«Ich bin noch lange nicht fertig»

2005: Gehirnoperation und Tod des Vaters

Im Frühjahr 2005 ließ sich Neil Young von einem Gehirnspezialisten untersuchen. Dabei hat der Doktor ein Aneurysma im Gehirn festgestellt. Young wußte nicht einmal, was das war. Der Arzt hat es ihm erklärt: eine krankhafte Arterienerweiterung. Im Interview mit der Welt am Sonntag konnte er ein halbes Jahr später mit erstaunlicher Gelassenheit darüber reden: «Ich hatte da etwas im Kopf, was raus mußte. Ob und wie das die neuen Songs auf Prairie Wind beeinflußt hat, kann ich nicht sagen. Auch bei den besten Ärzten weiß man nie, wie so eine Operation ausgeht. Am schlimmsten war die Vorstellung, mit einer bleibenden Beeinträchtigung aus der Narkose zu erwachen, und keine Musik mehr machen zu können. Aber ich habe überlebt, und wenn’s nach mir geht, werde ich auch noch eine Weile hier bleiben.»

Kurz nach der Operation begann er mit den Aufnahmen für die CD Prairie Wind, in der Country-Metropole Nashville, wo er auch Harvest (1972) und Harvest Moon (1992) aufgenommen hatte. Dort erreichte ihn im Juni die Nachricht, dass sein Vater, ein ehemaliger Sportreporter, in Toronto gestorben war. Prairie Wind«, das im September 2005 erschien, trug die Widmung «For Daddy».

In diesem Frühjahr ist die Melancholie von Prairie Wind einer neuen Zuversicht gewichen: Ärmel hochkrempeln, es geht weiter. Ein Kinofilm, eine neue CD, eine DVD-Sammlung mit alten Filmen – es ist nicht leicht, bei Neil Youngs Produktivität auf dem Laufenden zu bleiben. Auf seiner Homepage verkündet er im Mai 2006 fröhlich: «I’m tripping down that old Hippie-Highway.»

Schon im WamS-Interview letzten November hatte er angekündigt: «Ich bin noch lange nicht fertig.“

Ob das wohl schon als Drohung gegen George Bush zu verstehen war?

Hans Pfitzinger


schmoll et copains, 2006
 
Fr, 02.07.2010 |  link | (2189) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Hans Pfitzinger



Ciao, Reinhard

Reinhard Hesse ist tot. Ein Unbändiger, der daran zu Grunde gegangen ist, daß er sich hat bändigen lassen. Er hat seine Begabung fürs Schreiben verraten und sich mit der Macht eingelassen, alter Spieler, der er war.

Er hat an den Gitterstäben gerüttelt, die wir alle gesehen haben. Aber als es darum ging, das Gefängnis einzureißen, wie es immer darum geht, hat er sich mit den Aufsehern verbündet.

Schöne ekstatische Momente haben wir erlebt, in relativer Freiheit, in der Metzstraße, als noch die Gisela bei ihm war, und die Andrea bei mir, als er Dalbello auflegte, und Yello: «You gotta say yes to another excess.» Und später in der Agnesstraße, wo er darauf bestand, dass ich nach zwei Whiskys und drei Joints mit ihm die Aufführung einer Sinphonie von Anton Bruckner, dirigiert von Sergiu Celibidache, auf Video ansehe und höre.

Ich hab dich lange nicht mehr gesehen, aber deine Energie wird uns fehlen, lieber Reinhard. Mach's gut, alter Schurke, und lass dir keine falschen Orientteppiche andrehen, dort, wo du jetzt nach dem großen Kick suchst, auf deine orientalisch-deutsche Weise.

Ich bin froh, dass ich dich getroffen habe in diesem Leben. Und über alle Differenzen hinweg kann ich mir vorstellen, dass wir auch im nächsten Leben ein teuflisches Vergnügen an einem bekifften und besoffenen Abend haben können. Doch jetzt ist es erst einmal vorbei.

So weit Männerfreundschaft gehen kann, wenn sich beide als heterosexuell orientiert empfinden, so weit habe ich dich, zeitweise, geliebt. «Und immer, wenn ich große Worte verwende», schrieb Robert Walser einmal sinngemäß, «stelle ich fest, daß sie falsch klingen.» So long, Alter, mach's besser.

Reinhard Hesse, im Nachruf der Abendzeitung als «Chefredenschreiber von Bundeskanzler Schröder» bezeichnet, ist am 11. Oktober 2004 gestorben. Er hat viel getrunken und viel geraucht in seinem Leben. Von der Textredaktion, die Mitte der achtziger Jahre (nach dem überstürzten Abgang der Gründer Gaston Salvatore und Hans-Magnus Enzensberger) die Zeitschrift TransAtlantik weitergeführt hat, bin ich der einzige Überlebende. Einer, der Axel, hat sich am Fensterkreuz seiner Wohnung aufgehängt. Ein anderer, der Michael, hat sich am Wallberg unter einen Baum gelegt und Tabletten eingenommen. Und eine, die Kariane, hat sich mit Alkohol und Zigaretten und der Devise no sports umgebracht. Wie der Reinhard. Vom Werner ganz zu schweigen: Der hat den Hals unter die Räder einer S-Bahn am Münchner Ostbahnhof gelegt.

Von allen weiß ich, daß sie insgesamt kein schönes Leben hatten. Aber manchmal ein paar schöne Augenblicke.

Hans Pfitzinger

schmoll et copains, 2007
 
Fr, 02.07.2010 |  link | (1955) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Hans Pfitzinger



Realismus auf Rupfen oder Gerupfte Realität

Die Idyllen des Michael von Cube


Wann fände Michael von Cube «den Weg zu einem fairen Menschenbild?» fragte Wolfgang Längsfeld 1983 in der Süddeutschen Zeitung. Dazu hätte der sich allerdings auf die Suche machen müssen im unendlichen Meer des Menschelnden. Doch Anwandlungen politischer Korrektheit hätten dem Naturell des «Spezialisten im Männchenzeichnen» bereits Anfang der Achtziger eher widersprochen. Und «glücklicherweise», so Andreas Kühne, «ist seine Kunst bis heute nicht in einem ‹fairen› und damit zwangsläufig spannungs- und reibungslosen Bilderhafen angekommen».

Vor rund dreißig Jahren wurde, wer figurativ malte oder zeichnete oder beides, ans Ende einer Schlange verwiesen, wie sie heute wohl nur der in der Realität bestimmter Ämter Angekommene kennt. Cube zählte zu den sogenannten Realisten, er zeichnete gegen den kerzengeraden Strich der Zeit: figürlich. Das war verpönt zu dieser Zeit, das war «restaurativ»; ein herumliegender Denkbrocken aus dem Steinbruch der kulturrevolutionären Anfangssiebziger. Da ging man doch lieber gleich (heimlich) ins Museum und «erholte sich bei den Alten Meistern». Das war unverdächtiger, als einen gerupften und auch noch zeitgenössischen Realisten auf billigem Rupfen anzuschauen.

Zwar wußten viele nicht so recht, was der Begriff Abstraktion bedeutet, aber sie huldigten ihr. Der Kenntnisreichere leitete sie in erster Linie aus einer Doktrin ab, deren Sinn-Bild in Kasimir Malewitschs kurz nach der russischen Revolution gemaltem Schwarzen Quadrat wurzelte. Verständlicher- und konsequenterweise wollten diese Ideen nach der Entartung der Kunst, die der Braunauer Idyllenmaler und seine Rosenbergs proklamiert hatten, erst einmal fortgesetzt und weitergedacht werden. Wer jedoch etwas darstellte, das Hand und Fuß (zum Inhalt) hatte, tat sich schwer am Markt, vor allem an dem der Kunst. Von den Fachleuten waren es nur wenige, die dem späten und immer exzessiver werdenden Theorietaumel nicht folgen wollten (oder konnten?) und mit hineinrückten in diese Nische dieser Realisten, denen die Welt sich nicht unbedingt ganz so linear-eckig darbot. Ein Wolfgang Jean Stock als Leiter des Münchner Kunstvereins (1978 bis 1985) wäre da zu nennen oder der 2006 gestorbene Friedrich Eversberg, eher Sammler und Freund als Händler.

Betrachtet man das heutige Kunstgeschehen, hat die Figur sich ihren Raum zurückerobert. Sie findet sich überall, hauptsächlich allerdings in Video, auch in einer Photographie, die vor gar nicht so langer Zeit als ein realitätsvermittelndes, rein dokumentarisches Medium galt. Und in der Malerei hat sich seit einiger Zeit eine geradezu unwirkliche Wirklichkeit Bahn gebrochen. Christoph Tannert meinte im Freitag zu diesem Phänomen bereits 2005:

«Wenn man heute wieder von ‹der› Leipziger Schule spricht, dann kann das natürlich leicht zu Mißverständnissen führen. Denn es muß gefragt werden: Welche Leipziger Schule ist gemeint? Die von Bernhard Heisig oder die von Arno Rink, die von Hartwig Ebersbach und seinen Versuchen offener intermedialer Arbeit oder die von Volker Stelzmann, der nach seinem Abgang in den Westen an der Berliner Hochschule der Künste (heute UdK) seine malerischen Impulse gehobener mönchischer Düsternis weiterhin international verbreitet. Oder meinen wir das neo-renaissancistische Ideal von Werner Tübke, dem es gefiel, einerseits seine persönlichen Kontakte ins Headquarter der Diktatur des Proletariats zu pflegen und andererseits durch sein Herumturnen auf der Zeitachse die Provinzfunktionäre in die Verwirrung zu treiben?»

Für Tannert war klar: «Die Preise steigen.» Er sollte recht behalten. Wer heute ein Bild aus dem Umfeld derer kaufen möchte, die «als pinselbereite Jungkünstler die Malklassen an den Akademien stürmten, nachdem sie vorher noch Model oder Popstar werden wollten», wird das Geld dafür kaum aus seiner Börse ziehen, sondern er wird es eher an selbiger gemacht haben (oder zuvor eben gerade noch sein StartUp ummünzen können).

Womit wir zurück sind bei der Abstraktion. Zum einen, da ein solcher Rummel wohl eher dieser Kategorie zuzuordnen ist, und zum anderen, da einer der führenden Leipziger Popstars damit ebensowenig umzugehen weiß wie weiland der Unwissende der ausgehenden siebziger Jahre ff. Neo Rauch heißt er und lehrt als Professor an eben jener Kunsthochschule, an der man ihn die «Neue darstellende Malerei» gelehrt hat, den Unterschied zwischen einem schnell gemalten abstrakten Bild und einem figürlichen, das Arbeit macht. Von einer solchen bescheidenen Denkleistung mal abgesehen: Man hat ihm offensichtlich nicht beigebracht, daß zunächst einmal jedes Bild abstrakt ist. Auch das von Neo Rauch gemalte. Oder die auf dem Flohmarkt erstandene Leipziger Zigeunerin oder der im Kaufhaus erworbene röhrende DDR-Hirsch. Kunst, wir sollten das einleuchtende Klee-Diktum ja mittlerweile verinnerlicht haben, gebe nicht das Sichtbare wieder, sondern mache sichtbar. Abstrahieren heißt nichts anderes, als das Unwesentliche vom Wesentlichen (oder umgekehrt) trennen. Abstraktion bezieht sich folglich nicht — wie oftmals vermutet (weil falsch gelehrt?) — alleine auf Geometrie oder Konstruktion — sondern selbstverständlich auch auf Figuration.

Die Arbeiten des Michael von Cube sind dafür exemplarisch. Er nimmt ständig weg, reduziert, stellt mittels Denken, Materialien und Maltechnik Freiflächen her, auf denen die Opulenz der Phantasie tanzen darf. Von Cube füllt Haltungen auf, indem er wegläßt. Das eigentlich Prägnante am Menschen tritt zurück zugunsten der Aussage, die er über sein Äußeres vermitteln möchte. Wo eigentlich ein Gesicht Wesentlichkeit präsentieren müßte, ist (die der Wirklichkeit entsprechende) Leere sichtbar. Cube hat sie sozusagen hin-und-weg-abstrahiert zugunsten einer posierenden Stellungnahme — die Wanderer vor dem Grünen Tor, die Zugschaffner in Bahnhof, das Möchtergern-Model, das einzig den Blick auf Fashion gelenkt haben will. Nicht das Sein, sondern das (bißchen) Habe(n), der manchmal nicht so schöne Schein also ist maßgeblich für den Auftritt, sei es bei der Bergwanderung oder vorm klein' Häuschen (wüstenrot). Attitude ist das Hauptmerkmal. Wie's da drinnen aussieht, geht niemanden was an. Denn es könnte eine beklemmende Ödnis sichtbar werden.

Doch diese Einblicke in eine an Debilität grenzende Hohlheit werden dann eben doch gezeigt: in diesen Zeichnungen und Bildern. Wo Pygmalion sich vor einer fleischgewordenen Aphrodite fürchtet, spendet Michael von Cube ihr noch Blut. Ein wenig nur, aber das Leben fließt! Und das trotz einer bemerkenswerten Flächigkeit in dieser Malerei (aber durchaus auch in der Zeichung). Die auch in ihrer «Farblosigkeit» immer noch prägnanten Gesichter sagen nur noch aus, daß sie nichts aussagen. «Mit scheinbar leichter Hand», schreibt Andreas Kühne, «zeichnet, malt und aquarelliert von Cube Physiognomien, Begegnungen und Interieurs einer mit Bosheit, Niedertracht und Banalität kontaminierten Welt.» Doch von Cube ist nunmal Realist. Die Wirklichkeit ist bereits vorhanden — er macht lediglich sichtbar durch seine spezifische Abstraktion. Der in alten Bildern und Schriften geschulte Wissenschafts- und Kunsthistoriker Andreas Kühne bemüht Lessing, Lichtenberg und Hogarth: Auf sie «verweist der aufklärerische Impetus» von Cubes Bildern, «die uns nicht belehren, sondern den Zerrspiegel vorhalten wollen».

Nach David Low war William Hogarth (18. Jahrhundert) der Großvater der Satire. Demnach ist Michael von Cube dessen Enkel. Und so detailversessen Hogarth eine Welt gezeichnet hat, die nicht annähernd auf die Idee gekommen wäre, wohin die Bilder einmal laufen würden, hält Michael von Cube ebendiese Bilder an, friert sie ein, wie es in den elektronischen Medien heißt, piekst in diesen Ballon heißer Luft, die sie tausendfach mal vierundzwanzig Stunden täglich produzieren. Dabei ist es eben nicht unbedingt allein die Welt des Glitzers und des Glanzes, deren substanzlose Innereien Michael von Cube in den Vordergrund rückt. Seine Ab-Bilder, um bei den neueren Medien als Spiegel der Gesellschaft zu bleiben, deuten weniger die sogenannte Primetime des privaten = öffentlich-rechtlichen «Gernseh-Abends» (RBB). Von Cube läßt seine Kunst eher bei den Seifenoperettchen des Vorabendprogramms oder dessen regionaler Berichterstattung zuschauen, in der der Sparkassenfilialleiter oder der kleinstädtische Sonderschullehrer auch mal vor die Kamera dürfen (und davon lange zehren). Früher posierten Ali, Suleika, Schöne Frauen, Oma & Opa, Sepp & Hans für Photographien, von denen sie insgeheim hofften, sie würden veröffentlicht, wenigstens im kostenlosen Anzeigenblatt. Heute treffen von Cubes satirischen Giftsp(r)itzen fast eher ins Internet, tätowieren allen diesen Tanja-Anjas (vier Semester BWL) und Jennifer-Jacquelines (hairstyling) zusätzlich je ein luftiges Arschgeweih in die billigheimerbunten Antlitze. Und die hippen Mädels stellen diese malerischen Punktierungen dann auch noch geschmeichelt in ihre Weblogs genannten Poesiealben, in denen sie auch schonmal über die Putze feixen, die sie neulich verbal abgebasht (und anschließend -geknipst) haben. Auch umflort sich darin längst der Feuilletonist, der gänzlich unspießig die anderen Spießer essayistisch demaskiert.

Das Sujet hat sich nicht geändert, das Michael von Cube seit (mehr als) zwanzig Jahren ab- und behandelt. Farben und Formen durchaus ein wenig. Wo früher, vor allem in den Anfängen der frühen achtziger Jahre, der bisweilen karikaturistische Strich das Blatt füllend dominierte, tritt er heute zurück zugunsten einer flächigeren Charakteristik. Die Allegorie des jeweiligen ganz besonderen (seelischen) Zustandes des Einzelnen benötigt keine Ziselierung mehr. Da nimmt Michael von Cube durchaus das «unterhaltend» kommentierende 19. Jahrhundert auf, in feiner Nachbarschaft zum Don Quixote von Honoré Daumier.

Detlef Bluemler


Einführungstext im Katalog zur Ausstellung Michael von Cube. Malerei und Zeichnung (ein Rückblick auf zwanzig und mehr Jahre), Galerie Theresien 13 in München, Mai 2008.
 
Do, 01.07.2010 |  link | (7673) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Detlef Bluemler



Faire Menschenbilder

Die Heiligen des Michael von Cube

«Die Vorbilder für seine ins Karikaturenhafte und Groteske gesteigerten Figuren», schreibt Andreas Kühne, «entnimmt er der allgemein zugänglichen, vermittelten Bilderwelt, wie wir sie aus Zeitschriften, dem Fernsehen und dem Internet kennen. Durch die malerische Bearbeitung doppelt gebrochen gewinnen sie gleichsam ihre Individualität zurück. Mit scheinbar leichter Hand zeichnet, malt und aquarelliert von Cube Physiognomien, Begegnungen und Interieurs einer mit Bosheit, Niedertracht und Banalität kontaminierten Welt.»

«Wann findet Cube den Weg zu einem fairen Menschenbild?» läßt Kühne Wolfgang Längsfeld anläßlich einer Ausstellungbesprechung in der Süddeutschen Zeitung von 1983 fragen.

Es ist davon auszugehen, daß Längsfeld (der früher auch über bildende Kunst schrieb, bevor er sich gänzlich auf seine Lehrtätigkeit an der HFF konzentrierte) diese Frage nur augenzwinkernd beziehungsweise rhetorisch gestellt haben kann. Doch sie bietet (dem überaus geschätzten Andreas Kühne) nunmal den idealen Übergang, nämlich feststellen zu können:

«Glücklicherweise ist seine Kunst bis heute nicht in einem ‹fairen› und damit zwangsläufig spannungs- und reibungslosen Bilderhafen angekommen. Ganz im Gegenteil haben seine Arbeiten aus den 90er Jahren — ob sie nun die Physiognomien einer neuen Generation von Politikern oder dem Wahnsinn perfekt organisierter Urlaubsfreuden gelten — nichts an satirischem Biß verloren. Auf Lessing, Lichtenberg und Hogarth verweist der aufklärerische Impetus seiner Bilder, die uns nicht belehren, sondern den Zerrspiegel vorhalten wollen.»

Auch im 3. Jahrtausend nach christlicher Zeitrechnung malt Michael von Cube glücklicherweise aufklärerisch. Für ein faires Menschenbild ist kein Platz in (s)einer Welt, in der Menschen sich alles andere als fair verhalten, wenn es darum geht, anderen Menschen Aufklärung zu bieten.

Es braucht nicht einmal eine Bildbearbeitungssoftware, um die Wirklichkeit so darzustellen, wie man sie gerne dargestellt haben möchte. Zudem gibt es in den Medien genügend Helferlein, die mittels flotten Schnitten eine Person ins rechte Beliebtsheitsbild rücken. Der wirtschaftlich am Laufband hängende Fernsehsender n.tv stellte dieser Tage eine deutsche Führungspolitikerin auf diese Weise derart dar, daß ein nicht so recht Aufgeklärter durchaus glauben konnte, sie hätte die Weltkanzlerschaft übernommen.

Besagte Politikerin, das ist bekannt und naheliegend, reist für ihr Leben gerne in der Weltgeschichte herum, schreitet einen (farblich nicht eben ihrer Überzeugung gemäßen) roten Teppich nach dem anderen derart ab, daß die Führungskollegen befürchten müssen, bald keine passenden Teppiche mehr zur Verfügung zu haben. Im Zuge dieser außenministeriellen (Neben-)Tätigkeit besuchte sie vergangenes Jahr einen weiteren führenden Politiker, aus der alteuropäischen Perspektive quasi den Weltführer. Daß es sich dabei auch noch um einen Deutschen handelte, machte das Bild (in den Medien) noch perfekter.

Dieses Bild hat Michael von Cube aufgegriffen; es ließe sich auch behaupten: zurechtgerückt — vor allem aber hat er es in die Werte-Debatte um die Kulturen eingebracht, die zu dieser Zeit hochgekocht war. Er wandte sich an die Presse:

Sehr geehrte Damen und Herren,
angesichts der Debatte um die Karikaturen des Propheten Mohammed, auch der Idomeneo-Aufführung und der darauf folgenden Entrüstung in Öffentlichkeit und Politik, die sich massiv dagegen verwahrte, die Kunst politischen Interessen zu opfern und/oder sie einer Zensur zu unterwerfen, habe ich einen Test auf die Toleranzschwelle bei der Beurteilung der hiesigen Werte und Idole versucht und eine politische Karikatur für die große Kunstausstellung im Haus der Kunst 2007 eingereicht.

Nachdem ich seit über zwanzig Jahren nie abgelehnt, oft auch mit Werken nicht nur in den lokalen Pressebesprechungen herausgehoben wurde, vermute ich, dass die Ablehnung aus politischen Gründen erfolgte (Begründung der Jury: Platzmangel). Die Schirmherrschaft der Großen Kunstausstellung wird seit Jahrzehnten vom Freistaat Bayern übernommen, der — so eine weitere Vermutung — wohl schweren Schaden nehmen wird, wenn sich die Kunst den herrschenden politischen Ansichten nicht umstandslos anschließt.

Ob sich nun herausstellt, dass in der Debatte über Meinungsfreiheit mit zweierlei Maß gemessen wurde? Wenn das freie Äußern nur dann funktioniert, wenn es offiziellen Standpunkten dient, macht es sich selber überflüssig und entlarvt sich als Witz bei der demokratischen Willensbildung, die unterschiedliche Meinungen als ihre Grundlage sieht. Gerade im Haus der Kunst sollte man schon beim Geruch einer möglichen Ausgrenzung aus den angegebenen Gründen sehr vorsichtig sein.

Sollte Ihnen dazu etwas einfallen, würde ich mich freuen von Ihnen zu hören. Anbei (Anlage) ein Foto des inkriminierten Werkes.

Mit freundlichen Grüßen

Michael von Cube


Außer einer Absage kam es zu keiner weiteren Reaktion.


Ursprünglich veröffentlicht 2007 bei Schmoll et copains (eingestellt).
 
Do, 01.07.2010 |  link | (4656) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Detlef Bluemler



Und jetzt malt der auch noch in Öl ...!

Die (An)Wandlungen des Michael von Cube

Die wohl streitbarste (und umstrittendste) unter den Kunstkoryphäen,der Wuppertaler Asthetik-Professor Bazon Brock, hat mir gegenüber einmal postuliert, die Persönlichkeit eines Künstlers müsse jederzeit hinter seiner Arbeit sichtbar sein, um dem Anspruch der Gesellschaft an ihn (und umgekehrt) genügen zu können. Mir fiel damals sehr bald ein Synonym für diese Forderung ein: Michael von Cube. In unseren Begegnungen, die sich peu à peu von Galerien und Kunstvereinen an die Tresen verlagerten, machte sich zusehends ein Gedanke in mir breit: Der sieht ja aus wie die Menschen in seinen Zeichnungen! Tatsächlich (war und) ist alles an ihm ein bißchen schräg, ständig reizt da was zum Schmunzeln, wenn nicht gar zum Lachen. Permanent hat man das Gefühl, vor einer geradezu entwaffnenden Aufrichtigkeit zu sitzen: jemand in fortwährender Bereitschaft, sich und den Rest der Welt auf den Arm zu nehmen. «Mir ist jedes Mittel recht», meinte er damals, als wir die ersten Gespräche über Kunst und die Welt führten, «um den Leuten ans Bein zu pinkeln.»

Zu dieser Zeit schickte er sich gerade an, ein Alter zu erreichen, von dem die Menschen, die er in all ihrer Ernsthaftigkeit ab-bildet, meinen, mit ihm sei der Zeitpunkt gekommen, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen. So erwachsen ist er, der Kunst sei Dank, nicht geworden. Er tritt immer noch nicht vor das leere Blatt, um es mit der Imanigation des Unaussprechlichen zu füllen. MvC, wie Wolfgang Jean Stock, viele Jahre Direktor des Münchner Kunstvereins, ihn liebevoll auf einen Nenner bringt, ist ein junger Apokalyptiker jener Mikrokosmen geblieben, die die Industriegesellschaft täglich aufs Neue gebiert.

Natürlich hat auch Michael von Cube sich gewandelt. Genauer: seine Materialien sind andere geworden, auch seine Vorgehensweise. Am Anfang war die Pastellkreide. Dann ging ihm das alles zu langsam, und so nahm er den groben Pinsel, um die Grobschlächtigkeit adäquat und mit Acrylfarben aufs ausufernde Papierformat zu bringen. Auch hat er in (ganz) jungen Jahren in der Regel eine Krücke zuhilfe genommen: das Wirklichkeitsdokument Photographie, das er, zunächst mit dem Bleistift und dann mit dem Pinsel (nie so genau ‹am Wort› entlang), auf das Blatt über-setzte. Aber an einem hat er immer festgehalten: an diesem Sujet namens Wir.


Wir, das sind: Wir, heldenmutig-feixend auf dem Motorrad, in der Peep-Show, ‹winke, winke› machend, telegen in die Fernsehkamera grinsend, mehr als wohlbeleibt neben der für den Tourismus präparierten afrikanischen Schönheit und dergleichen (viel) mehr. Oder, wie in Michael von Cubes neuestem Zyklus, die Punker. Wir alle werden jetzt wohl aufjaulen, weil er sich eines Materials bedient, das als das beständigste schlechthin gilt: Und jetzt malt der auch noch in Öl ...! Und obendrein auch noch aus dem Kopf!

Sein Kopf bringt die (Mal-)Bewegung zustande, die uns jene Wahrnehmung zurückbringt, von der wir glauben, daß wir sie hätten: die Fähigkeit, uns selbst zu sehen. Es mag weit hergeholt sein, im Zusammenhang mit der Malerei des Michael von Cube seinen Kollegen Paul Klee zu zitieren (zumal MvC eher auf Rembrandt abfährt): «Kunst bildet nicht die Wirklichkeit ab, Kunst macht sichtbar.» Widersprechen wir Herrn Klee mal, wenn auch nur im ersten Teil seines Diktums: Michael von Cubes Kunst bildet die Wirklichkeit ab und macht sie dadurch sichtbar.

Detlef Bluemler


Bluemler/Hübner: Punk. Angerer. Cube. Schulz. Deutsche und englische Ausgabe, Edition Lipp, München ohne Jahr (1985), o. S.; ins Englische übertragen von Siegfried Wyler
 
Do, 01.07.2010 |  link | (2489) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Detlef Bluemler



Der Zeichner

Michael von Cube

freiheitlich-demokratische-grundordnung

Eine unserer Kunstkoryphäen, der Wuppertaler Ästhetik-Professor Bazon Brock hat gefordert, die Persönlichkeit eines Künstlers müsse jederzeit hinter seiner Arbeit sichtbar sein. Bei Michael von Cube kulminiert das: Er sieht aus wie die Menschen in seinen Zeichnungen. Alles an ihm ist ein bißchen schräg, ständig reizt da was zum Schmunzeln wenn nicht gar zum Lachen, hat man das Gefühl, vor (auf) einer geradezu entwaffnenden Aufrichtigkeit zu sitzen, in fortwährender Bereitschaft, sich selbst zu karikieren. «Mir ist jedes Mlittel recht», meint der End-Twen, «um den Leuten ans Bein zu pinkeln.» Deshalb wohl hat er jetzt auch zu malen begonnen. Großformatig, zwei mal drei Meter, als ob's ein Neuer Wilder wäre.

Ist er aber nicht. Er gehört diesem oft schludrig malenden Wanderzirkus nicht an, in dem viele Artisten über dem Netz der steigenden Nachfrage turnen. Auch in seinen großflächigen Gemälden wird deutlich, daß die Ur-Disziplin Zeichnung den Pinsel gefuhrt hat. «Bilder sind ja praktisch auch gezeichnet. Auch der Bildhauer macht sich vorher seine Striche auf den Stein.» Sagt's und deutet damit an, daß er demnächst auch Steine klopfen wird.

Ob der Kunstmarkt auch vom Strich beherrscht wird? Das einzige, was ihn daran stört: Daß er da noch unter ferner liefen gehandelt wird.

Noch lebt er «eigentlich schlecht von der Kunst». Die 500 Mark Stipendium die ihm das Münchner Kulturreferat für seine Position als «zeichnende Lokalgröße bezahlt, reichen nicht mal für die Miete. Wovon er dann lebt? Das sei nicht druckreif, meint er.

Das aber schon: Die Staatliche, Graphische Sammlung Bayerns ist ständig in seinem 12-Quadratmeter-Atelier zu Gast und kauft. Als ob es darum ginge, die Kunst des Michael von Cube nicht aus den Stadtmauern rauszulassen.

Ihm wäre das schon lieb. Er hofft auch, «daß die Leute mir nach diesem Artikel die Bude einrennen». Sich selber um den Verkauf zu kümmern, liegt ihm nicht. Er sei nämlich «ziemlich faul». Die Arbeit des Künstlers betrachtet er «nicht als größeren Aufwand. Egal, was die Kollegen dazu sagen, die sich ununterbrochen irgendwas von ihrer Seele abringen. Ich mache Kunst, weil es mir einen Heidenspaß bereitet und weil's besser ist als Müllabfuhr.»

Ursprünglich wollte der Abkömmling des Wissenschaftsjournalisten Alexander von Cube Frauenarzt werden. Das weibliche Geschlecht hatte es ihm angetan (und tut es heute noch). Aber in seinem zwölften Lebensjahr gab er diesen Berufswunsch endgültig auf, um Zeichner zu werden. Diesem Entschluß fiel wohl auch das Abitur zum Opfer. «Ich hab' halt immer diese Zeichnerei gemacht.»

Seinem Lehrer an der Münchner Kunstakademie, Mac Zimmermann, hat Michael von Cube allerdings «kaum mehr als eine Zeichnung vorgelegt». Das Zeichnen als «Ausgangsbasis der Bildenden Kunst» hat er zuhause in den Griff gekriegt. Ein Abschluß-Diplom gab's trotzdem. Und drei Jahre danach beinahe einen Preis. Die Jury des bundesweiten Wettbewerbs Dimensionen '81 — Neue Tendenzen der Zeichnung hatte ihn (von 1306 Mitbewerbern) in die engste Wahl gezogen. Als Sieger ging zwar ein anderer durchs Ziel, aber seine Zeichnung Die Braut immerhin auf Wanderschaft durch die heil'gen Hallen Berlinische Galerie und Kunstpalast Düsseldorf. Dem Münchner Kunstverein war das Anlaß genug, Anfang dieses Jahres fünf Wochen lang umfassend diese Cubes auszustellen, in denen «das Leben nunmal grotesk» ist.

Seine erste Ausstellung hatte er in einer Kneipe. Als Gage für diese eine vorgezeigte Zeichnung gab's ein Freibier. Was er in Ordung fand, denn Michael von Cube trinkt mit Vorliebe Bier. Nach einer weiteren Kunstschau in einer Privatgalerie reagierte zum ersten mal die Presse. Und dann geschah ein Wunder, nachdem er sich mit «auch so 'nem Hungerleider» zusammengetan hatte. Rainer Schmals hängte seine Münchner Galerie Neuhausen mit Cubes kreativem Alltag voll. Und verkaufte «reichlich».

Von den Leuten, die seine Arbeiten kaufen, kennt er bloß das Einkommen. «Weil ich meine Preise kenne.» (Zeichnungen zwischen 1.500 und 2.600 Mark, Gemälde 5.500 Mark.) Die meisten dieser wachen Kunstkäufer sind unwesentlich älter als er, «stehen aber mit beiden Beinen auf der Erde».

Und er mitten in der Kunst? Ja. Denn der «Zufalls-Münchner» findet es «ideal, wenn man für diese Art des Meckerns auch noch bezahlt wird». Nur: Bewirken könne man mit der Kunst nichts. Wer verändern will, solle in die Politik gehen. Michael von Cube aber will zeichnen und malen, und sonst gar nichts. Allenfalls noch bildhauern.

Der «Spezialist im Männchenzeichnen» zielt auf einen menschlichen Egoismus, der «auf die falsche Art abgeht». Er begreift nicht, daß die von ihm be- und gezeichneten Menschen das nicht begreifen: «Der nächste Weltkrieg wird vorbereitet, aber die Friedensfreunde lassen Luftballons steigen. Ganz in der SPD-Tradition gibt's auch bei der CDU/CSU bei sechs Prozent Inflation 3,5 Prozent mehr Lohn. Wenn überhaupt. Und drumherum drapieren die Grünen ihre Blümchen. So kann der Laden ja nicht laufen.»

Wann sein Laden laufen wird, ist abzuschätzen bei so viel Können. Und der Bereitschaft, dem Kunstmarkt beizutreten. Schließlich ist es die Aufgabe des Künstlers, «erstmal den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen». Dafür malt er auch schon mal vier Bilder in zwei Tagen. Als konzentriertes Resultat vorausgegangener, «etwas länger andauernder Kopfarbeit». Das hat mehr mit Handwerk und weniger mit Verarschung zu tun: «Avantgarde ist, wenn man den Leuten von vorn in den Arsch kriecht.»

Die Leute sollen «vor meinen Bildern stehen und einen Aha-Effekt erleben». Das können Al Capone (mit Freundin) sein, Pinky (beim Papst), die schaurig-schöne Tänzerin in Peep oder M.v.C. (mit grünem Pullover) persönlich. Auch sich selbst zeichnet er gegen den Strich elner Realität, die ständig versucht, der Satire zu entfliehen. An diesem feinnervigen Humor bleibt die Kunstkritik spätestens dann hängen, wenn sie den Nachweis eines eigenen erbracht hat. Vielleicht schon ab 1. Dezember in Lausanne, wo Michael von Cube auf der Internationalen Jugendtriennale + Meister der Zeichnung vertreten ist.

Wenn's nicht klappen sollte, ergreift der Künstler einen «ordentlichen Beruf», der da wäre: «Reich heiraten.»

Detlef Bluemler

Irgendwann Anfang der achtziger Jahre verfaßt für den neuen Twen. Doch dann hatte Jürgen Möllemann, der die Rechte an der legendären Zeitschrift gekauft hatte und sie wiederbeleben wollte, mit einem Mal die Lust verloren. So kam es nicht zum Druck dieses Textes. Ein Teil davon sollte jedoch Verwendung finden, als, im Wortsinn, irgendwann der Punk abging. So lautete jedenfalls der Titel einer Ausstellung um 1985, zu der die Münchner Edition Lipp ein Katalogbuch herausbrachte.
 
Do, 01.07.2010 |  link | (5531) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Detlef Bluemler











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