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Von Müsli für Menschen Müsli ist Schwyzerdütsch und bedeutet Mäuslein. Soviel für alle, die sonst nicht weiterlesen würden, weil sie denken, sie erführen hier einiges über gesunde Frühstückskost. Wer also meint, im folgenden Neues über die kernige Körnermahlzeit zu erfahren, kann die Lektüre sofort abbrechen. Die Geschichte ist rasch erzählt: Vorwitzige Maus geht per Bahn auf Wanderschaft und erlebt, vornehmlich in Paris, eine Vielzahl aufregender Abenteuer. Wenn die Hauptrolle von einem Tier besetzt ist, handelt es sich meistens um einen klassischen Kinderstoff (Ausnahmen: ‹Der weiße Hai›, ‹Die Straße der Ölsardinen›). So auch hier. Aber wann immer sich die Literatur an den Nachwuchs wendet, bekommen wir Erwachsene das spitz. Und wir können nicht anders, als da reinzuschnüffeln. Sei es, um eine Form erziehungsberechtigter Vorzensur zu üben («Der Schund kommt mir nicht ins Haus!»). Oder einfach, weil die Adressaten des Lesens noch nicht oder nur in sehr begrenztem Maße mächtig sind («Es war einmal ein ... jetzt hör gefälligst zu, wenn ich Dir schon vorlese, du Rotzlöffel!»).Manchmal stoßen wir dabei auf wahre Kleinodien, auch wenn es gelegentlich Jahre dauert. Wie zum Beispiel bei Die Zugmaus von Uwe Timm, für die der Zürcher Diogenes Verlag bereits 1981 das Copyright angemeldet hat. Diese Zugmaus ist eine gewöhnliche Hausmaus, heißt Stefan, wird aber von allen nur Mausebiber genannt, weil sie als Kind Baumstämme angenagt hat (das verwirrt Leser/innen und/oder Zuhörer/innen zunächst, tut aber eigentlich überhaupt nichts zur Sache). Diese Hausmaus/Zugmaus namens Stefan/Mausebiber wird zu Beginn der Geschichte gebeten, ihre Pariser Abenteuer zu erzählen, woraus der gebildete Vorlesende zweierlei Schlüsse ziehen kann: 1. Es handelt sich um eine Rahmenhandlung mit eingeschobener Rückblende (das werden wir tunlichst für uns behalten, weil es die Kids sowieso nicht interessiert). 2. Stefan hat all seine Abenteuer offensichtlich überlebt (und das werden wir ebenfalls nicht groß rumposaunen, weil sonst für die Zuhörer die Spannung raus wäre. Denn seien wir doch mal ehrlich: Hin und wieder wollen wir das blanke Entsetzen in den Kinderaugen sehen. Und ab und zu auch mal ein kleines Tränchen ...). Unsere Zugmaus erzählt also. Zunächst über ihre Herkunft. Über ihre Verwandtschaft. Und wie ihr der Zirkuspudel Isegrimm eines Tages den Mund (denn natürlich ist Stefan so sehr ein vermenschlichtes Lebewesen, daß er keine Schnauze hat) wäßrig macht auf die Schweiz, speziell auf den dort produzierten Käse: «Die Löcher werden von Schweizer Mäusen kunstvoll herausgenagt. So kunstvoll, daß man nicht die kleinste Spur von einem Mausezahn erkennen kann.» Fortan träumt Stefan von einer Karriere als Diplom-Käsenager («Nein, Kleines, Teenager sind was anderes»). Aber bevor er seine Träume in die Tat umsetzen kann, muß es erst mal ganz dick kommen (Blankes Entsetzen! Kindertränen!): Das Münchner Mäusedomizil fällt der Abrißbirne zum Opfer (Bauspekulation), der Lüftungsschacht einer nahegelegenen Tiefgarage ist kein adäquates Übergangsquartier (zu zugig), und der zwischenzeitlich entstandene Neubau entspricht nicht Großvaters Mäuse-Einmaleins: «Wo Menschen leben, da gibt es auch Abfälle.» Die wandern nämlich in dem Neubau (Fluch moderner Architektur) auf der Direttissima in den Müllschlucker. Wie der sozial entwurzelte Homo sapiens, landet auch unsere Mäusefamilie am Hauptbahnhof. Da ist die Welt (fast) noch in Ordnung, denn, so Stefan: «Wir kannten inzwischen einen Imbißstand, wo viele leckere Sachen am Boden lagen, zum Beispiel Pommes frites.» So weit, so gut. Aber: «Leider waren sie oftmals durch Ketchup verdorben, das die Menschen aus unerklärlichen Gründen darüberschmieren.» Vom Bahnhof ist es für unser Mäuschen nur noch ein kleiner Schritt ins Hobo-Dasein auf der Strecke Köln-Hamburg. Anderthalb Jahre D-Zug. Dann der erste Lichtblick: Stefan steigt um und rast mit 200 Stundenkilometer nach Basel. Dabei beobachtet er messerscharf: «Das Eigentümliche an diesem Intercity-Zug war, daß fast ausschließlich Männer darin saßen. Die meisten trugen Anzüge und Krawatten und hatten alle, wie auf Verabredung, kleine lederne Aktenkoffer bei sich («Richtig, mein Sohn, auch Dein Papi ist gelegentlich gezwungen, in dieser Aufmachung rumzureisen»). Eine weitere Ernüchterung gibt es für Stefan in Basel, wo ihn die Schweizer Bahnhofs-Maus Wilhelm über die diplomierte Käsenagerei aufklärt: «Das isch doch nur e Märli. Vilicht isch das viel friener emol so gsi, aber hüt mache das nur no Maschine. Für uns Müsli isch do kei Platz me.» Und faßt zusammen: «D'Schwyz isch kei Land für Müsli. Do isch alles suuber und ordlig.» Aber gottlob haben auch Basler Bahnhofs-Müsli ihre Mythen. Und die lassen nur ein Ziel offen: Frankreich, «unter de Schwyzer Müs e Gheimtip». (Unter den fein gekleideten Herren im Intercity auch!) Folglich gehen Stefan und Wilhelm gemeinsam auf Achse und landen in Paris. Offensichtlich ist an Schweizer Mythen mehr dran als an deutschen, denn: «Noch an demselben Abend entdeckten wir eine Gewohnheit der Franzosen, die uns entzückte. Die Franzosen pflegen zu allen Mahlzeiten langgezogene Brötchen zu essen [...], wie für Mäuse geschaffen, denn dabei fallen natürlich viele Krümel ab.» Aber die nahmen sie nur als «Zubrot», denn es gab noch einiges mehr: zum Beispiel in Rotwein eingelegte Oliven. Von denen «lagen viele am Boden, da sie von den amerikanischen Touristen, in der Annahme, sie seien verdorben, meist unter den Tisch geworfen wurden.» Und die erste Lektion in Pariser Lebensart, speziell über die Benutzung der Boulevards, lernen unsere beiden Zugereisten von Pierre (Pariser Bahnhofs-Maus): «Nicht laufen, sondern schreiten. Was huscht, das sieht man.» In der Folgezeit muß dann aber doch eine ganze Menge gehuscht werden, denn wo es viele Mäuse gibt, da sind auch die Katzen nicht weit. Höhepunkt ist eine Verfolgungsjagd rund ums Bein eines Müllmanns (Blankes Entsetzen! Kindertränen!). Unsere Freunde landen schließlich bei einem Zirkus und lernen notgedrungen eine Menge artistischer Tricks, aber alles soll hier natürlich noch nicht verraten werden ... («Da müßt ihr schon zuhören, bis der Papi zu Ende gelesen hat.») Deshalb abschließend lieber noch ein paar kritische Takte zu den Illustrationen. Die sind von Tatjana Hauptmann, teilweise farbig und ausnahmslos sehr hübsch. Nur: Die meisten Schlüsselszenen wurden leider nicht mit dem Zeichenstift erfaßt. Auf einem Dutzend Bilder ist weit und breit keine Maus zu sehen, und häufig flüchtet sich die Illustratorin in die Standardsituation «arme, kleine Maus und großer, gefährlicher Schuh» («Uiii, Papi, gleich tritt sie drauf, stimmt's!?» Blankes Entsetzen! Kindertränen!). Und damit, finden wir, wird unser kindliches Vorstellungsvermögen doch wohl auf eine harte Probe gestellt. Recht so! Ullrich Jackus Uwe Timm Die Zugmaus Illustriert von Axel Scheffler dtv junior, Reihe Hanser 120 Seiten, Euro 6,95; SFr 12,40 Jackus' Anmerkung zu den Zeichnungen von Tatjana Hauptmann bezieht sich auf die Ausgabe des Diogenes-Verlages von 1981. Laubacher Feuilleton 16.1995, S. 13
Faxismus Wenn der Postmann nicht mehr zweimal klingelt oder die Papierzunge des Zauberdrachens Eine Anekdote: Der stolze Neubesitzer eines Telefaxgerätes erprobt den Apparat zum erstenmal, und beim Empfänger kommt ein und dasselbe Jungfernfax zehnmal, fünfzehnmal an. Beim zwanzigstenmal telephoniert der genervte Adressat mit dem Absender, um den Grund für die unendliche Geschichte zu erfahren, und kriegt zu hören: «Mein Faxgerät muß defekt sein, das Blatt kommt bei mir aus dem Ding immer wieder heraus ...» Aller Faxanfang ist schwer — unkt ein Faxgerätehersteller in seinem Werbeprospekt. Wohl wahr; auch wenn das Faxen selbst später dann kinderleicht ist. Mein Faxgerät kam als Geschenk ins Haus; zwar funktionierte ‹das Ding›, nachdem es ans Telephon- und Stromnetz angeschlossen war, problemlos, aber leider fehlte die Gebrauchsanweisung, die unentbehrlich ist für die Programmierung der Kennung (Name und Anschlußnummer des Absenders, Datum und Uhrzeit), denn fast jedes Modell hat seine ungenormten Extravaganzen. Über die Faxgerätezulassungstelle der Deutschen Telekom in Saarbrücken ließ sich der Importeur des Irgendwo-made-in-Asia-Gerätes erfragen, der auch prompt 2 Meter Bedienungsanleitung — wie anders — faxte: Glückseligkeit — das erste eigene empfangene Fax! Jedoch auch mit Gebrauchsanweisung stellt die Programmierung der Kennung den Intelligenzquotienten auf eine harte Bewährungsprobe: eine Stunde Lebenszeit sollte man dafür schon einkalkulieren — ich kenne sogar Leute, die brauchten dafür etliche verzweifelte Stunden, ja, Wochen, Monate! Nur ein genialer Irrsinniger kann sich den Programmiermodus ausgedacht haben — Genie und Wahnsinn logieren immer noch unter demselben Dach. Nun gehöre ich also auch zur glücklichen Faxgemeinde in Deutschland. Faxten hierzulande 1983 nur 13.200 Avantgardisten, so waren es 1993 bereits 1,32 Millionen, eine Verhundertfachung! Und Wir werden jeden Monat 20.000 mehr, inzwischen dürfte längst die 1,5-Millionen-Grenze überschritten sein. Laut Telekom werden jährlich rund drei Milliarden DIN-A-4-Seiten durch die deutschen Leitungen gejagt, jeder Anschluß kommt — statistisch gesehen — auf rund 2.000 Blatt. Aber immer noch muß die traditionelle Briefpost jährlich an die 16 Milliarden Sendungen befördern. Mein Telefax-Zauberkasten hat die Größe einer Reiseschreibmaschine und wiegt etwa drei Kilo, das Gehäuse ist schwarz. Nur fünf Tasten hat das Gerät und sieben Funktionsblinklichter. Mit der ersten Taste entscheidet man, ob die sogenannte Faxweiche automatisch aktiviert werden soll, wenn über dieselbe Leitung ein Telephonat oder ein Fax ankommt; mit der zweiten Taste kann man bei verminderter Übertragungsgeschwindigkeit die Übermittlungsqualität, etwa bei graphischen Darstellungen, optimieren; mit der dritten Taste läßt sich für den Hausgebrauch photokopieren. Wenn man mit der Rückseite nach oben ein Blatt in den schmalen Schlitz eingelegt hat — und nur Freudianer haben abwegige Assoziationen —, druckt man den daumengroßen grünen Trapezknopf — und ab geht die Post! Eine warnrote dreieckige Stoptaste für den Fall, daß das Alarmlicht blinkt und ein klagendes Piepsen ertönt — dann ist die Leitung zum Empfänger nicht zustande gekommen, oder die Rolle mit dem eigenen Faxpapier ist mal wieder zu Ende. Natürlich gibt es wesentlich elegantere (und also teurere) Faxgeräte als meins, die haben ein chices Display, in dem die gewählte Empfängernummer ablesbar ist, haben ein integriertes Telephon, was außer im Büro kaum überbietbar unpraktisch ist, wie man hämisch feststellen muß: nur ein Büromensch läßt sich fesseln. Aber einen unbestreitbaren Vorteil besitzen Luxus-Faxgeräte (ab ca. 1.200 Mark) schon: sie funktionieren mit Normalpapier per Tintenstrahl- oder Laserdrucker und nicht mit diesem ekelhaften fludderigen Thermopapier von der Rolle per Hitzedruck, das sich so zombiehaft anfühlt, bei dessen Berührung jeder Ästhet Krätze kriegt, auf dem die Schrift so rasch verbleicht und das höchst umweltschädlich ist. Der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke: «Ein Fax ist unter unserem ästhetischen Niveau: es hat nichts zu tun mit rahmengenähten Lederschuhen, English Lavender, Seidenunterhosen usw. — es ist schäbigste Fast-Food-Korrespondenz!» Der interessierte Laie möchte selbstverständlich wissen, wie das Telefaxen technisch funktioniert. Ich auch. Da schreibt man am besten doch bei der Deutschen Telekom ab: «Das Telefax-Gerät wandelt Ihre Schrift- oder Bildvorlage fotoelektronisch in Rasterpunkte um, die als elektrische Signale übertragen werden. Das Empfangsgerät kehrt den ganzen Vorgang wieder um, und der Empfänger erhält eine originalgetreue Kopie, ein fernkopiertes ‹Faksimile›.» Eine wunderbare Erklärung, so knapp und einleuchtend, daß sie auch 80jährige Mütter begreifen. Und als ein vom altsprachlichen Gymnasium Gebeutelter füge ich noch hinzu: tele, aus dem Griechischen, heißt soviel wie fern (Television, Telegraphie, Telepathie), und fac simile, aus dem Lateinischen, bedeutet mache ähnlich! Aber trotzdem weiß ich immer noch nicht (auch wenn mir durchaus klar ist, daß Faxbotschaften nicht geschreddert auf die Reise gehen), wie die winzige Frau in mein Faxgerät hineingekommen ist, die mit quäkender Stimme plärrt: Bitte warten Sie! Ihr Anruf wird weitergeschaltet! Möchten Sie ein Fax senden, drücken Sie jetzt die START-Taste! Ich mache kein Hehl daraus, daß ich das Telefaxen für eine der wunderbarsten Erfindungen der Menschheit halte, vergleichbar mit technischen Innovationen wie Glühbirne, Telephon, Rundfunk, Fernsehen, Ton- und Bildaufzeichnung. Auch mit dem Telefaxen vergewissern wir uns, daß wir nicht mehr auf den Bäumen sitzen (auch wenn es manchmal doch noch diesen Anschein hat: auf den modernen Schlachtfeldern). Es ist kaum bekannt, daß die Anfänge des Telefaxens bis tief ins 19. Jahrundert reichen, bis in die Urzeit des Industriezeitalters, dessen technischer Visionär poetisch Jules Verne war. Die Gelehrten sind sich uneins, wer denn nun der wahre Erfinder ist. Die Telekom nennt in ihren Unterrichtsblättern für den Nachwuchs den Engländer Frederic Collier Bakewell, der 1847 erste Übertragungsversuche mit «Copiertelegraphen» zwischen London und Slough unternahm. Das britische Fernsehen hingegen favorisierte den Schotten Alexander Bain, der sich 1843 ein elektromagnetisches Gerät patentieren ließ, dessen bewegliche Teile aus Rinderknochen bestanden, das jedoch erst 23 Jahre später zwischen Paris und Lyon ausprobiert wurde. Der sogenannte Pantélégraphe arbeitete mit beschichtetem Eisenblech statt Papier und war schneckenlangsam, so daß er mit dem Telegraphen von Samuel Morse nicht konkurrieren konnte. Immerhin inspirierte er den Spiegel noch 150 Jahre später zu der Titelei «Fax mit Knochen». 1869 präsentierte der Franzose Gyot d'Arlingcourt einen «Copiertelegraphen», der folgendermaßen funktionierte: «Das zu übermittelnde ‹Telegramm› wurde mit nichtleitendem Firnis (Lack) auf eine Metallfolie geschrieben oder in eine lacküberzogene Folie eingekratzt, auf eine drehende Trommel aufgespannt und von einem Abtastgriffel, der [...] längs der Trommel bewegt wurde, abgetastet. An der Empfangsstation wurde ein mit blausaurem Kalium getränkter und mit verdünnter Salzsäure befeuchteten — und damit leitender — Papierbogen auf die Walze aufgepannt und der Abtastgriffel entlang der rotierenden Trommel bewegt. Durch elektrolytischen Stromdurchflug wurde das Aufzeichnungspapier eingefärbt.» In Deutschland taten sich — erst Anfang dieses Jahrhunderts — die beiden Physiker Arthur Korn und August Karolus bei der Entwicklung des Telefaxens hervor; 1928 war erstmals das «Wetterfax» des Dr. Bodo Hell aus Kiel im Einsatz («Hellschreiber»), 1929 wurde ein «öffentlicher Bildtelegraphendienst» eingeführt. Und am 1. Januar 1979 begann in Westdeutschland die Einführung des Telefaxdienstes und wurde in Frankfurt am Main ein Telefax-Test-Center eingerichtet — das Kind ist also noch nicht einmal volljährig, hat sich inzwischen aber zu einem Riesenbaby ausgewachsen, obwohl die technische Entwicklung von der deutschen Industrie verschlafen und Japan überlassen wurde. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die ‹Gelbe Post› in Deutschland von der Papierzunge des Zauberdrachens verschlungen sein wird. Momentan stehen in Postdiensten 100.000 Briefzusteller, die jährliche Personalkosten von (vorsichtig geschätzt mindestens fünf Milliarden DM verursachen; insgesamt dürften die Aufwendungen für Briefbeförderung im zweistelligen Milliarde-DM-Bereich liegen. Es ist absehbar, daß sie in naher Zukunft nicht mehr rentabel sein wird, wenn nicht horrende Porti! verlangt werden. Wirtschaftlicher lassen sich die 35 Millionen bundesdeutschen Haushalte mit Schriftpost via Telefax versorgen (31 Millionen Telephonanschlüsse sind bereits verfügbar). Selbst wenn die Telekom, die dann die klassische Post-Aufgabe übernähme, jedem Haushalt im Lande ein Faxgerät kostenlos (oder gegen Kostenbeteiligung) zur Verfügung stellte, hätte sich eine solche Investition binnen kurzem amortisiert, wenn man bedenkt, daß es schon jetzt ein ‹Volks›-Faxgerät bei der Firma Saturn zum absoluten Dumping-Preis von 220 Mark gab, wobei sich dieser Preis bei massenhafter Verbreitung gewiß noch um mehr als die Hälfte reduzieren ließe. Dann würden die gesamten Investitionskosten nicht einmal zehn Milliarden DM betragen. Längst ist das Faxgerät kein Luxusgegenstand mehr für Priviligierte, sondern bereits heute fast Gebrauchs- und Wegwerfartikel wie CD-Player, Kaffeemaschinen oder Staubsauger. Es lebe der Faxismus! Schon jetzt ist die Übermittlung eines Briefes per Telefax billiger als auf traditionellem Weg: eine DIN-A-4-Seite, in den entferntesten Winkel der Republik gefaxt, wofür die gängigen Faxgeräte mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 9600 Baud/sec. ungefähr eine Minute brauchen, kostet ab 1996 tagsüber fünf oder sechs Telephongebühreneinheiten, also 62 – 70 Pfennig, zum Billigtrif nachts sogar nur 12 – 36 Pfennig. Noch günstiger sieht es im Ortsnetz aus: für nur zwei Gebühreneinheiten lassen sich zum Normaltarif etwa drei Seiten faxen, zum Billigtarif für 12 Pfennig vier Seiten, was an Porto zwei Mark kosten würde. Und — momentan noch sehr teure — Faxgeräte der jüngsten Generation schaffen bereits die Übermittlung einer Seite in zehn Sekunden. Trotz der Geschwindigkeitshexerei macht die Deutsche Telekom satte Gewinne beim Faxen, und sie wären immens, jagte sie die Briefbeförderung ihrer unbeliebten Schwester Deutsche Post AG gänzlich ab, die dann aufs Frachtpost-Volumen einschrumpfte, unternehmerisch verschlankt von gegenwärtig 28,6 Milliarden Umsatz auf zur Zeit 4 Milliarden. Oder aber freie private Unternehmen bieten diese Dienstleistung an — ist die Deutsche Post ein Auslaufmodell? Ohne Frage: in ihrer jetzigen Struktur bestimmt. Und keine Angst: auch das Faxgeheimnis soll wasserdicht werden wie das Briefgeheimnis. Jüngst präsentierte die Firma Siemens ein Zusatzmodul für Faxgeräte: mittels einer Chipkarte wird die Übermittlung des Faxes verschlüsselt, so daß kein Unbefugter die Leitung anzapfen und mitlesen kann. Und im Büro und im familiären Bereich lassen sich eingehende Faxe speichern und erst durch ein Paßwort des befugten Empfängers abrufen. Auch das schon heute vielfach praktizierte papierlose Faxen von Computer zu Computer läßt Diskretion walten. Rechtlich sind noch nicht alle Fax-Probleme gelöst. Zwar kann kann man per Fax rechtsverbindlich Kaufverträge abschließen oder Warenbestellungen vornehmen, aber wenn das Gesetz die Schriftform vorschreibt, muß ‹die Urkunde› nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch ‹eigenhändig› unterschrieben sein, reicht die Kopie der Unterschrift nicht aus, etwa bei Bürgschaftserklärungen, Vollmachtserteilungen etc. Auch bei einen Mahnbescheidsantrag muß das amtliche Formular im Original eingereicht werden (ein milder Trost; dasselbe sollte künftig, wenn der Faxismus monopolisiert ist, auch für Parkstrafzettel, diese gräßlichen ‹Knöllchen›, gelten). Und wichtig zu wissen noch: Als Beweismittel vor Gericht reicht das Sendejournal mit Datum, Faxnummer des Empfängers und technischem ‹OK›-Vermerk nicht aus, da sich eine solche ‹Quittung› leicht manipulieren läßt. Die Abschaffung der traditionellen Briefpost hätte ein paar kuriose Nebenwirkungen: für Philatelisten gäbe es keine deutschen Briefmarken mehr zu sammeln (Paketpost wird ja nicht frankiert, sondern direkt am Schalter bezahlt), aber tränenüberströmte Sammelwütige könnten ja auf dann einzuführende Paketmarken, auf Telephonkarten oder Kaffeesahnedeckel umsteigen, um größere psychische Schäden zu vermeiden; und kläffende bißfreudige Köter müßten sich andere Waden als die der Briefträger suchen; auch werden die Beine der deutschen Menschheit schrumpfen, wenn der elastizierende Fitneß-Gang zum Briefkasten oder zur Post entfällt; und es gibt keine in Büchern veröffentlichten Briefwechsel von Dichtern mehr, denn wer will schon Gesammelte Faxe lesen? Aber als Ausgleich gibt es inzwischen ja bereits eine Fax-KUNST. Ein Sonderproblem stellt die allseits so beliebte Postkarte dar. Da muß noch die flexible einseitige Faxkarte erfunden werden. Warum nicht? Wenn man eines Tages auch allgemein in Farbe faxen können wird (die Technik existiert bereits) ... — natürlich wird es in jedem besseren Hotel der zivilisierten Welt einen Faxautomaten geben! Tante Waltraut in der Heimat braucht einen Gruß ihrer Lieben nicht zu entbehren! Man muß also kein großer Prophet sein, um fürs 21. Jahrhundert das Ende des traditionellen Briefverkehrs vorauszusagen. Der Postmann wird nicht mehr zweimal klingeln, wie ja auch die transzendentale Herkunft der Postboten, der einst als angelos vom Himmel fiel, längst anachronistisch ist, in entgotteten Zeiten. Den Platz der Metaphysik hat triumphierend die ‹Elektrophysik› übernommen (mein Faxgerät hat den ingeniösen Transit-Kamen TELESUS). Die Wirtschaft hat die Vorzüge des Faxens für die geschäftliche Komminikation auf Anhieb erkannt und realisiert. Auch aus dem Pressewesen ist das Faxen intern nicht mehr wegzudenken (hochsensible Redakteure in kulturellen Elfenbeintürmchen allerdings murren noch — aber schon leiser). Andererseits bietet seit Oktober 1995 die Süddeutsche Zeitung in Zusammnarbeit mit der Financial Times einen Wirtschaftsdienst per Fax an: «SZ-Finanz» heißt das elektronische Medium, das über Finanzmarkt-Ereignisse, die erst spätabends oder nachts bekannt werden, brandaktuell informiert. Es braucht noch etwas Zeit, bis auch traditionalistische Individualisten die Vorteile des Faxens erkennen und sich von ihm nicht mehr bloß in ihrer privaten Ruhe gestört fühlen (das war bei der Einführung des Telephons nicht anders). Selbst ein wertkonservativer Schöngeist wie der bereits oben zitierte Autor Matthias Zschokke mußte schließlich einräumen. — «... habe mich an das Gerät gewöhnt und es angenossen (es ging mir wie Katzen, die sich erst bis aufs Blut bekämpfen — und irgendwann nehmn sie sich an und lieben sich bis ans Lebensende).» Faxen ist auch ein demokratisches Medium: Rundfunk und Fernsehen haben das längst erkannt, indem sie Meinungen ihrer meist jüngeren Klientel per Fax abfragen; ebenso läßt sich einen unfähigen Politiker mit einem Fax kurz und bündig der Marsch blasen; und als Verbraucher kann man dem Hersteller stante pede den Unmut über ein miserables Produkt ins Auftragsbuch schreiben («Ihr matschiger versalzener Thunfisch aus Ecuador kann mit dem knackigen aus Indonesien in keiner Weise konkurrieren!») — alles Aktionen, für die ein Telephonat zu intim und ein postalischer Brief zu aufwendig wäre. In seinem Buch Die Schrift (Frankfurt am Main 1992) handelt der Kulturphilosoph und Zukunftsforscher Vilém Flusser im 13. Kapitel über das Phänomen Briefe, analysiert luzide und mit kritischer Sorge die radikalen Umwälzungen, die in diesem Bereich der Kommunikation auf uns zukommen werden: «Netze, die sich nicht mehr auf die Erde stützen müssen, sondern die stützenlos in Feldern schwingen, sind Träger intersubjektiver Botschaften geworden. Die Festlichkeit und das Geheimnis des Briefeschreibens lösen sich auf. Die existentielle Einstellung des Wartens, des Abwartens, des Erwartens ist angesichts der kosmischen Simultaneität der elektromagnetisch übertragenen Botschaft überflüssig geworden. Hoffen ist nicht mehr Erwarten, es ist Überraschtwerden geworden. Es hat allen Sinn verloren, Briefe zu schreiben. [...] Die Kunst des Briefeschreibens verlernen wir, während wir die neue Kunst der Intersubjektivität, die Computerkunst, noch nicht gelernt haben. Man entzieht uns den Brief (wobei dieses ‹man› gesichtslos ist, aber verschiedene Masken trägt), und wir fallen in die bezugslose Masse; gleichwohl erahnen wir, daß die Massenmedien sich in intersubjektive, briefartige Medien zu verzweigen beginnen. Nur diese dumpfe Ahnung, für die das Wort Hoffnung zu stark ist, erlaubt uns, dem Untergang der Briefe und der Post entgegenzusehen.» Niels Höpfner Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 3
Nur ein zeitgeschichtliches Ereignis? 30 Jahre Club Voltaire in Frankfurt am Main Die ‹große Zeit› des Clubs, seine Entstehungsgeschichte liegt in den sechziger Jahren, in einer Zeit der Auseinandersetzung mit der konservativ-christdemokratischer Meinungsführerschaft der Adenauer-Epoche. Die sich entwickelnde Suche nach Offenheit und Toleranz, nach sozialer und humanistischer Emanzipation gaben damals dem Club Themen. Streitkultur wurde später zum Modewort, aber in den Jahren vor 1968 war das ein Novum. In der heutigen Theoriesprache ausgedrückt war die Gründung des Club Voltaire 1962 eine innovative und kreative Lösung: Mitten in der Stadt, in bester Lage, wird ein politisch-literarischer Verein aufgemacht, dem eine abendliche Gastronomie angegliedert ist. Alles was dort gemacht wurde, war revolutionär: Die Eigenständigkeit, die Öffentlichkeit, die Provokationslust. Man kann noch heute — nahezu unverändert — die spröde Modernität der Räume sehen. Einfach und robust sind Theke, Tische, Stühle, zweckmäßig, nicht schön sollten sie sein; preiswert, nicht teuer; offen, nicht elitär sollte es zugehen. Dies war die Idee eines Treffpunktes für Arbeiter und studentische Jugend, für Linke und kritische Intelligenz, für Unzufriedene und Neugierige. Die Nähe zum Jazzkeller war wichtig, ebenso zum Kabarett Die Maininger. Für die Zwecke des Club Voltaire, gedacht als linkes Oppositionszentrum gegen den Konservativismus von Politik und Kultur, gegen die Anpassungsbereitschaft von Sozialdemokratie und Gewerkschaften, kam es darauf an, einen Ort der Gegen-Kultur und Antipolitik zu schaffen. Interieur und Ambiente waren nicht wichtig, viele fanden die Inneneinrichtung abschreckend und schmuddelig, das Bier aus der Flasche reichlich proletarisch. Aber: man traf immer jemanden, mit dem man reden und streiten konnte. Wer heute den Club Voltaire betritt, von der Frankfurter Rundschau zum «historisch gewordenen intellektuellen Ort» erklärt, merkt sofort, daß man sich immer noch hartnäckig weigert, dem jetzt modernen oder doch nur modernisierten Frankfurt zu folgen. Mauerbau und Ostermarsch, Godesberger Programm und Antinotstandskampagne; Ingmar Bergmans Film Das Schweigen rüttelten die Republik; Intendanten brauchten viel Courage, Brecht zu spielen. Wolfgang Abendroth war die intellektuelle Integrationsfigur der Linken, Enzensbergers Einzelheiten ein Geheimtip, Sweezys Theorie der kapitalistischen Entwicklung eine Pflichtlektüre. In diesem Umfeld entstand der Club Voltaire. Sein Publikum erweiterte den sozial und politisch vergleichsweise homogenen Kreis der Gründer. Es waren vor allem die Filmemacher des Fernsehens, Texter und Zeichner von Pardon, Journalisten, Musiker, Schauspieler, die den Club mit Vitalität und Einfallsreichtum versorgten. Der Club Voltaire hatte eine Scharnierfunktion zwischen junger und alter, neuer und traditioneller, aufgeschlossener und verbliebener, organisierter und ungebundener, zwischen proletarischer und intellektueller Linken. Aber seitdem die Darstellung eines scheinbar «gezähmten Kapitalismus» das dynamische Zentrum auf die sogenannten Probleme einer Risikogesellschaft verlagert hat, fehlt der Partei- und Gewerkschaftslinken und vielen marxistisch orientierten Intellektuellen der Zugang zu einer Perspektive, die Grundlage für eine Politik für Gegenwart und Zukunft. Vor drei Dekaden waren die theoretischen Welten der Linksintellektuellen noch heil, die politischen Frontstellungen der oppositionellen Sozialisten noch eindeutig. Nichts war unübersichtlich, im Gegenteil: Ein rechtsdogmatischer Konservatismus in Politik und Kultur, erweitert um den «sozialen Unternehmer» sowie einer nur halbherzigen Opposition der etablierten Großverbände der Arbeiterbewegung, munitionierten die Linksopposition — sehr klein und sehr übersichtlich — wieder und wieder mit der Gewißheit, daß die leicht als Klassengesellschaft definierbaren Verhältnisse über sich hinausweisen und den Übergang zu einer höheren Form gesellschaftlichen Zusammenschlusses ankündigten. Spätkapitalismus — an seiner Transformation mitzustricken und antikapitalistische Strukturreformen im Sinne von André Gorz auf den Weg zu bringen, das waren klare Intentionen. Die Namenspatronen des Clubs hießen mit Bedacht nicht Marx oder Luxemburg. In dem französischen Freidenker und Aufklärer Voltaire wurde der erfolgreiche Vorkämpfer einer wahrhaft historischen Revolution gesehen. Die Auseinandersetzung mit dem europäischen Faschismus, insbesondere mit dem von den Alliierten besiegten und von den Deutschen nicht verarbeiteten Nationalsozialismus war ein thematischer Schwerpunkt; Alfred Kantorowicz sprach über den spanischen Bürgerkrieg; deutscher Literatur im Exil war eine ganze Veranstaltungsreihe gewidmet, Anna Seghers las. Eine herausragende Pionierleistung war im Frühjahr 1967 die repräsentative Ausstellung der Werke von John Heartfield, an deren Vorbereitung er selbst großen Anteil hatte. Dies war typisch für das Selbstverständnis des Club Voltaire. Dem Frankfurter Publikum wurde ein Stück revolutionärer, antibürgerlicher Kunst präsentiert; den DDR-Kultusbürokraten auf der Vernissage im Karmeliterkloster ein linker Schriftsteller besonderer Art zugemutet, ein Trommler zwar für die Anerkennung der DDR, aber ein Republikflüchtling: Gerhard Zwerenz. Nach allen Seiten hin eckte der Club an. Ein anderes Reizthema war, heute kaum vorstellbar, die DDR selbst. Der Club hatte über Jahre hinweg dafür gesorgt, daß sich die DDR von ihrer besten Seite zeigen konnte: Ihre Literaten kamen — von Christa Wolf, Volker Braun, Erik Neutsch bis Hermann Kant; ihre Wissenschaftler hielten Seminare, das Berliner Ensemble gab Gastvorstellungen. Seine Herkunft aus der undogmatischen Linken schützten den Club, zum unkritischen Forum für die DDR zu werden. Die Realität des zweiten deutschen Staates als Folge des von Nazi-Deutschland begonnenen Weltkrieges wollte man schon anerkannt wissen, es handelte sich um eine Stück vorweggenommener Ostpolitik. Weithin wurde von den Clubbesuchern — trotz aller Kritik — die DDR für zukunftsträchtig gehalten. Die volle Schockwirkung des Stalinismus kam dann mit der Niederwerfung des Prager Frühlings. Die Schriftsteller und Bürgerrechtler und Karikaturisten, die Gäste des Clubs waren, wurden mit Berufsverboten belegt, teils eingekerkert. Das wurde dann zum unwiderruflichen Bruch mit dem undemokratischen Realsozialismus. Ein anderer wesentlicher Programmbestandteil war die Auseinandersetzung mit linker Theorie, die Aneignung linker Literatur und die Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung. Ernst Fischer, Leo Kofler und Ernest Mandel kamen zu Vorträgen und Seminaren; wiederholt machten Künstler des Berliner Ensembles Songs und Gedichte von Brecht, Tucholsky, Villon u. a. populär; eine große Brecht-Ausstellung mit Arbeiten von Sandweg, Neher, Heckroth und anderen wurde eingerichtet. Walter Fabian, gewerkschaftlicher Intellektueller in der Weimarer Republik und später Vorsitzender der Humanistischen Union, sprach über historische Themen; Fritz Opel (IG-Metall) und Werner Vitt (IG-Chemie) referierten über aktuelle Probleme der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung. Hermann Flach, damals Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, erklärte die Freiburger Thesen der F.D.P. Hinzu kamen noch viele bunte Programmsplitter: Erhards Formierte Gesellschaft wurde mit Entrüstung aber großer intellektueller Lust zerpflückt. Günter Grass, von eben jenem Bundeskanzler als «Pinscher» niedergemacht, agierte im Club für die ES-PE-DE. Die Amsterdamer Provos kamen als frühe Vorboten zivilen Ungehorsams an den Main. Weitere Glanzlichter waren die Filmseminare des Clubs, die Jazzkonzerte alter Frankfurter Bands, viel Kleinkunst. Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader, Dieter Hüsch und andere hatten hier ihre frühen Auftritte. Ein abrupter Schwenk in die Themenwelt der heutigen Debattierclubs macht den Unterschied zwischen den beiden Polen politisch-literarischer Opposition früher und politischer Kultur heute vollends deutlich. Statt politischer Ökonomie, Theorie und Geschichte des Sozialismus stehen heute andere Themen im Vordergrund des Interesses: Es geht um eine neue Urbanität, um moderne und postmoderne Architektur oder um intelligente Strukturen; um Stadtkultur und Unternehmenskultur, um multikulturelles Zusammenleben und internationale Kooperation, um Gleichgewicht, Stabilität und Kompromiß, um Vielfalt und Differenz. Der Club Voltaire in seiner Rolle als Organisator von Antipolitik und Gegenkultur ist von der Toleranzwelle des heutigen Frankfurt überschwemmt worden. Es gibt keine laizistische Heilslehre mehr, keine fundamentalistische Doktrin, keinen archimedischen Punkt mehr, von dem aus sich die Welt erschließen ließe. Aber: Bedarf es nicht weiterhin (oder erneut) eines eingriffsfähigen linken Potentials hierzulande? Der nachstalinistische Kommunismus ist zusammengebrochen. Allerorts triumphiert jetzt zusammenhängender Weltkapitalismus, jedoch mit ständig steigenden Ausbeutungs- und Verelendungsquoten und enorm wachsender Umweltzerstörung (nicht nur wirksam in der Dritten Welt). Weite Teile der Ex-DDR sind unterwegs in das untere Drittel unserer Gesellschaft. Die Finanzmittel der Länder und Gemeinden werden, bei steigendem Bedarf, zur Befriedung enorm wachsender Sozialausgaben immer knapper. Für den beabsichtigten ökologisch-sozialen Umbau bleibt indessen fast nichts mehr übrig. Hat das keine, in den politischen Kärftefeldern und -konstellationen beruhende und darstellbare Gründe? Soziale Abstiegs- und Zukunftsängste wachsen und leiten Wasser auf die Mühlen rechter, nationalistischer und rassistischer Demagogen. Kann die deutsche und europäische Linke nicht mehr dagegen halten, hat sie nichts mehr zu bieten? Hat sie alle alternativen, sozialen und humanen Gesellschaftsentwürfe aufgegeben oder eingestellt, nur weil ein Gesellschaftssystem, das sich zwar Realsozialismus nannte, aber in Wirklichkeit ein totalitäres, inhumanes Herrschaftssystem war, sich aufgelöst hat? Also statt weiterer Ingebrauchnahme der Postulate der Aufklärung und zugreifender Gesellschaftskritik nur noch Resignation, Klagelieder oder Abtauchen in subjektive Interessenwahrnehmung? Mitmischen im gesellschaftlichen Catch-as-Catch-can? Marx, Marcuse, Reich, Adorno, Bloch, die gesamte konkrete Utopie passé, auch wenn die ganze Republik nach rechts zu kippen droht? Mag auch das Vertrauen in die große Solidarorganisationen aus nachvollziehbaren Gründen gemindert oder angeschlagen sein — aber muß deshalb die Linke sich mit all ihrer Erkenntnisfähigkeit, mit ihren gesellschaftlichen, auch aus der Geschichte ableitbaren und aufgetragenen Entwicklungsmöglichkeiten verabschieden? — Es ist also wieder ein gutes Umfeld für den alten Club entstanden. Es gibt ein zunehmendes Verlangen nach intellektuelle Schärfe, nach einer neuen Dialektik der Aufklärung. Die Suche nach dem Sinngehalt einer vielschichtig in Gang gekommenen sozialen und individuellen Emanzipation hat wieder begonnen. Alter Club — was nun? Heiner Halberstadt, Rita Seum Laubacher Feuilleton 4.1992, S. 4
Nordlicht-Knurrhahn Wenn es irgend geht, fährt der harte Redaktionskern einmal jährlich zum disziplinierten Training der ostfriesischen Olympiade nach Norddeich: Deckel-Rund-Trinken, Fahrrad-Rodeo, Krabben-Puhlen und Kloot-Schießen (und zwar in dieser Reihenfolge). Also: Münster Richtung Oldenburg, dann links ab Richtung Emden, dann vorbei an friedlich wiederkäuenden, echten Kühen bis nach Norden, das südlich von Norddeich liegt, und dann immer geradeaus, bis (fast) nichts mehr geht. Kurz vor'm Deich liegt Norddeich, von wo aus man eingeschifft werden kann nach Juist, Norderney oder Helgoland. Doch da wollen wir nicht hin. Wir fahren zu Frau Coordes, stellen das Auto und legen die Abstinenz ab, holen uns die Fahrräder ... Früher sind wir, so es etwa um 17.00 Uhr war, zuallerst Stumpi von der Bank oben am Deich abholen und mit ihm in seinen Fährkeller im alten Fährhaus gefahren beziehungsweise gegangen. Aber Stumpi ist in Rente. Er kellnert jetzt, in der Saison, bei Jeanette und Didi Klattenberg im Nordlicht. Doch da kommen wir später hin. Vorher gehen (nein, noch fahren wir) zu Gretel und Werner und Walther Evers zum Knurrhahn. Der liegt direkt an der Einflugschneise von Norden zum Fährhafen. Und dort gibt's Fisch. Der Ruf: «Gretel! Bitte einen Kinderteller Scholle!» Ersatz-Grummeln (wegen Überbeschäftigung in der Küche) des Ober-Knurrhahns Werner vom Tresen: «A wat. Schollen schmecken, auch kalt, zum Frühstück wunderbar.» Er muß es wissen, war er doch früher Fischer. Da gab's zum Frühstück wahrscheinlich nichts anderes. Und Jean ißt Fisch nur kalt. Aber der ist ja auch so eine Art Esquimau. Um 22.00 Uhr machen die Evers ihren ehemaligen Fischladen, dessen Tresen immer länger wurde und dann endlich zur Gaststätte mutierte, dicht. Verständlich, geht es doch früh um fünf, sechs Uhr bereits los mit Fisch-Einkauf und anschließendem -putzen. So leuchtet uns denn das Nordlicht. Da liegt der Deckel schon bereit, ihn (für heute erst) einmal rundzutrinken. Für jedes Bier und jeden braunen Auerhahn gibt es je einen Strich. Die Scholle (übermorgen gibt's Seezunge; schmeckt kalt auch gut, sagt Werner) bildet eine schwammartige, also adäquate Unterlage für die Umrundung. «Didi! Gibt's morgen Labskaus? Klar?» «Wieviel Personen?» «Drei.» (Mehr darf man nicht sagen, auch wenn der Kohlenpott-Redakteur morgen kommt und wir dann zu sechst sind.) Chefkoch und Jeanette-Gatte Didi, früher auf großer Fahrt und ein begnadeter Motorboot-Kamikaze-Pilot, bereitet dieses wunderbare Gemenge aus Fisch, Fleisch und Kartoffeln mit Gurke und Spiegelei nur auf Bestellung zu. (Es füllt den Magen komplett aus und geht nur über Bord, wenn der Käpt'n sauer ist auf die Touristen und deshalb sein Schiff so steuert, daß es garantiert so läuft, als ob Windstärke neun wäre.) Nach 1.30 Uhr kommt's, auf dem Weg zu Frau Coordes kleiner Pension, zum ersten Fahrrad-Rodeo-Training. Hier wird sich einmal mehr die Verlegerin als beste dieser Disziplin erweisen. Ihr gesamter Körper ist übersäht mit den Urkunden, die die kapitalsten Stürze hinter Büsche und Mauerabgrenzungen belegen. Unser Schluß- und Sitzredakteur, den zu Hause niemand jemals vor High Noon aus dem Bett bekommt, wird zur allerfrühesten Stunde am Hafen stehen und die ersten Krabben abfangen, auf daß wir ihnen den Leib von der harten Schale befreien und mit ihrem zarten Innenleben die Möven bedienen (die uns dann zum Dank ihre Ausscheidungen — zielgerichtet — überlassen). Anschließend bekommt dieser fanatische Süßspeisen-Hasser ein Eis zur Belohnung. Strahlen wird er dann wie die Nordsee-Sonne bei ihrem Untergang kurz vor 22.45 Uhr. Und das diesen Plastik-Geschmack abrundende Weißbier aus Bayern, das er dort nie und nimmer trinken würde, versetzt ihn eine Laune, die ihn gar aufs Schiff zu treiben vermag. So geht's dann also doch auf die Insel, auf irgendeine; die sehen ja doch alle gleich aus. Im Freibad von Norddeich, das den einzigen Sand weit und breit zu bieten hat, können wir doch nicht mit Kugeln herumschmeißen. Daß diese Kugeln etwas größer sind als die Kloote der Einheimischen, nehmen die Touristen-Kolleginnen und -Kollegen nicht weiter wahr, und die Einheimischen wundern sich nicht weiter über die Pappnasen, die da wieder mal was durcheinanderbringen. Mit dem vorletzten Dampfer (der letzte ist immer so abgefüllt mit Touristen!) geht's dann zurück aufs Festland, auf'm Fahrrad zum Knurrhahn, ein bißchen Weitertrainieren in Sachen Deckelrundung, dann, immer noch per Fahrrad, leuchtet das Nordlicht, winkt der Labskaus, flattert der Auerhahn, dreht sich der Deckel ... Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 5
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