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Schikoree passt nicht zu Oberginen Eine Erinnerung an 1993 Erläuterungen zur geplanten Rechtschreibreform Es ist ruhig geworden um die Rechtschreibreform, seit ihre beinahe einen Bürgerkrieg auslösenden Maximalforderungen abgeschmettert worden sind. Doch im stillen wurde weitergearbeitet, und schließlich einigten sich die zuständigen Gremien in Rostock, Wien, Zürich und Mannheim auf einen gemeinsamen Kanon, der nun vorliegt. Noch in diesem Jahr soll(t)en nach diversen Anhörungen die politischen Instanzen entscheiden*, und 1995 soll das Reformpaket in Kraft treten. Was sich dann ändern wird, darüber gab Anfang des Jahres eine Diskussionsrunde in der Bonner Buchhandlung Bouvier Auskunft, die von der Gesellschaft für deutsche Sprache, Zweig Bonn, sowie der Volkshochschule Bonn veranstaltet wurde. Angetreten waren — unter der sanften Führung des Fernsehjournalisten Reinhard Appel — der Ko-Autor jener Vorschläge, Gerhard Augst, der Duden-Chef Günther Drosdowski, Georg Gölter, einst Kultusminister von Rheinland-Pfalz, und Franz Niehl, Ministerialdirigent des Landes Nordrhein-Westfalen mit Sitz an der Kultusminister-Konferenz. Worum also geht es bei dem Reformpaket, und was ist davon vernünftig? Beginnen wir mit dem Positiven: Die Worttrennung am Zeilenende wird stark vereinfacht. Fremdwörter gehorchen nicht mehr allein den Trennregeln der Sprache, der sie entstammen, sondern werden unter das Gesetz der deutschen Silbentrennung gestellt. Man trennt also künftig neben (wie bisher allein) Päd-ago-gik auch Pä-da-go-gik. Auch s und t tut man weh, doch erleichtert das manches. Ein fehlerlos funktionierendes Trennprogramm für Computer wird es dennoch nicht geben, denn auch nach der neuen Regel kämen Trennungen wie Wel-tende oder Blumento-pferde oder Anal-phabet zustande. Schon weniger Vernunft waltet, wo es um die Reform der Schreibung von ß und ss geht. Nach dem Willen der Kommission soll künftig nach kurzem Vokal stets ss geschrieben werden, nach langem Vokal oder Diphtong ß. Also Fluss und Fuß bzw. (er) passte und (sie) spaßte. Nun wurde von vielen Schreibern das scharfe S eher als Schreibkonvention empfunden — am Wortende und im Wort vor einem Konsonanten hatte statt ss ein ß zu stehen. Das war einfach, nur bei folgendem Vokal bedurfte es der Regel über Länge und Kürze des vorausgehenden Selbstlauts. Wenn nun die Rechtschreibreformkommission ihr Späßchen gehabt hat, muß zumindest der Süddeutsche erst einmal nachdenken oder im Duden nachschauen, wie er das Wort Späßchen schreibt, im Schwäbischen wird da ein kurzer Vokal gesprochen. Daß die Kommission damit droht, die Konjunktion daß wie den Artikel das schreiben zu lassen, ist eines der Ärgernisse des Reformpakets. Wie soll ein Lehrer seinen Schülern beibringen, daß es sich hier um zwei völlig verschiedene Wortarten handelt? Nur weil das Wort oft falsch geschrieben worden ist, darf man den Fehler nicht sanktionieren (sonst müßte man am Ende noch Triumpf neben Triumph gelten)! Und es gibt im Deutschen lange Schachtelsätze, bei denen es das Lesen erleichtert, rechtzeitig zu wissen, welche Art von Nebensatz beginnt. Ein Beispiel, das fast beliebig verlängerbar wäre: «Man sieht in dem Haus, das (daß) Peter, als er fünfundsechzig Jahre alt wurde und ebenso wie seine Frau noch recht munter war, gebaut hat, eine Skulptur von Breker.» (Oder: «... munter war, nicht einen Funken Geschmack besaß.») Die Schweizer Orthographen haben sich glücklicherweise dieser Idee verweigert, und man kann hoffen, daß die Konjunktion uns nach 1995 als dass erhalten bleibt. Bei der Schreibung von Fremdwörtern will man manches vereinfachen, so soll etwa die Schreibung von Wörtern aus dem Französischen, die mit é, ée oder ee enden, künftig vereinheitlicht werden. Die alten Formen bleiben daneben bestehen. Es wären hierbei sogar noch weiter gehende Vorschläge denkbar: So soll künftig Schickoree neben Chicorée stehen können und Nessessär neben Necessaire, aber nur Dränage neben Drainage (und nicht — wenn schon, denn schon — Dränasche) und Obergine neben Aubergine (und nicht Oberschine). Immerhin darf man endlich Hämorriden haben, ohne als ungebildet zu gelten. Wie schwierig dieses Problem zu sein scheint (womit nicht etwa die Hämorrhoiden gemeint sind), sieht man an einem Fehler, der diesem Gremium der Orthographie unterlaufen ist: Es soll künftig als ‹integrierte› (also dem Deutschen angeglichene) Schreibung preziös neben pretiös stehen können. Das Wort pretiös hat's aber nie gegeben, da preziös vom französischen precieux abstammt und in diesem Wort weit und breit kein t auszumachen ist. Am härtesten trifft die Orthographiereform die ohnehin schon arg gebeutelte Tabakindustrie. Man soll nämlich künftig statt Zigarette — analog zu Zigarre – Zigarrette schreiben. Also wird die Beschriftung aller Verpackungen geändert werden müssen, wenn die Reform nicht blauer Dunst bleibt. Im Falle der Zusammen- und Getrenntschreibung klingen die Vorschläge recht brauchbar. Grundsätzlich soll auseinander geschrieben werden, was nicht untrennbar verschweißt ist. Man wird also Rad fahren, wie man Auto fährt und Eis läuft. Die Differenzierung der Wortbedeutung durch Zusammen- oder Getrenntschreibung soll weitgehend aufgehoben werden (Ausnahme z. B.: gut schreiben und gutschreiben); der arme Schüler, der die Orthographiereform nicht versteht, wird dann sitzen bleiben wie der Buchhändler auf seinem Rechtschreib-Duden. Warum man aber selbst nach der Reform noch statt dessen und infolgedessen schreiben wird, ist unverständlich. Doch vielleicht klärt sich da manches bei der Arbeit am noch zu erstellenden Wörterverzeichnis. Bislang liegt nur das Regelwerk vor, das die Regeln von 1902 ablösen soll. Die Zeichensetzung, besonders die Komma-Setzung, wird äußerst moderat angegangen. Im Grunde ändert sich nur etwas bei den Kommata vor und nach dem erweiterten Infinitiv. Hier soll weitgehend der Schreibende entscheiden, ob er ein Komma setzt oder nicht. Auch beim Komma vor und und oder zwischen Hauptsätzen erhält der Schreibende eine ungewohnte Freiheit. Zur Groß- und Kleinschreibung, der Crux der deutschen Orthographie, liegen drei Vorschläge auf dem Tisch: einmal eine Festschreibung des Status quo, dann eine behutsame Vereinfachung und schließlich die ‹gemäßigte Kleinschreibung›, bei der im wesentlichen nur Satzanfänge und Eigennamen groß geschrieben werden. Dieser letzte Vorschlag wird von der Kommission einstimmig empfohlen, doch ist er, wie sich gezeigt hat, politisch nicht durchsetzbar. Eine große und vernünftige Vereinfachung, der nur optisch etwas zum Opfer fiele, scheitert an der irrationalen und falschen Auffassung von Tradition. Ohne ihr Kernstück aber bleibt die Orthographiereform trotz guter und richtiger Ansätze auf halbem Weg stecken. Georg Altenrepen * Eine erste Anhörung zur Rechtschreibreform fand am 4. Mai 1993 im Wissenschaftszentrum Bonn statt. Laubacher Feuilleton 8.1993, S. 13 Nachdruck aus: Kulturberichte des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute e. V. (Aski), 1/93, Seiten 17—19; mit freundlicher Genehmigung des Autors (hinter dessen Pseudonym sich ein Verleger verbirgt; deshalb hier kein biographischer Hinweis). Die Photographfie sztamt von quapan unter CC.
Faulheit, Sinnlichkeit, Phantasie und Lust ![]() Gälte es, Typisches über Brasilien zu sagen, fiele den meisten Europäern wohl ein: Fußball, das unwirtliche Amazonasgebiet, die Copacabana, natürlich Rio und der Carneval, und vielleicht noch VW do Brasil. Bei der Frage nach Landessprache kämen jedoch schon viele in Bedrängnis. Brasilien ist das einzige südamerikanische Land, in dem portugiesisch gesprochen wird, die Sprache der ehemaligen Landesherren, der portugiesischen Kolonialisten. Und darin steckt auch die Frage nach der Kultur dieser süd-, lateinamerikanischen Republik mit ihren 8,5 Millionen Quadratkilometern und 105 Millionen Einwohnern. Wie überall, wo die vor allem europäisch-christlichen Eroberer auftauchten, drückten sie den in Beschlag genommenen Ländern den Stempel ihrer Heimat auf. So entstand auch in Brasilien im Lauf der Jahrunderte eine vom europäischen Denken bestimmte Mischkultur, stark beeinflußt von christlicher Ethik. Den Anstoß, solche überkomrnenen Werte aufzubrechen, gab 1917 Anita Malfatti, deren expressionistischen Bilder, so der Schriftsteller Mario de Andrade, «die Modernisten aus den Höhlen holte». Ihre Ausstellung entflammte damals den Zorn der Konservativen. Zwischen 1920 und 1922, dem Jahr der hundertsten Wiederkehr der brasilianischen Unabhängigkeit, formierte sich in São Paulo eine modernistische Künstlergruppe, die lautstark polemisierte. In ihr befanden sich jedoch zwei Schriftsteller, die nicht nur einfach gegen das ungeliebte Überlieferte aufbegehrten. sondern vielmehr ein neues, ausgeprägtes soziales und ästhetisches Bewußtsein hervorriefen: Mario und Oswald de Andrade. Sie passierten den kulturellen Eintopf Brasiliens durch das Sieb eines positiven nationalen Aufbruchdenkens, und dieser Bodensatz bildete dann den Extrakt einer eigenständigen Kultur, deren Ingredenzien lauteten: Die Erhebung der Umgangssprache zur Kultursprache, die Aufwertung der Volksmusik, der Volksdichtung und populärer Traditionen (ein bei uns ungeliebter Begriff), und vor allem die Anerkennung der Freude als ausschlaggebendes Merkmal des brasilianischen Wesens. Das wiederum geht auf in der Figur des Macunaíma, eines brasilianischen Phönix. Mario de Andrade war es, der diesem Macunaíma ein literarisches Zuhause schuf: Er schrieb 1926 den gleichnamigen Roman. Fast 50 Jahre später entstand aus der Feder von Jacques Thièriot eine Bühnenfassung, die ab 1978 unter der Regie von Antunes Filho vor allem in süd-, aber auch in nordamerikanischen Theatern bislang fast 450 mal aufgeführt wurde. Für das (von mir beim Festival von Nancy gesehene) vierstündige Spektakel der Grupo (de arte) Pau Brasil hagelte es internationale Auszeichnungen, die Kritik sprach von der besten brasilianischen Inszenierung der letzten zehn Jahre, und das Publikum stimmte ein in diesen hymnischen Chor. Und tatsächlich: Das sollte man sich nicht entgehen lassen, auch dann nicht. wenn man kein einziges Wort Portugiesisch versteht. Macunaíma ist durch alle vier Akte hindurch unverkennbar ein brasilianischer Mann ohne (europäische) Eigenschaften, sein Blick und sein Geist sind und werden durch nichts. getrübt. Er ist gekennzeichnet von den (brasilianisch-symbolhaft angedeuteten) wesentlichen Zügen seiner Persönlichkeit. Faulheit, Sinnlichkeit, Phantasie und Lust. Wie er auf seiner tropischen und ab dem zweiten Akt städtischen Odyssee durch diese dramaturgisch effektvoll aneinandergereihten, gleichermaßen epischen und kostümfreudigen Bilder immer wieder aufsteigt aus der Asche einer von tränenreicher Ästhetik überlieferten Kultur, ist das die absolute Verneinung des ewigen Nein-Sagens: ein wahrlich fröhlicher Nachruf auf die Larmoyanz portugiesisch-brasilianischer Literatur. Im Stil eines dauerlaufenden Sprinters erlebt Macunaíma vom Stamm der Tapanhuma die Reise zum Ende der Welt, wohin seine Mutter ihn aus Strafe geschickt hat. Auf dieser Expedition in die zivilisierte Weit stirbt er ein paarmal, um immer wieder zum Leben erweckt zu werden. Als er aus dem Urwald kommt, ist die Weit, in die er zwangsläufig gerät, seltsamen Wandlungen unterworfen. Nach dem Verlust des gemeinsamen Kindes steigt Macunaímas Frau, die Königin des Dschungels, als Stern zum Himmel empor; sein Talisman landet bei einem Riesen, der als menschenfressender Geldprotz, französisch parlierend, erscheint, umrahmt von scheinbar degeneriert-blöd dreinblickenden, statuarischen Mädchen; ein Affe bringt den immerwährenden Verführer Macunaíma dazu, sich die Hoden zu zertrümmern. Und es sind der Bilder so viele mehr, deren letztes ihn nicht als einfachen Stern, sondern als Sternbild des Großen Bären zeigt: die letzte Station auf der Suche nach einer Identität, einer brasilianischen. In dem Stück wird mit dem (brasilianischen) Ewig-Gestrigen abgerechnet, aber nie per Zeigefinger. Hier fährt kein Mephisto einem Doktor Faust in den Geist. Der Geist des brasilianischen Volkes pulsiert durch den gesamten Körper, und der ist hier verkörpert durch die Grupo de arte pau brasil, die zeigt, was (vergleichsweise) bei Shakespeare zwischen den Zeilen steht: die Lust an der Lust. Und damit ist nicht nur die am Theater gemeint. Sondern die am Leben, zum Beispiel. Einen außerordentlichen deutschsprachigen Eindruck (über das gesamte Lateinamerika) bietet caiman. dbm Laubacher Feuilleton 11.1994
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