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Telefax aus Havanna An meine leidenden Mitbürger im Osten (Kubas)! Habt Ihr eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Kolumbus hat Euch das Ding entdeckt und ein paar Jahre später Humboldt und vor rund zwei Jahren ich, also kann keiner mehr behaupten, von seiner Existenz nichts gewußt zu haben. Trotzdem hängt Ihr immer noch in Eurem Essig-Saure-Tonerde-Staat herum und tut so, als wäret Ihr unsterblich, denn wer nicht unsterblich ist, kann es sich gar nicht leisten, seine Zeit da zu verplembern, wo Ihr sie verplembert, solange es einen Ort wie Havanna gibt, das Paradies der Widersprüche, die Hölle der guten Vorsätze, das Fegefeuer der planetarischen Zukunft, das hinterfotzigste Sozialexperiment der Geschichte eben dieser Zukunft, den Ort der kubitropikalen Euphorie und des mulattischen Königspalmensozialismus, wo es endlich zu gelingen scheint, den antillischen Hang zum Nichtstun mit der planwirtschaftlich bedingten Faulenzerei zu einem gemächlichen Neokapitalismus zu verschweißen, der selbst ideologische Katastrophen, abgeschossene Flugmücken, sexuelle Überangebote und gnadenlose Bullen noch in ‹Siege der Revolution› ummünzt. Ich schildere Euch nur einen einzigen Tag, den heutigen. Es ist Sonntag, der 28. April. Vor einer knappen Stunde ging der erste Lauf zur diesjährigen Off-Shore-Weltmeisterschaft zu Ende — da draußen vor dem Malecon, wo der Salpeter immer noch die Häuser zerfrißt, wo die Häuser immer noch einstürzen, wenn's ein bißchen regnet, wo nachts die Liebespaare auf der Ufermauer sitzen und zur Musik von Radios geparkter Autos tanzen, weil sie keine Dollars für die Diskothek haben, keine Dollars für Speiseöl, Seife, Damenbinden und weißderhimmelwasnochalles. Und dann rasen diese großen, schweren Dinger übers Meer und verfeuern einen Sprit, der den halbtoten Nahverkehr der Stadt eine gute Woche am Leben halten würde, und Du denkst, Du wärest in einer ganz normalen Stadt auf einer ganz normalen Antillen-Insel mit ganz normalen Reichen und Armen, mit Werbung und TV-live von einem sportlichen Großereignis, und alle rennen da hin und schauen zu, fasziniert nicht von ihrer Revolution, von der ganzen kapitalistischen Kacke, sondern von der Geschwindigkeit, die jetzt wieder hier eindringt, unaufhaltsam, überraschend angenehm, verführerisch, gespenstisch. Gewonnen hat ‹Victory 1› aus den Vereinigten Arabischen Emiraten — hier, wo die Leute zehn Liter Sprit im Monat kriegen, wenn sie ihn kriegen, denn gewöhnlich gibt's gar nix, weil halt nix da ist, denn die Vereinigten Arabischen Emirate liefern nur gegen Bezahlung, und deshalb können sich die Emiratisten dann Anderthalb-Millionen-Dollar-Boote bauen lassen und damit den Lauf am Malecon von Havanna gewinnen, und letztes jahr, als sie zum ersten Mal kamen, soll einer das ganze Hotel ‹Nacional› für seine 30 Frauen gemietet haben ... Auch heute: Pressekonferenz des Parlamentarischen Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium, Heinrich Kolb, der am Mittwoch das deutsch-Kubanische Investitionsschutzabkommen unterzeichnen wird, da drüben am Paseo, in einem wunderschönen Haus, das einst aus lauter Liebe gebaut worden ist. Ich bin gar nicht erst hingegangen: die Deutschen kommen und stecken ihr Geld in Kuba, Mercedes ist schon da, die LTU auch, jetzt kommt der schwäbische Spritzmeister, und irgendwann, irgendwie werden wir diesen Tropensozialismus schon knacken, so, wie wir bereits die Moral der Mulattinnen geknackt haben, die das letzte aller fetten Arschlöcher noch mit einer Hingabe ficken, die ich nicht beschreiben kann, weil es in der deutschen Sprache keine Worte für sie gibt. Und dann kaufst du eine der beiden Sonntagszeitungen, ‹Tribuna de la Habana›, und liest, wann in welchem Stadtteil das Licht ausgehen wird, weil sie den Sprit zum Stromerzeugen gerade längs des Malecon verfahren haben, und liest, daß die monatliche Eierzuteilung (sieben Stück) am Montag losgeht, daß die Trockenmilch vom März immer noch rumliegt, weil es keine Büchsen gibt, das halbe Pfund Rindfleisch pro Kopf und Monat nur in einem einzigen Stadtteil ausgegeben wird und es am 1. Mai kein Brot gibt, weil sowieso alle zur Kundgebung gehen müssen, um der Welt zu beweisen, daß Kuba nach wie vor eine sozialistische Republik ist — ‹Socialismo o muerte›, ‹Venceremos› — Ovaciós. Henky Hentschel Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 2
Hoch und Niedrig, Arm und Reich Oh, mit dem Mangel bin ich vertraut, in meine vier Wänd geniert er mich wenig, der dürre lumpige Kamerad — aber unter die Leut gehn damit — das is eine Tortur, der meine Nerven nie gewachsen waren. zu Haus nix zu essen haben, das is wohl traurig, aber weit fürchterlicher ist eine Diner-Einladung, wo einen das Verhängnis zu einem unerschwinglichen Chapodl, zu unmögliche Glacéhandschuh zwingt. Da setzt man das Teuerste dran, da wird das Palladium verpfändet; denn die Not ist noch ein Genuß gegen die Notwendigkeit, die Not zu verbergen. Der Schützling , II, 4 Die Welt scheint sehr glatt, wenn man sie auf lackierten Wagenrädern befährt, die Welt scheint nicht uneben, wenn man sie mit guten Stiefeln betritt; aber die Welt ist fürchterlich rauh: das kann nur der beurteilen, der öfters auf ihr herumspaziert. Die beiden Herren Söhne , IV, 5 Sie reden von Ihren Rechten der Geburt, und ich studier grad, ob es recht is, daß Sie geboren sind. Mein Freund , II, 23 Man redet gegen die Lotterie, ohne zu bedenken, daß sie die einzige Spekulation der Armen ist. Die Lotterie verbieten heißt: dem das Reich der Träume verwehren, dem die Wirklichkeit ohnedies nicht geboten. Nachlaß Komische Typen In der Kleinstadt-Apotheke Kunde: Müssen S' nicht übelnehmen, Herr Ratsvorstand, aber der Doktor sagt, das is ganz was anders, als was er verschrieben hat. Apotheker (die Medizinflasche prüfend betrachtend): Den Matthies soll der Teufel holen. Kunde: Manchmal macht's doch ein Unterschied, ob man das einnimmt oder das. Apotheker: I glaub's! Sie sind ein Hämorrhoidarius, und das is a Augenwasser. I schick Ihnen heut schon noch's Rechte. Kunde: Ich empfehl mich gehorsamst! Apotheker (aufgebracht): Das ist der dritte Fall in einer Wochen! 's Pintscherl von der Baronin hat er umbracht! Statt Rosenhonig — Cremor tartari! Philippine (ihren Verlobten in Schutz nehmend): In der Zerstreuung is bald was g'schehn. Ein Pintscherl auf oder ab — Apotheker: Da liegt freilich nix dran, aber die einzige Baronin, meine beste Kundschaft, is aus Rache oder Verzweiflung homöopathisch wor'n. Der hektischen Tabakkramerin hat er statt Eibischteig ein Diachilumpflaster geb'n, ganze vierundzwanzig Stund hat sie's Maul nicht aufbracht —! Philippine: Drum war s' auch's Tags drauf viel besser auf der Brust. Apotheker: Der Erfolg entscheidet nicht! — Dem will ich jetzt a Wetter machen. Theaterg`schichten, I, 1,2 Johann Nestroy Laubacher Feuilleton 1.1992, S. 12 aus: Närrische Welt, R. Piper & Co. Verlag, München, o. J.
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