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s(t)ammel art Stilistische Abwege des Tourismus Zu den Freunden der milden Sicht zählte ich mich bislang. Cholerik ist mir fremd. Denn sich aufzuregen oder gar den Voodoo rauf und runter zu rohrspatzen, schadet nur der eigenen Psychohygiene, macht ungerecht und engt die Sicht ein. Klingt buddhistisch, ist aber Selbstschutz. Das Einzige, was mich wirklich ausrasten läßt sind Kinderschänder, die sich mit Wacker-Chemie scheinneutralisieren lassen, Bestien mit spiegelglatten Gesichtern, die blond peroxydierte Korkenzieher-Perücke auf Hitlers Blondie, die Viktimologie der Engelchen und Gewaltverbrecher im Schafspelz, schlicht: Hörner voller Gift. Galeristen und Sammler, Kunsthistoriker und Sachverständige dagegen genießen bei mir einen Mutter-Theresa-Bonus. Das bringt mir unschätzbare Vorteile. Besonders dann, wenn ich mit Texten aus der Branche zu tun bekomme. Selten kommen mir dann selbsterhöhende Gedanken wie: Wenn andere so gut schreiben könnten wie ich lesen kann, … oder: anakoluthisch glossolallen möchte ich auch mal! Und schließlich pfeifen es alle vom Dach, wenn sie durch Hochwasser hinaufgezwungen werden: Bramarbasieren in grammatikalischen Logorhoiden gehört in ein durch Medien bestimmtes Zeitalter wie der Prophet nicht ins eigene Land. Großspurig hatten sie es angekündigt, die Macher der Wirtschaftwoche: Ab Oktober gibt's eine Kulturseite im Blatt. Forum soll sie heißen. Sie sollte den Leuten, denen man in ihrem Leben zu viel Geld zugemutet hatte und trotzdem noch die Wirtschaftswoche lesen, oder die etwa unverschuldet zu einem Vermögen gekommen sind und es stiftungstechnisch am Fiskus vorbeideichseln, Mut zum riskanten Investment in Kunst machen, andererseits auch nur darüber informieren, wie anstrengend es an den Welt-Kunst-Börsen in New York, Tokio und Paris zugeht. Als ob ein letztes Exempel statuiert werden müßte, um dem Jahrtausend den literarischen Supergau zu bescheren, erschien am 28. Oktober 1999 die erste Kolumne. Die renommierte Kunstsammlerin Inge Rodenstock, akademisch gestählt «in Düsseldorf, Paris und München», überschrieb ihren Szene-Bericht mit einer theoriebildenden Aufmunterung für Blinde und konnotierte gleichzeitig ihre Forderung im Titel Neu sehen lernen mit jenem Optiker-Imperium, das sie zum Geldausgeben in Sachen Kunst verdonnert haben muß. Meine beste Freundin, selbst Seismographin in der Sichtung, Bergung und Weiterleitung unschätzbarer Fundstücke, streckte mir den Text von Inge Rodenstock entgegen. Etwas spitzbübisch, nur mit dem lakonischen Hinweis: Lies doch mal das hier! Ich las ungewarnt, offen für alles, also völlig vorurteils- und keimfrei: Mit «Überall in Berlin empfängt Beuys den Kunstreisenden. Er schreitet entschlossen über die Eintrittskarten, die Prospekte, die Plakate.» begann der Text. Das dazu eingeklinkte Foto zeigt Joseph Beuys in seinen outfit-typisierenden Stiefeln und filzbehütet zielbewußt auf die Linse zuschreitenen («La rivoluzione siamo noi» steht handgeschrieben drauf). Zum Paßfoto briefmarkisiert erkannte man die Autorin selbst als — so wird spekuliert — Kunstreisende, aristokratisch an Beatrix von den Niederlanden erinnernd. «Nur die Hitler-SA, gezeigt im Alten Museum in den ‹Deutschen Wochenschauen› […], kann Schritt halten.» Zuerst dachte ich ja, hier handele es sich um den Einstieg in eine Glosse von der ganz besonders perfiden Art, titanic-mäßig oder in der Manier des genialen Walter Moers, der seine aufklärerischen Cartoons pasolinisch so anreichern kann, daß Hitler bis Himmler, ja der ganze Faschismus notgedrungen als kollektiv-megaloide SM-Nummer verstanden werden kann, die den Holocaust als polit-derivierte Sodomie transparent macht. Gemeinsam mit dieser aufflackernden Hintergrundstrahlung war ich ganz in den Rodenstock-Text-Bann geraten. Ich spürte, da hatte etwas eine Gravitation, das sogar Licht verschlucken konnte. Weltgewandt und zuhause in allen Kreisen, die modernes Kunstverständnis sowohl ästhetisch durchglühen lassen, als auch merkantil in Eigennutz verwandeln kann, scheinen ihr Ateliers wie Königshäuser gleichermaßen offen zu stehen. Diese wunderbaren nachvollziehbaren Schlenker des Welt- und Kulturoffenen, die den hungerleidenden Künstler von einer solventen Gelddame entdecken lassen. «Beuys ist auch mit seiner Arbeit in allen Museen gegenwärtig.» Beuys als reinkarnites Multiple? Etwa wie die Hitler-SA oder der Kunstreisende? Nun ja, Beuys flog früher sogar Einsätze unter Hitlers Befehl. Das bescherte ihm zunächst eine silberne Kalotte und dann den Zustand als Künstler durch Einsicht ins Ungefährlichere. Inge Rodenstock weiß aber noch ganz andere Sachen. «Beuys war ein großer Bewunderer von Max Beckmann — 1999 halten beide zusammen die erste Position in den Berliner Ausstellungen.» Das ist schlicht eine Wahnsinns-Aussage! John Lennon war ein großer Bewunderer von Chuck Berry — 1999 halten beide zusammen ... Dort eine Kausalität zu vermuten, wo die Parameter elementfremd sind, ist einfach nicht mehr statthaft; es sei denn, es handelte sich um poetisch-literarische Verstrickungen. Das ist hier aber anders als bei Moers, der seinen schwulen Hitler, nach dessen Reinkarnation als Kanalratte, einem — nach einer Geschlechtsumwandlung als abgehalfterte Prostituierte arbeitenden — Göring beiwohnen läßt. Hier blitzt wenigstens kausaler Sinn. Aber — Beuys bewundert Beckmann, wird deshalb von Arnaud Magg für 65.000 Mark («trotz einer Auflage von drei …») hommagiert. Jaja! «Kunstsammeln macht Arbeit, erfordert viel Information, viel Fleiß und sehr viel Gespür. Wer sich mit dem Kunstvirus infiziert hat, gibt ein Vermögen aus.» Jetzt ist es raus: Kunstsammeln ist ein Virus! Die Griechen nannten es Phlegma, die Deutschen Schleim. Es dockt da an, wo das Geld Horizonte überblickt. Einmal infiziert, immer unheilbar! Nur noch In-Schach-haltbar. Doch wer überträgt dieses Virus, wer und wo sind die Zwischenwirte? Welche Krankheiten verursacht es? Workaholicism? Informationism? Idiosynkratische Hypersensibilität? Spastische Literalizität? Etwa gar Kunstmukoviszidose? Sind wir Vermögende wirklich ungeschützt, ja ausgeliefert? Nicht ganz, so scheint es. Wir können in den Spiegel schauen, können ein Photo von uns machen, um unseren Zustand zu kontrollieren und zu dokumentieren. Aber: «Vorläufer wie zum Beispiel Man Ray, Gordon Matta-Clark, Jan Dibbets sind schwer zu übertreffen. Warhol hat die Photographie erst richtig in Mode gebracht!» Nun, wer glaubt im post-psychotherapeutisch digitalen Zeitalter schon noch an die Diagnose des Kunstvirus' durch lackmustitrierte Salznitrate oder kalisaurem Zeug? Ganz einfach: Das Kunstvirus ist ein einmaliger, aber endgültiger Befall, der nach einer Latenzperiode meist unverschuldeter Armut, unabwendbarer Einheirat in solventere Kreise oder heimtückische Geldsackpräparation durch Erbfolge seine Pathologie voll entfalten kann. Es verändert fast schlagartig das gesunde Verhältnis zur Portokasse, wandelt es um in eine selbstzerstörerische, bargeldlose Haben-wollen-Sucht, die zu immer riskanteren Manövern an Markt und Börse verleiten. Ähnlich wie bei schizo-affektiven Psychosen verführt es zu kaufrauschähnlichen Zwangserscheinungen. «Die Preisentwicklung ist [dann] ähnlich wie nach dem Börsencrash 1987, als viele Anleger in Kunstwerke geflüchtet sind.» Dieses Virus macht anscheinend vor nichts halt. Es läßt die Infizierten sogar in Kunstwerke fliehen. Sicher gibt es Kunstwerke, die so etwas Extravagantes mit sich machen lassen. Die Bavaria in München zum Beispiel, ein Geniestreich der Erzgießerei, können sogar mehrere Anleger gleichzeitig als Fliehburg benutzen. «Aber wieviel seriöse Sammler gibt es, die auf diesem Preisniveau mithalten können?» Ganz oben in ihrem Kopf (der Bavaria) befinden sich Sitzbänke für fliehende Banker, die Crashes and Deep Depressions aussitzen müssen und bei günstiger Wetterlage einen Blick auf die Alpenkausalkette genießen können, die an vertraute DAX-Kurvaturen erinnert. Aber die mit dem Kunstvirus Infizierten, die sich, anders als ihre HIV-positiven Kollegen oder den sterblichen Kleinanlegern, nicht mit ihrem unaufhaltbaren körperlichen Zerfall auseinandersetzen müssen, trifft es auf der physischen Komplementärwährungsebene: dem Geld! Hier schlagen die wirklichen Imperien zurück, wenn Fehler gemacht wurden. Deshalb gibt Inge Rodenstock augurenhaft ihr gesammeltes börsentaktisches Wissen soz. ungeschützt an die Wirtschaftswoche weiter. Und hier kann es jeder lesen: «Auch in der Kunst gibt es Blue chips: zum Beispiel de Kooning, Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Warhol, Yves Klein, Cy Twombly und einige mehr. Ihre Preise steigen, fallen auch mal, aber schließlich werden sie immer teurer. Das Angebot wird knapper. Kunstwerke unterscheiden sich von Aktien dadurch, daß sie einmalig und unersetzbar sind. […] So müssen wir uns auf Neuland begeben, dorthin, wo freche, respektlose, innovative Kunst angesagt ist. Neu sehen lernen ist gefragt!» Ja, aber mit welchem optischen Gewerk denn, Frau Rodenstock? Daß die Preise — nachdem sie einmal fallen, einmal steigen — immer teurer werden, war mir bisher einfach nicht bekannt. Entweder kann ein Preis für ein Objekt höher werden, oder ein Objekt kann teurer werden, aber der Preis doch nicht. Diese Kompliziertheit für den Leser so zu vereinfachen, zeigt das ausschließlich auf Merkantilität ausgerichtete Kunstverständnis der mit dem Virus Infizierten. Meta- und Objektsprache durchdringen sich hier in einer symbiotischen Kausalkettennummer, die auch den flüchtigen, durch ökonomische Betriebsamkeit gehetzten Wirtschaftswoche-Leser ausbremsen könnten. Facit: Der Preis ist wichtiger als das Objekt, ohne das es ihn gar nicht gäbe. Dann aber geht der ästhetische Sammlergaul mit Inge Rodenstock im Sattel durch. Mit dem adaptierten Halali «Kauft mehr Kunst» auf der Zunge, stößt die Autorin im Dschungel des solventen Sammlerwaldes auf ein mutiges Ehepaar, das trendy-like von Köln nach Berlin gezogen war. Dort, im privaten Museum dieser Unerschrockenen und trotzdem sensibel Gebliebenen, gerät sie in das virulente Hochgefühl, «das jeden Sammler ins Schwärmen bringt. Imponiert hat mir der Raum des jungen Brasilianers Ernesto Neto, der seine Skulpturen aus Strümpfen macht und mit Gewürzen (Gelbwurz, Ingwer, Paprika) füllt, so einen exotischen Duft in seine Arbeiten einbringt.» Wieder wurde das Kunstvirus in einem Anfall präsent, gegen den sich die Kunstsammler der pekuniär etwas besser Gesattelten einfach nicht mehr wehren können. Ernesto Neto, einer der Schlauberger unter den Anbietern in der Branche, hatte Inge Rodenstock aufs olphaktorische Kreuz gelegt: mit Gelbwurz, Ingwer und Paprika parfümiert er alte Socken und läßt das lange Zeit pejorierende pecunia non olet einfach exotisch wegdampfen. Während dieser ungeschickte und latent kopromane Chris Ofili es fast zur Hostienschändung brachte. «In New York war er gerade in einen Skandal verwickelt, da der Bürgermeister Rudolf Giuliani Anstoß nahm an seinem Gemälde, das die Mutter Gottes mit Kuhdung auf den Brüsten zeigt.» Petze! Soviel Ketzerei machte ein anderer, aber nicht weniger Frecher, wieder wett. «Der New Yorker Künstler Richard Phillips bestach durch das perfekt gemalte Bildnis eines kessen Mädchens in Uniform.» Nicht zu fassen! Dieser Kerl bestach doch tatsächlich eine Frau Rodenstock. Und womit? Mit dem «Bildnis eines kessen Mädchens in Uniform»! Das übersteigt alles bisher für möglich Gehaltene. Ein solcher intersubjektiver Paradigmawechsel sollte dem neuen Jahrtausend ungeahnte Perspektiven eröffnen: Bestechung der Kaufeliten durch den Künstler! Inge Rodenstock muß den Begriff des Spannungsbogen noch an den Hochschulen internalisiert haben. Denn professioneller habe ich Beuys, Kunstreisende, Hitler-SA (gibt es denn noch eine andere?), Börse und Auschwitz noch nie verleimt bekommen. «In der Galerie Hetzler fasziniert der junge Brite Warren Almond, 28, der zwei Haltestellen, die in Auschwitz vor dem Museum gestanden hatten, nach Berlin transportiert und zum Kunstwerk deklariert hatte. Im März 1997 hat er einen Film in Auschwitz gedreht (Oswiecim).» Panaugurisch und in apokalyptischer Verknüpfungslaune hatte Inge Rodenstock im endlich vergangenen Jahrtausend Bilanz gezogen. Als Summe und Vision zugleich gedacht hat sie uns doch eines wirklich deutlich gemacht: wir müssen einfach endlich «Neu sehen lernen»! Herbert Köhler Kurzschrift 3, Sommer 2000, S. 31–36
Weiteressen Telefax aus Mercosur Mein Lieber, um den Stammtisch, wenn man reinkommt links, fallen zuerst die Unterhemden, die schwer über die Gürtel hängen, ins Auge. Vorn, gleich dem Eingang gegenüber, authentiziert ein Poster mit FJS, weißblau umkränzt, die ‹Bayernstuben› in Asunción. Neulich waren auch einige Frauen am ovalen Stammtisch, die Haare zum Dutt gesteckt, aber auf sie wurde ich erst aufmerksam, als sie anfingen zu singen. Etwas vom Jager, der Liebe und dem Tod. Der Ober, ein Chulipi-Indianer aus dem Chacco, ist erstaunt, daß meine Begleiterin diesmal keinen «Appelstrudel» mag. «Warum willst Du nicht heute?» Die Sie-Anrede hat er nicht drauf. Die Mennoniten, knapp 400 Kilometer weiter im Westen, wo er herkommt, haben auch nie Sie zu ihm gesagt. «Noch Chop?» — Faßbier — natürlich. Bei mir haben die Ober immer Glück, und hier speziell, weil es zur Mischung gehört, die immer mit diesem herrlichen Graubrot und Griebenschmalz, gut nachgesalzen, beginnt. Danach bestelle ich oft etwas nur, weil Bratkartoffeln dabei sind. Die Semmelknödel habe ich noch nie probiert, von den — ¿como? ja, otra chop por favor — von Käsespätzln, viel zu fett, lasse ich in Zukunft die Finger, und die Weißwürste — dafür bin ich immer, man kennt ja die Regeln, zu spät. Hat Daniel wohl gut zugenommen? Falls es so ist, dann ist der Onkel des Computerfachmanns aus Ghana mittlerweile gestorben. Daniel hat schon lange darauf hingearbeitet, Nachfolger seines Onkels als Clanchef von 150.000 Menschen zu werden. Für dessen drei Witwen, das gehört dazu, würde er dann den Part das Ehemanns übernehmen. Damit Daniel gute Chancen hätte, nicht nur Chef zu werden, sondern auch zu bleiben, würde man ihn gleich nach seiner Wahl 30 Tage lang wegsperren — und mästen. Das Fett und rituelle Tänze würden ihm helfen, das Todesspiel zu gewinnen, den Voodoo-Zauber der abgeschlagenen Konkurrenten abzuwehren, mit dem diese nachträglich Recht bekommen wollen. Du mußt glauben, sagte er lächelnd. Muriel aus Benin fand das ziemlich primitiv. Silaa, die Anwältin aus Tanzania ging schon eher auf ihn ein und erzählte von Beduinen-Frauen, die, wenn sie Lust auf einen Mann hatten, einen besonderen Gürtel unter die Gewänder um die Taille binden. Spürst Du ihn? Im Februar, am Rosenmontag, als ich Daniel kennenlernte, waren wir im Rheinland und sollten laut Seminarprogramm etwas Typisches erleben: Reibekuchen mit Apfelmus (na ja). Wir sprachen über Aids. Könnt ihr euch einen Chief mit Kondom vorstellen, fragte Daniel, während er zugleich mit der Gabel die hellbraune Masse auf dem Teller untersuchte. Sofort, zum ersten Mal in meinem Leben, als ich Daniel das fragen hörte und ihn ansah, von den nicht unlustigen Augen in das junge, sanfte und doch tief entschlossene Gesicht, auf dem starken Hals, mit den Fleischfalten im Nacken, die mit jeder Kopfbewegung ein wenig in dem mit Goldfäden durchwirkten traditionellen Gewand verschwanden und wieder auftauchten, meinte ich mit großer Klarheit zu spüren, wie ein Clanchef zu sein hat: Gläubig und pragmatisch. Exakt an diesem erkenntnisreichen Rosenmontag endete übrigens auch der Fastenmonat Ramadan, Mohamed aus Indonesien hatte ausführlich gefrühstückt. Kaum etwas anmerken — wie eigentlich immer, wenn er sein Essen schlürfte — ließ sich Xiaoshan aus der Volksrepublik China, dabei begann, ebenfalls an diesem Tag, das chinesische Neujahr. Wann wird es wieder solch eine Bündelung von tollen Tagen geben? Ein Schluck und der Apfelkorn ist fort. Schluck, Schluck, intonieren seither Ernesto und ich — fast — jedesmal, wenn wir uns jetzt in Montevideo wieder begegnen. Von heute abend, dem Abendessen beim Schweizer Botschafter, kann ich noch nichts berichten. Sieben Gänge habe ich am Freitag im Pfarrhaus der deutschen evangelischen Gemeinde in mich hineingeschoben. Eingeladen, von einem ehemaligen Restaurantbesitzer aus Berlin, der unbedingt wieder einmal schön kochen wollte. Liebfrauenmilch gab es bei dieser Gelegenheit nicht; das setzen dir eher Einheimische vor, wenn sie nett sein wollen. An ein Liebfrauenmilch-Abendessen erinnere ich mich unheimlich gut. Ich werde aber, weil Sprengstoff drinsteckt, nur verklausuliert davon erzählen: Vor 15 Jahren, in einer südamerikanischen Diktatur, war ich gemeinsam mit wichtigen Oppositionellen in die Residenz eines Botschafters geladen. Eine Bombe, so meinte der Diplomat, und die Probleme des Landes sind gelöst. Aber Herr Botschafter, soll das ein Aufruf zum Tyrannenmord sein? Natürlich nicht, war die schnelle Antwort. Hier gehört die Bombe gezündet. Hier und jetzt. Alles nur Scherz. Weiteressen. Dein Rainer (Willert) Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 16
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