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Die letzte Umarmung auf dem Friedhof der Großen Revolution Eine Erzählung von Hellmuth G. Haasis Drei Karren, von Gendarmen begleitet, rumpeln die Rue Saint-Honoré hinunter. Fast ausgestorben liegt Paris da: gewürgt vom Krieg, vom Hunger, vom Schrecken. Die Abgeurteilten, die bald auf der Place de la Révolution das Blutgerüst besteigen werden, haben sich vor kurzem noch selbstgefällig unter den Größten von Paris bewegt. Die wenigen Schaulustigen am Straßenrand beachten auf den Wagen nur Georges Danton, den zwielichtigen Lebemann und orkanartigen Redner. In seinen Schatten drücken sich ein General mit deutschem Namen, einige Konventsabgeordnete und ein kosmopolitischer Zeitungsschreiber. Der letzte Karren birgt einen Haufen Nichts. Unpersonen, die das aufgeregte, elende Paris angewidert ausspuckt. Lauter Bankiers und Finanzspekulanten, überdies Ausländer. Unter ihnen ein jüdisches Brüderpaar aus Brünn in Mähren. Die beiden, schon lange der Judengasse entkommen, werden als die Brüder Frey sterben: Junius und Emanuel. Einst hießen sie Mosche und David Dobruschka. Ihr langer und gekrümmter Weg in das Reich der Freiheit kehrt ihnen noch einmal in der Erinnerung zurück. Sie halten sich an den Händen fest. Jede Unebenheit der Straße bringt sie auseinander und stößt sie wieder zusammen. Sie kommen ins Schaukeln, wie einst in der Synagoge von Austerlitz, wo sie sich beim Gebet in die beruhigende Gewißheit der Überlieferung gewiegt hatten. Die Straße wird zu ihrer Todesschlucht. Die Häuser rücken näher. Drängen in die Höhe. Wollen hinauf zur Luft. Verlieren ihre Lieblichkeit. Werden asthmatisch. Atmen nur noch schwer. Nehmen düstere, drohende Züge an. Schmale Gänge zwischen den Gebäuden lassen schmutzstarrende, schaurige Hinterhöfe ahnen. Aus dem Boden wachsen ekelerregende Keller. Hier verstecken sich lumpige Trödlerläden und übelriechende Spelunken. Windschief neigen sich die Häuser hoch droben noch mehr gegeneinander, scheinen sich zu berühren. Bis in den Himmel hinein kleben ein Anbau und ein Erker neben dem andern. Es läßt sich kaum ausmachen, welche Ecke an welchem Bau hängt. Angst drückt schwer die Brüder Frey nieder. Es kommt ihnen so vor, wie wenn Neugierige, aus dem Häusergewirr gelehnt, den Vorbeifahrenden spielend die Gurgel zudrücken könnten. Ihrem Tod entgegenschaukelnd, finden sich die Dobruschkas im Getto wieder: in Brünn und Prag. Ihr Ausbruch von dort erscheint ihnen mit einem Mal wie ein Flug nur, auch wenn er Jahre gedauert und am Ende weit geführt hat. Schon jung glaubten die Brüder der lebenslangen Demütigung entwischt zu sein. Der Großvater Jacob Mosche zuerst, dann der Vater Salomon hatten den staatlichen Tabakhandel in Mähren gepachtet. Von da an schleuderte es die Dobruschkas nach oben. Fast alles, was sie in die Hände nahmen, verwandelte sich ihnen in Geld. Doch ihr Name kettete sie an die stickige Enge, blies den anderen, die eben keine Juden waren, einen modrigen Geruch in die Nasen. Der Vater war mit seinem Los zufrieden. Sein Himmel wölbte sich über ihm in der Synagoge von Austerlitz. Sooft er in demütigem Stolz ein Söhnchen dorthin zur Beschneidung trug, sah er sein Glück erfüllt. Er blieb in den Fußstapfen seiner Väter. Für Mosche, seinen Zweitältesten, wählte er das Studium des Rabbinats. Die Mutter Schoendl Katharina war anders. Sie bebte in innerer Unruhe, voll Zweifel, ob Ungleichheit und Ungerechtigkeit ewig auf ihnen lasten müßten. Sie wollte ihre Hoffnungen auf ein neues Leben nicht in der Einförmigkeit des Hergebrachten ersticken lassen. Der Messias sollte endlich kommen. Erstmals war er nach den blutüberströmten Pogromen der Kosaken erschienen. Die Gequälten hatten den endzeitlichen Propheten Sabbatai Zwi als ihren Erlöser angenommen. Doch Sabbatai mußte sich noch einmal überwältigen lassen, zum Schein sich einer anderen Religion unterwerfen: dem Islam. Äußerlich weiterhin unfrei, konnte ihn innerlich niemand mehr binden. So wenigstens glaubten seine Anhänger in ganz Europa, selbst nach seinem Tod. Zu ihnen zählten die Mutter Dobruschka und ihr Sohn Mosche. Schoendl wollte nicht untätig sein. Sie wünschte, dem Messias, wenn es Zeit sein sollte, mit vollen Händen auf der Schwelle der Haustür entgegenzutreten. Mit messianischem Feuer stürzte sie sich in ihr eigenes Geschäft. Sie nahm einen weiteren Teil des staatlichen Handels von Mähren in Pacht. Wenn ihre Geschäfte zum schönsten Erfolg kamen, glaubte sie den Erlöser ein gutes Stück nähergekommen. Sie selbst wollte es schaffen. Die katholische Kirche riß die Familie auseinander. Kaum war nach dem Tod des Vaters das Trauerjahr vorüber, da warf sich ein Kind nach dem andern dem machtgierigen Bekenntnis in den Rachen. Der Wiener Kaiserhof schmückte die Dobruschkas dafür mit einem Adelstitel: Barone von Schönfeld. Der Glanz barocken Bombastes sollte die Erinnerung an die Judengasse blenden. Nun senkt sich das Getto auf seine entflohenen Kinder nieder, zeigt sich unansehnlich, baufällig, drohend. Doch warm. Mosche und David fliegen mit ihren Erinnerungen nach Prag. In das Jerusalem der europäischen Juden. Mit dem guten Grund ungestillter Sehnsüchte glaubt man dort: von der Prager Altneusynagoge führt ein geheimer Gang nach Jerusalem zum Tempel. Der Messias wird einst mit einem machtvollen Heer begeisterter Anhänger von Jerusalem nach Prag aufbrechen. Jetzt, in der Hauptstadt der revolutionären Demokratie, sehen die Augen des Gettos nirgends mehr Freunde. Von den Wagen hört man nur Danton brüllen. Den Kraftprotz, das nimmermüde Großmaul. Beim Palais d'Egalité, einem Palast voll Luxus, Korruption und Prostitution, feiert man seinen Sturz ins Nichts. Für die Dobruschkas reicht es nicht einmal zu Neugier. In den sumpfigen Gesichtern steht Gleichgültigkeit. So hält sich in den Brüdern unbeschädigt das Sehnen nach einem messianischen Reich. Dort werden einmal Friede, Gerechtigkeit und Freiheit blühen. Für jeden Menschen, ohne Ausnahme. Mosche Dobruschka hatte, kaum in die Gemeinde von Brünn aufgenommen, den Talmud zu studieren begonnen. Ohne je von zufriedener Ermattung belohnt zu werden, rang er mit den fünf Büchern Moses'. Die scharfsinnigen Bemerkungen der Kommentare genügten ihm nicht. Das waren Berechnung und Raffinesse, keine Antworten auf Zweifel und Angst. In solche Kleinlichkeit konnte der Messias unmöglich kommen. Er brauchte die Weite der Welt. Und die spürte Mosche zuerst in den Sprachen. Zum Unwillen des Vaters wandte er sich der Poesie zu, der hebräischen und der chaldäischen. Er lernte Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Verschlang die deutsche Dichtung. Und zog nach Prag. Mit zwanzig Jahren trat Dobruschka als gewandter Schriftsteller auf. In den nächsten beiden Jahren veröffentlichte er mehrere Bücher, in deutscher oder hebräischer Sprache: Gedichte, Oden, kleine Theaterstücke und ein philosophisches Werk. Er zählte zu den Hoffnungen des jüdischen Prag. Alles gelang ihm, auch sein Heiratsplan, der ihn in eine Märchenwelt emporhob. Mosche bekam Elke Joß, die Nichte des reichsten jüdischen Händlers von Prag, mit ihr ein Millionenvermögen. Liegt hier der Grund für mein schmähliches Ende verborgen? fragt sich Junius Frey auf dem Todeskarren. Er bewegte sich in einer abgesonderten Welt. Zu der von Sorgen zerfressenen Geducktheit der jüdischen Hausierer und Trödler hatte er sich nie herunterziehen lassen. Beflügelt von einem unversiegbaren Reichtum, trug er leicht an seiner Liebe zur ganzen Menschheit. Er war noch nicht einmal imstande, mit den Geplagten der eigenen Stadt mitzufühlen. Er nahm sie einfach nicht wahr. So wie er jetzt die Leute auf der Straße nicht bemerkt. Ach was. Das sind alles nur Äußerlichkeiten, was sich da über uns zusammenbraut. Ohne Bedeutung für unser Inneres. Ein Blick auf den jüngeren Bruder läßt in ihm noch einmal Zweifel aufsteigen, ob er den treu, ihm fast blind folgenden David in den Strudel dieses Freiheitskampfes hatte reißen dürfen. Und erst recht die Schwester Esterle. Vielleicht kommt wenigstens sie davon? Die erste Wärme der neuen Religion war in Wien, wohin Mosche übersiedelte, rasch verflogen. Er fand wenig geistige Substanz und Schönheit, viel Despotie, Heuchelei, Duckmäuserturm und Häßlichkeit. Äußerlicher Pomp vor geplünderten Kulissen. Seine zähesten Hoffnungen holten ihn ein. In Wien gründete Franz Thomas Edler von Schönfeld, wie er sich nun nannte, einen judenfreundlichen Freimaurerorden. Dessen Name erzählte von einer rätselhaften Reise: Brüder St. Johannis des Evangelisten aus Asien in Europa. Hartnäckiger und hitziger als zuvor vertiefte er sich in die jüdische Geheimlehre der Kabbala. Mit einer verwickelten Zahlensymbolik suchte er den bloß äußerlichen Buchstaben und Worten einen tieferen Sinn zu entreißen. So müßten sich unfehlbar alle Fragen beantworten lassen. Schönfeld schrieb Werke der Kabbala ab, übersetzte und verbreitete sie unter seinen Brüdern. Mit Erfolg. Seine messianischen Erwartungen waren nicht untergegangen. Der Drang nach Erlösung führte ihn innerlich zum Judentum zurück. Als seinen Ordensnamen unter den asiatischen Brüdern wählte er Sacharja. Den messianischen Propheten voller Nachtgesichte. Mit dem Sturm auf die Bastille zog auch für Schönfeld ein neues Zeitalter herauf. Sein Jerusalem hieß von nun an Paris. Sein Messias: die revolutionäre französische Nation. Solange es ihn noch in Wien hielt, gelangen ihm größte Spekulationen, dem Zug der neuen Zeit würdig: Armeelieferungen, Besorgung riesiger Kredite, Verkäufe von enteignetem Kirchenbesitz. Auf die Dauer zog es Schönfeld in das neue Jerusalem. Als erste Station wählte er das freie Elsaß: Straßburg. Als Franz Thomas den Rhein überschritt, der zwei feindliche Welten trennte, verwandelte er seinen Bruder, seine Schwester und sich mit Hilfe eines von jeher geträumten Namens: Frey. Jetzt waren sie keine Verachteten mehr, keine Juden. Nur noch Freigelassene. Zu Füßen des Münsters verflüchtigten sich die würgenden Bilder des Gettos. Hier erlebten die Geschwister Offenheit, Weite, lichte Höhe. Der ältere Bruder stürzte sich in die Arme des Jakobinerklubs. Für einen inhaftierten Gesinnungsfreund warf er viel Geld aus. Bald ging es nach Paris weiter. Dort erwarb Junius ein großes Haus in der Rue d'Anjou, nicht weit von der Place de la Révolution. Mosches Herz zuckt bei diesem Gedanken zusammen. Mit geheimer Freude spürt er: er ist also doch nicht abgestumpft worden, auf der Seineinsel, in der Haft der Conciergerie. Er reckt sich auf dem Karren, um zu seinem leergefegten Palast zu segeln. Doch die zurückgekehrten Gettohäuser ragen zu eng und zu steil auf. Hier ist kein Durchkommen. Nichts kann ihn mehr stören. Er sieht auch so noch einmal das tolle Leben seines Hauses vor sich. Wo einst der Hochadel residierte, hatte Junius Frey ein bedingungsloses Asyl geschaffen: dem Geist der Revolution, der Philosophie und der wärmsten Menschenliebe. Doch der Messias zögerte noch. Frey sah in den Straßen widerliche Szenen, die ihn in seinem Glauben fast irregemacht hätten. Die Armut gab sich intolerant. Gewalttätig. Grausam. Fast viehisch. Der Reichtum provozierte zu arg. Frey flüchtete in die besten Kreise, die das jakobinische Paris bieten konnte. Bei ihm verkehrte, wer inzwischen zu Ansehen und Macht gekommen war. An Geld fehlte es allen. Der Krieg gegen die Fürsten Europas dauerte bereits anderthalb Jahre. Da kam Frey wieder in sein Element. Er entfaltete sich als Bankier, Börsenspekulant und Armeelieferant. Er unterhielt ein Netz von Agenten und Spähern. Gegen gutes Geld bekam er für seine Tafel vergessen geglaubte Leckerbissen. Paris hungerte. Bei seinen Gastmählern lockerten sich die Zungen. Frey wußte bald mehr als Robespierre. Der oberste Moralhüter der Revolution schickte Spitzel in dieses emporende Haus. Das war keine Kunst. Hier herrschte offen, ohne Mißtrauen, die Philosophie der Vernunft. Kein Versteckspiel. Frey spürte etwas von dem wachsenden Mißtrauen gegen seinen Reichtum. Aber er wollte sich sein messianisches Reich, das er so nahe glaubte, nicht rauben lassen. Als der Unbestechliche die Brüder Frey für die Guillotine empfahl, nannte er sie nur Schurken, die sich vollkommen verstellt hätten. Einer seiner Spitzel sog sich voller Ratlosigkeit aus den Fingern: die Freys werden von Österreich, Preußen und England als Spion bezahlt. Bei den Gedanken an Robespierre steigt Ärger in Junius hoch. Und Bedauern über eine verpaßte Gelegenheit, ein geistiges Freiheitsfest. Was will dieser Hungerleider? Der hat ja keine Lebensart, keinen Stil. Pfui. Und so was will dem Volk die Freiheit und die Liebe zur Philosophie schmackhaft machen? Schmackhaft bitte. Ein unübertrefflicher Langweiler. Schade, daß es nie zu einem Disput zwischen uns beiden gekommen ist. Den hätte ich lächerlich gemacht. Was versteht der schon von den alten Dichtern? von der Wiege unserer Kultu? vom Orient? Zum ersten Mal ist Frey stolz darauf, Jude zu sein. Jetzt in Paris und gegen Robespierre. Der mährische Emigrant sprang schließlich über Nacht in die vordersten Reihen der aufgewühlten Hauptstadt. Einen der einflußreichsten Jakobiner des Nationalkonvents vermochte er mit Esterle zu verheiraten. Bei der Mitgift gab sich Frey zu großzügig. Er erntete die blutunterlaufene Wut des Klubs und der kleinen Leute. Junius drückt die Hand seines Bruders fester. Der schaut ihn fragend an. Der gehauchte Name Esterle umschlingt die Brüder mit Sorge. Was wird aus ihr? Sie kann Gedichte vortragen, Klavier spielen, ganz gut singen. Aber arbeiten hat sie nie müssen. Auch in Paris haben wir sie im Haus verschlossen gehalten. Ganz weiß ihr Gesicht und ihre Hände, nie von Sonnenstrahlen getroffen. Eine becircende Schönheit aus einem goldenem Serail. Jetzt eine gehaßte Ausländerin. Bespuckt. In einem verlausten Gefängnis auf den Boden geworfen. Vielleicht schon zerbrochen? Als die Mitgift bekannt wurde, verstand Junius Frey nicht mehr viel. Alles nahm leidvoll bekannte Züge an. Über Nacht sein Haus leer. Niemand besuchte ihn mehr. Das betörende Essen blieb unberührt. Keiner sprach den alten Weinen zu. Auf der Straße wich man dem Verdächtigen aus. Seine Agenten kamen nur, solange sein Geld noch über ihre Angst siegte. Der Nationalkonvent schlug gegen korrupte Abgeordnete und ihre Hintermänner zu. Frey fühlte sich von seiner Geburt eingeholt. Zuerst hatten sie alle beim Juden gegessen. Dafür war sein Geld gerade recht. Seine Bildung, Gewandtheit, seinen Charme hatten sie einem Sohn des Gettos nicht zugetraut. Ihre Vorurteile schienen sich zu verlieren, je schöner seine Feste ausfielen. Mit einem Schlag war alles verschwunden. Der alte Haß stand verjüngt auf. Der Frey war doch nur ein Österreicher, bezahlt vom Kaiser. Seinen Adel hatte er sich gekauft. Ein Geldmensch. Frech kaufte er auch einen der Ihren auf, einen armen Schlucker, einen entsprungenen Klosterbruder, den die Aufstände nach oben gespült hatten. Was wollen eigentlich die aufgebrachten Leute von mir? Habe ich feindliche Truppen gegen Frankreich geschickt? Kann ich etwas für den Hunger? Wohin führt die Köpfmaschine, wenn sie jeden kürzt, der in seinen Taschen mehr Geld hat als die Habenichtse? Junius Frey wagt einen Gedanken, der ihm einen Schauder aus Angst, Verzweiflung und Prophetie durch den matten Körper jagt. Wollen die den Unterschied zwischen arm und reich wegköpfen? Der kleine Zug mit den drei Karren bekommt die Öffnung der Gasse in den Blick: die Place de la Révolution. Mosche läßt die schlaff gewordene, schweißfeuchte Hand seines Bruders los, hängt sich lieber bei ihm ein. Gleich werden wir dort sein. Man wird uns anstarren. Mach dir nichts draus. Wir brauchen uns bald nicht mehr in Ungeduld nach dem Messias verzehren. Als der Zug auf den Todesplatz einbiegt, neigt sich die Erinnerung ihrem Ende zu. Die Brüder aus Brünn sehen das Blutgerüst, umringt von einer Menge undeutlicher Kohlköpfe. Die sechzehn Opfer steigen von den Karren hinunter. Die Freys stützen sich gegenseitig, ihre Knie sind schwach. Erst jetzt spüren sie, was ihre Körper während der Fahrt gelitten haben, als ihre Sehnsucht noch einmal zuhause weilte. Die Verurteilten stellen sich vor der hölzernen Tribüne auf, die den Zuschauern gerade bis zur Brust reicht. Gendarmerie rings um das rotgestrichene Gerüst. Das Fallbeil hoch oben bereit. Eine gierig aufgerissene, fleischfressende Fratze. Gleich zum Anfang ruft der Henker die Freys auf. Sie eilen nicht. Nicht mit Leichtigkeit, doch gefaßt verlassen sie eine Welt, die ihnen den Messias geraubt hat. Bevor der Ältere die Stufen hinaufsteigt, umarmen sich die Brüder. Der Henker stutzt. Erstmals streift ein Hauch Leben die Menge. Den Dobruschkas scheint es die letzte Umarmung zu sein. Sie wärmen sich noch einmal, ihre Herzen, die das Getto nie ganz verlassen haben. Bald wird Paris, dieser Kübel voller Kriegsgeschrei und Blutrausch, sie nicht mehr anrühren. Sie schaukeln nochmals, ganz schwach, auch ihnen selbst unmerklich. Die Menge ist plötzlich ganz still. Diese Umarmung paßt nicht zu dem Platz. Der Druck der Arme wärmt den kalt zitternden Leib noch, als Mosche zur Guillotine hinaufsteigt. Die Henkersknechte binden ihn auf das Fallbrett und kippen ihn unter das Beil. Ein Eisenring umklammert seinen Hals. Das kalte Metall durchzuckt seinen Körper. Gequält hat man schon meine Vorfahren. Einst liebte ich schwärmerisch die Aufklärung. Gebracht hat sie auch das eine: die Pogrome treffen nun auch andere, nicht nur Juden. Die Gleichheit, wenn sie sich mit Blut übergießen läßt, macht alle zu Verdächtigen. Zu Verschwörern. Zu Juden. Diese letzte Erkenntnis des Mosche Dobruschka fällt mit dem Sturz des großen Hackmessers zusammen. Der Kopf rollt in einen Weidenkorb. Der Körper wird vom Brett losgemacht und in einen Schubkarren gekippt. Die Knechte säubern flüchtig die verspritzte Tribüne und das Brett. Ihre Handgriffe laufen wie ein Uhrwerk ab. Der Henker, ihr Meister, zählt die Minuten des Schauspiels: sechzehn Hinrichtungen in genau achtzehn Minuten. Er ist zufrieden. Tierische Instinkte tauchen mitgebrachte Messer und Dolche in das Blut der Hingeschlachteten, bevorzugt in Dantons. Dann entschwinden die Leichenkarren. Sie fahren auf einen alten Müllplatz vor den Toren von Paris. Dort hat die Kommune Gruben ausheben lassen. Der neue Friedhof behält den ahnungsvollen alten Flurnamen die Verkrüppelten. Der zuletzt geköpfte Danton kommt im Massengrab ganz unten zu liegen, die Dobruschkas oben. Mosche und David haben sich, als man sie in den Schinderkarren stürzte, ineinander verkrampft. Ein ausblutender Rumpf in den andern. In dieser letzten Umarmung verfallen sie in die Leichenstarre. Weil es anders nicht gehen will, werden sie von vier fluchenden Knechten in die Grube geschleift. Die Unklammerung widersteht der Blutgier der höllischen Stadt. Die Leichenfledderer, die nachts die dicke Kalkschicht durchwühlen und für wundertätige und geldbringende Zwecke Glieder und Fetzen von den Leichen abschneiden, bringen das Brüderpaar nicht auseinander. Laubacher Feuilleton 13.1995, S. 4f.
Der Makler und der Bohémien 4 Das Beiprodukt Auch im Kunstbetrieb hat der Interessent, den man besser [...] den Kandidaten nennen sollte, zunehmend an Gewicht gewonnen. Daß er seine Aufmerksamkeit weniger der Kunst als ihrer Wertgegenständlichkeit schenkte, wirft ein Licht auf seinen sozialen Stand. Als Gasquet sein Phantom erfand, das er für Cézanne ausgab, wollte er in aller Unschuld Cézanne verständlicher machen, ihm einige Züge verleihen, mit denen sich der Beschauer identifizieren konnte. Vollard sprach in seinem Cézanne-Buch noch von Bildern: er offerierte seine Sehweise, und daß er womöglich daran dachte, bei Sehen sollte es nicht bleiben, schmälert seine Beweisführung kaum. Dagegen stößt man mittlerweile in hagiographischen oder apologetischen Schriften zur modernen Kunst auf eine merkwürdig verschwommene Prosa, so als wäre sich der Schreiber nicht darüber im klaren, ob er nun Ästhetik treiben oder Werten zum Tausch verhelfen soll. Eines aber weiß er: daß er diese zweite Absicht nicht bloßlegen darf. Er wird sie deshalb umschreiben, auf Kosten der Sprache zwar, aber selbst wenn er meaningsless words benutzt, wie Orwell sie nannte, versteht sein Leser, was gemeint ist. Auch schaut der eher darauf, wer über wen schreibt, wie die Schrift ausgestattet ist und wo sich die Originale der Abbildungen befinden. Er entziffert von sich aus die Warenform und kommt dem Makler den halben Weg entgegen. Die Arrangeure von Kunstausstellungen äußern sich direkter. Einer Ausstellung britischer Plastik wurde einmal einige Diskussion zuteil, weil nicht die Plastiken auffielen, sondern ihr Arrangement. Man hatte Laufstege aufgeschlagen wie für eine Modenschau, die Werke auf den Fußboden gestellt oder auf farbige Sockel, eins aus Draht an die Decke gehängt und alle mit versteckten Punktscheinwerfern ausgeleuchtet. Die Tate Gallery unterschied sich in nichts von einer Abteilung des Kaufhauses Harrods. Das Beispiel steht nicht allein, und außergwöhnlich ist es schon deshalb nicht, weil einer ganzen Gruppe von Ausstattern der Effekt die Mittel heiligt. Kunstausstellungen, so sieht es aus, finden ihre zeitgenössische Note nicht durch die ausgestellte Kunst, sondern durch die Inspiration der Ausstellungsleitung. Auch sie gebärdet sich künstlerisch, was vor allem darauf zurückzuführen ist, daß sie den Bildern und Plastiken, was deren Wirkung angeht, nicht mehr traut. Der Beschauer ist an andere Vorstellungen gewöhnt, er kommt aus der Weltausstellung, der Mustermesse, der Eisrevue oder auch nur aus dem nächsten Kaufhaus, und überall hat man ihn mit derben Zusammenstellungen von Raum, Licht und Farbe gehörig beansprucht. Kein Wunder, wenn Ausstellungsmacher das Nächstliegende aufstöbern und ihre Inspiration von den Dekorateuren beziehen. Zwar weiß man, die Dekorateure haben ihrerseits vor nicht allzu langer Zeit ihre Einfälle aus den Bildern und Plastiken der Kunstausstellung bezogen, aber inzwischen reicht die Wirkung armseliger Kunstwerke wohl nicht mehr aus; was ist schon groß ein Tryptichon von Bacon, verglichen mit Disneyland? Man wird einwenden, der Vergleich sei plump und Disneys Kunde ohnehin nicht Bacons Beschauer. Die Arrangeure jedoch sind anderer Meinung: sie haben die Warenwelt entdeckt. Auch dieser Zeitpunkt läßt sich rückdatieren, was nicht heißen will, er gehöre der Vergangenheit an. Die Spielregeln der vermittelnden Instanzen haben eine Organisationsform mit sich gebracht, die sich zwischen den Produzierenden und den Beschauer stellt und deren Beziehungen zu prägen sucht. Dazu sind Arrangements, Laufstege und Punktscheinwerfer nötig, darüber hinaus auch Reproduktionsmaterial, Kunstbände, Kommentare und schließlich, im Gefolge alter Bohemeromane, die Legenden. Solche Beiträge werden ihrerseits zu Waren, zu Beiprodukten der Kunst, die zunehmend, wie schon die Reklame Tzaras und Bretons, einen eigenen Wert geltend machen. Nur ist es diesmal die Apparatur, die solche Beiprodukte herstellt und verbreitet. Sie sind leicht zu befördern, sie entlasten die Sichtungen des Kunstkunden, sie verwandeln ästhetische Werte in ökonomische und umgekehrt. Über kurz oder lang sind sie in den Vordergrund gerückt, dergestalt, daß die Originale von ihrem Werbematerial kaum noch zu unterscheiden sind. Vasarely malt seit Jahren dasselbe Bild; er und andere, ganz anders ausgerichtete Maler beschränken sich auf einen bestimmten Werktyp, vielleicht weil ihnen ein anderer nicht mehr einfällt, sicher aber, damit man sie in den Sammelausstellungen sofort identifizieren kann. Sie malen, mit einem Wort, gleich ihr Wasserzeichen mit. Wieder anderen Bildern haftet, wie ein Raster, die Bohemebiographie des Malers an, damit sich ein zusätzliches Erkennungszeichen einstellt. Die Malerei sieht aus wie ihr eigenes Beiprodukt, das Beiprodukt wie Malerei. Beides ist der Ausweis einer Apparatur, die läuft, um weiterzulaufen, einer Eigenbewegung, die einen bestimmten Künstlertyp bedingt: den nämlich, in dessen Bildern gleich die Materialien für Legenden und Wertbestimmungen enthalten sind, was sich durchaus mit dem herkömmlichen Protestritual der Boheme decken kann. So hat niemand anderes als der tüchtige Dubuffet den Ausspruch getan: «Die Erzeugung von Kunst ist eine ausgesprochen und höchst individuelle Angelegenheit und konsequenterweise völlig entgegengesetzt jeglicher sozialen Funktion. Es kann sich nur um eine antisoziale oder wenigstens asoziale Funktion handeln.»* Hans Platschek *Zitiert nach: Kunst ist Revolution, DuMont Schauberg, Köln 1969, S. 38 Es handelt sich hier um einen Auszug: das 4. Kapitel. Verfaßt wurde der komplette Text 1971 für eine ARD-Rundfunkanstalt; für welche, ist leider nicht mehr nachprüfbar, ebenso nicht, welche Zeitschrift ihn gedruckt hat. Wiederabgedruckt wurde er in Hans Platscheks Buch Engel bringt das Gewünschte. Kunst, Neukunst, Kunstmarktkunst, das 1978 bei Klett-Cotta in Stuttgart erschien. Leider können wir Hans Platschek nicht mehr persönlich für seinen ‹Befehl› «Druck halt das da...» danken ... Kurzschrift 3.2000, S. 9 - 11
Erinnerung und Abschied «Das Problem des Kunstbetriebs besteht darin, das richtige Verhältnis zu finden zwischen dem Ohrabschneider und dem Halsabschneider.» Ach, was soll ich denn dazu noch sagen, sagte er, oder so ähnlich jedenfalls, und dann sagte er dann doch sehr viel. Das war etwa Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, als der (vergleichsweise) junge Journalist sich ganz aufgeregt über den Kunst-Kommerz aufgeregt und ihn deshalb angerufen hatte: weil eben aber auch wirklich alles hinführte zu diesem Kunst-Kassandristen. Ach Junge, schloß er im vergangenen Jahr die dann neuerlichen Aufregungen über diesen ständig um uns herumtrabenden Holzgaul aus Troia, in dem so viele Krieger wider die Kunst hocken und warten, bis sie sie endlich totmachen können, lies doch einfach. Lies! Das habe ich denn auch getan, damals und heute: Kunst, Neukunst, Kunstmarktkunst, zum Beispiel. Er hatte gerne das (vor)letzte Wort. Also haben wir ihm letzteres gegeben (auf Seite 72). Dabei ist dies eines, das dort stehen müßte, wo er immer stand und dachte und ging (auch wenn das nicht mehr so richtig lief in den letzten Jahren): weit vorne. Aber Avant-Garde ist nunmal ein Begriff, den er eher dem Militärischen und damit Unaussprechlichen zuordnete, und wenn er doch von ihm ausgesprochen wurde, dann eher verhohnepipelnd. Und da er sich inmitten von Kurzschrift so wohlgefühlt (Kurzschrift 2/1999) hat wie seinerzeit im Laubacher Feuilleton, haben wir ihm eben den Platz eingeräumt, an dem er sich befand und der ihm auch und mehr noch nach seinem Tod am 9. Februar gebührt: mittendrin (und deshalb die Feder führend). ‹Der Makler und der Bohémien› heißt sein Stück aus den 70er Jahren, bei dem seinerzeit nicht unbedingt alle applaudierten (und dessen ‹Wiederaufführung› aus — den offensichtlich immer — aktuellen Gründen in Kurzschrift wir Mitte vergangenen Jahres vereinbart hatten). Mit dieser kleinen Verbeugung soll aber auch auf einen weiteren Aspekt hingewiesen werden: Da planen hauptamtliche Mitarbeiter eines (west-)deutschen Kunstvereins eine Ausstellung, die unter anderem das Informel zum Thema hat. Doch sie kennen ihn nicht. Sie kennen ihn nicht als Maler, und sie kennen ihn nicht als deren vehementesten Kritiker. Auch die Situationistische Internationale soll dabei ins Bild, zur Sprache kommen. Als Anne Maier — die dem Vorstand dieses Kunstvereins angehört — darauf verweist, daß man bei diesen Themata wohl kaum um ihn herumkomme, fehlt selbst dem künstlerischen Leiter letztere, wußte er, der Direktor eines Kunstvereins, doch nicht, daß Hans Platschek der deutsche spiritus rector dieser geistigen Rolle vorwärts war: eines der letzten Streitrösser der neueren Kunstgeschichte. Und wem von den Zeitgenossen mit der, um die gekonnt flapsige Bemerkung von Anne Maier heranzuziehen, «leicht eingeschränkten Halbwertzeit» denn dafür das Vokabular fehlte, dem half der 1923 geborene Meister der Kunst-Ketzerei in der ihm eigenen Sprachvirtuosität persönlich auf die Fährte der Erinnerung. Über die Dummheit in der Malerei (1984) war einer dieser die platscheksche Diktion so kennzeichnenden Titel, die eigentlich zur Pflichtlektüre von Absolventen kunsthistorischer Fakultäten gehören sollte. Hans Platschek war immer auch das, was ohne Unterlaß (und in einfältiger Weise) dem Kunstkritiker vorgeworfen wird, es nicht zu sein: Künstler. Und auch mit eben dieser, seiner Malerei (Biennale Venedig 1958 und documenta II 1959) war Platschek heftig diskutiert, es ließe sich auch behaupten: umstritten. Denn lange bevor die Alles-ist-machbar-Generation Francis Picabias Diktum vom runden Kopf und den sich darin bevorzugt richtungsändernden Gedanken (mit dem Wissen von «leicht eingeschränkter Halbwertzeit») adoptierte, malte Platschek diese Wechselbewegung. Eben noch Mitbegründer des deutschen Informel, besann er sich der Figuration, um dem Öl dann, als die Kunstbeschreibung meinte, in ihrem Kopf endlich eine Richtung für ihn gefunden zu haben, nämlich die der Orientierungslosigkeit, auch schon wieder eine andere Fließgeschwindigkeit zu geben. Hans Platschek hatte zwar oft die Schnauze voll. Aber der Schaum trat ihm nie vor den Mund, diese (Tob-)Sucht war nicht die seine. Es war durch die Zeilen gefilterte Klarheit, und die sollte noch in ein gemeinsames Buchprojekt fließen — mit dem Verlag Christina Schellhase. Doch jetzt müssen wir alleine schreiben (was wir im folgenden versucht haben). Also mischen wir die Tränen der Trauer mit der Asche der vielen, vielen Zigaretten, die wir noch auf ihn rauchen, und lassen sie hineinfallen in die Whiskies, die wir noch auf ihn trinken. dbm Nicht im Heft: Hans Platschek starb, wie ein Held der Künste im Kino des Lebens sterben muß, mit den Stiefeln voraus wurde er er aus dem Saloon getragen: Nach seinem Whisky nahm er eine letzte Zigarette und schlief darüber ein. Per Schwelbrand ins Nirwana. (jst) Kurzschrift 3.2000, S. 5f.
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