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Fleischeslust Der Wahnsinn brachte Mc Donald's auf die gelbe Rübe. Das Motiv paßte ebenso zur Plakatierung in der Untergrundbahn wie zur feudalistischen Heraldik des Firmenzeichens, gelb auf rot. Das Farbsignal stärkt das Vertrauen in das krisenfeste Imperium der reinen Hamburger: Ist die Insel auch im Fleische sündig, hier bleibt die Welt heil und schenkt den Zweiflern zudem eine vegetarische Variante. Zwei Wochen später, nach dem ersten Schock, war auch die Rübe wieder verschwunden und das Angebot der Ketten-Restaurants lediglich um Vegetables Deluxe erweitert. Auf irgendwelche Angaben über die Herkunft des Rohstoffs scheint sich die Firma gar nicht erst einzulassen. Auch nach harten Prüfungen lebt die M-Gemeinde aus dem unerschütterlichen Glauben. Die Konkurrenz von Burger King, in der Baker Street direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite, propagiert dagegen «our new beef». Sie versichert seinen Kunden auf einem Plakat am Eingang, daß sie zwar wie die Regierungserklärungen in die Sicherheit des britischen Rindfleisches vertraue, jedoch wegen des Schwundes an Vertrauen, wegen des Geschäftsinteresses und wegen der Sicherheit der Arbeitsplätze bis auf weiteres nur nicht-britisches Rindfleisch verwende. Sicher ist das Wort sicher. Wo Mc Donald's das Gemüse entdeckt, kann man auch Heilige Kühe schlachten. Der Pferdemetzger Bob Walker bot in seinem Laden in Smethwick, West Midlands, ein Pfund Pferdesteak für 50 Pence an, und die Leute kauften, wenn auch zögernd. «Ich erwartete protestierende Tierschützer am Morgen, aber keiner war da», sagte er zum Independent, der dazu gleich ein Rezept abdruckte. Obwohl «Pferde für die Engländer zum Draufsitzen und zum Spielen da sind», «trade was booming yesterday at one of the first horse meat shops to open in Britain since the war». Hätte der Begriff Paradigmenwechsel nicht inzwischen seinen Sinn durch Banalisierung verloren und eine Beliebigkeit wie beim Zappen durch die Programme gewonnen, dann wäre er hier angebracht. Denn zur Emblematik von John Bull gehört das Beefsteak wie die Pferdezucht. Nur Beefeaters waren in der Lage, die Herzkammer des Imperiums, den Tower mit seinen prominenten Häftlingen und seinen prominenten Kronjuwelen, vor jeder Eroberung zu schützen. Der Hochadel ließ nicht nur sich und seine Familie, sondern auch seine Lieblingsrösser portraitieren. Wenn das Kraftsymbol dahinsiecht und man anfängt, als Ersatz das Machtsymbol aufzuessen, geht der bevorstehende Verzicht auf Honkong und auf die eigene Währung direkt auf den Magen. Wir spüren, daß solche Vorstellungen nur einer Häme aus Zentraleuropa entspringen können und daß sie eine nicht weniger ergiebige Paraphrase auf die deutsche Schweinepest verdienen. Dabei könnte man sich ausmalen, seinerzeit hätten niedersächsische Skinheads und sonstige Teutonen die Chaostage in Hannover vorgezogen, um eine völkische Spanferkelorgie zu veranstalten und dabei trutzig die Sau rein- und rauszulassen, ein recht bekanntes Paradigma. Wenn wir beim Konjunktiv bleiben, wäre der insulare Stolz, der Zorn gegen Massentierhaltung und Großschieberei, der Trotz gegen die hilflose Regierung und gegen die marktschreierisch marktlähmenden Medien nicht zu übersehen — ein Begleitphänomen, vielleicht eine Erklärung für den spontanen Erfolg von Beefeater's: das lose Netz neuer Lokale, wie wildwüchsig über Nacht entstanden, improvisiert vor allem in leerstehenden Werkstätten verschiedener Stadteile, besonders in den Randbezirken und im lebendigen Eastend. Beefeaters Angebot: alle Köstlichkeiten, die das Rind und die internationale Kochkunst hergeben, zum halben Preis und vom Fleisch einheimischer Biobauern. Mit Adresse und Einladung zum Stallbesuch, oft auch zum Urlaub oder zur Saisonarbeit. Und natürlich Atmosphäre. Im Londoner Eastend soll es übrigens zur Zeit so viele Künstler geben wie sonst weltweit nirgendwo auf dem selben Raum. Auguren wissen ja, daß sich die junge, dynamische, zukunftsweisende und auch politisch bewußte Szene jetzt hier, nicht mehr in den luxuriösen Kartellen von New York, Paris oder Düsseldorf findet. Thomas Zacharias Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 4
Telephonepidemie Zufällig schaue ich aus dem Fenster, und da steht schon wieder auf der Straße so einer (diesmal kein Kinderschänder), der sich ein sogenanntes Handy ans Ohr quetscht und aufgekratzt, mit irrem Blick, in dasselbe quasselt. Inzwischen sieht man ja auch immer mehr Leute, die das sogar beim Gehen tun — sie müssen sehr in Eile sein. Wenn ich Handy-Benutzer bloß sehe, steigt automatisch mein Adrenalinspiegel, und Haß würgt mich, den doch sonst so Milden, der ich zu Aggressionen doch sonst kaum fähig bin. Woran mag das liegen? Daran, daß ich noch aus einer Zeit stamme, als gerade das Schnurtelephon erfunden und der erste segensreiche Satz — «Das Pferd frißt keinen Gurkensalat» — per Draht gekrächzt wurde? Bin ich bereits vergreist und neidisch nur, der neuen Zeit, der großen Handy-Zeit, hinterherzuhinken? Nichts gegen das klassische Telephon, damit habe ich nicht die geringsten Probleme (außer mit der Rechnung). Und ich bin begeisterter Faxist. Warum aber wird ein Handy für mich niemals comme il fault sein? Die Gründe sind ästhetisch-ethischer Art! Leute, die auf der Straße am Handy hängen, sollten sich einmal auf Video betrachten: dämlich und lächerlich sehen sie dabei aus, wie die Verwirrten, die im Selbstgespräch vor sich hinbrabbeln. Als ich jedoch kürzlich einer jungen Schönen, ganz en passant, pädagogisch wertvoll zuraunte: «Wenn Sie sich so selbst sehen könnten, würden sie nie wieder auf der Straße telephonieren!», giftete die bloß keifend zurück: «Verpiß dich, alter Sack!» Nun zum Ethischen: Es zeugt nicht gerade von großer Rücksicht, seine Mitmenschen in Cafés, Restaurants, Theatern und Konzertsälen mit den Lockrufen eines Handys zu belästigen — zweifellos eine akustische Körperverletzung. Und dann wird man ja nicht nur — schlimm genug — Augenzeuge jener ästhetisch absurden, unzierlichen Handy-Handhabung, sondern auch noch Ohrenzeuge banalsten Geplappers. Was für Menschen mögen das sein, diese Handy-Führer? Ein mir bekannter TV-Moderator gehört auch dazu. Beim Restaurantessen liegt das Handy immer neben seinen Tellern. Aber es klingelt, bimmelt oder schnarrt nie. Inzwischen gibt es Agenturen, die auf Bestellung anrufen. Vielleicht sollte der mittlerweile zahnlose TV-Tiger dort abonnieren? Ende des Jahres wird es hierzulande fünf Millionen ‹Mobilfunk›-Anschlüsse geben. Es sind die VIP's der Republik: die Unentbehrlichen, unsere Leistungsträger, die immer erreichbar sein müssen, Tag und Nacht, an jedem Ort (Ja, sogar auf der Toilette! Und vielleicht beim ...?), die sich lustvoll an die (unsichtbare) Kette legen oder legen lassen. Und selbst auf die Gefahr hin, die ‹political correctness› zu sprengen: am beliebtesten ist das Handy anscheinend bei Türken. Nieder mit dem Handy! Es geht die Mär, Telephonieren via Handy verursache vielleicht ... eventuell ... Gehirntumore: Wie fabelhaft das wäre! Bekanntlich läßt sich der Teufel am besten mit dem Beelzebub austreiben. Niels Höpfner Laubacher Feuilleton 20.1996, S. 16
Pippi Langstrumpf soll Präsidentin werden! 2004: Die Bundesversammlung wählt Horst Köhler im ersten Wahlgang mit knapper Mehrheit zum neunten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Von 1202 gültigen Stimmen kann er 604 auf sich vereinen. Auf seine Gegenkandidatin Gesine Schwan entfallen 589 Stimmen. In seiner Ansprache nach der Wahl fordert Köhler, Deutschland solle ein «Land der Ideen» werden und sein «Selbstvertrauen zurückgewinnen». Ob der frühere Sparkassendirektor und spätere Hüter des Internationalen Währungsfonds 2009 als Bundespräsident überlebt? Wir melden Zweifel an und sehen uns deshalb genötigt in unserem vorwahlkämpferischen Ansinnen, noch ein paar Jährchen zurückzugehen und zu erinnern. So greifen wir einen alten Vorschlag wieder auf, zumal es uns umtreibt im Land der Ideen, in dem eine Kandidatin seit 2006 bereits recht aktiv ist. Damals meinte Hans Pfitzinger: Nichts scheint die Deutschen gegenwärtig mehr zu interessieren als Präservative und Präsidenten. Früher war das anders, da hatten wir noch Sorgen um Arbeitsplätze, Naturzerstörung und Karten für David Copperfield. Inzwischen sehen wir ein, daß solche Sorgen überflüssig sind — Arbeit und Natur gehen eh vor die Hunde, und der schöne David setzt einfach noch ein paar Zusatzvorstellungen an, damit ihm jeder beim Zaubern zusehen kann. Also machen wir uns jetzt mal Sorgen, die noch überflüssiger sind. Die Frage lautet: Weshalb sollte ausgerechnet Steffen Heitmann Bundespräsident werden? Wenn ich mir vorstelle, daß der Kohl es tatsächlich schafft, diesen (Heit-)Mann durchzubringen ... Ich gebe es offen zu: Der Kerl ist mir zuwider. Paßt schon, daß nur Kohl und die CSU ihn mögen (vielleicht noch seine Frau, aber die habe ich nicht gefragt). Und seit ich Herrn Heitmanns dezidierte Meinung zu Europa las, will ich eigentlich gar nichts mehr von ihm hören: «Europa ist für mich eine Selbstverständlichkeit.» Da soll der Stern erst mal gegen anstinken! Doch dann hatte ich einen Einfall. Der kam mir — Freud laß nach! — beim Zähneputzen: Claudia Schiffer muß Präsidentin werden. Je länger ich putzte, um so zwingender erschien mir die Idee. Schon im direkten Vergleich mit allen anderen Kandidaten gewann sie um Längen. Im Gegensatz zu Herrn Rau hat sie Lippen, im Gegensatz zu Herrn Heitmann Haare, und im Gegensatz zu Frau Hamm ist sie auch im Ausland bestens bekannt (ganz Italien hat ihre hübschen runden Brüste am Zeitschriftenkiosk bewundert). Und im Gegensatz zu Thomas Gottschalk hat die Jagd nach der ganz großen Kohle bei ihr noch keine verkniffenen Kerben im Gesicht hinterlassen. (Den Gottschalk hat übrigens Theo Waigel vorgeschlagen, nicht das Laubacher Feuilleton. Da legen wir Wert drauf!) Doch das wichtigste: Frau Schiffer hat garantiert keine belastende Vergangenheit, weder hat sie KZ-Baupläne entworfen, wie einstmals Herr Lübke, noch war sie, wie einstmals Herr Weizsäcker, Geschäftsführer in einer Firma, die dem Pentagon geholfen hat, mit dem dioxinhaltigen Giftstoff Agent Orange den vietnamesischen Dschungel zu entlauben. Claudia ist sauber. Kurzzeitig drängte sich noch Roberto Blanco in die Kandidatenriege. Der hätte den Vorteil, wie Heitmann von der CSU akzeptiert zu werden, weil er schon mit FJS ganz gut konnte («wir Schwarzen müssen doch zusammenhalten»). Da entzückte mich die Vorstellung gewaltig: Der deutsche Bundespräsident Roberto Blanco auf Staatsbesuch in Togo oder Kenia, wie er unter den Klängen von «Einigkeit und Recht und Freiheit» den dortigen Präsidenten die Hand schüttelt und ausruft: «Wir Schwarzen müssen doch zusammenhalten!» Und dann moderiert er gleich noch den Musikantenstadel, live aus Afrika, mit Maria Hellwig, King Sunny Adé, dem Napalm-Duo und Youssou N'Dour, hollärädulliöh! Eine schöne Vorstellung, aber Claudia hat auch Herrn Blanco gegenüber den Vorteil, eine Frau zu sein, und davon gehen wir nicht ab: Wir wollen eine Präsidentin. Da tauchte Uschi Glas auf, das Ex-Schätzchen aus dem Film mit Werner Enke (der wär' auch kein schlechter Präsident). Damals trug sie ein wunderhübsches weißes Korsett, das ihre Brüste drall und appetitlich nach oben wölbte. Und jeder Deutsche kennt sie, zumindest als Münchnerin in Hamburg um halb acht oder so, im Erste-Reihe-Fernsehen. Auch Frau Glas würde, wie Herr Heitmann, wie Herr Blanco, von der CSU freudig begrüßt werden, denn im Münchener OB-Rennen machte sie per Inserat darauf aufmerksam, daß sie zum Kandidaten Gauweiler hält, Kanzleipacht hin oder her, legal, illegal, Zillertal, a Hund isser scho', da Peter. Und außerdem trennt die Frau Glas ihren Müll, das bringt Stimmen von Bündnis 90/Die Hünen, und sie lebt fest verwurzelt in einer oberbayrischen Gemeinde, wo sie früher alle nur katholisch waren, jetzt aber auch noch alle 'nen Katalysator haben. Konkurrenz für Frau Schiffer — was nun? Als Ausweg doch die britische Queen fragen, ob sie nicht den deutschen Job mit übernehmen möchte? Schließlich interessiert sich die deutsche Frau (und auch sie wird von der Präsidentin repräsentiert) für nichts mehr als das Familienleben der Windsors, dagegen kommt nicht mal die Schwangerschaft von Boris' Babs an. Außerdem macht Elizabeth II. den gleichen Job schon für die Australier mit, so nebenher, und die möchten sie jetzt loswerden, damit sie nicht etwa Olympia 2000 in Sydney eröffnet. Da hätte sie leicht Zeit für Deutschland. Und die Tradition spricht auch dafür, daß die Mountbattens wieder Battenbergs werden. Trotzdem, ich bin für Claudia. Ob der Herr Heitmann tatsächlich «Igitt» sagt, wenn er die vielen Ausländer sieht, ob er wirklich glaubt, nationales Denken könnte auch nur ein Problem lösen auf dieser Welt, ob er die Frau lieber mit Kind an der Brust und Schürze am Herd sieht als im Kostüm hinterm Schreibtisch — mein Unbehagen an dem Kerl nährt sich aus anderen Quellen, darunter der Sehnsucht nach Schönheit. Warum, so frage ich, hat der Kohl ihn überhaupt aus dem Hut gezaubert? Er meinte wohl, damit könne er dem Richie heimzahlen, daß der nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte: Schau mal, jede Träne kann Bundespräsident werden, siehste jetzt ein, was für 'ne Flasche du bist? Und Dieter Hildebrandt hat auch nicht so unrecht: Der Heitmann aus Dresden ist für den Kohl die Rache für die Eier aus Halle. Doch der Mann, um dessen massive Gestalt der Mantel der Gechichte weht, sollte sich klarmachen: So mancher Kritiker des CDU-Kandidaten schlägt den Sack Heitmann und meint den Esel Kohl. Zu recht spricht die FAZ deshalb von einem «Kulturkampf» um den Ersatzkaiser. Nur ein Punkt wurde bei aller Kritik übersehen: Der Kohl, sauschlau und volksnah, nahm diesen Sachsen, weil er glaubte, Dinos würden zur Zeit am besten ankommen. Was? Na, schauen Sie sich den Heitmann bloß mal an — der sieht doch jetzt schon aus wie ausgestorben, mit diesem langen Hals und dem kleinen Kopf oben drauf! Ein Dinosaurus neufünflandis: Der Mann ist, wie Kohl, aber anders, ein ästhetisches Problem. Schon deshalb müssen wir auf Claudia Schiffer bestehen. Nun könnte jemand einwenden, unserer Kandidatin fehle die politische Reife für das Amt. Unsinn! Dauernd irgendwo hin im Jet verreisen und sich dann photographieren lassen — das kann die Claudia locker, macht sie ja jetzt schon. Im Moment erzählt Richie gerade den Politikern in Litauen, er würde sich für ihre Interessen einsetzen, wenn er wieder zu Hause ist. Bravo, Richie! Hast du ihnen noch erzählt, daß du als Präsident auch zu Hause verbal ablassen kannst, was du willst, und es bleibt ohne Folgen? Nicht immer, zugegeben: Neulich hat mich Richie übers Fernsehen aufgefordert, mich nicht so hängen zu lassen und nicht zu resignieren, sondern voller Optimismus zuzupacken, damit's endlich aufwärts geht mit der Wirtschaft. Da habe ich mich im Sessel aufgerichtet und beschlossen, morgen mal wieder mit meinen Hanteln zu trainieren, so sehr hat Richies Appell mich beeindruckt. Aber wenn Claudia uns derart ins Gewissen reden würde — da ginge es ganz toll aufwärts, mit der Wirtschaft und so. Außerdem würde sie hinreißend dabei aussehen, in so 'nem Wahnsinnsfummel von Karl Lagerfeld. Seit ich sie in meiner Tageszeitung lächelnd mit unwiderstehlichen Grübchen in den Wangen an der Seite von David Copperfield erblickte, fühle ich mich erst recht bestätigt. Sie und der Magier haben es in der Hand, uns von dem schwarzen Loch aus Oggersheim zu erlösen. Und zwar so: Unauffällig könnte sie mit dem lockigen David bei einem offiziellen Anlaß Deutschland, die Schönheit und die Magie repräsentieren und dazu den Kohl einladen, und dann ... oh Mann, ich werd' schon ganz kribbelig ... Der Copperfield läßt sogar eine Harley-Davidson mit laufendem Motor von der Bühne verschwinden. Für ihn wäre es doch ein leichtes ... Denn glauben Sie mir, durch Wahlen werden wir den Kohl nicht los, niemals! Im übrigen wird Claudia auf den Photos Pippi Langstrumpf immer ähnlicher. Vielleicht ist sie's wirklich. Egal, ich bin flexibel: Dann soll eben Pippi Präsidentin werden! Hans Pfitzinger Laubacher Feuilleton 8.1993, S. 2; Überall ist Laubach, München 1995, S. 57–61
lrrlichtende Eisbrecher Lieber Paul, lange, lange Zeit ist vergangen, seit Du mich als Deine zweite Vahiné in Deine Hütte mitgenommen hast, mich die Wärme Deines französischen Körpers hast spüren lassen und ich Dir mit Monoi die gerötete Haut gekühlt habe, ihr den zarten Schimmer des Himmels über den Marquesas eingerieben habe. Heute lieben die Menschen diesen matten Glanz auf Deinen Bildern, die in den größten und schönsten Museen der Welt hängen. Diese Welt, wenn Du sie sehen könntest! Sie ist klein geworden! Alles, sagen wir fast alles, hat sich verändert, nur die Liebe zu Dir ist immer noch dieselbe geblieben. Ich bin viel gereist in diesem Leben, das immer noch andauert und nicht enden will, auch an Orte, in Länder, die Du nie gesehen hast, oder nicht sehen wolltest. Paul, ich bin in Deutschland. Ich schreibe Dir diese Zeilen in einer grauen Dezembernacht, in der sich die Schwärze der Nacht nicht gegen die schlierig-grauen Wolkenschwaden durchsetzen kann. Die Stimmung paßt zu dem Land, in dem sie Deine Bilder lieben. Fünf Jahre nachdem Du mich und uns alle für immer verlassen hattest, schrieb ein deutscher Maler, Emil Nolde, über Dich, Cézanne und den Freund Van Gogh, daß Ihr Eisbrecher gewesen seid. Ihr Franzosen, sagte er, hättet mit allem Alten aufgeräumt, ja, ohne Euch wäre alles nicht so gekommen, wie es kam. Sie, die Deutschen, waren fasziniert von Deinen Entdeckungen des Primitiven. Pechstein, hast Du ihn gekannt — ich glaube nicht, da warst Du schon tot —, reiste nach Palau, Deinetwegen. Sie waren schwärmerische Menschen, nein, sie sind es. Heute abend habe ich sie wieder einmal, vielleicht das erste Mal, erlebt, diese schwärmerischen Menschen, immer auf der Suche nach der Wärme und dem Licht des Südens. Unglaublich?! Sie versammelten sich im Keller eines Hauses, das einmal eine Lagerhalle war. Nivea, ein uns vertrauter Klang, nicht wahr, wurde früher darin gelagert. Nivea nennen sie eine weiße Crème, um ihre weiße Haut geschmeidig zu halten, sie vor der Sonne, die sie so sehr suchen, zu schützen. Nivea! — Paul, ich erinnere mich immer mehr an Dich und Deine Süße, Deine Wärme, mon cher Paul. — Sie reisten von weit her zu dieser Halle. Menschen, wie Du sie zu Tausenden gekannt und getroffen hast. Diese Menschen, die zur Welt der Künstler und oft nicht so sehr zur Welt der Kunst gehören. Drei junge Männer in Lederkluft, wilde Gesellen, habe ich auf der Landstraße aufgelesen und sie mit zu der Kunst genommen. Ich glaube, sie waren verblüffter und erstaunter als ich, daß ich unseren Geboten der Freundschaft immer noch gehorche und sie ohne zu zögern in mein Auto habe steigen lassen. Punaania ist weit weg. Und wir gingen gemeinsam den Weg zur Kunst, viele Stufen in den Keller hinab. Schwüle Kälte in dem großen Raum. Viele Menschen, wenige Bilder bevölkern ihn. Hubertus Reichert ist da. Der ernste jüngere Mann setzt Farbflächen zueinander, stellt sie nicht gegeneinander. Blossfeldts berühmte Urformen des Lebens haben ihn inspiriert, eine davon hat er in seine Flächen integriert. Eine gewisse spröde Sinnlichkeit sind diesen Bildern nicht abzusprechen, wie der Maler eben selber ist. Ein seltsam lrrlichtender der Szene, er ist wirklich sehr bekannt geworden, hat seine Leinwand vorbeigeschickt. Wilde, lose Gitterformationen hat er hingeworfen auf das Bild, mit großer Geste eine wohl nur vorüberhende Leere dokumentiert. Ein seltsames Geschöpf dieser Maler, Photograph und Bildhauer, ein Liebling der Mondänen. Aber er ist ein guter Künstler. Weißt Du, er ist wie — na, Du weißt schon, wen ich meine. Einer, der in die Tiefen des Absinth hätte fallen können. Ich habe Dir ja schon gesagt, daß sie diesen wunderbaren Stoff der Träume verboten haben. Ein Absinthlöffelchen von Dir wird auf irgendeiner Auktion jetzt versteigert. Vielleicht sorge ich dafür, daß er es erhält, der lrrlichternde. Dabei ist sein Name so real, Günther Förg, bizarr. Andere Tiefen der Seele, dunkle Seiten, Abgründe, liebevolle Verquerungen erkenne ich in dem Schwarz, dem Rot, den Farben von Walter Vopava. Er wirkt dunkel, geheimnisvoll wie seine Bilder. Sie lieben ihn alle — ich meine, er hat ein sehr volles Herz. Verzeih, ich schweife ab, das Herz der Männer interessiert Dich sicher nicht. Mich manches Mal, Du kennst mich, Geliebter. Absinth, der Absinth will mich nicht verlassen. Als hätte er Deine Gemälde, Deine Sicht der Dinge und der Sinne in wirren, wilden Absinthräuschen verzerrt, gedreht, gepreßt, zum Schmelzen gebracht. Ein Schweizer — hör' auf zu schreien, wohl weiß ich, daß Du sie nicht magst, sie alle Calvinisten geschimpft hast —, hat das wunderbare Bild geschaffen. Wohl haben ihn die Erinnerungen an die Absinthbrennereien in seinem Zuhause bei Besançon die Sinne vernebelt. Hätte er doch die herrlichen Zeiten gekannt, von denen Du mir so viel erzählt hast. Seine Bilder wären anders geworden, besser bestimmt nicht. Ach Paul, ich kann das mit Dir nicht vergessen. Nie. Ich schwöre es. Die Stille, die Ruhe, die ich mit Dir nicht gekannt habe, die habe ich jetzt genug. Schluß. Ich rede ja wie eine alte, erfahrene Frau. Die flirrende Schwüle meiner Heimat habe ich an diesem Abend im Keller gefunden, und die Stille, das Glück der Ruhe. Wunderbar hat Bernd Zimmer erkannt, was uns wichtig war. Warum Du hierher gekommen und geblieben bist. Gemalt und an die Wand genagelt, hängt es da. Wer es nicht wußte, erkannte es nicht. Dein Grab, Paul. Nicht süßlich, nein, dunkel und geheimnisvoll zugleich erscheint der Stein, unter dem Du liegst, und die Azaleen, Palmen, Blumen und Ranken unserer schönen Insel. Die Sonne geht unter, rot leuchtet der Himmel. Wie ein Fanal der Liebe über den Tod hinaus. Ach Paul, sähest Du mich jetzt unter dem grauen Dezemberhimmel sitzen, Du würdest Dich meiner erbarmen und mich in Deine starken Arme nehmen. Pau'ura a Tai Anne Maier Kurzschrift 1.1999, S. 17–20; Erstdruck in: PlantSüden, herausgegeben von Roland Hagenberg und Bernd Zimmer, Tokio — Polling
Pluralistisches Sein Emmanuael Lévinas (* 1906 in Kaunas/Litauen † 1995 in Paris) ist der erste Philosoph, der in der Tradition des von Henri Bergson, Aby Warburg und Werner Heisenberg begonnenen «Denkens im Zwischenraum» eine neue Ontologie auf den Dialog gründet. Er ist Heidegger-Schüler, entlarvt dessen Lehre aber, ohne sich etwa mit dessen Biographie zu beschäftigen, als eine «Philosophie der Macht». Lévinas entthront Heideggers egozentriertes «Selbst-zum-Ende» und postuliert ein «Selbst-zum-Anderen», verlangt eine Investition der Ich-Konstruktion in Verantwortung. Als hätte im deutschen Sprachraum das überdimensionierte Interesse für die französischen Strukturalisten den Blick auf diesen wohl für unser Jahrhundert wichtigsten Existenzphilosophen und Talmud-Gelehrten verstellt, werden seine Schriften nun, mit einer Verspätung von beinahe 40 Jahren, auch hierzulande endlich, wenn auch immer noch schleppend, gebührlich rezipiert. Dabei ist dieses Denken nicht nur hochaktuell, sondern brennend notwendig, liefert es doch das philosophische Fundament für den alten Traum einer Weltheimat. Die fünf Bedeutungen des Wortes Verbrechen gleichzeitig denken? Von der Gnade Gottes zum Witz Gottes kommen? Stunden kann es dauern, wenn im Talmud-Unterricht Meister und Schüler den großen, seit Jahrhunderten anwachsenden Kommentar weiterdiskutieren und die Interpretation um ein paar neue Aspekte erweitern. Die wichtigsten alten Einsichten müssen wiederholt, in ihrer Unterschiedlichkeit ins Gedächtnis gerufen und mit den neuen in vielstimmiger Schwebe gehalten werden. Kaum eine andere Kultur ist so geübt in differenzierter Diskussion, in palimpsestartigem Denken, in an-archischem Aufrechterhalten mannigfaltiger Gesichtspunkte. Die Errungenschaft der Moderne, eindimensionale Strukturen aufzugeben zugunsten pluralistischer Methoden, in Spannungsfeldern und Beziehungen zu denken, anstatt ein dominantes, ordnendes Prinzip zu suchen, ist in der talmudischen Diskussionkultur von altersher Gewohnheit. Der Philosoph und Schriftgelehrte Emmanuel Lévinas stammt nicht nur aus dieser Tradition, er führt sie weiter, einerseits in seinen international berühmten leçons talmudiques, die er seit mehr als 25 Jahren samstags morgens in Paris abhält, und andererseits in seiner neuen Ontologie, die mit der gesamten okzidentalen, egozentrierten Bewußtseinsphilosophie bricht, eine Seinslehre im Dialog gründet und das Ich-mächtige «Denke dich selbst» der Aufklärung ersetzt durch eine ethische Bestimmung des Subjekts: als Verantwortung gegenüber dem — immer großgeschriebenen — «Anderen». Denn: «Existenz ist kein Windhauch, sondern Verantwortung«, das ist seine erste These. Im deutschen Sprachraum sind es wenige, die den aus Litauen nach Frankreich ausgewanderten Philosophen lange kennen. Das Werk von Emmanuel Lévinas, der zur Generation Sartres gehört, ist erst seit Mitte der achtzigerer Jahre ins Deutsche übersetzt worden; noch immer liegt nicht alles vor. Die Frage nach der Aktualität dieses ungewöhnlichen Werks stellt sich für die meisten also weniger beim Wiederlesen, als beim Entdecken überhaupt. Neben der Freude an einer offenen, lebendigen, unprätentiösen Sprache, neben der Verwunderung über ein Denken, das es wagt, den Horziont der gesamten traditionellen Ontologie zu verschieben und die Dialogfähigkeit des Subjekts als ethische Dimension über die Philosophie zu erheben, erlebt man Lévinas' Schriften heute in einer neuen, brennenden Notwendigkeit: Denn dieses Werk arbeitet an dem höchsten und aktuellsten aller Ziele, an dem existentiellen Fundament für eine Weltheimat, in der die Ausgrenzung des Anderen ein Ende hätte. Gleich nach der Schulausbildung verläßt Lévinas Litauen und geht Mitte der zwanziger Jahre nach Strasbourg und nach Freiburg im Breisgau; er studiert bei Husserl und Heidegger. Als er dann nach Paris an die Sorbonne geht, ist er einer der ersten, die phänomenologisches Denken in die französische Geisteswelt tragen. Lévinas sieht seine Auseinandersetzung mit deutscher Phänomenologie zwischen zwei großen Strängen angesiedelt: Der ihm verwandten Dialogphilosophie Franz Rosenzweigs, Martin Bubers und Gabriel Marcels auf der einen Seite und der traditionellen Herausforderung Platons, Descartes', Spinozas, Kants, Hegels und Kierkegaards auf der anderen Seite. Schon vor dem Krieg entstehen die ersten wesentlichen Schriften einer Philosophie, die Schritt für Schritt mit Heidegger abrechnet. Lévinas anerkennt und schätzt dessen Werk als den höchsten Stand der philosophischen Reflexion seiner Zeit. Er kann trennen; er respektiert Heideggers Denken, auch wenn ihn dessen politische Verstrickungen mit Grauen erfüllen. Wenn er Heidegger kritisiert, dann nicht wie es in der Rezeption der achtziger Jahre geschah, aus biographischen Gründen, sondern umgekehrt: Lévinas erklärt die Wurzeln für totalitäres Denken aus einer egozentrierten Seinslehre und schreibt noch während seines Studiums: «Ontologie ist eine Philosophie der Macht.» Die ersten Schriften Le Temps et l'Autre (Die Zeit und der Andere) und De l'existence à l'existant werden erst nach dem Krieg veröffentlicht, nach Jahren der Kriegsgefangenschaft in Deutschland, nach Jahren der — in Lévinas' Sprache — «Gottesfinsternis»: Als er 1945 nach Frankreich zurückkehrt, erfährt er, daß seine ganze Familie von den Nationalsozialisten ermordet worden ist. Seine Sicht auf totalisierende Ansprüche einer okzidentalen Ontologie, die sich von Platon bis Heidegger den Rätseln der Existenz mit Begriffen der Vernunft und nicht mit Begriffen der Ethik genähert hatte, einer Seinslehre, die das Subjekt und seine Fähigkeit, sich selbst und die Welt wahrzunehmen, unter «Ausschluß des Anderen» gedacht hatte, verbindet sich von da an mit dem Gedächtnis extremer Leiderfahrung. Wenn Lévinas jegliche Machtformen des Denkens bricht und versucht, Politik an Ethik zu binden, wenn er es zum Leitspruch seiner Reflexion macht, daß «nur eine Freiheit, die sich zu schämen vermag, Wahrheit begründen kann», dann aus der erlebten Notwendigkeit heraus, eine «Philosophie nach Auschwitz» zu schaffen. Lévinas' Denken, das sich in einer obsessiven Bewegung ausbreitet, einer Bewegung, die Jacques Derrida verglichen hat mit der «ununterbrochenen Beharrlichkeit des Wellenschlags gegen einen Strand: immerwährende Wiederkehr und Wiederholung derselben Welle gegen dasselbe Ufer, an dem sich jedoch alles wieder zusammenzieht und in unendlicher Weise erneuert und bereichert», tritt dem Leser zunächst in einfacher, beinahe beiläufiger Sprache entgegegen. Gerade bei intensiverer Lektüre aber entzieht sich dieses Denken in seiner nur scheinbar leichten Verständlichkeit dem Leser immer mehr, spannt den Horizont immer weiter und weiter, je mehr man zu erfassen meint. In einer vielstimmigen, palimpsestartigen Sprache, die immer zahlreiche Aspekte nebeneinander anklingen läßt, die Paradoxa zu verbinden weiß, die mehr fragt als postuliert, in einer grenzenlos offenen, atmenden Sprache entwickelt Lévinas seine Thesen zur Seinsbestimmung aus der Begegnung mit dem «Antlitz des Anderen» heraus. Die Dimension dieses neuen Denkens fängt gerade erst an, die philosophische Forschung zu beschäftigen. Im von Platon aufgezeichneten Phaidon ist zwar ein Dialog angelegt, aber keine Begegnung mit dem Anderen, es geht um objektives Interesse; bei Hegel ist das Selbst auf sich selbst zentriert; Heidegger entwirft zwar das Konzept vom Mit-Menschen, schließt aber eine Begegnung aus, zeichnet ein Nebeneinander von in sich geschlossenen Individuen; Sartre läßt miteinander konkurrierende Bewußtseinskreise gegenübertreten. Lévinas' Gedanke aber von einem Humanismus, der auf einer «Begegnung von Angesicht-zu-Angesicht» gründet, führt zum ersten Mal das «Antlitz des Anderen» als «Bewegung» ein, in der sich «Menschwerdung vollzieht». Martin Bubers Du geht ihm nicht weit genug; aus Lévinas' Perspektive unterschätzt Buber die Schwierigkeit einer Selbstöffnung und geht an einer Dimension vorbei, die für Lévinas grundlegend ist: Der Andere ist immer auch das Antlitz des unbekannten Fremden, des Unendlichen. Von Heidegger übernimmt Lévinas die Unterscheidung zwischen Sein und Seiendem, für ihn das «Tiefste in ‹Sein und Zeit›». Er überschreitet dessen Denken aber, indem er — in einer ersten Stufe — nicht nur eine Differenz, sondern eine Trennung zwischen Sein und Seiendem feststellt. Das ist die Voraussetzung für das «Ereignis der Gegenwart», für das «Ereignis des Seienden». Denn das «losgelöste Sein», das einem «Es-gibt» entspricht, kann der «Ort» sein für ein sich «ereignendes Seiendes». Wenn das «Seiende die Herrschaft über das Sein übernimmt», ist das also schon ein erstes «Ausgehen von sich», aber eben auch — noch — eine «Rückkehr zu sich». Die zweite Seinsstufe rückt noch radikaler ab von Heidegger. Die eigentliche Ich-Werdung ist für Lévinas die Fähigkeit des Selbst, von sich selbst «auszugehen», ohne zurückzukehren. Also nicht, wie er es formuliert, als ein Odysseus auszuziehen und nach Ithaka zurückzukehren, sondern als ein Abraham aufzubrechen, in fremdes Land. Die Angst vor dem Tod, die bei Heidegger das «Sein-zum-Ende» und die «Sorge um das Selbst» begründet, wird bei Lévinas zu einem Wissen um das ganz «Andere», das «Zukünftige», «außer meiner Selbst liegende». Da der Tod «von mir nicht ergriffen werden kann», ist er zwar einerseits die Grenze des Selbst, andererseits, paradoxalerweise aber, öffnet der Tod die Einsamkeit des Selbst, ist unser Verhältnis zum Tod ein «einzigartiges Verhältnis zur Zukunft». In dem Wissen um dieses zukünftige Ereignis, in dem Wissen um das ganz Andere, kann das Ich eine «Sorge um den Anderen» entwickeln, die es im Gegensatz zu Heideggers «Selbstsorge» vermag, das Selbst, das «Sein-zum- Ende» zu öffnen. Im «Angesicht des Anderen» kann das Selbst, das sich eben nicht in seiner Totalität erschöpft, aus sich selbst herausbrechen. In den sechziger Jahren formuliert Lévinas dieses Denken in seinen wohl wichtigsten Schriften, Totalité et Infini — wieder eine deutliche Antwort auf Heidegger — und Difficile Liberté (Schwierige Freiheit). In den siebziger Jahren entstehen dann Autrement qu'etre ou au-delà de l'essence (Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht) und Noms propres (Eigennamen). Den Namen des Anderen anerkennen, den «Anderen als Du annehmen», das untersucht Lévinas in diesem Sammelband von literarischen Essays über Proust, Paul Célan, Maurice Blanchot, um nur diese zu nennen. Lévinas ist nicht Philantrop, er predigt nicht Moral oder Nächstenliebe. Er zeigt nur, in unpathetischer Sprache, was die existentielle Basis für ein soziales Leben ist. «Eigennamen sind unter allen Namen und Gemeinplätzen diejenigen, die der Auflösung des Sinns widerstehen und uns helfen zu sprechen» — was diese scheinbar selbstverständliche Beobachtung bedeutet, zeigt das namenlose Grauen des Nazi-Regimes, das den jüdischen Mitbürgern ihre Eigennamen nahm, um sie als depersonalisierte Masse zu ermorden. Wie Herausforderungen an sich selbst wirft Lévinas sehr einfach formulierte Sätze aus, die ihre ganze Komplexität dann erst entfalten, in darauffolgenden, minutiösen, fein differenzierten Abhandlungen; eine Methode, die immer wieder seine talmudische Interpretations-Meisterschaft aufscheinen läßt. «Die Einsamkeit ist eine Abwesenheit von Zeit» ist etwa ein solcher Satz, von dem aus Lévinas dann definiert: «Das Bewußtsein des Objekts — die Thematisierung — beruht auf dem Abstand zu sich, der nur Zeit sein kann; oder wenn man so will, er beruht auf dem Selbstbewußtsein unter der Voraussetzung, daß man im Selbstbewußtsein den ‹Abstand von sich zu sich› als Zeit anerkennt. [...] Bewußtsein haben, heißt Zeit haben.» Wenn Bewußtsein haben aber heißt, von sich zum Anderen ausgehen, dann ist das «Antlitz des Anderen» das «ursprünglich Zeitigende», und dann ist, wie Lévinas in seiner beiläufigen Tonart feststellt, Platons Philosophie ein «Weltgebäude ohne Zeit». Wenn der «Andere» aber das eigentliche «Ereignis der Zeit» ist, dann denkt Lévinas dieses «Zeitigen» nicht als Zeitpunkt, sondern als ein Dauerndes, als ein «Sein-zum Anderen», das dem Heideggerschen «Sein-zum-Ende» diametral entgegengesetzt ist. Indem Lévinas sich von dem «selbstmächtigen» Entwurf einer Einheit des Seins löst und ein pluralistisches Sein schafft, das den Anderen innerhalb der Grenzen seines Anders-Sein wahrnimmt, ihn nicht neutralisiert, gleichmacht, vereinnahmt, antwortet zum ersten Mal ein Existenzphilosoph auf pluralistische Denk- und Forschungsstrukturen, die in der Wissenschaft längst geläufig sind. Die Verabschiedung des einen herrschenden Prinzips, einer harmonisierenden «arché», zugunsten einer an-archischen, Fragmente zusammenlesenden Weltsicht hat Werner Heisenberg mit seiner Theorie von den Unschärferelationen für die «messende» Beobachtung und Aby Warburg mit seiner Theorie vom «Pendelgang» für die ästhetische Beobachtung schon in den zwanziger Jahren formuliert. Lévinas ist der erste, der in die Subjektbestimmung an-archische, pluralistische Methoden einführt. Die Qualität aber dieser zeitgemäßen Seinslehre liegt in der ungewöhnlichen Verbindung mit einem ethischem Denken, das Lévinas «Prima Philosophia» nennt. Eine Ontologie «in der Spur des Anderen» zu verankern, das bedeutet für Lévinas eine Ich-Gründung, die investiert werden muß in Verantwortung für das unendlich Fremde des Anderen; eine Subjekt-Bestimmung, die investiert werden muß in die Verwundbarkeit dieses «Antlitzes», das mir gegenübertritt und mit seiner Forderung «Du sollst mich nicht töten» gleichzeitig bittet, «zu geben, was zum Leben notwendig ist». Beinahe selbstverständlich, völlig unrevolutionär liest sich dieses Werk, das doch nichts Geringeres vornimmt als eine Mittelpunktverschiebung. Die nur allzu populär gewordenen Konzepte einer «Selbstbestimmung» und «Selbstverwirklichung» aus den siebziger Jahren, einer «Ich-Findung», die sich in sich selbst genügte, entlarven sich aus der Sicht dieser pluralistischen Ich-Gründung als unzeitgemäß und eindimensional. Als es in den sechziger Jahren möglich wurde, die Welt zum ersten Mal vom Mond aus als Ganzes wahrzunehmen, schien es Lévinas für einen Moment, als wäre der Traum von einer Weltheimat in greifbare Nähe gerückt. Die jüngste Geschichte beweist, wie utopisch das Weltgebäude von Lévinas ist. Damit ist gleichzeitig die Notwendigkeit dieser Utopie bewiesen. Doris von Drathen Für eine erste Einführung in sein Werk ist dem Leser am besten zu empfehlen: Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen, Verlag Karl Alber Freiburg/München 1983, übersetzt, herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Nikolaus Krewani (ISBN 978-3-495-47883-3). Dieser Aufsatz erschien im März 1995 im Laubacher Feuilleton. Im darauffolgenden Dezember starb Lévinas in Paris. Laubacher Feuilleton 13.1995, S. 7
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