Eulenspiegeliana

Testament des Buchdruckergesellen Farkas Ivan, der sich als Till Eulenspiegel begraben ließ

Ad circulandum
An den
Verband der Graphischen Arbeiter in Rumänien
Filiale Temeswar

Liebe Kollegen!
Der Mensch ist sterblich. Darum ließ ich beim Königlichen Notar ein Testament anfertigen, wonach ich nach meinem Tode als Till Eulenspiegel begraben werde. Das Duplikat des Dokuments ließ ich der Leichenanstalt unserer Stadt übergeben, daß sie danach handeln soll. Als Buchdrucker will ich in einem Bleisarg im Kostüm des Till Eulenspiegel liegen und im Totenwagen senkrecht stehen, damit mich alle Welt also sehen soll. Bestattet werde ich auf dem Friedhof der armen Seelen, wo Huren, Selbstmörder, Einbrecher, Gesindel, Ehebrecher, Taschendiebe und Engelmacherinnen ohne Pfarrer am Vormittag um neun Uhr sang- und klanglos nur im Beisein der Totenvögel in die Erde gelassen werden. Anstatt einem Kreuz wird die Holzfigur des Till Eulenspiegel stehen in der unteren linken Ecke mit einem Täfelchen versehen, wo nicht mehr als Dein treuer Schüler Farkas Ivan stehen wird. Ins Grab soll man mich stehend hinablassen. Also will ich Jeglichen empfangen, der noch an mich denkt. Freilich in der rechten Hand halte ich mein zerlesenes Till-Büchlein, das mich so oft erfreute. Das alles wünschte ich, weil ich mich überzeugte, das menschliche Leben ist eine irdische Komödie, und also kann ich der Welt beweisen, daß ich auch als Toter sie erfreuen kann. Denn das war mein Motto. Sie sollen über mich lachen, sprechen, tadeln oder lachend eine Träne fallen lassen.

Das alles erledigte ich beim Königlichen Notar, deponierte die Summe aller Auslagen und mein Tagebuch, aus dem ich Euch nur einige Stellen zitiere aus meinen Erfahrungen mit dem Menschen.

Vor allem befaßte ich mich viel mit dem Eheleben und warum die meisten Leute unglücklich sind. Der Kapitalfehler ist, weil sie sich nicht zu lieben verstehen. Denn das nur Rein- und Rausziehen bereitet wenig Freude: das tiefe innere Erlebnis fehlt total. Meistens geht die Frau leer aus und sucht ein Leben lang nach Erfüllung. Der Mann hat immer sein Erlebnis. Darum habe ich mich schon bald nach meiner langjährigen Walz entschlossen, das Eheglück den jungen Menschen beizubringen. Mein Till-Kostüm hängte ich einstweilen an den Nagel. Der Bleistaub in der Buchdruckerei schmeckte mir nie, und darum habe ich mich mit einer tüchtigen und lebenserfahrenen Kupplereibesitzerin fusioniert, die neben ihren weiblichen Reizen auch spritzige Grütze im Schädel hatte. Sie gab das Etablissement auf, entließ alle weiblichen Angestellten und begann mit mir ein neues Gewerbe. Wir richteten uns eine gefällige Wohnung ein und begannen also zu agieren. Freilich steuerfrei, quasi als Freiberufler.

Vom Marktplatz brachte ich die Schüler. Junge, reiche Bauernkinder, deren Eltern unseren Kurs finanzierten. Wir lehrten sie lieben. Meine Partnerin übernahm die Mädchen, mir blieben die Bauernlümmel, die nur das kannten, was sie bei Pferden, Stieren, Ziegenböcken und Ebern sahen, das Reinschieben. Ohne jegliche Feinheiten zu kennen, die alles Liebesleben ausmachen. Es waren alles Rohlinge und Unerfahrene, die neben dem Eheleben gerne bei Hurengesindel den Ersatz suchten und glaubten, im Liebesgeschäft ginge es anders zu.

In sechs Wochen erfuhr jeder die feinsten Nuancen und lieblichsten Vorbereitungen im Ehebette.

Drüben bei meiner Partnerin ging es ebenso, und bald konnten wir uns rühmen, bei einer großen Hochzeit auf dem Lande zugegen zu sein, die auch nach Jahren fest gekittet blieb. Unser Schüler kam jedes Jahr im Herbst mit Kartoffeln und Wein ins Haus, um seinen Dank uns auszusprechen. Seine Frau, unsere Schülerin, wußte alle Firlefanzen bei ihm anzubringen, so daß er es niemals nötig hatte, eine Badhure aufzusuchen.

So blühte unser Geschäft, daß auch langjährige Eheleute uns beehrten. Freilich nahmen wir Mann und Frau separat, und bald erfuhren wir, was da alles versäumt wurde, und es gelang uns, die zwei Menschen wieder sich näher zu bringen. Die Frau ließ bei einem Heiligen eine Tafel in der Kirche anbringen, wo sie ihm für seine Hilfe dankt. Daß eigentlich ich dieser Heilige im Till-Kostüm war, konnte sie nicht begreifen, und ich vermied es, sie zu überzeugen.

Mein Till-Eulenspiegel-Kostüm trug ich bei jeder Stunde, wie das die Professoren in Eton mit der Robe tun. Schließlich lehrte ich ein Fach, das an keiner Hochschule unterrichtet wurde. Also konnte ich auch meinen Schülern die Hemmungen abbauen, wenn sie ihr Rundfleisch präsentierten. Ich hatte es im Meisterkurs soweit gebracht, daß beide Geschlechter vor mir und meiner Partnerin die Prüfung ablegten, darum vor uns, um eventuelle Korrekturen vorzunehmen, falls sie nötig gewesen wären. Das war aber sehr selten der Fall.

Da gab es einen Fall, wo der Bauernlümmel total der Onanie verfallen war. Wir brachten ihm eine gewiefte Meisterin guten Baues, die ihm in vier Lektionen die Onanie für alle Zeiten abgewöhnte. Der Arme wollte sie sogar heiraten, obwohl sie um einige Frühlinge älter war und einen Mann hatte, der wegen Kartenspiels sie oft glühen ließ ohne Heimgang. Der Bauernlümmel bezahlte sie gar fürstlich und heiratete unsere Sternschülerin, die ihn alles vergessen ließ und im Ehebett seine vorherige Partnerin bald übertraf. Auf seiner Hochzeit war er derart besoffen, daß ich einspringen mußte, um die Braut zu prüfen.

Also ging es zu, liebe Kollegen, ohne Blei zu schlucken. Und blicke ich heute auf alles zurück, so bin ich's zufrieden, denn ich lehrte die Menschen das, was, leider, keine Schule lehrt. Im Laufe der Jahre ist es nicht passiert, daß nur eine Ehe brach, sondern sie florierte wie am ersten Tag, nur mit anderem Umsatz, selbstverständlich. Meine Partnerin blieb mir treu, auch ohne Trauschein, behielt ihre schönen Formen durch Turnen und gute Bäder, persönlich blieb ich bei Sellerie und Schafskäse wie in meiner Jugend. Das Rezept der guten Nonne hielt brav das Geleit, so daß ich mich aufbauen konnte nach Belieben. Soviel aus meinem Tagebuch von diesem Kapitel, das ich für sehr wichtig halte und darum in mein Zirkular habe setzen lassen.

Auch diesmal verabschiede ich mich mit unserem schönen alten Gutenberg-Gruß: Gott grüß die Kunst!


Zusatz vom Sekretär der Graphischen Arbeiterorganisation:

«Am 28. Juli 1943 haben wir unseren Kollegen Farkas Ivan, als Ivan der Schreckliche bei uns bekannt, in der Josefstadt auf dem Friedhof der armen Seelen zur letzten Ruhe geleitet. Alles geschah so, wie er das beim Königlichen Notar hat festlegen lassen. Nämlich, sein Sarg stand senkrecht im Totenwagen; er war aus Blei, und Ivan als Till Eulenspiegel gekleidet stand darin. In der Hand hielt er den Farblöffel, das Symbol des Maschinenmeisters der Buchdrucker. Eine große Menschenmenge begleitete dieses sonderbare Begräbnis ohne Pfarrer und Ministranten. Die vier Rappen hatten auf dem Kopf eine Till-Narrenkappe mit schwarz-gelben Bändern, anstelle des üblichen Riemzeugs. Hinter dem Wagen schritt allein seine langjährige Partnerin in einem taubengrauen sackähnlichen Kleid. Ihr folgte ein unübersehbares Geleit wie bei einem Fürsten. Auf dem Friedhof warteten der Verwalter und die vier Totenvögel. Am Grab sprach der Vorsitzende unserer Organisation, sein einstiger Lehrjunge und seine Partnerin, die folgendes sagte, ohne einen Bogen Papier in der Hand zu halten: ‹Lieber Ivan, gebenedeit bleibe dein Verstand, dein Charakter, deine Menschenliebe und nicht zuletzt dein Rundfleisch! Solltest du den Herrgott treffen, dann beglückwünsche ihn zu seiner irdischen Komödie, die weiterläuft in aller Ewigkeit. Mögen dich die Würmer in Ruhe lassen und dein Till-Kostüm so ehren wie du es ein Leben lang!!! Lebe wohl, guter Freund, deine Therese Biringer.›

Dann stellten sie den Sarg senkrecht in das Grab und bedeckten ihn mit Erde.»

Abgeschrieben am 28 Juli 1943 und unserem heutigen Sprachgebrauch angepaßt von Hans Mokka (Temeswar/Rumänien).

Editorial: Die Quelle des Testaments des Buchdruckergesellen Farkas Ivan ist die Bibliothek der Graphischen Arbeiter in Temeswar, die nach 1944 aufgelöst wurde. Das Zentralorgan Typograph des Verbandes der Graphischen Arbeiter in Rumänien erschien in Klausenburg wöchentlich dreisprachig (rumänisch, deutsch, ungarisch) und berichtete über das Tun und Leben der Buchdrucker in Rumänien. Deutschsprachige Buchdrucker arbeiteten vor allem in Temeswar, Arad, Lugosch, Hermannstadt, Kronstadt, Mediasch und Schlässburg.

Laubacher Feuilleton 10.1994, S. 15

Aus: Eulenspiegel-Jahrbuch 1990, herausgegeben vom Freundeskreis Till Eulenspiegels e. V., Schöppenstedt, Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 1990, Seiten 109 – 111; mit freundlicher Genehmigung

 
Mi, 28.10.2009 |  link | (1612) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Historisches



Bunt schillernde Beulenpest

Hundertwasser und die Folgen

«Im Prinzip ist eine Autobahnraststätte für mich ein Haus wie jedes andere. Man soll sich darin wohlfühlen.» Also sprach Arik Brauer, der demnächst das Autobahn-Rasthaus Lindach-Süd künstlerisch ausgestalten wird. Und weil ein solches Rasthaus auch «dämpfend auf Aggressionen wirken muß«, vermeidet der Meister harte Kanten und Ecken und gibt fließenden Linien den Vorzug.

Bahnhof Uelzen in Niedersachsen (Lüneburger Heide)

Außerdem will der Künstler auf der Eingangskuppel eine hohe Frauenstatue plazieren; an den Seiten des Gebäudes werden kleinere Skulpturen angebracht; farblich wird das Bauwerk rotbraun und orange schillern; außerdem soll die Fassade ein Keramikmosaik zieren.

Hundertwasser und die Folgen: Das nimmt langsam, aber sicher bedenkliche Ausmaße an. Hundertwassers Sozialtraumschloß kann man — bei allem, was sich dagegen vorbringen läßt — immerhin attestieren, daß es eine Art Pamphlet wider die herrschenden Normen und Regeln in der Architektur darstellt. Das läßt sich von den darauf folgenden Bauten Hundertwassers hingegen nicht mehr sagen.

Es liegt nun einmal in der Natur der Sache, daß Pamphlete nicht beliebig oft wiederholbar sind. Versucht man es trotzdem, büßen sie ihre Wirksamkeit und vor allem ihre Glaubwürdigkeit ein. In der Tat sind die ‹künstlerischen Architekturgestaltungen› des Eiferers Hundertwasser ja ein höchst lukratives Geschäft für den Meister.

Und das dürfte auch der Schlüssel zu jener bunt schillernden Beulenpest sein, die scheinbar unaufhaltsam grassiert. Wo einer verdient, da riechen andere Lunte. Und von einer Gastronomiekette der untersten Qualitätsstufe ist nicht zu erwarten, daß sie auf eine solche Möglichkeit der Eigenwerbung freiwillig verzichtet. So hat also nach Hundertwasser auch Gottfried Kumpf eine solche Raststätte ‹künstlerisch gestaltet›; und Karl Hodina und Arik Brauer folgen.

Es scheint müßig, jetzt noch Schuldzuweisungen zu formulieren. Andererseits: Ganz freisprechen kann man den Wiener Bürgermeister nicht. Zu eindeutig geht es auf sein Schuldenkonto, daß aus dem einen Wohnhaus in der Löwengasse eine — hinsichtlich der Originalität des Konzepts immer schwächere — Wohnbau-Miniserie geworden ist.

Und das hat natürlich auch andere auf schlechte Gedanken gebracht. Was so besonders problematisch dabei ist: Gegen diese Bauwerke läßt sich nicht wirklich seriös argumentieren. Es ist so, als würde ein profilierter Musikkritiker versuchen, gegen den Musikantenstadl mit einer ernsthaften, wohlüberlegten Beweisführung anzutreten.

Und doch: Man wird einfach das Gefühl nicht los, daß dieser gebaute Schund besonders schwerwiegende Folgen zeitigt. Das hat mit der Dauer und mit der Präsenz von Bauten zu tun. Mit ihrer Öffentlichkeit. Und auch damit, daß es nicht bloß schlechte Architekten sind, die hier zum Zug kommen, sondern gar keine Architekten, die aber auftreten, als könnten sie das Bauen besser.

Angesichts dieser künstlerischen Malaise geht einem die Bissigkeit, gehen einem die bösen Witze aus. Was sich einstellt, ist nackte Angst, sind schieres Entsetzen und ohnmächtige Wut. Und dieses Raststättenkonzept hat natürlich auch seine ganz besonders fiesen Seiten. Das ist nicht einfach ein Wohnbau in der Löwengasse. Da kommen Jahr für Jahr abertausende Menschen vorbei.

Als Hundertwasser seine ersten Wiener Bauten realisierte, sagte einer der profiliertesten Architekten dieses Landes sinngemäß: Soll er das doch ruhig machen; jede ‹Besonderheit›, die er durchbringt, schafft mir die Möglichkeit, ebenfalls ‹Besonderes› durchzubringen, das vorher nicht denkbar gewesen wäre.

Hundertwasser und die Folgen? Hundertwasser und kein Ende! Nein, wir haben keine Geschmacksdiktatur. Aber langsam wäre es doch an der Zeit, daß sich die verantwortlichen Behörden ihrer legalen, vielfach erprobten Architekturverhinderungsmittel besinnen, damit unsere Autobahn nicht endgültig zur Grottenbahn verkommt.

Liesbeth Waechter-Böhm


Laubacher Feuilleton 9.1994, S. 1

Nachdruck aus: Die Presse, Wien, Spectrum, 31. Dezember 1993, XI; mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 
So, 25.10.2009 |  link | (2673) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kunst und Bau











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