Restauration

Vor etwa zehn Jahren geriet das Laubacher Feuilleton in eine Phase des definitiven Konservativismus, des Bewahrens. Heute dürfte solches Vorgehen eher bekannt sein unter Retro. Wiederauferstehen sollte es als Wasunger Feuilleton, benannt nach einem mit viel Liebe und Lust und vor allem Arbeit, aber auch mit ein wenig Geld vom Denkmalschutz in alte Zeiten zurückgeführten jahrhundertealten Gebäudes. Zu dessen Erneuerung kam es. Das Blättchen selbst blieb, trotz viel Liebe und Lust und vor allem Arbeit in den Anfängen der Restauration liegen. Doch der eine oder andere Text war, bis ins Jahr 2002 hinein, deshalb zustandegekommen. Nachträglich wird hier also aus dem Archiv «gedruckt». — Eine gewisse, zumindest im Randbereich vorhandene Aktualität kann dem einen oder anderen Rückblick dabei sicherlich nicht abgesprochen werden.

Von Deutschland lernen?
Hundehaufen im interkulturellen Vergleich

Hausarrest — ein schreckliches Wort, erinnert an schwarze Pädagogik vergangener Tage, verpönt seit der 68er Bewegung in Deutschland. Dort auch eher mit Freiheitsberaubung und Kindern assoziiert als mit Haustieren. Nun stehen in Shanghai laut einer neuen Verordnung Hunde unter Hausarrest. Gassi-Gehen ist seit Anfang dieses Jahres per Verwaltungsbeschluß reglementiert. Damit chinesische Hundehaufen nicht gleichmäßig über den Tag in der Stadt verteilt werden, sondern nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten. Pinkeln in Parks und viel frequentierten Gebieten verboten. Bei Verstoß muß ein Vielfaches von dem gezahlt werden, was das Liegenlassen des hundeeigenen Haufens auf einer Berliner Straße kostet.

Den deutschen Tierschutzbund hört man ob der Nachrichten aus dem Reich der Mitte aufschreien, die Hunde-Lobby und der Oberammergauer Schäferhunde-Verein sind entsetzt:

Hunde unter Hausarrest — das ist kein Hundeleben. Recht haben sie, denken die Chinesen, da kann man sie auch gleich essen: Pudel süß-sauer.

Der Erziehungsauftrag zum planmäßigen Urinieren der offiziell registrierten 60.000 Hunde in Shanghai ist Aufgabe der einzelnen Hundehalter. In Deutschland dagegen fragt sich der Gesetzgeber: Wieviel und wielange darf ein Hund bellen? Zehn oder fünfzehn Minuten am Stück? Und ab wann ist es ein gesetzlicher Verstoß — das Bellen im Haus? Und wie kann man dem Hund das beibringen? Mit dieser Frage bleiben Hundehalter auch hierzulande alleine oder gründen Selbsthilfegruppen.

Schade, daß der Modell-Versuch in Berlin-Reinickendorf nicht geklappt hat: Die 44 gesonderten Hunde-Abfalleimer wurden wieder abgenommen, sie blieben quasi unbenutzt. Arbeitsplätze und wirtschaftlicher Aufschwung für die Chemieindustrie und den Standort Berlin hätten die Aufträge Shanghais für tausende TÜV-geprüfte Hunde-Abfalleimer ‹Made in Germany› bedeuten können. Und Shanghai ist groß: 14 Millionen Einwohner, die Zahl derer, die Hunde als Statussymbole kaufen, stetig steigend. Gregor Gysi, Berlins neuer Wirtschaftsminister, hat wahrscheinlich Fische zu Hause, sonst hätte er sich diesen Auftrag mit dem sozialistischen Bruder nicht durch die Lappen gehen lassen. Und bei den jährlich Millionen Tonnen nicht entfernter Berliner Hundehaufen á 25 Euro — laut neuer Verordnung des Senats — ließe sich der Haushalt sukzessive sanieren.

Die gerade in Berlin stattfindende Ausstellung ‹Gassi – damit Ihr Hund allen Freude macht› könnte über die Goethe-Institute als Wander-Ausstellung durch die Metropolen Chinas touren. Sie visualisiert auf 14 Schautafeln eine Art Hunde-Fibel, mein Hund von A-Z, vergleicht europaweit den Gebrauch von Hundehaufen-Entfernungs-Utensilien und gibt Tips und Tricks zu deren Handhabung. Für ein friedliches Miteinander von Mensch, Hund und Hundehaufen.

Dann könnten die chinesischen Hundebesitzer auch lernen, daß Hunde weit mehr als nur Statussymbole oder Mahlzeiten sind, nämlich des Menschen treuer Freund. Wie ein vom Auswärtigen Amt in Peking geplantes Symposium mit Mitgliedern und Vertretern zahlreicher deutscher Hunde-Vereine thematisieren würde.

Nicht zu vergessen die lange Tradition der Hundesalons, die in Deutschland einen einzigartigen Ruf genießt: von der Handelskammer geprüfte Meister, Gesellen und Hunde-Friseurinnen, die deutschen Qualitäts-Scheren im Handgepäck, könnten in einem interkulturellen Dialog Chinesen das Handwerk des Pudel-Frisierens zeigen. Bei einem Land mit über 1,2 Milliarden Chinesen und nur ein Hund pro Familie sind die Wachstums-Prognosen geradezu paradisisch für ein hierzulande vom Aussterben bedrohtes Handwerk.

Die Wellness-Welle in Deutschland bietet neben Waschen-Schneiden-Fönen auch maßgeschneiderte Fitness-Programme für Langhaardackel. Damit ließe sich vielleicht auch ein Hunde-Schönheits-Wettbewerb gewinnen, eine in Deutschland liebgewonnene Tradition, die es in China noch zu etablieren gilt. Bisher singen die Chinesen ja nur im Karaoke-Wettbewerb. Und Pokale kann man dabei nicht gewinnen.

Auch die Kunst hat Hundehaufen in Berlin längst entdeckt wie die tabubrechende Installation eines Künstlers zeigte: Deutschland-Fähnchen-Zahnstocher für Berliner Buletten nun auf Berliner Hundehaufen. Eine ganze Straße voll.

Von Deutschland lernen? Da wäre abschließend noch der Blick nach unten. Beim Verlassen des Autos auf der Beifahrerseite antizipieren die Deutschen schon einen potentiellen Hundehaufen. Seit frühester Kindheit sozialisierte Amnesie beim Drüberhinweg-Schreiten, während die ahnungslosen Chinesen beim ersten Deutschland-Besuch die Sauberkeit des Landes höflich loben, um dann naiv in den ersten Hundehaufen am Straßenrand zu treten. Warum steht darüber nichts in den Reiseführern über Deutschland? Das es Glück bringen soll?

Vera Yu
im Januar 2002
 
So, 30.05.2010 |  link | (3052) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Vera Yu



Neusprech (1996)

«Wer Ladyisches will, der searcht nicht bei Jil Sander»: Das Snacken auf die junge Art.

Von einem akuten Erstickungsanfall wurde der Autor jüngst beim Verzehr einer süßlich ummantelten Erdnuß befallen, nachdem er zufällig auf die Packung geblickt und dort folgenden Satz wahrgenommen hatte:

«Genießen Sie die knusprig feurigen NIC NACs. The double-crunch-Peanuts. Erst nict man die köstliche Hülle, dann nact man die knackige Erdnuß. Das ist Snacken auf die junge Art. NIC NACs Turn it up!»

Es ist ja eine Sache, die nach schulärztlicher Auskunft ohnehin zu verfrühter Wohlbeleibtheit tendierende Jugend mit immer neuen Kalorienbomben der Versuchung auszusetzen; eine andere — schlimmere — ist es aber, dies in einer Art und Weise zu tun, die schon voraussetzt, was allenfalls ihre Folgen sein könnte: daß nämlich die konsumierende Jugend geistig weit hinter jede Schwachsinnsgrenze zurückgefallen ist. Definitiv hinter dieser Grenze bewegen sich inzwischen größere Teile der Werbungstreibenden: Sie sind offenbar dumpf entschlossen, die deutsche Sprache in ein seltsames Gebräu aus falschem Amerikanisch und noch falscherem Deutsch und damit in eine der vielen Pidgin-Varianten des Englischen zu verwandeln. Die Lufthansa zum Beispiel informiert: «Miles & More führt ein flexibles Upgrade Verfahren ein: Mit dem neuen Standby-Oneway Upgrade-Voucher kann direkt beim Check-in das Ticket aufgewertet werden» — und wir sind ernstlich der Meinung, daß eine verantwortungsbewußte Bundesregierung einer Fluggesellschaft, die solche Sätze in großer Auflage drucken läßt, für mindestens ein Jahr die Landerechte auf allen deutschen Flughäfen entziehen müßte.

Die Bayerischen Motorenwerke verspielen ihren Ruf als Erzeuger intelligenter Fahrzeug- und Motorentechnik, indem sie zur Förderung ihres Absatzes von Kombilimousinen auf ganzseitigen Anzeigen — tiefer, breiter, dümmer — stammeln: «Skate, Jog, Camp, Race, Glide, Sprint, Drive«.

Die Telekom verkündet, daß samstags und sonntags zwischen Dagebüll und Altglashütten ein «Weekend-Tarif» gelte, und die Deutsche Bundesbahn bringt einen «Intercity-Night» durch das Schwäbische auf den Weg.

Und die seit längerem völlig durchgeknallte Textilbranche faselt außer von «Casual Wear», «Basics» und «Classics» neuerdings auch noch was von «Ausstatter-Socks», und ein Normalgebildeter hat ja einige Mühe herauszufinden, daß es sich dabei um Strümpfe (englisch: Stockings) der besseren Art handeln soll.

In einer unappetitlichen Mischung aus Sprachmasochismus, Jugendlichkeitswahn und schlichter Verblödung taumeln Medien, Werbung und alle anderen Trendbesoffenen in einen Sprachgebrauch, dessen Folgen man in 15 Jahren wird besichtigen können — wenn die heutigen Jugendlichen, denen dieser Müll in die Lebensphase geschüttet wird, in der Sprachgefühl und Sprachstil sich bilden, zu sprechen, zu schreiben und «zu sagen» haben werden.

Wer nicht solange warten will, muß allerdings nur den richtigen Leuten zuhören: Frau Jil Sander etwa, einer Modeschaffenden, die «etwas Weltverbesserndes» in sich verspürt und möglicherweise deswegen in ihren öffentlichen Verlautbarungen die verheerenden Folgen langjährigen Modemachens, Werbungstreibens, Trendsettens und Cityhoppens dramatisch illustriert:

«Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß. Meine Idee war, die handtailored Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wel Ladyisches will, searcht nicht bei Jill Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.»

Ich weiß: Die Anhänger eines immerwährenden «Laissez faire, laissez aller» wiegeln ab und meinen, dieses Kauderwelsch sei ein bezahlbarer Preis für Weltläufigkeit und kosmopolitische Gesinnung; und beide seien im Zeitalter der Globalisierung ganz unverzichtbar.

Weltläufigkeit und kosmopolitische Gesinnung? Die Haltung, die einmal «weltbürgerlich» genannt wurde, zeichnete sich gerade dadurch aus, daß sie kulturelle und sprachliche Unterschiede zu schätzen, auszuschöpfen und zu genießen wußte. Das allerdings erfordert eben Kenntnis dieser Unterschiede — und Respekt vor und Liebe zu den jeweiligen Eigenarten: der eignenen und der anderen Sprache und Kultur.

Was sich heute mit «Global village» und «It's one world»-Phrasen in einem schauderhaften Sprachverschnitt als «kosmopolitisch» herausputzt, ist kein neues Weltbürger-, sondern ein kenntnis-, gedanken- und empfindungsleeres Weltbanausentum, geprägt von einem dumpfen, spießbürgerlichen Ressentiment gegen alles «Nichtglobale».

Thomas Hoof

Laubacher Feuilleton 19.1996, S. 11

aus: ‹ManuFactum›-Hausnachrichten (Sommer 1996) des Versandhauses, das sich das Motto ‹Es gibt sie noch, die guten Dinge› aufs Firmenschild geschrieben hat (siehe Laubacher Feuilleton 12.1994, S. 12) Unser Autor, dem wir herzlich für die Nachdruckgenehmigung danken, betreibt außer der genannten auch noch eine Firma namens ManuScriptum, mit der er sich der ‹Wiederlebung› alter Bücher widmet, beispielsweise: Charles Dickens, Werke in 12 Bänden, in der Übersetzung von Gustav Meyrink.

 
Mo, 03.05.2010 |  link | (2405) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache











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