|
Volksschauspieler ![]() Tagtäglich und überall begegnet man ihm. Früh morgens, auf dem Weg zur Arbeit, in der U- oder S-Bahn, auch im via Bankkredit zusammengestoppelten unteren Mittelklassewagen, das Gesicht mürrisch zerknittert vom Ständig-viel-zu-frühen-Aufstehen, die Manchesterhose schlotternd um die Beine, die wie übers Faß gebügelt scheinen (dick scheint einer wie er, obwohl er das Glas gern immer nachgefüllt sieht, nicht werden zu können). Abends dann, in der Kneipe an der Ecke, sind die Gesichtsfalten zwar nicht weniger geworden, doch der Feierabend hat die Physiognomie offener, heiterer gestaltet, die Witzchen kommen ihm jetzt leichter über die zwar vollen, aber immer doch ein bißchen zusammengekniffenen Lippen. Im breitesten Hamburger, Dortmunder, Kölner, Stuttgarter oder Münchner Dialekt könnte er sie erzählen. Das laute, meckernd-unbekümmert-freie Lachen, vorwiegend über sich selbst, ist geographisch überall einzuordnen. Wie überhaupt der ganze Typ. Dieser ‹Allerweltstyp›, von dem hier die Schreibe ist, hat nach 20 Jahren Heidelberg, Göttingen, Berlin, Zürich mit überwiegendem Wohnsitz München seinen breiten, gutturalen, temperamentvoll den Rhythmus wechselnden Tiroler Dialekt nicht nur nicht abgelegt in die Lade neutraler, regional nicht mehr identifizierbaren Sprache, er wird sie gar beibehalten bis zum letzten Stoßseufzer, der da lauten könnte: Begrabt mich an der Biegung des Inn, irgendwo dort, wo die Teutonen über den Brenner gehen. Richtig, vom Brenner wird hier geschrieben. Vorname Hans, geboren am 25.11.1938 in Innsbruck, Sohn eines tatkräftig engagierten sozialdemokratischen Arbeiters und dessen gleichgesinnter Ehefrau, nach der Matura (Abitur) beinahe Medizin- oder Forstwirtschaftsstudent, aber dann doch nur Schauspieler geworden. Anzunehmen ist, daß er, bei seinem Arbeitseifer, besagten letzten Seufzer auf der Bühne tun wird, wie gesagt: in seinem Dialekt. Zu dem ist er, der Polyglotterie der gebildeten Theaterwelt fast überdrüssig, zumindest zum Zeitpunkt unseres Gesprächs, unumstößlich zurückgekehrt. Vorbei, so scheint es, dieses Deutsch der gespitzten und geschürzten Lippen, das mehr oder minder allerorten von den weltbedeutenden Brettern auf ein nur noch vom Ästhetizistischen berauschtes Publikum hinab-, um es wie Brenner zu formulieren, herabgelassen wird. Er, der die Partitur des deutschsprachigen klassischen (Bildungs-)Theaters rauf- und runtergespielt hat, ist mit vollem Blut zu der Bühne zurückgekehrt (oder auch: endlich dort angelangt), die dramatisch/theatralisch das Leben des vielzitierten einfachen Volkes reflektiert, aber bittschön nicht platt(-deutsch) wie Ohnesorg/Hamburg, vermillowitscht wie in Köln oder wie aus diesen touristischen oberbayerschen Komödienstadl-Küchen, in denen das Bühnenerlebnis schmeckt wie Pappe. Dialektisch soll es sein, in des Begriffes doppelter Bedeutung. Wie aus der Hausmanns-Küche eines Bertolt Brecht, eines Heiner Müller oder eines Franz Xaver Kroetz einerseits und in einer Sprache andererseits, die noch nicht zum Artifiziellen hin abgerutscht ist. Einfach, aber kräftig, für jedermann genieß-, ergo verstehbar, versehen mit der Würze des Für und Wider, basierend auf einer Ästhetikrezeptur, die er, der Volksschauspieler expressis verbis, im Augenblick allerdings noch nicht so recht vermitteln kann. (Überhaupt kommt ihm, dem Virtuosen der Körper- und Bühnensprache, die freie Rede nur schwer über die Lippen.) Diese Ästhetik müsse jetzt, im neuen Haus, erst wieder neu, nein, überhaupt müsse sie erst gefunden werden, es habe sie ja nie gegeben, eine Kleinbürgerästhetik. Bei Brecht ja, der ... Aber was sie, die Regisseure des Bürgertums, gemacht haben daraus auf ihrer Olympiade der Eitelkeiten! Den Brecht oder auch den Büchner, die erkenne man ja überhaupt nicht wieder, man wisse ja gar nicht mehr, was in diesen Stücken gespielt werde ... Das neue Haus, in dem zunächst einmal die Spuren, die zu einer Kleinbürgerästhetik führen, gesichert werden sollen, ist das am 24. November letzten Jahres eröffnete Münchner Volkstheater. Zusammen mit Lebensgefährtin und Kollegin Ruth Drexel hat er das Zustandekommen dieser subventionierten Volksbühne betrieben wie kein anderer. Hier will er seine seit rund 15 Jahren gewachsenen Vorstellungen vom Theater für die kleinen Leute, gemeinsam mit einer alten Riege bayerisch-tirolerischer Volksschauspieler und unter der Leitung des ehemaligen Chefdramaturgen des Münchner Residenztheaters, Jörg-Dieter Haas, realisieren. Die Konsequenz: Auf dem Bildschirm, über den Brenner zu seiner Popularität gelangt ist, wird man diesen grantigen, kantigen Übersetzer von ‹Milieu›-Charakteren in nächster Zeit kaum sehen. Zunächst einmal ist es ihm wichtig, die Institution Volkstheater München als Forum «für die Leute, die Schwächeren, die die Abhängigen sind, die dominiert und gegängelt werden», im Bewußtsein der Öffentlichkeit zu installieren, aber auch im Bewußtsein der nach wie vor gegen dieses Theater opponierenden Lokalpresse. Abgesehen davon: Spricht Brenner von sich als Schauspieler, dann will er das aufs Theater bezogen wissen. Sicher, er ist in den letzten Jahren vor allem im Pantoffelkino ständig präsent gewesen. In der Alpensaga beispielsweise, in der Fernsehfassung von Marie-Luise Fleißers Stück Der starke Stamm, in Folgen von Tatort, Derrick, Der Alte oder Walter Sedlmayrs Der Nächste bitte. Doch das Fernsehen, wie auch der Film, bringt ihn künstlerisch bei weitem nicht so in Wallung wie das Theater. Nur auf der Bühne ergibt sich für ihn dieses «sehr sensible Miteinander oder auch Gegeneinander», lernt man, «wie doch der Einsatz sein muß, um den Kollegen näherzukommen». Nur beim allabendlichen Live-Auftritt könne er im Publikum das «kontroverse Klima produzieren», in dem die einen, die ihn «am liebsten runterprügeln wollen von der Bühne, trotzdem lachen», und die anderen, die ihn «ans Herz drücken wollen, fragen: Warum muß er denn dem Affen so Zucker geben?». Demgegenüber ist ihm, zweifelsohne ein ranghoher Solist, der Film eine «zu solistische Betätigung». Zwei, drei Titel sind ihm dann doch zu entlocken, Arbeiten, zu denen er «voll steht», die auch seinem sozialdemokratischen Verständnis vom dialektischen Abbilden der Wirklichkeit entsprechen. Daß er dabei einen Film besonders hervorhebt, fast schwärmerisch auf Peppermint Frieden zu sprechen kommt, ist aus verschiedenen Gründen plausibel. Die Rolle diesen fiesen, die Kinder eines niederbayerischen Dörfchens in bigotte Lustfeindlichkeit treibenden Pfarrers Expositus hat er nach der Lektüre des Drehbuchs (Marianne S. W. Rosenbaum) mit dem begeisterten Ausruf «Endlich mal ein Film mit Widersprüchen» vorbehaltlos angenommen. Gespielt hat er sie dann mit Team (Peter Fonda, Konstantin Wecker, Cleo Kretschmer u. v. a.) und Thema (Nachkriegszeit aus der Perspektive eines kleinen Mädchens) entsprechender Virtuosität. Allein seine Kanzelworte, mit denen er seinen Schäfchen die Angst vor den antichristlichen, bolschewistischen «roten Sternen, die drohend über den Gipfeln unseres schönen bayerischen Waldes stehen», zwischen die gerade wieder nachwachsenden Hörner drischt, haben die Durchschlagskraft einer mittleren Friedensbewegung. Da der im Herbst '83 angelaufene Leinwandeinstieg von Marianne S. W. Rosenbaum, von Stern-Kritiker Bodo Fründt als «beste deutsche Kinopremiere seit langem» prädikatisiert, demnächst auch die US-Amerikaner (friedens-)bewegen wird, ist anzunehmen, daß in nächster Zeit manch ein Rollenangebot über den großen Teich kommen und im Einfamilienhaus im oberbayerischen Zorneding anlanden wird. Hermetisch abgeriegelt scheint dieses Katalogreihenhaus, dem das Wie-du-und-ich-Paar Brenner/Drexel nebst achtjährigem Töchterchen Cilli ‹innewohnt›. Denn, von Freunden abgesehen: Wie's da drinnen aussieht, geht (fast) keinen was an. Nun ficht da drinnen der Brenner seiner Drexel nicht unbedingt aus Apfelblüten einen Kranz. Da wird schon mehr handfest über die Arbeit gesprochen, die nahezu identisch ist mit dem Privatleben. Vordergründige Sentimentalitäten sind nicht eben die Fracht dieses Schauspielerdoppels, das sich vor den Thespiskarren Volkstheater gespannt hat, seit rund 15 Jahren immerhin. Dennoch geht es, zumindest was den reichlichen Musikkonsum des Hans Brenner betrifft, des öfteren operettenhaft zu bei ihm zu Hause. Er ist «ein hoffnungsloser Fan des seichtesten aller seichten Milieus». (Es zu überdenken, sei überhaupt vonnöten. Man denke nur an Brechts Kaukasischen Kreidekreis, eine «der schönsten Schnulzen überhaupt». Mit solchen Sujets käme man doch endlich ans «Volk» ran, das den Kulturschaffenden hierzulande bei jeder Gelegenheit mehr oder minder heuchlerisch zwischen den Lippen hervorquille.) Aber auch die ganze Klassik hört er, «bis runter zu Schönberg, natürlich die Mozart-Opern und Verdi». Das sei nicht, «wie man sagt, Musikhobby, sondern das ist eine Leidenschaft». Die Rockmusik nicht ausgenommen. Und die anderen Künste, die zeitgenössische Malerei und Bildhauerei? Da war er, sieht man vom im Haus hängenden Picasso ab, «kein echter, aber einer von 2.000 handsignierten», bislang abstinent. Aus zweierlei Perspektiven repräsentiert er da ein altes Dilemma: Zum einen die gewisse Bilderfeindlichkeit, vor allem gegenüber der Moderne, die das Kleinbürgertum entwickelt hat (und Hans Brenner bekennt sich nicht nur zu ihm, er entstammt ihm tatsächlich); zum anderen durch die (ebenfalls historisch bestimmte) Konfrontation einer Kunst der oberen (Adels-)Stände, der ‹bildenden›, mit der des Volkes, des einfacher zu verstehenden Theaters. Doch Brenner reflektiert die Ablehnung, die er beispielsweise gegenüber der abstrakten bildenden Kunst hatte (und die er für sich selber bald abgelegt haben will), über private Begegnungen mit Malern und Bildhauern: Sie seien ihm «zu monoman, zu egozentrisch, zu zurückgezogen» für ihn, der «gern mit den Leuten am Stammtisch hockt». Aber er, der meint, die bei uns praktizierten Ästhetikvorstellungen stünden im krassen Mißverhältnis zur Nachfrage, will die bürgerliche Kultur keineswegs abgeschafft wissen. Schließlich werde «dieses Land ja von den Bürgerlichen regiert, und die brauchen ja auch ihre Kultur». Nur, daß die ständig in die der kleinen Leute eingreifen, bringt ihn fast in Harnisch. Das war schon so zur Zeit der Studentenbewegung, als er bei Peter Stein an der Berliner Schaubühne war. Damals, Ende der 60er Jahre, kamen die Studenten jeden Abend und fragten, ob unter den gesellschaftspolitischen Verhältnissen Theaterspiel überhaupt noch möglich sei. «Natürlich», sagt der damals von der bürgerlichen Theaterkritik nahezu Gehätschelte, «die Sympathie, die gehörte denen. Aber diese Leute, die die großen Diskussionen geschwungen haben in irgendwelchen Aulen, die haben mir zum Teil fürchterlich gestunken. Das waren auch so Bürgerkinder mit besten Manieren und hervorragenden Möglichkeiten, sich zu äußern. Denen lief das da alles so runter von den Lippen wie Honig, deren Argumentation.» Und er resümiert, daß das Scheitern der Studentenbewegung daran lag, «daß es diesen Leuten überhaupt nicht gelungen ist, einen Zugang zum Kleinbürger zu finden». Da er Kunst und Politik voneinander nicht trennen kann und will, wettert er auch, womit wir wieder beim Theater wären, gegen diejenigen, die sich zum Beispiel einen «echten Grattler wie den Karl Valentin in ihrer bourgoisen Hybris reinziehn». Was sie mit ihm gemacht haben, findet er «zum Teil unappetitlich». Es sei «natürlich schon ein Leckerbissen für alle Bürgerlichen, die tausend Nöte und Ängste, diesen fürchterlich chaotischen Boden eines Kleinbürgers so komisch» auszustellen. Ihn, den Valentin, das von den Falschen vereinnahmte Symbol des armen Schluckers, möchte Brenner nach eigenen Vorstellungen vors breite, vors richtige Publikum bringen. Mit Chaplin, mit den großen Shakespeare-Narren vergleicht er ihn, und spielen will er ihn, auch wenn er sich sicher ist, daß er damit «das Maul sehr voll nimmt», schon angesichts der Tatsache, daß doch tatsächlich ein Münchner Faschingsverein sich erdreistet, einen Valentin-Orden alljährlich zu verleihen. «Speiübel» wird ihm dabei. Nicht mit dessen «eigentlich unwiederholbaren, weil originellen Mitteln» will er ihn für (Münchner Volks-)Theater zurückerobern, sondern «einfach mit den Mitteln eines Schauspielers, der für diese Art von Phantasie sehr, sehr viel übrig hat». Auch Nestroy, den er «für einen außerordentlichen Volkstheaterschriftsteller» hält, habe seine Stücke ja auch für «seine kleine Klitsche, diese Sofittenbühne mit den drei Fetzen», geschrieben, und es sei ja auch gelungen, «den Nestroy für das deutsche Theater zu entdecken». Daß er «manchmal so schlecht inszeniert wird, daß man ihn gar nicht anschauen kann», das sei wieder eine ganz andere Geschichte. Zwei längere Gespräche und ein kurzes gab es zwischen Hans Brenner und mir. Sie haben mir, einmal im Leben, tatsächlich ein Vorurteil bestätigt, nämlich das, daß ich über Jahre hin sicher war, dieser Schauspieler könne im Privatleben nur identisch sein mit dem, was er spielt. Die Ästhetik-Koryphäe Bazon Brock hat mit seiner These, ein Künstler müsse jederzeit hinter seiner Arbeit sichtbar sein, recht behalten. Der Brennerschen Aufforderung, sich in Zukunft doch auch privat mal auf ein Bier zu treffen, werde ich mit Freuden nachkommen. P. S. Hans Brenner wurde 1998 jenseits des Brenner begraben. Vorwärts Spezial, Heft 2, Februar 1985, S. 11ff. Photographie: © Thomas Karsten
Baltische Vergangenheit Brief aus Tallinn Mein Lieber, entgegen meiner ansonsten sparsamen Art vernichte ich die ersten eineinhalb Lagen des Toilettenpapiers, seit sich weltweit diese Unsitte eingebürgert hat, daß Blatt eins der neuen Rolle vom Roomservice der ‹guten› Hotels manuell — wie auch sonst? — durch je einen Falz links und rechts spitz zulaufend markiert wird. Wie entsteht solch ein globaler Standard? Recherchiere selbst, wenn Du willst, bastle Deine eigenen Theorien, und lass' mich ein wenig von einer Ausnahme erzählen, dem etwas anderen Hotel: Hotel Melluzi in Jurmala, nahe Riga, in Lettland, mit Platz für gut hundert Gäste. Manche der Zimmer im Melluzi haben Klavier, und im Untergeschoß wartet ein Konzertsaal. Konferenz- und kleinere Sitzungsräume sind ebenso vorhanden wie Billardzimmer, Sauna, Bars, ein ‹Indoor-Pool› im Tiefgeschoß, zwei große Bassins draußen, und nur vier Minuten zu Fuß ist es zum wunderschönen, mal mild, mal wild bewachsenen Dünenstrand am Mare Balticum. Hier hatten traditionell die verdienten Staatskünstler aus dem Musikfach ihren Ort für Muse, Erholung, Übung und Austausch — ohne Plantschbecken und Kinderstühlchen. Die Genies blieben schöpferisch unter sich. Leistung pur wurde gefördert. Heute, privatisiert, steht das Haus offen für alle, stechen mehr als andere die Unzulänglichkeiten ins Auge. Damals hingegen, flexibel Mängel antizipierend, bot dem Gast allein die Tatsache des Vorhandenseins von, sagen wir: Hygienepapier Anlaß zur Freude. Wir aber mosern, meckern, stöhnen, weil die Vorrichtung für obige Klopapierrolle — gleich höre ich auf mit Details dieser Art — noch immer hängt, wo sie ursprünglich angebracht worden war — haargenau hinter dem potentiellen Nutzer, halb verdeckt vom von der Wand abgesetzten Spülkasten: ergonomisch katastrophal, ohne ärglichen Positionswechsel unmöglich zu erreichen. Und ebenso unmöglich ist eigentlich der gesamte Service im Melluzi. Eigentlich, sage ich, denn es geht auch anders, nämlich dann, wenn der Gast mit Geduld und Einfühlungsvermögen, sanft im Ton, aber bestimmt, eindeutig und klar in der Sache sagt, was er will. Die Wiederholung der Zeremonie am nächsten Tag kann nötig, manchmal aber auch schädlich sein, denn das Personal, einschließlich Managment, in diesem Hotel gehört, zumindest mental, noch zum alten Regime. Es gehört zugleich zu den russischen Minderheiten in Lettland — rund 30 Prozent von 2,5 Millionen Einwohnern. In puncto Service hat im Melluzi die Privatisierung nicht viel verändert. Allerdings gibt es zwischenzeitlich hie und da Versuche der Modernisierung im Hause. Haltet ein! hätte ich den Leuten zurufen sollen. Laßt den Laden, wie er ist: ein bewohnbares Museum, ein offenes Buch zur haptisch sinnenhaften Anschauung sowohl für Nostalgiker des Sozialismus als auch für dessen beträchtlich gewachsene Anzahl an Kritikern. Eine enorme Marktlücke ist, wäre das. Und wer dann genug hat vom Schwärmen respektive Schimpfen, geht einfach hinaus durch die quietschenden Glasflügeltüren — nach Jurmela. Jurmela, nach Erzählungen und alten Photographien, ist anmutig schön gewesen — und fast schon wieder geworden, obwohl die nach der Unabhängigkeit von 1991 an die Alteigentümer zurückgegebenen Sommerhäuser in ihren tiefen, grünen Gärten zunächst einmal vernagelt wurden. Möglichst schnell sollte auf Betreiben des Nachwuchses der Vorkriegsgeneration Schluß sein mit dem Alten. Jurmela ging in den Ausverkauf, wurde eingetauscht gegen den Herzenswunsch, einen westlichen Mittelklassewagen, leider nur gebraucht. Aber schon die nächste Eigentümerwelle hat wieder Zeit für die Freizeit, Liebe fürs Traditionelle und ordentlich Geld, um die Holzpracht aus Erkern und Türmchen, Veranden und Sprossenfenstern wieder auferstehen zu lassen. Woher das Geld dazu kommt? Wie früher! Aus der Tiefes des Raumes. Einen kleinen Blick in den Raum, wie er war, gibt das Verzeichnis der Poststationen, das ich dem ‹Revalschen Kalender auf das Jahr nach Christi Geburt 1853, welches 365 Tage hat› entnehme. Von Riga nordwärts sind es zwanzig Werste bis Rodenpois, dreiundzwanzig bis Engelhardshoff und so weiter über Roop, Lenzenhoff, Wolmar, bis die nächstgrößere Stadt, Pernau, nach zweihundervierunddreißig ein Viertel Wersten erreicht ist. Bis Reval kommen weitere einhundertsechsunddreißig ein Viertel Werste hinzu. Und dann, zweihundertsiebzehn und ein Halber weiter nach Osten, liegt Narva. Die Straße dorthin führt über Namen wie Jegelecht, Kahal, Loop, Hohenkreuz, Fockenhoff, Waiwara. Schließlich, nach weiteren einhundertzweiundvierzig Wersten, rollt die schnelle Kutsche in Sankt Petersburg ein. Im Vergleich zur heutigen Strecke hat sie dann umgerechnet weit über hundert Kilometer mehr zurückgelegt (ein Werst = eins Komma nullsechssieben Kilometer), offenbar weil die genannten Orte wichtig genug waren, um sie mit der Ferne zu verbinden. Zweimal die Woche, Donnerstag und Sonntag, kamen die Posten aus St. Petersburg und Riga nach Reval, heute Tallinn, die Stadt, aus der ich Dir schreibe. Briefe von hier gingen regelmäßig in die Welt. Das Loth, rund 12 gr, kostete — wieder laut revalschem Kalender — zweiundzwanzig Kopeken nach ‹Preußen nebst den übrigen zum deutschen Bunde gehörenden Staaten, wie auch nach den Hanse=Städten Hamburg, Lübeck und Bremen›. Für Briefe in die Schweiz, nach Dänemark, in die Niederlande zahlte man um die dreißig, für Italien nur zehn, Constantinopel zweiundvierzig, in die englischen Besitzungen in Amerika dreiundachtzig drei Viertel Kopeken. Die Orte, die wir soeben berührt haben, sind ein Bruchteil des Netzwerkes, das die baltischen Hansestädte zu Lande, über Straßen und Flüsse und weiter über Seen und Meere geknüpft hatten. Zugleich fand die Tiefe des Raumes in der Nähe statt, im Zickzack der Kutsche, und mehr noch, im Zusammenspiel verschiedener Kulturen: Russische Kopeke zahlt preußisches Loth, Pferde aus deutsch klingenden Orten legen Werste zurück. Und Feiertage, so sagt unser Kalender, ‹an welchen in sämtlichen Gerichtsbehörden keine Sitzungen gehalten und in den Schulen kein Unterricht ertheilt wird›, huldigen russisch-orthodoxer Herrschaft, gepaart mit christlichem Glauben. Beispiel April: ‹Den 16. Gründonnerstag. Den 17 Charfreitag. Geburtsfest Sr. Kaiserlichen Hoheit des Thronfolgers Cesarewitsch und Großfürsten Alexander Nicolajewitsch. Den 18. Sonnabend in der Marterwoche. Den 19. bis zum 25. die ganze Osterwoche. Den 23. Namensfest Ihrer Majestät, der Kaiserin Alexandra Feodorowna.› Ich will nicht behaupten, daß die eingeborenen Völker im Baltikum den Mischmasch liebten. Unabhängig wurden sie erst im 20. Jahrhundert, von 1920 bis 1940 und neuerlich seit 1991. Vorher blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich an das Neben- und partielle Miteinander zu gewöhnen, seit im frühen 13. Jahrhundert der deutsche Schwertbrüderorden das baltische Heidenland christianisierte. Aber anders als zum Beispiel in Nord- und weiten Teilen Südamerikas blieben hier die verschiedenen Eroberungen, angefangen von den Deutschen, abgelöst von Dänen, Polen, Schweden und russischem Zarenreich, unvollständig. Natürlich waren die Kriege selbst komplett, voller Leid und Elend, aber den fremden Kriegern auf dem Fuße folgten eben nicht die (Bauern-)Massen. Die Balten, schlimm genug, blieben Untertanen und mußten wechselnden Fremdherrschern dienen. Aber immerhin, sie konnten bleiben, wo sie waren, und Elemente ihrer Kultur, insbesondere ihre Sprache, bewahren. Erst als die baltischen Staaten gezwungenermaßen Bestandteil der Sowjetunion wurden, begann eine wirklich rigorose Russifizierung. Ähnlich ‹unvollständig› wie lange Zeit für die Einheimischen verlief die Geschichte auch für die Baltendeutschen. Sie blieben — oder kamen nach den ersten Wirren der verschiedenen Machtwechsel zurück, und auf ihre lokale und intellektuell-kulturelle Führung setzten letzlich auch die Zaren. Peter der Große hat die baltischen Provinzen als das russische Fenster zum Westen betrachtet. Es galt, den hier in den Osten vorgeschobenen Westen als Impulsgeber für Rußland zu nutzen. Die Deutschbalten mittendrin, waren das Verbindungsglied. Eines der Instrumente des Transfers mit Rußland war die weithin deutschsprachige Universität Dorpat, und als Ordnungselement wurden Teile des einmal eingeführten deutschen Rechtssystems weithin beibehalten. Zum Beispiel das von Lübeck kommende Lübische Stadtrecht wurde vor 750 Jahren in Reval eingeführt und erst 1940, mit der sowjetischen Okkupation, außer Kraft gesetzt. Woher das Geld kommt, hatte ich oben gefragt und zum Anlaß genommen für eine kleine Reise in die baltische Vergangenheit. Die Zukunft von Estland, Lettland und Litauen liegt weiter in der Unvollständigkeit, daß die Völker nicht werden wie ihre westlichen oder östlichen Nachbarn und daß sie zugleich zwischen beiden vermitteln. Natürlich ist der Osten ziemlich out, das Vorbild West dominant. Schlank und nicht mehr wohlgenährt ist das Schönheitsideal. Abmagerungsclubs in Vilnius, Riga oder Tallinn fasten um die Wette, und statt Wodka kommt Johnnie ins Glas. Nach der Wende geblieben war zunächst einmal Staatseigentum, das die Leute ‹vergessen› hatten — wem auch? —, zurückzugeben und stattdessen als Grundstock für kapitalistische Übungen verwendeten. Edelmetalle, Hubschrauber, Fräs- und Zugmaschinen, Überlandkabel, Baumaterialien, Container voll mit Ersatzteilen von Russenlimousinen und Container als Container ... Der Handel kam wieder in Schwung, brachte Geld für Jurmela und andere Schönheiten, aber selbstverständlich auch für Zukunftsinvestitionen. Und was die neue Zeit nicht brauchen konnte, lagert und vergammelt in den Gärten. Nur nichts wegwerfen. Der Kapitalismus als ehemals virtuelle Sensation, die per TV, via Finnland, über den Eisernen Vorhang kam, ist real geworden. Und trotz vieler Spannungen mit den Russen funktioniert das baltische Scharnier wieder recht ordentlich. Zum Wohle aller. Money talks, sprach neulich Minister Vare. Und während sein Parteifreund, der Abgeordnete Kubo, die Aktienkurse verfolgt, denkt er vielleicht an seinen kleinen Kartoffelacker, ohne den die Jahreszeiten unvollständig blieben. Ja, bleibt nur weiter ihr selbst. Gute Christen, die ihre Toten wie eh und je bei den Waldgeistern begraben Rainer Willert Kurzschrift 1.1999, S. 45 – 49
|
weiterblättern ist das anwachsende Archiv der édition csc, mittlerweile in aktueller Fortsetzung. Partenaire, Partner. Letzte Aktualisierung: 05.12.2013, 18:31
Zum Kommentieren bitte anmelden.
Links: ... Aktuelle Seite ... Inhaltsverzeichnis ... Autorinnen und Autoren ... Inwendiges ... Impressum ... Blogger.de ... Spenden Letzte Kommentare: / Biographische Notiz (edition csc) / Martin Knepper (edition csc) / Enzoo (52 [2.10.2012]): (edition csc) / Liebe virtuelle Verleger, (edition csc) / Unglaublich (jean stubenzweig) / Herbert Köhler (edition csc) / Das sehen wir (edition csc) / Guter Artikel! (wolfganggl) / nur konsequent, dass storck... (vert) / Telephon-Spiele (edition csc) / Ein Porträt (edition csc) / Unser Häus'chen (daniel buchta) / Die bagonalistische Ballastung (edition csc) / Dictionnaire (edition csc) / Eine Antwort (edition csc) / Please copy (einemaria) / kid37, "We learned more from... (kreuzbube) / Der bildenden Zeitung (edition csc) / Da sieht man es. Nicht in... (kid37) Privatsphäre: Suche: |
|
|