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Kriegsrad Erquickt, belehrt, gesalbt Sie wußten ja nicht, daß der Feind (ich) mitten unter ihnen war. So ließ sich einer zu der laut gedachten Idee hinreißen: «Die Fußgänger sollten kleine Kampftrupps bilden und sie einfach runterschmeißen.» Gemeint waren, natürlich, die Radfahrer. Mir stak eine empörte, ans Humanitäre appellierende Entgegnung im Hals, doch der Selbsterhaltungstrieb mahnte zur Vorsicht: Die Idee fand ungeteilten Beifall. Was tun, sprach Lenin. Sich in einem solchermaßen verhetzten Kreis für die Radfahrer aussprechen? Wer konnte vorhersagen, wozu diese Fanatiker fähig waren! Ich blieb ruhig und beherrscht. Um die Stimmungslage der Nation zu testen, erzählte ich den Vorfall meinen Freunden Mike und Eva, beide sanfte, zivilisierte Mitmenschen. Sie radelt sogar hin und wieder. Ihre Augen leuchteten auf. «Genau», stimmte Eva dem Vorschlag mit den militanten Fußgängern zu, «du machst dir keine Vorstellung, wie sehr die Radfahrer den Verkehr gefährden. Die achten auf keine Ampel, fahren Einbahnstraßen in der falschen Richtung, erschrecken Fußgänger zu Tode, weil sie bei Kopfsteinpflaster grundsätzlich auf dem Gehsteig fahren, schlängeln sich an der Kreuzung zwischen den Autos durch, sind zu tretfaul, um nachts den Dynamo anzuschnappen. Runter vom Rad, kann ich da nur sagen.» Es klang wie ‹Kopf ab›. Sie hatte sich in Eifer geredet. Mit ihren geröteten Wangen sah sie allerliebst aus. Mike nickte zustimmend und sog an seiner Marlboro. Die Lage war noch nie so ernst, soviel konnte ich mir zusammenreimen. Wozu hatte ich Ches Tagebücher gelesen, damals im Urlaub, während der Mistral den Sand an die Zeltbahn trieb und Marianne ohne Bikini in der Sonne lag? Die Lektion blieb immer die gleiche: In der Not braucht man Freunde. Und: Wenn die Zeitgenossen versagen, hole dir Rat bei den Unsterblichen. Schlag nach! Die erste Stelle gab mir Mut, erschien aber alles andere als geeignet, eine Massenbewegung auszulösen. Es klang zu versponnen, viel zu akademisch, aber schön: «Man muß seine Räder, seine Felgen lieben, muß den Stahl und seine Formen in einer Glaubwürdigkeit lieben, die begeistert. Das muß die Literatur sein, so wie Jarry sie verstand. Er sagte: Diese metallische Verlängerung unseres Skeletts ...» Halt, um Himmels willen, das klingt ja wie Bhagwan im Sattel. Viel zuviel Muß. Dieses französische Pathos! Welch ein Überschwang. Doch lassen wir den Herrn, Charles Albert Cingria, zu Ende sprechen: «Der integrale Mensch», so weiß er, «ist Radfahrer. Er hat sich in dieser Verlängerung, welche die seine war und die ihm der Stahl zurückgibt, von seinem Schaden erholt, denn nun wird es ihm erlaubt, zu rollen, was viel mehr in unserer Art liegt (die sich am Anfang geflügelt oder kriechend fortbewegte) als das Marschieren.» So kann man sich verrennen! Die Vokabel ‹rollen› erlaubt es, ohne viel Exegese von der Gegenpartei reklamiert zu werden. Aber lassen wir das. Möge der Wahlspruch genügen: Tod allen Fanatikern. Von der Literatur enttäuscht, bemühte ich mich, Gleichgesinnte zu finden, in der Wirklichkeit (vgl. dazu den Beitrag über die Realitätstheorie von Hannes Kreisler, Laubacher Feuilleton 12.1994). Auch damit erlebte ich ein Fiasko. Radfahrer organisatorisch zu erfassen, ich meine, für eine revolutionäre Sache wie den Klassenkrieg zu gewinnen — unmöglich! Die Radler sind schneller im Gewühl verschwunden, als man «Wacht auf, Verdammte dieser Erde» sagen kann. Mir blieb nichts übrig, als selbst nachzudenken und die Situation analytisch zu erfassen. Lage: Zwei Parteien stehen einander gegenüber. Gut organisierte Autofahrer, die in ihrer Sucht nach Ölverbrennung von Staats wegen gefördert und um des Kommerzes willen Killermaschinen besteigen, die weitaus mehr Todesopfer fordern als die Droge Heroin. Ihnen steht der Radfahrer gegenüber, Singular, da meist Einzelkämpfer. Der Mensch am Steuer haßt den Menschen am Lenker. Das muß so sein, verkörpert der Pedaltreter doch alles, was der Verbrenner verabscheut. In Deutschland kommt dazu noch die historische Belastung, denn über lange Jahrzehnte hinweg galt die Bezeichnung ‹Radfahrer› als schlimmes Schimpfwort bei einem Volk, das den Gehorsam zur hohen Tugend erhoben, erfolgreich Gehorsame aber seit eh und je mit Neid und Spott verunglimpft hat. Wie weit der Krieg schon aus dem Vorstadium herausgetreten ist, merkt jeder Radfahrer am eigenen Stahlrahmen. Da wird die Luftpumpe geklaut, das Werkzeug, die Wasserflasche, das Vorderrad oder die ganze Maschine insgesamt. Da findet man die Reifen platt. Da versperrt ein grob gesetzwidrig geparktes Auto den Radweg und zwingt zum Absteigen. Da biegt wieder ein BMW genau vor dem Vorderrad nach rechts ab. Da öffnet sich wieder eine Opel-Tür, genau in dem Augenblick, wenn der Radler auf fast gleicher Höhe ist und sich nur durch einen waghalsigen Schlenker zur Straßenmitte retten kann — es sei denn, er fährt vor ein nachkommendes Fahrzeug. Mord, häufig ungesühnt. So sieht's aus. Versöhnung kann man im jetzigen Stadium nicht mehr predigen. Verstehen Sie mich recht: Ich bin nicht Gandhi. Die ideologischen Gräben sind zu tief. Schließlich fordert der Radfahrer bedingungslos seinen Spaß, und so was muß man ernst nehmen, bei Valentin. Denn die Verzückung, die der von Kette und Freilauf Beflügelte erfährt, muß ihn unnachgiebig auf seinem Recht zum Glück beharren lassen. So kommt er denn zu Wort: «Das Wetter war herrlich, fast schön. Leise Winde durchhuschten die Speichen meiner Überlandmaschine. Ein kühner Sprung auf das Stahlroß, noch ein Rückblick auf die Heimat, und mein Vehikel durchschnitt die Atmosphäre.» Wer könnte es schöner beschreiben? Henry Miller vielleicht: «Wenn ich radfuhr, wurde ich erquickt, belehrt und gesalbt. Vive le vélo! C'est un ami de l'homme comme le cheval.» Oder Maurice de Vlaminck, Radrennprofi, bevor er fauvistischer Maler wurde: «Die Entstehung der Welt fing für mich in dem Augenblick an, wo ich ein Fahrrad mein eigen nannte.» Toll, nicht? Auch für die Leser von Suhrkamp-Taschenbüchern wurde ich fündig. Sprach Ivan Illich: «Das Fahrrad und das Motorfahrzeug sind von derselben Generation erfunden worden, aber sie sind die Symbole für zwei gegensätzliche Anwendungen modernen Fortschritts. Das Fahrrad erlaubt es jedem, den Gebrauch seiner metabolischen Energie zu kontrollieren, das Motorfahrzeug rivalisiert mit dieser Energie.» Ganz klar, die metabolische Energie! Ich schämte mich etwas, nicht selbst draufgekommen zu sein. Auch das mit den Symbolen leuchtet ja wohl jedem ein. Da wird Versöhnung unmöglich, da treffen die elementaren Gegensätze der Sozietät aufeinander, da wird Krieg unvermeidlich, hie Radfahrer, dort Autolenker, Fußgänger entweder dazwischen oder je nach Temperament und Zweitpräferenz diesen oder jenen zugeneigt. Für mich gibt's nur eines: handeln. Che grüßt aus Bolivien. Erst die Terroristen zurückrufen, die jetzt schon mit Nägeln am Auto vorbeifahren und den Lack verkratzen. So was schadet bei dem Versuch, eine Massenbasis zu schaffen. Dann die Sorglosen aufklären und warnen. Und dann ... So blöd, meine Pläne zu verraten, bin ich auch wieder nicht. Aber hüten Sie Ihre Zunge bei der nächsten Party. Ich höre. Hans Pfitzinger Laubacher Feuilleton 15.1995, S. 4; Wiederabdruck aus TransAtlantik, Nr. 8/1983, S. 7. Der Autor legt wert auf die Feststellung, daß hier nicht vom sogenannten Mountainbike die Rede war. Das sei wieder etwas ganz anderes (siehe: Unbesteigbar).
Satellit für Südindien Endlich: «Sacred dimension of technology» Ich glaube, der Laden heißt ESA und klingt nicht zufällig wie NASA. Die ESA, so las ich in meiner Tageszeitung The Daily Horror (abgekürzt AZ), hat einen Satelliten in eine Umlaufbahn geschossen. Zweck: Die Übermittlung von 120 Fernsehprogrammen nach Südindien und in andere Wohngegenden Asiens. Mir scheint, das ist genau das, was dort noch gefehlt hat. Ob die Inder jetzt auch MTV sehen können? Ich wünsche es ihnen, denn dann werden sie feststellen, das inzwischen bei vielen Videoclips eine Buchstaben- und Zahlenkombination eingeblendet wird, die Adresse, unter der man die jeweilige Pop- oder Rockband im Internet erreicht. Nun kann es natürlich sein, daß so mancher nette Inder noch nie in seinem Leben vom Internet oder MTV gehört hat (möglicherweise nicht mal weiß, was ein Take That ist, und weshalb zwölf Jahre alte Mädchen hierzulande bitterlich schluchzen, wenn in diesem Zusammenhang der Name Robbie erwähnt wird). Das wird sich ändern, liebe Inter, äh, Inder. Denn die Zukunft liegt im Internet, von der Gegenwart ganz zu schweigen, da würde ich glatt meine neue Packung BASF-Disketten drauf wetten. Bestärkt wurde ich in dieser Ansicht von einer US-Zeitschrift, die monatlich erscheint und sich zu dem entwickelt hat, was Ende der sechziger Jahre Rolling Stone war: Das aufregendste Blatt an der vordersten Kulturfront. Wired heißt das Magazin, und es widerlegt alle vier Wochen die These, daß der moderne Mensch, vor allem der mit dem Computer beschäftigte, nicht mehr liest. Der längste Artikel in der Juni-Ausgabe ging über 18 volle Druckseiten (Format: 27 mal 23) und einen genialen Hacker, Ted Nelson, der bereits 1964 eine Software im Kopf hatte, die nicht nur dem derzeit beliebtesten Net-Zugang World Wide Web überlegen gewesen wäre, sondern auch noch eine Lösung für die brennenden Copyright-Probleme im Internet geboten hätte. Allerdings erreichte Nelsons Software mit dem schönen Namen Xanadu nie die Marktreife. Das nur nebenbei — noch mehr fasziniert hat mich ein Artikel einer Dame, die so vorgestellt wurde: «Jennifer Cob Kreisberg (jkreisberg@igc.apc.org) has an MA in theology and studies the sacred dimension of technology.» Ich las noch einmal — das in Klammern ist Frau Kreisbergs Adresse im Internet —, und blieb wieder hängen: «Sacred dimension of technology» — die geistliche, sakrale Dimension der Technologie. Falls Sie noch nicht gewußt haben, daß es die gibt, wissen Sie's jetzt. Die Überschrift lautete: «Ein Globus, der sich mit einem Gehirn umhüllt». Und dann legt sie los, die Studentin der Sakraltechnologie, und erklärt dem gewillten Leser den Zusammenhang zwischen der Theorie von der Noosphäre, dem Globalbewußtsein, des Jesuitenpaters und Wissenschaftlers Pierre Teilhard de Chardin und der praktischen Umsetzung dieser Theorie vor unseren Augen und Ohren mittels TV-Satelliten und weltumspannendem Computernetzwerk. Klaro, daß da auch Marshall McLuhan und sein globales Dorf nicht weit sind. Kurz gesagt: Die Autorin kommt zu dem faszinierenden Schluß, daß die Evolution, ganz im Sinne Teilhards, jetzt vollverdrahtet zu einem Bewußtsein ihrer selbst gelangt: «Eine neue Beziehung zur Erde entsteht. Wenn das passiert, schrieb Teilhard, ‹haben wir den Beginn eines neuen Zeitalters. Die Erde bekommt eine neue Haut. Noch besser, sie findet ihre Seele.›» So in etwa wurde mir damit schon klar, was die sakrale Dimension der Technologie sein könnte. Jetzt hoffe ich nur, daß bald möglichst viele Inder Net benutzen, und sei es nur, um mehr über Robbie und Take That zu erfahren. Der nächste Schritt zum Punkt Omega, der wahren Weltkultur Teilhards, wird dann nicht lange auf sich warten lassen. Ich hole mir inzwischen schon mal einen virtuellen BigMäc bei McDonalds — die sind schon lange im Internet. Hans Pfitzinger Laubacher Feuilleton 15.1995, S. 15
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