Venedig in Las Vegas

Pamela C. Scorzin

Architainment für die Fun-Gesellschaft

«Las Vegas ist die tollste Stadt der Welt. Und jetzt, wo wir Paris haben, ist sie noch toller!», verkündete der neu gewählte Bürgermeister Mr. Goodman stolz zum Anbeginn des neuen Millenniums. Las Vegas, dieser gigantische Urban Sprawl in der fernen amerikanischen Wüste Nevadas, gebiert bei Nacht jedesmal erneut zu einer verführerischen Fata Morgana aus einem traumhaften Lichtermeer von Abermillionen pulsierend blinkender Glühlampen und knallig leuchtender Neonröhren. Das von den amerikanischen Pop-Artisten vielportraitierte Stardust Sign, das einst aus dem dichten Wald von Reklameschildern am Las Vegas Hauptboulevard, dem berühmten Las Vegas Strip, als Werbeikone strahlend herausragte, heute aber schon längst abmontiert und weggeräumt, und irgendwo auf dem Friedhof für aus ihrem Funktionsalltag ausrangierte, musealisch nobilitierte Neonkunst gelandet ist, hatte sich doch schon wahrlich und wohl für immer unauslöschbar als Matrix auf unsere kollektive Netzhaut gebrannt. Digitale Billboards, computergestützte LED-Anzeigetafeln und die tumultuarisch ratternden Sounds der chromblitzenden Game Machines werben in diesem irdisch-urbanistischen Spielerparadies, das sich selbst prahlerisch als die «erste Stadt des 21. Jahrhunderts» feiert, 24-Stunden-non-stop gierig um Gunst, Geld und Gut der Besucher, die es in ihrer ewigen Hoffnung auf den erlösenden Traumgewinn unaufhörlich in Legionen von Flugzeugladungen magisch aus allen Herren Ländern in dieses jüngst hastig expandierende Eldorado der Mega-Casinos hineinzieht.

Wahrlich taucht hier am fernen westlichen Horizont die glitzernde postindustrielle City auf: das neue Metropolis der Dienstleistungen, des Tourismus und des Showbiz. In der alle Sinne abzockenden grellen Lichteratmosphäre dieser schönen kommerzialisierten Neuen Welt, die nur noch von der Säule des tertiären Sektors getragen wird, erstehen zugleich auf wundersame Weise die weltweit bekannten Prachtkulissen der Alten Welt neu auf, so daß sich «John im Glück» nun wirklich im Land der greifbar nah gewordenen Träume wähnen darf. Ein Streifzug durch diese faszinierend artifizielle Megastadt im Südwesten der USA, der — wie es sich für die Spezies des Homo Americaniensis nun einmal gehört — allein im Tempo des fordistischen Zeitalters, ergo im Automobil, vollzogen wird, versetzt uns schlagartig, wie beim ungeduldigen und wahllosen Zappen durch die TV-Channels, in andere Zeiten und an andere Orte. Im Money-Wonderland sind sie für die zeitgenössischen Alicen magisch verdichtet und simultaneisiert. Eine gemächliche Spazierfahrt über den Strip, diese amerikanische Wiener Ringstraße, die man am besten stilecht — soviel Etikette muß auch im unkonventionellen Amerika sein — im Cadillac oder Chevrolet vollzieht, führt uns dabei von Straßenzug zu Straßenzug, von Block zu Block, wiederholt an flash-artig wiedererkannten Szenerien vorbei. Wir sind am Ort der Illusionen angelangt! Fließt hier nicht der Zwilling des guten alten vertrauten Canale Grande als verheißungsvoller Fluß einer prosperierenden Oase inmitten eines eigentlich wüsten und geschichtslosen, aber somit nicht mehr gänzlich gesichtslosen, fernen Niemandsland? Wir reiben uns die Augen und staunen weiter hinter unseren Windschutzscheiben: Nur bequeme wenige Autominuten von dem neuen, architektonisch geklonten. mit künstlichem Himmel versehenen Venedig, dem Las Venice, liegen hier wie an einer schimmernden Perlenkette aufgereiht zwischen zahllosen gigantischen Hotelkomplexen, Shopping Centern und Großkasinos die beliebten touristischen Highlights der alten europäischen Kultur- und Architekturgeschichte: Luxor, Rom, Venedig, Paris, Monte Carlo, Bellagio am Comer See, aber auch die städtebaulichen Ikonen der eigenen kurzen kulturellen Vergangenheit der jungen Nation der United States of America, diesen Römern des 20. Jahrhunderts, selbstverständlich alles konsum- und bildgerecht durch den Techni-Color-farbenen Screen Hollywoods betrachtet: Disneyland und New York grüßen hier im US-Bundesstaat Nevada im gleichen Zuge mit ihren ebenso weltweit bekannten Wahrzeichen die jungen und alten Besucher dieser modernsten «City of Entertainment», von denen sich aber die meisten nur etwa drei Tage in die gigantischen Hotelkomplexe aus Tausenden von Betten einmieten möchten. Die berühmt-berüchtigte obligatorische Grand Tour des 19. und 20. Jahrhunderts durch das alte traditionsreiche Europa selbst droht für die Anhänger dieser unterhaltsamen Scheinwelt mit einem Schlag für immer obsolet, zumal Las Vegas inzwischen selbst auch dünkelhaft auf eine genuin eigene Museumstradition verweisen kann: Man/frau/kind besuche etwa das Museum für Neonkunst oder das Liberace Museum, dieser herrlich kitschige Tempel für echten Straß und falschen Glitter an der 1775 E Tropicana Ave! Und, um es nicht zu vergessen, heißen heute die ungekrönten wahren Regenten dieser ultimativen Kapitale des US-amerikanischen Entertainment ‹Siegfried and Roy› — unentwegt smiling, im noblen Mirage residierend, und wie es sich nun mal auch in einem demokratischen Land für wahre Häupter gehört, stets scharf bewacht von ihrer exklusiven Leibgarde aus weißen Tigern.

Wir erinnern uns noch vage im Dunkel der Las Vegas Night, Learning from Las Vegas hieß doch einmal ein architekturtheoretisches Kultbuch der siebziger Jahre. Die kleine Schrift avancierte zur Heiligen Schrift der Postmoderne, die den amerikanischen Architekten Robert Venturi in den poppigen Seventies, die der Low Culture huldigten und dem Camp frönten, weltberühmt machte und zum Pop-Architektur-Guru stilisierte. Venturi galt fortan als der Beelzebub, mit dem der weiße Teufel der Moderne, Le Corbusier, aus dem internationalen Städtebau ausgetrieben werden sollte. Den Blick am Ende des 20. Jahrhunderts also wieder einmal sehnsüchtig gen Westen gerichtet ... — doch, ach, was wollten wir noch lernen vom Las Vegas Strip, an dem sich heute mehr ‹Enten› als ‹dekorierte Schuppen› tummeln?! Was sollten wir auch aus dieser offensichtlich mehr noch als die internationalen Börsenstädte New York, Tokio, London oder Frankfurt am Main vom unschlagbaren globalitären Magic Double ‹Big Money› und ‹Big Business› bestimmten, städtebaulich und architektonisch erbarmungslos in atemlos-rasanter Beschleunigung aus wiederholtem Aufbau und Abriß vorangetriebenen, ungeheuerlich expandierenden und bizarr öden Stadtlandschaft im fernsten Westen noch nach all den formalen Auswüchsen sowie Ausrutschern inflationärer Epigonen der postmodernen Architektur vor unseren eigenen Haustüren noch lernen wollen?! Doch auch heute gilt immer noch der in der Werbung beliebte Slogan «Go West!» und so blicken wir auch heute noch einmal mit Robert Venturi, und damit zugleich auch mit etwas Sinn für Humor und Ironie, auf die jüngsten Großprojekte dieses spektakulären Archi tainment im fernen Las Vegas, das mit seinen unzähligen Stadtvierteln aus künstlich imitierten und simulierten Atmosphären um stete Aufmerksamkeit heischt. Gleichsam die Sirene unter den Töchtern der Mutter der Kunst ist sie, die sich schamlos ausgiebig dem exzessiven Liebesspiel in den Zitatorgien populärer Architekturstile und edler Monumente als amüsanter Unterhaltung und purer Vergnügung leichterdings hingibt, und somit — wenn schon nicht schöpferisch, so doch am erschöpfendsten — die von unseren wachsam-kritischen Kassandren der Sozialwissenschaften allseits diagnostizierte voyeuristische Erlebnis- und Spaßgesellschaft bedient.

Fragen wir also doch mit diesen akademisch gelehrten Soziologen erst einmal danach, was diese auf eine fast schon modische Ewigkeit von etwa fünf Jahren angelegte verführerische Kulissenarchitektur und die architektonischen Attrappen denn überhaupt zu bieten haben. An der notorischen Autoperspektive des Strips orientiert, offerieren sie uns auf den ersten Blick nur flüchtige Eindrücke und Sensationen, leicht verdauliche Déjà-vus aus den Kompendien des globalen Reisens und der überdurchschnittlichen Kenntnisse des alten enzyklopädischen Wissens, aber dann auch die reine Sehlust am perfekt inszenierten Spektakel, das einmal in der fernen Alten Welt doch König Ludwig II. von Bayern, Oper und Theater im Stile des Gesamtkunstwerks Wagnerscher (respektive Semperscher) Prägung hieß.Venetian Diese populistischen architektonischen Prachtkulissen und Fassadenarchitekturen an der Glanzmeile von Las Vegas mögen für uns zwar lediglich materiell minderwertig kopiert und perfekt illusionistisch reproduziert sein, sie sind darin aber zugleich auch mehr als nur der Ersatz, die Pop-Surrogate, für ihre fernen, womöglich nie besuchten Originale. Sie repräsentieren vielmehr den für Europäer seltsam anmutenden Akt der ‹Ein-Holung› der exklusiven Kulturgüter der mondänen Alten Welt in die noch Neue, die eine per se kulturell arme und traditionslose Virtuelle ist. Sie symbolisieren darin nicht nur die heute denkbar extremste Kommerzialisierung von Architektur und ihrer tradierten Stile, sondern auch die demonstrativ zur Schau gestellte Attitüde des amerikanischen Ethos des ›Anything goes›, den mit Kapital machbar gewordenen Einkauf selbst von Immateriellen wie der spezifischer Atmosphären, die diesen unverhohlen zitierten historischen Architekturen als Odem und Sentiments eigentümlich anhaftet. Gedacht sei hier beispielsweise an die durch unendlich viele Hochzeitsreisen kolportierte weltberühmte sentimentalische Romantik Venedigs, die das neu errichtete The Venetian in Las Vegas via World Wide Web nun sympathisch-demokratisch zum preiswerten romantischen Luxus mit stets ein bißchen mehr als das Original für Mr. and Mrs. Everybody anpreist: «The world's most romantic city is now in the heart of the most exciting destination location.» You are welcome in this pleasure-land, das bereits auch für billige Eheschließungen und schnelle Scheidungen bekannt wurde.

Der Dogen-Palast, die Rialto-Brücke, der Campanile und der venezianische Markusplatz als tradierte Architektursymbole für den Glanz und die Glorie des alten Venedig mutieren hier, nur etwas (ökonomischer) enger zusammengerückt, jedoch im überwältigenden 1:1 Originalmaßstab mit eigens aus Italien importierten Originalbaumaterialien sowie Gips und Styropor perfekt rekonstruiert, zu scheinbar Identität, Tradition und Historizität stiftenden Architekturchiffren, die jedoch vor allem als harmlos scheinheilig und in der Funktion von petrifizierten Entertainern vergnüglich plaudernd daherkommende, gleichwohl darin im effektiven Maße hypnotisierende Konstruktionen sind, die für den Bau völliger künstlicher Scheinwelten dienen. Offensichtlich werden solche Kunststädte dann nicht mehr von den nationalen und internationalen Architekten und Städteplanern, sondern von den Drehbuchautoren der globalen Filmindustrie entworfen. Auch ihre Einwohner und Besucher finden sich hier unversehens in der Rolle als Statisten einer machtvollen, geschwätzigen urbanen Inszenierung wieder. Während die glücklichen, weil stets super-freundlichen Angestellten dieser gigantischen urbanen Unterhaltungs- und Dienstleistungsmaschinerie offensichtlich ihre Arbeit unter den in grellen Popfarben imitierten überwältigenden Freskenzyklen venezianischer Renaissance-Meister nur noch als Spaß erleben dürfen und als Qualifikation allein das Metier der Schauspielerei beherrschen müssen: Auf den künstlichen Kanälen der Stadt schaukeln rhythmisch die Gondeln mit eigens aus dem Bel Paese Italia eingeflogenen, schmalzig — immerhin im Originalton — trällernden Gondoliere, während das in Uniformen italienischer Carabinieri patrouillierende allgegenwärtige Sicherheitspersonal dieses jüngsten Themenhotels der Superlative wirksam theatralisch von den an jeder Ecke versteckten, allgegenwärtigen Videoüberwachungssystemen ablenkt. Nur noch die liebevoll-lästigen Taubenscharen, Venedigs fliegende Ratten, wie mio Professore, Dottore Lupo Vino d'Amore, einmal despektierlich angemerkt hatte, fehlen uns unter dieser aseptisch glasabgedeckten, niemals überschwemmten und nie stinkenden, sterilen Piazza San Marco mit ihrem ‹himmlischen› illusionistischen Hypäthralraum. Auf ihr begleicht man seinen Espresso oder Cappuccino beim Cameriere! jedoch mit hartem Dollar oder am besten gleich per Kreditkarte und e-cash.

Das weltweit grassierende Disney-Virus schlug hier also offensichtlich am heftigsten zu; das Symptom: der Simulation wird nun eindeutig der Vorzug über die Wirklichkeit gegeben, während dabei die Kopie noch den Anspruch hat, das ferne Original übertrumpfen zu wollen. Folks, we just love them, Monsieur Baudrillards simulacra, and we want more of it! Die zitierenden Versatzstücke dieser neuen Architekturwelten bilden somit die pseudo-kulturelle Matrix der ausschließlich ökonomischen und in ihrer Struktur nach damit eigentlich höchst undemokratischen Kunststädte, hinter denen nicht Leviathan oder der Zauberer von Oz, sondern nur noch der schnöde Mammon auf uns lauert. Las Vegas' Spieler sind nur ein gekauftes Volk von Untertanen.

Der sympathisch poppig-vulgäre Las Vegas Strip der sechziger und siebziger Jahre, den uns Venturi so anschaulich und ausführlich beschrieb und als Architekturrezept gerade optisch schmackhaft gemacht hatte, ist inzwischen durch prachtvolle moderne Boulevards mit exzentrischen Wasserspielen und ultimative Lightshows verdrängt, dabei wurden selbst auch die letzten öffentlichen Fußgängerwege der Stadt privatisiert. Shopping Malls und Edelrestaurants wurden jüngst zwischen die alten Kasinos gemischt, weitläufige Golfplätze, teuere Luxusapartments und Wellness-Center säumen nun das endlos in die Peripherien ausfransende Stadtufer und verheißen neuen städtischen Luxus und Exklusivität. Am etwas anrüchigen Image der Stadt als notorisches Spielerparadies, Sündenpfuhl und Ganovenpflaster wurde in den letzten Jahren wahrlich hart gearbeitet, so daß sich Las Vegas heute wie alle Disneylands der Welt als betont familienfreundlich präsentieren kann. Für sein neues Image als Freizeit-, Entertainment- und Kongreßstadt hat sich das alte Las Vegas heute ein modisches Flickenmäntelchen aus lustig-bunten Themenparks à la Disneyland in Orlando, Florida umgelegt. Aber nein wirklich, noch ein Quentchen mehr an Kulissenromantik in Postkartenqualität dürfte der Stadt der vielen Wedding Chapels nach Ansicht ihrer professionellen Developer und Investoren nun doch wohl niemals ernsthaft schaden. Viva Las Vegas!

Und Grüße an Elvis ... von Pamela Casarin Scorzin aus dem alten, echten Veneto.

Kurzschrift 3.2000, S. 59 – 65
 
Fr, 04.09.2009 |  link | (3922) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kunst und Gedanken



Monte Carlo

Geschichte der Spielbank (Teil 1) [Teil 2]

Nicht Mr. François Blanc, der bekannte ehemalige Pächter der Spielbank von Homburg v. d. H., war der Gründer der Spielbank von Monaco, sondern diese existierte schon lange Jahre vorher, ehe Blanc daran dachte, nach dem sonnigen Süden zu übersiedeln. Schon 1856 hatte Charles III., der sich damals in großer Misere befand, der Firma Langlois, Aubert et Co. die Konzession zum Betriebe einer Spielbank auf die Dauer von 30 Jahren verliehen, wofür ihm als Aequivalent 40 000 Frks. per annum zu entrichten waren. Roulette und Trente et Quarante, bei dem damals das Minimum 2 Frks. betrug, wurden zuerst in einem Hause an der Place du Palais in Monaco etabliert. Später wurde dann die Spielbank nach der Propriété Gerborino in der Rue des Remparts, welche zu einem, wenn auch kleinen Kasino mit Spiel und Konzertsaal hergerichtet wurde (heute in ein Waisenhaus ungewandelt), verlegt. Die ersten Unternehmer hatten jedoch kein sonderliches Glück und übertrugen die Konzession an die Herren Grivois et Lefèvre. Diese siedelten mit dem Roulette in die bequemer gelegene Condamine, wo sie einen neuen Spieltempel errichteten, die heutige Villa Bellevue. Erst später erbauten sie dann, auf dem Plateau des Spelugues ein komfortabel eingerichtetes Kasino. Aber merkwürdigerweise, trotzdem Tausende von Geldsüchtigen das neue Dorado aufsichten, reussierte das Unternehmen nicht. Wer zog damals auch nach Monaco, diesem öden verarmten Lande, das selbst als Landaufenthalt nicht den mindesten Reiz ausübte? Was Wunder, daß die großen Spieler einstweilen noch ihre Millionen in den rheinischen Bäder ließen. Die Herren Grivois et Lefèvre boten daher Mr. Benazet, dem Spielpächter von Baden-Baden, das Geschäft an. Der aber hatte an seiner renommierten und lukrativeren Spielhölle genug und lehnte ab. Man wandte sich jetzt an Mr. François Blanc, dem genialen Leiter der Homburger Spielbank, und dieser trat dem Projekt näher. Der schlaue Père Blanc›, wie er in Spielerkreisen genannt wurde, sah gleich in dem klimatisch viel günstiger gelegenen Monaco ein neu zu bauendes, großen Gewinn versprechende Terrain und gegen Zahlung von 1 700 000 Frks. an die Herren Grivois et Lefèvre sicherte er sich den Alleinbetrieb der bis 1883 laufenden Konzession der monogaskischen Spieldomäne. An die einstige Herrschaft der Firma Grivois et Lefèvre erinnert heute nur noch eine kleine Kapelle neben dem Hotel Balmoral-Palais, welche Madame Grivois jedenfalls jedenfalls in dankbarer Erinnerung der vielen Opfer, durch welche die Firma sich bereicherte, erbauen ließ. —

Jetzt nahm François Blanc, ein unstreitig organisatorisches und Werte schaffendes Genie, sich der neuen Erwerbung mit Eifer an. Er verstand es, das bis dahin ziemlich obskure Monaco zu einer Welt-Berühmtheit zu machen. Sein Homburger Unternehmen hatte der kluge Alte bereits in richtiger Erkenntnis der gegen die öffentlichen Spielhäuser in Deutschland gerichteten Agitation in eine Aktien-Gesellschaft umgewandelt. Bereits 1870 schickte er sein gesamtes Personal, Croupiers, Inspektoren, Orchester etc., nach Monte Carlo, und bald herrschte hier dasselbe Treiben wie in seinem Stammhause. Das schon vorhandene Kasino auf dem Plateau des Speluges wurde renoviert und vergrößert, und die öden Felsklippen zu wundervollen Terrassengärten umgestaltet. Schnell erstanden neben dem ältesten und komfortabelsten Hôtel des Paris, damals dem einzigsten auf dem Plateau des Spelugues, zahlreiche kleinere und größere Hotels, Villen, Magazine, Cafés etc. Wie Pilze aus der Erde war über Nacht eine neue Stadt hervorgeschossen, Blanc verstand es meisterhaft, diese öden, meerumbrausten Klippen des Plateau des Spelugues in einen entzückenden Park, in ein irdisches Paradies umzuwandeln. Zu Ehren des Fürsten Charles III. wurde der neuerstandene Ort Monte Carlo genannt.

Die neue, 1868 eröffnete Bahnverbindung zwischen Nizza und Genua erschloß Monaco schnell der großen Touristenstraße, und als dann durch Gesetz vom 1. Juli 1868 die deutschen Spielsäle bald darauf geschlossen wurden, kam Monte Carlo erst recht zur vollen Blüte. Von da an wurde es der luxuriöseste und bevorzugteste Sammelort aller Spieler — ein kosmopolitischer Spielplatz ... Während des Krieges 1870/71 war das Kasino geschlossen. Die Mehrzahl der Kasino-Angestellten wurde, weil Deutsche, ausgewiesen und mußte in San Remo Aufenthalt nehmen, von wo sie erst nach dem Friedensschlusse zu ihrer gewohnten Thätigkeit zurückkehren konnte. Père Blanc brachte es fertig, gewaltig mit dem gewonnenen Gelde zu klimpern und immer neue Besucher herbeizuführen. Er wußte alle Hebel in der Verlockung in Bewegung zu setzen, die seinem erfinderischen Kopfe alle Ehre machten. Zuerst versicherte er sich der Presse, deren Macht er häufig mit Erfolg erprobt hatte, und bald ertönte die litterarische Lockpfeife nach allen Richtungen der Windrose. Eine Anzahl der geistreichsten Feuilletonisten aller Länder wurde von ihm für ihre Schilderungen und Reiseberichte — in welchen die Nachricht von der ‹Sprengung der Bank› beständig wiederkehrte — aufs fürstlichste honoriert. So gelang es ihm, sich einen Kundenkreis zu verschaffen, und die Millionen, die bis dahin in den deutschen Spielbädern geblieben waren, flossen nach Monte Carlo.

Am 27. Juli 1877 starb Père Blanc plötzlich inmitten seiner Erfolge mit Hinterlassung eines Vermögens von 80 Millionen Frks. Dieses ganze kolossale Vermögen ging — mit Ausnahme einiger kleinen Legate und 500 000 Frks., die er der Église Saint Rochus in Paris vermachte mit der Bestimmung, dafür Messen für sein Seelenheil zu lesen — an seine untröstliche Witwe und seine 4 tieftrauernden Kinder über. —

Madame Blanc, eine geb. Hensel aus Friedrichsdorf bei Homburg v. d. H., war eine Geschäftsfrau, comme il faut, und führte nun, assistiert durch Graf Bertora, einen Freund ihres verstorbenen Gatten, das Unternehmen fort, und zwar mit noch größeren finanziellen Erfolgen wie ihr verstorbener Gatte. Das Kasino, zu klein, um die Zahl der Besucher fassen zu können, mußte umgebaut und um zwei weitere Säle vergrößert werden. Während dieser baulichen Veränderungen wurde das Spiel nicht einen Tag unterbrochen, sondern im Hôtel des Paris weitergespielt! Durch Charles Garnier, den Architekten der Pariser Oper, wurde ein neues, mit Goldstuckatur und Gemälden überladenes Theater und ein Atrium mit herrlichen Säulengängen erbaut. Was Europa an Celebritäten der Kunst besaß, die ersten Bildhauer und Maler wie Gustave Doré, Fayen-Perrin, G. Boulanger, Clairin, Lix etc. wurden herangezogen und statteten das Kasino mit jenem feenhaften Luxus aus, in welchem es noch heute sich dem überraschten Auge darbietet. Dies alles wurde in 9 Monaten hergestellt, und als dann die gastlichen Hallen wieder ihrer Thore öffneten, soll, wie uns versichert wurde, das Orchester die Neueröffnung mit Beethovens berühmter Ouverture, ‹Die Weihe des Hauses›, eingeleitet haben!

So war denn das Glück des Hauses Blanc gemacht. Madame Blanc, der es an einem ihrer hohen Stellung würdigen Heim mangelte, ließ sich an der Avenue de Monte Carlo ein großartiges, luxuriös eingerichtetes Palais — das heutige Monte-Carlo-Hotel — bauen. Auch gesellschaftlich sicherte sie sich vermöge ihres Mammons eine einflußreiche Position. Ihre Töchter wurden gar bald von Grafen und Fürsten umworben, und Marie, die jüngere der beiden Schwestern, vermählte sich mit dem Prinzen Roland Bonaparte, dem Sohn des wegen seiner Raufboldereien sattsam bekannten Prinzen Peter Napoleon, Neffen Napoleons III., während Louise durch ihren Ehebund mit dem Fürsten Konstantin Radziwill dessen Wappen aufs neue vergoldete. Auch ihren beiden Söhnen fehlte es nicht an hohen Konnexionen; Edmond Blanc brachte es bis zum Maire von Saint Cloud und Député der Hautes Pyrénées. Er besitzt auch als Pferdepächter ein großes Renommee und wurde 1897 von dem französischen Minister zu dem wichtigsten Posten eines Membre du Conseil superieur des Haras ernannt. Camille Blanc ist Président du Conseil unique, steht also an der Spitze des Kasinos und besitzt nebenbei noch einen renommierten Rennstall. —

Als 1883 die alte Konzession erlosch, wurde das Unternehmen von der Familie Blanc (Madame Blanc war inzwischen verstorben) in eine Aktien-Gesellschaft umgewandelt. Ueber die Aktionäre und die Organisation dieser neuen Gesellschaft soll ein weiteres Kapitel orientieren.

Fritz von der Elbe
Über den Autor sind uns keine Einzelheiten bekannt.

Laubacher Feuilleton 5.1993, S. 15

Aus: Monte Carlo, Indiskretionen und Erlebnisse aus einer Spielhölle, Druck und Verlag von Wilhelm Köhler, Minden i. W., circa 1900, Seiten 13-18; wird fortgesetzt

 
Do, 03.09.2009 |  link | (2205) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftliches











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