl, das man wütend verzehrt, gibt es gepanschten Wein, der nach Zucker schmeckt, Burgunder heißt und 35 – 40 Sous kostet. Besonders scheußlich ist der Wein in Hessen, einem hübschen, aber armen Lande; der Kurfürst, geizig wie Harpagon, besaß alle Güter.

Ich bin noch etwas verkatert von einer Weinkneiperei bei Herrn Stahler, einem reichen Weinhändler und Hauptmann der Bürgerwehr, an der ich gestern teilnahm. Es waren sieben bis acht Bürger und Weinkenner da, darunter der berühmte Herr von Rothschild, der seit sechzig Jahren Feinschmecker und Gast an fürstlichen Tafeln ist. Er wunderte sich über die Begeisterung, mit der alle diese Leute ein scheußliches Gemisch von Stachelbeersaft und Moselwein hinuntergossen, das als Champagne rosé kredenzt wurde. Ich verstehe mich zwar sehr wenig darauf, aber ich finde, daß alle hiesigen Weine nicht den feinen, charakteristischen Geschmack des Burgunders und anderer südfranzösischen Weine haben.

Stendhal

Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 1

Nachdruck aus: Poeten tischen auf. Ein kulinarischer Streifzug durch die Weltliteratur, unternommen von Günther Cwoidrak, Eulenspiegel Verlag 1987, Berlin, dritte Auflage, S. 75–76

 
Do, 12.03.2009 |  link | (1136) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gastrosophisches



Mehrkren

Bereits vor der ersten Fühlungnahme seiner Zunge mit dem grob geriebenen Kren – wie der Meerrettich im ersten Wiener Bezirk tituliert wird mit einer Mischung aus Furcht, Respekt und jenem Rest Tollkühnheit, der bald zu verspäteter Reue ausbleicht —, begannen die Lidschatten seiner Begleiterin und deren Wimpern samt ihren Lippen in Tränen zu paddeln, die viel vom Kren ahnten und wenig von Sentimentalität hielten; es ersoff mit jedem Zentimeter, den das Schinkenbrot mit genannter scharfer Zierde an Nase und Mund heranrückte, das Alt Wien, da biß er, aus Gewohnheit in solcher Situation oder füllig gewordener Gier, in die bestellte Mahlzeit, es war zwei Uhr morgens, und in ein Ohrläppchen mit feuchten Augen, Bier stieß auf, und es wunderte ihn, daß an diesem Ohr jetzt kein Ring mehr hing und eine Hand nach seiner vom Sonnenschein ohnehin geröteten Wange schlug, daß es klatschte und ihm vor Schreck der Kren noch stärker in die Nase und aus dieser durchs marode Hirn zog — ein Mißverständnis mußte vorliegen, aber letztlich waren die Ohrläppchen sich so gleich wie die Schinkenbrote, nur die Erlaubnis, an ihnen zu nagen, erforderte mehr finanzielle Vorleistungen, doch jetzt hatten sie sich — Tränen hin, Tränen her — sämtlichen weiblichen Körperteile aus seiner Reichweite zurückgezogen, und er biß, mit verzweifelter Inbrunst und im Glanz seines Junggesellentums, zu, daß Schinken und Kren und das dick geschnittene Brot keine Gelegenheit mehr hatten, sich gegen das Mahlwerk seiner Zähne aufzulehnen, und plötzlich waren die Tränen weggeblasen von des Krens Schärfe, die wie November-Wind durch die Sinne schnitt, und er sah wieder klar — sie war verschwunden, und auch das hatte sie mit dem bestellten Brot gemeinsam, nur ihre Rechnung blieb zurück und eine Parfumsäule, die bald so verweht sein würde wie der Teller abgetragen; und er, seinen Gaumen befragend, wußte (wenigstens einmal im Leben!), was er wollte: mehr.

Markus Epha

Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 6
 
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