Wetten da’ss??

Ein apo’strophiertes Resignativum

Über die Physiognomie der Satzzeichen hat sich kaum jemand treffender geäußert als Adorno, der dabei teils auf ihre Semantik, besonders aber auf ihre optische Wirkung liebevoll einging. So sperrt der Doppelpunkt den Mund weit auf, schwierig, ihn zu füllen; das Ausrufezeichen ist ein erhobener Zeigefinger; das Fragezeichen ein Blinklicht, ein Augenaufschlag; der Gedankenstrich zieht «stumme Linien in die Vergangenheit, Falten auf der Stirn der Texte». Das Semikolon (aussterbensbedroht! Rettungsbedarf!) ist ein respektheischender Hängebart mit Wildgeschmack (sic). Auch den Hang zur Musik sieht Adorno bei den Satzzeichen: die Ausrufungen seien «lautlose Beckenschläge», Fragezeichen «Phrasenhebungen nach oben» und Doppelpunkte gar Dominantseptakkorde.

Der schöne Versuch zur Synästhesie der Zeichen ist immer noch fortzuschreiben, hier mit einem bislang recht unscheinbaren Gegenstand: nämlich dem Apostroph vor dem s, das bislang dem englischen Genitiv vorbehalten war und im Deutschen dazu diente, bei Eigennamen, die mit s enden, ebenfalls den Genitiv anzuzeigen, vor allem aber Auslassungen von Vokalen unter bestimmten Bedingungen anzuzeigen — das wäre zum Beispiel poetisches Sprechen, aber auch die Abschleifung von vokalischen Wortanfängen als markierter Nachbildung der gesprochenen Sprache.

Mittlerweile benimmt sich allerdings die geschriebene Sprache immer mehr wie die gesprochene. Länger schon erkennbar ist die Übernahme der englischen Genitivapostrophierung, die nunmehr beste Chancen hat, auch hier lexikalisiert zu werden: überall gibt es jetzt Döbbe’s Brot, Lothar’s Tagebuch, das Schweigen Kohl’s. Becker’s Bester wird im Saftladen angeboten. Werther’s Echte Bonbons bietet eine altertümelnde Variante, zumal im Verein mit dem ›th‹ — man soll das Produkt mit der Tradition des novecento assoziieren und es wohl auf die Zeit vor der letzten Rechtschreibreform von 1901 datieren. Weiterhin hält nun Einzug die Markierung des Plural-s mit Apostroph, also eine Übergeneralisierung des Genitiv-Apostrophs: Auto’s werden angepriesen, Disco’s besucht, Kaffee’s getrunken, und Kunst- und andere Tussi’s oder deren Heini’s von den Uni’s sind in ihren Sprachforschungen sowieso längst so fortschrittlich, die neuesten Erkenntnisse aus dem klopalen Internett beziehen.

Streitfälle und Irritationen? Pommes als Pomme’s oder Pommes’s? Pommes’s frittes’s? Oder lieber doch so lassen?. Schließlich ergibt sich die Chance, vor jedem s, das sich Richtung Wortende auftut, ein Apostroph zu setzen. Folgendes und mehr ist dokumentiert: nicht’s, ein Helle’s, fließend kalte’s und warme’s Wasser – gesehen in felix (felik’s) Bavaria, wo die Entwicklung der Apostrophierung grundsätzlich zügiger vonstatten geht als anderswo, handgemalt auf Plakaten oder gar gedruckt auf Schildern. Der apostrophische Wort-Interruptus ist ein V-Effekt des Alltags, macht stutzig — etwa’s pa’ssiert, etwas erscheint, da’s mich durcheinanderbringt. Aufreizend prangt da’s Apo’stroph, dri’scht es auf da’s zer’störte Wort ein, lauert ihm auf und lagert ‘sich ihm para’sitär an. Werden e’s mehr, typographi’sche Heu’schreckenschwärme, bringt mich da’s ‘staccato, da’s Gehämmer von lauter ‘’’’ in ‘Schwindel. Der Blick geht dann nicht mehr durch die Zeichen auf eine Bedeutung (wie durch’s Gla’s), ‘sondern bleibt daran hängen wie an einem ‘Spiegel. Rät’sel tun ‘sich auf, und der näch’ste ‘Schritt wird ‘sein, zur Vermeidung von Zweifel’sfällen das bloße s auf der Tastatur durch die Kombination ‘s zu ersetzen.

Denn läng’st verbla’sen da’s Gefühl dafür, wa’s nun richtig i’st, jede Erinnerung ein fahriges ‘Schwindelgefühl: i’st ‹nicht’s› ein Genitiv, oder ist’s eine Steigerung des Nichtenden im Plural? Nicht nur die Oberlehrer verlieren ihre Kategorientafeln, lang’sam ‘schwinden auch dem Normal’sprachbenutzer die ‘Sinne. Eine anarchi’sche Ur’suppe i’st zu durch’schwimmen mit lauter hochge’schnürten Genitiv’s, ‘stolzierenden Plural’s u. v. a. Und’soweiter’s, vielleicht verrutscht die Tastatur und es kommt *,+, gsfgölcö45(=(%/%§%§W!“/“§/!`)=()(&%&$§’’’’’’’ Oder ‘’,,’#?()/&=%%%%???

Man wird künstliche s-Wortendungen erfinden, denen man dann in besserwisserischer Pedanterie ein Dümmlichkeitsapostroph verabreicht. Alle Eigennamen wären probeweise in ‘’ zu setzen, auch ganze Sätze, wie in Anzeigen, in denen es ‘’Julia’s Traum bedeutet in Romeo’s neuem Audi TT in Padua‘s Liebesnest beifahren zu dürfen. Aus Paritätsgründen Akademiker bevorzugt‘’, viele Striche oben, dafür keine unten, quasi die eigene zerebrale Unwucht ihrer Genialität wegen vorab als Zitat kennzeichnen. Weiterhin könnte man jedes Wort überhaupt mit ‘’ begleiten, schließlich könnte man durch Kürze und Länge, Dick- oder Dünndruck, Kursivsetzung, Positionierung etc. die 26 Buchstaben des Alphabets codieren, mit Bildzeichen Ø@©•♣•♥♠↔←↑→↓±⎤⎡⎝⎛⎣⎧⎨∫⌠⎭‘s begleiten oder einfach ersatzlos streichen. Welche Vorteile beim Bau von Laptop’s! Daher schließlich der Vorschlag an die Rechtschreibkommission: alle Inkonsequenzen und Absurditäten abzublasen, kleinliche Vokalverdoppelungdehnungdoppel’s’statt’daß’hintervorderläufigkeitpunktuationsauseinanderschreibsorgen sowie auch alle Hoffnungen auf Restalphabetisierung gleich fahren zu lassen, mit einem großen Furz, von dem bislang nicht mal Bill Gates etwas ahnt: Die Schrumpfung des Tastaturumfangs um 96%!! Millionen von Kleinanleger-Tierchen können dann der Milchmädchen-Hausse der mikroelektronischen Branche fröhnen, die ad-nauseam-Diskussionen zwischen Schuldirektoren, Autoren und Regierungshansels haben ein Ende, und alle anderen widmen ihre Aufmerksamkeit dem Fußball, der haute cuisine, den Bildern, den Tönen oder den anderen schönen Dingen, die es vor und nach Rechtschreibreformen gab (und geben wird?).

Ralph Köhnen

Kurzschrift 3.2000, S. 55 – 57
 
Mi, 20.05.2009 |  link | (8383) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift und Sprache



Rosenzweig und Riefenstahl

Von jüdischen Namen

Bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts gab man sich in Deutschland mit den damals üblichen jüdischen Namen, die lediglich aus Vornamen bestanden, zufrieden. Aber ‹Samuel› oder ‹Sohn des Samuel› wurde den Behörden bald zu kompliziert, und um, wie könnte es in diesem Lande anders sein, «Unordnungen in der Konskription, in politischen oder gerichtlichen Verfahren und im Privatleben» zu vermeiden, zum Zweck der Assimilierung, also der Angleichung an die Sitten und Gebräuche des Landes, und wegen der «Unfügsamkeit der jüdischen Namen in Geschäften» wurde 1787 für alle Juden die Annahme von erblichen Familiennamen gesetzlich vorgeschrieben. Die Wahl ihrer Namen stand den Juden frei, allerdings nicht gestattet waren die des polnischen oder deutschen Adels.

Grundsätzlich galt: Wer viel bezahlte, bekam einen ‹schönen›, wer wenig oder gar nichts für die aufgezwungene Namensverteilung berappen konnte, erhielt einen ‹häßlichen› Namen. Kostenlos waren solche, die von Tieren oder Städten abgeleitet worden waren, wie ‹Löwenkopf›, später ‹Lewinhaupt›, oder, man glaubt es kaum, ‹Waldheim›. Oft waren auch Spitznamen oder Eigenschaften, die an der jeweiligen Person beobachtet worden waren, die Ursache für den späteren Familiennamen, so zum Beispiel ‹Weisheitsborn›, ‹Goldlust› oder auch ‹Geldschrank›. Diese waren ebenfalls ‹gebührenfrei› und riefen nicht selten das allgemeine Gespött hervor.

Nicht ganz umsonst, aber dennoch erschwinglich waren Namen mit den Endsilben Holz, Eisen oder Stahl. So dürften denn meine Ahnen, so Brecheisen denn jüdischer Provinienz ist, damals schon nicht eben über veritable Reichtümer verfügt haben.

Nicht zu klären ist auch, ob die Vorfahren der ach so arischen Leni pekuniär mehr oder minder besser gestellt waren, also ob's denn Riefensthal oder Riefenstahl sein durfte. Denn die teuerste Namenskategorie bildeten jene Namen, die von Blumen oder Edelmetallen abgeleitet worden waren, also ‹Lilienthal›, ‹Blumenfeld› oder ‹Goldstein›, und nur die betuchteren unter den Juden konnten es sich leisten, eine solche Wahl zu treffen.

So ist anzunehmen, daß der jüdische Nachname zu dieser Zeit eine Art Statussymbol darstellte, das Auskunft über Vermögen und gesellschaftlichen Rang gab.

Aber damit noch nicht genug. Wer sich diesem Edikt widersetzte, sprich wer sich vier Wochen nach dessen Erlaß noch keinen rechtsgültigen, eingedeutschten Nachnamen ‹besorgt› hatte, mußte mit einer saftigen Geldstrafe rechnen und wurde darüber hinaus als Ausländer registriert und dementsprechend behandelt. (Die Nummer hatten sie scheinbar damals schon gut drauf, die Deutschen.) Namensänderungen waren, abgesehen von der sprachgeschichtlichen Entwicklung, nur in besonderen Ausnahmen und mit Genehmigung des Kaisers möglich.

So hatte man es also, lange bevor es den Juden in Deutschland unter Hitler an den Kragen ging, geschafft, wenigstens erstmal die meisten der alten hebräischen Namen auszurotten.

Bettina Brecheisen

Laubacher Feuilleton 5.1993, S. 7

Die Photographie von Christian Reuther mußte hier aus technischen Gründen oben und unten beschnitten werden. Wir bitten um Entschuldigung bzw. um Verständnis. Ein Eindruck von der Bildgestaltung ist in etwa zu erkennen im Original Laubacher Feuilleton 5.1993, S. 1

 
Mo, 18.05.2009 |  link | (3119) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Historisches











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