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Boykott japanischer Produkte Über die Fangquote für Wale streiten in Kyoto dieser Tage 300 Delegierte. Japans Walfangflotte fängt zur Zeit [1993] pro Jahr 330 Wale. Rein rechnerisch kommt auf jeden toten Wal fast ein ganzer Delegierter. Die Wal-Konferenz dauert mehrere Tage. Bei den Hotelpreisen in Kyoto kommt da allerhand zusammen, an ausgegebenem Geld. In Japan. Aber es kommt ja auch etwas dabei heraus. Wie zum Beispiel das Bekenntnis der Schweizer Delegation: «Im Zweifel für den Wal». Welcher Zweifel? Der Zweifel etwa an der Existenz von Walen im Vierwaldstädter See? Nein, kein Zweifel. Es geht um Menschheitsfragen. Und die Weltgemeinschaft hat endlich einen ordentlichen Schuldigen. Zwei sogar: Japan und Norwegen. Diesen beiden Ländern weht die Verachtung der Welt ins Gesicht. Die serbischen Mörder-Politiker werden differenzierter behandelt als die Walfänger. Lieber Deutscher Tierschutzbund: Sie haben zum Boykott japanischer Produkte aufgerufen. Damit wird erneut bewiesen, daß zugunsten von Tieren und zu Ungunsten von Fremdvölkern hierzulande der gröbste Blödsinn offenbar zulässig ist. Es geht um ein paar Tausend Zwergwale. Von dieser Spezies behauptet niemand ernsthaft, sie sei vom Aussterben bedroht. Die Internationale Walfangkommision — inzwischen mehrheitlich ein Tierschutzverein — fand selbst den Abschuß von 2.000 Zwergwalen unproblematisch. Es gibt davon zwischen 400.000 und zwei Millionen Stück. Aber: Am Wal wird der Gesinnungstest vollzogen: Nach dem schlichten Muster: Wer Wale schießt, ruiniert die Umwelt. Ausgerechnet die USA, größter Energieverschwender der Welt, treten als Kreuzritter für Wal und Umwelt auf. Dabei waren es die Trankocher Amerikas, Englands und Deutschlands, die die Großwale ausgerottet haben. Für Öl und Glyzerin. Da machte man Dynamit daraus. Heute braucht man das Wal-Öl nicht mehr. Darum ist dieser demonstrative Naturschutz für den Westen auch so billig. Liebe Umweltschützer: Bitte zieht jetzt nicht vor die japanischen Konsulate und Botschaften und macht euch dort lächerlich. Die ganze hohe Aufregung um ein paar Wale trägt schon jetzt Züge eines Prinzipien-Ritts, bei dem es nur noch darum geht, Norwegen und Japan in die Knie zu zwingen. Da wüßte ich Staaten mit größeren Schuldkonten. Ist das nicht merkwürdig: Gegen die Qual der Kreatur ist diese Welt sehr leicht zu mobilisieren. Jedenfalls sofern es sich um Tiere handelt. Robert Hetkämper Kommentar in den Tagesthemen, im Originalmanuskript Walfang betitelt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors nachgedruckt in: Laubacher Feuilleton 6.1993, S. 3
Kunst der Nichtschwimmer Für Frank Auerbach In den Dreißigern hat es Versuche gegeben, innerhalb der École de Paris eine jüdische Fraktion ins Leben zu rufen. Zu ihr gehörte, natürlich, Marc Chagall, und ihr zugerechnet wurden nicht nur Amadeo Modigliani und Chaim Soutine: minder bekannte Leute wie Kikouïone oder Mané-Katz sollten in dieser Fraktion eine Heimstatt finden. Mané-Katz oder Kikouione sind heute vergessen, ob zu Recht oder zu Unrecht, bleibt dahingestellt. Vergessen aber ist die vierte Galionsfigur der Fraktion, ein Mann, der einst erfolgreich war bis zum Geht-nicht-mehr, der, im übrigen, mit Balthus oder vor Balthus das Lolita-Sujet, kleine Mädchen mit hochgeschürzten Röcken, ins Bild gebracht hat: Julius Pinkas, genauer: Jules Pascin. Dieser Mann war ein Vorbild: als er sich das Leben nahm, hat ihn Ringelnatz in Versen beklagt; Gotthard Jelicka hat in Worten sein Portrait gezeichnet. Er war der typische Montparnos, ein Weltenbummler, den man mit Fug auch einen Halbweltenbummler, ein Zeichner von hohen, ein Maler von etwas weniger hohen Graden. Warum ist er vergessen? Ein Beispiel aus der Literatur hilft da weiter. Vergessen wie Pascin ist auch der Schriftsteller Jakob Wassermann, einst ein Star. In London sagte mir ein Antiquar, man lege Wassermann nicht mehr auf, weil er Jude ist. So allerdings, auch was Pascin angeht, stimmt es nicht. Ob nämlich jemand Jude ist, Neger, schwul oder, wie Djuna Barnes, Lesbe, bleibt irrelevant; was zählt, ist Nightwood von Djuna Barnes oder die Falschmünzer von André Gide. Das Outing bringt keine Kunstgebilde zustande, sondern Beschämungen. Wo es bei Pascin (oder Wassermann) hapert, drückt das schöne Wort von Kierkegard aus: «Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, endet als Witwer.» Es gibt Maler, und sonst nichts. Biographisches können oder sollten die Bilder nicht einlösen; schon bei Chagall beginnt die Spekulation. Wifredo Lam: halb Neger, halb Chinese; seit wann ist Folklore ein Malmotiv? Wenn das Beispiel der Dreißiger Schule macht, wird bald eine Kunst der Nichtschwimmer kreiert. Picasso ist allemal dabei. Hans Platschek Laubacher Feuilleton 5.1993, S. 10
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