tanz im feuer

Nietzsche trifft Jazz und Lyrik

Jim Morrison: the doors

Die Beat-Dichter hatten eine Tradition fortgeführt, die nach dem 2. Weltkrieg in den Jazz-Kellern von Saint-Germain, dem Künstlerviertel von Paris, begonnen hatte. Da traten Dichter und Musiker gemeinsam auf, etwa ein Schlagzeuger oder ein Saxophonist, die ihren Soundtrack zu den Gedichten spielten, die frei gesprochen oder vom Blatt verlesen wurden. Allen Ginsberg, Gary Snyder, Michael McClure, Lawrence Ferlinghetti und Kenneth Rexroth hatten im Jahr 1956 in einer ehemaligen Autowerkstatt die Renaissance der Dichtung in San Francisco verkündet. Jack Kerouac lief herum und schenkte allen Leuten Rotwein aus großen Gallonenflaschen ein und rief an den markanten Textstellen immer wieder ein aufmunterndes «Yeah, man!» oder ein anfeuerndes «Go! Go!» dazwischen. Ein Saxophonist untermalte Ginsbergs gewaltiges Gedicht Howl (Geheul), das zum größten Literaturskandal der fünfziger Jahre führte und mit den denkwürdigen Zeilen begann: «Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahnsinn zerstört.» Als Ferlinghetti das Büchlein in seinem Verlag herausbrachte, wurde es wegen Obszönität beschlagnahmt — ein unerhörter Verstoß gegen die Verfassung der USA, die im Zusatz-Artikel eins das Recht der freien Meinungsäußerung garantiert. In einem Aufsehen erregenden Prozeß wurden die Beat-Dichter frei gesprochen, Howl darauf hin zum bekanntesten Gedicht der Nachkriegszeit.
(Wer sich von der Jazz- und Lyrik-Szene der fünfziger Jahre ein Bild machen will, hat seit April 1991 Gelegenheit per CD. Bei Aris erschien eine Box mit drei CDs, auf denen Jack Kerouac seine Lyrik und Prosa, begleitet von Saxophon und Klavier, vorträgt.)

Jim Morrison kannte alles, was die Beats veröffentlicht hatten. 1957, als sein Vater nach Alameda versetzt wurde, zwanzig Autominuten über die Bay Bridge von San Francisco entfernt, fuhr Jim oft in die Stadt und schaute sich in Ferlinghettis City Lights-Buchladen an der Ecke Columbus Street und Broadway um. Dort entdeckte er auch den eben erschienenen Roman Unterwegs von Jack Kerouac. Allen Ginsberg, im Buch Carlo Marx genannt, pendelte immer noch zwischen New York und San Fransisco hin und her, und Jim beobachtete ihn aus sicherer Entfernung, wenn er ein paar Tische weiter im Café Trieste seinen Espresso trank.

Für seine eigenen Auftritte schwebte Jim mehr vor als eine Dichterstimme, unterlegt von einem Instrument. Folkmusik haßte er nach eigener Aussage, vielleicht auch, weil er nie gelernt hatte, Gitarre zu spielen. So schied Bob Dylan als Vorbild von vornherein aus. Aber jazzig sollte es sein, und Lyrik sollte nicht zu kurz kommen — für Morrison blieb also nur die Rolle des Sängers, wenn er seine eigenen Texte mit einer Rockband aufführen wollte.

Da gab es Vorbilder genug, vor allem natürlich die Rolling Stones, deren Frontmann Mick Jagger ebenfalls ohne Instrument auf der Bühne stand und sich am Mikrophon festhielt. Die Stones hatten nie ein Geheimnis daraus gemacht, wer ihre Vorbilder waren. Ihre gesamte erste LP präsentierte die klassischen Rhythm-and-Blues-Songs, mit denen sie in den Londoner Clubs austraten. Doch Jim Morrison strebte eine andere Dimension an als nur Unterhaltung im Stil der Rock- und Jazzbands. Er wollte Gefühle bewegen, wie es das Kino vermochte oder das Theater, er suchte nach einem Weg, um die Kluft zwischen Darstellern und Publikum zu überbrücken, um alle Anwesenden in einer gemeinsamen Erfahrung zu vereinigen, zu verändern, zu läutern. Morrison war nicht an der Veränderung politischer Institutionen interessiert, sondern an der Veränderung des Einzelnen, so wie er es selbst erlebt hatte.

Da kam ihm der deutsche Dichter-Philosoph Friedrich Nietzsche gerade recht. Möglich, daß er nie mit den anderen Doors darüber sprach, doch gelesen hatte er Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Da sprach, über fast ein Jahrhundert hinweg, ein verwandter Geist zu ihm und machte deutlich, daß der Konflikt zwischen Bohème (Beatniks, Hippies, Subkultur oder wie auch immer die Bezeichnungen für den Gegenpol lauteten) und bravem Bürgertum (oder ‹Vernunft›) so alt ist wie die zivilisierte Menschheit. Und Jim Morrison, der nichts sehnlicher wollte, als wieder «an Berghängen zu tanzen», las mit Staunen Nietzsches Darlegung des Gegensatzes in der Kunst, verkörpert in den Göttern Apoll, der für die bildende Kunst steht, und Dionysos, der den Geist der Musik vertritt. Und so beschrieb der deutsche Philosoph den Rausch des Dionysischen:

«Man verwandele das Beethoven'sche Jubellied der ‹Freude› in ein Gemälde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Sand sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt ist der Sklave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Not, Willkür oder ‹freche Mode› zwischen den Menschen freigesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins ... Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Tiere reden und die Erde Milch und Honig gibt, so tönt auch aus ihm etwas Übernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traum wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden ...»

Dionysos, der Gott des rauschhaften Daseins — Jim Morrison wußte von da an, was er im Bereich der Kunst erreichen wollte.

Etwa zur gleichen Zeit fiel ihm auch eine Abhandlung des französischen Schriftstellers Antonin Artaud in die Hände. In Theater der Grausamkeit beschrieb er das Ziel einer (in seinem Sinne) wirkungsvollen Vorstellung so:
«Dies ist es, was wir erreichen wollen: daß wir bei jeder Aufführung ein schwerwiegendes Risiko eingehen, daß das ganze Interesse unserer Anstrengung auf Ernsthaftigkeit gerichtet ist. Wir wenden uns nicht an den Geist oder die Sinne unseres Publikums, sondern an die ganze Existenz: Ihre und unsere. Eine wirklich theatralische Erfahrung rüttelt die Sinne auf, befreit das eingeengte Unbewußte und treibt auf eine mögliche Revolte zu, die ihren vollen Wert nur dann erkennen kann, wenn sie im Bereich des Möglichen bleibt und der versammelten Menge eine schweirige und heldenhafte Haltung auferlegt.»

Jim Morrison hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Ihm wurde klar, daß seine Lebensauffassung unvereinbar war mit den Werten, die Amerikas erdrückende Massenkultur für wichtig erachtete, daß er, verglichen mit dem vorherrschenden Bewußtsein seiner Zeitgenossen, zu den Außenseitern gehörte. Gleichzeitig fand er Unterstützung bei den großen Denkern und Schriftstellern aus anderen Epochen, anderen Kulturkreisen. Sein wißbegieriger Geist, seine Neugier, seine Lebensfreude wurden von den Beat-Dichtern und von Nietzsche bestätigt. Sein Drang, sich selbst schreibend auszudrücken, wurde erstmals ernstgenommen, als er Ray Manzarek wiedertraf. Die Atmosphäre von Venice nährte Morrisons Selbstbild als Dichter. Die relative Freiheit dort behagte ihm, die Mentalität der Bohème, jedem die Möglichkeit seines eigenen ‹Trips› zu lassen, auch wenn sie darin bestehen sollte, überhaupt nichts zu tun, was als nützlich und sinnvoll angesehen wurde. Und der Lebensstil von Venice bestätigte Morrison auch, daß er mit seinem dionysischen Bedürfnis nach Rausch und Ekstase nicht allein war. Gras, Marihuana aus Mexiko oder Südamerika, wurde in der Subkultur weitgehend als harmlose, unschädliche Möglichkeit zur Bewußtseinsveränderung im positiven Sinne akzeptiert. Schon Kerouac hebt im letzten Kapitel von Unterwegs mit seinen Freunden auf der Fahrt durch Mexiko ab. Jim Morrison allerdings ließ den Joint, ganz im Gegensatz zum Hippie-Zeitgeist der späten sechziger Jahre, nie zur Gewohnheit werden. Sein verbündeter im Kampf gegen die Alltagsrealität wurde der Alkohol. Daneben experimentierte er immer wieder mit der stärksten aller Psycho-Drogen: mit LSD. Doch im April 1970 hatte er erkannt: «Vor drei jahren gab es eine Welle der Halluzinogene. Ich glaube nicht, daß irgend jemand die Kraft hat, diese Kicks für immer durchzuhalten. Dann geht man zu Narkotike über. Dazu gehört Alkohol. Für mich deshalb, weil er Tradition hat. Und weil ich den Schwarzhandel hasse, diese schmierigen sexuellen Untertöne, wenn man von den Dealern kauft, deshalb mache ich es nie. Deshalb mag ich Alkohol; man kann in jeden Laden an der Ecke oder in eine Bar gehen, und hat ihn genau hinter der Theke.»

Hans Pfitzinger


Auszug aus: the doors, tanz im feuer (hier zitiert nach: edel company Hamburg, S. 18 – 22). Erhältlich in jeder Buchhandlung bzw. direkt im Lotsch-Verlag.

Laubacher Feuilleton 2.1992, S. 3

 
Fr, 17.10.2008 |  link | (1336) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Musikalisches






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