Unbesteigbar

Kultisches Gerät: das Mountain-Bike

Das Rad, Allegorie des wechselnden Glückes und des Umschwungs aller Dinge, wird der Göttin Fortuna attributiert. Menschen klammern sich an dieses ziemlich instabile, ewig in Flucht befindliche Gerät, um nicht zu stürzen, vorherzusagen sind seine Bewegungsabläufe nicht allzu zuverlässig. Seine kultische Bedeutung bietet sich als wildes Amalgam aus Bewegungs- und Sonnenzeichen, Wiedergeburtslehre, ewiger Wiederkehr des Gleichen und doch auch Spannung dar.

Am Rad klebt also ziemlich viel Mythologie, aber auch nicht weniger Praxis, Tat und Freizeit. Initiator einer technischen Moderne, tritt es im sumerischen Ur etwa als ganze Scheibe mit fester Achse auf, zum Transport von Menschen und anderen Dingen bestens geeignet, und seither hat sich einiges getan: aus Gründen des sanften Individualverkehrs oder der Freizeit wurde ein zweirädriges, einspuriges Fahrzeug konzipiert, das der Fahrer mit eigener Kraft durch Tretkurbeln vom Fleck bewegt, im späten 19. Jahrhundert noch gestützt durch zwei kleinere Seitenräder, im ausgehenden 20. Jahrhundert auftretend auch als mountain-bike. Das mittlere Gewicht eines solchen Modells beträgt ungefähr 9,47385 Kilogramm, der Fahrer ist bemüht, dieses und sein eigenes durch Bewegungsenergie, Taxieren von schwer kalkulablen Zentrifugal- und Zentripetalkräften zu halten. Der Sattel signalisiert Askese, mehr noch, er droht, einem den Arsch aufzureißen — was jeder good sport aber mit Härte zu nehmen wissen wird. «Mega-equipped», wie es in einem Prospekt heißt — bei diesem Sportwerkzeug ist meist schon Bremse und Beleuchtung ausgepart — (soll der Fahrer genötigt werden, sein eigenes Licht strahlen zu lassen?). Die City-Version ist indessen mit Lampen ausgestattet, diese sind dann mit Plastikgittern gesichert vor dräuendem Niederschlag, und den Fahrer schützt vor solchen Unbilden in aller Regel ein eiförmiger Helm. Strotzendes, derb profiliertes Reifengummi verspricht panzerartige Bewegung allüberall und verhilft zu Odysseus-Phantasien der Eroberung: Erlebnisgesellschaft, ihre bescheuerte Variante.

Denn nicht nur befährt man Berge und Fußgängerzonen, weitere Blüten gibt es zu notieren: bei Gottschalks Wetten daß präsentiert sich am 12.3.94 ein Artist, der mit dem mountain-bike 15 Mineralwasserkisten unter sich aufstapelt und, das Gerät geschultert, einen Handstand darauf erprobt, Untertitel: das Rad als Joch des Menschen, aber wir wagen die Herausforderung. Auf mit Spikes bestückten Reifen seines «Magma Red Hot» donnert neuerdings Walter Arthofer, halb Mensch, halb Artist, durch den Eiskanal, wo sonst Bobfahrer hinunterschlitten. Angestrebt sind 80 Stundenkilometer — dies aus der Rubrik «harter Kurs mit weicher Birne».

Arthofer darf auch als Erfinder des Para-Biking bezeichnet werden, des Gleitschirmfliegens mit Fahrradaufsitz. Als Mythenklitterer tritt er damit an, wenn er derart den Traum von Ikarus und Dädalus variiert und Glücksrad- und Flugmotiv verbindet. Denn auch Phaeton wird verkörpert, der von seinem Vater Apollon den Sonnenwagen erbat, um auszureiten, wenngleich er ziemlich kläglich abstürzte.

Englisch ist die lingua franca der mountain-biker, was ja soweit ganz gut wäre. Indessen nimmt sich das Sprachgebräu ziemlich lübkisch aus. Ein rasanter «downhill» — die Schußfahrt — will hart erarbeitet sein, fast wie im Leben (wie wär's mit downie oder quickie?). Dem Katalogschreiber kommt es gleich vierfach: «Heiß! Hot! Caliente! Chaud! Oder wo gehst du zum Biken im Urlaub?» Kasusvertauschung kommt bei polyglotten Sprachlernern schon mal vor, Pardon sei gegeben. Doch da lebt die Cartoonfigur Rambo auf: «Boralyin + you = unbeatable» — eine ambitionierte Gleichung von Fahrradmetall und Mensch zweifelsohne. Oder es werden ganze Sätze entlehnt: «For more details consult your dealer», man will es genauer wissen, und ein bißchen naturwissenschaftlicher Diskurs tritt als Beglaubiger des Kicks auf: «Adrenalin und Endorphine werden frei!» Herzlichen Glückwunsch, so sehen Sieger aus.

Was als Vorzug zu erwägen wäre: jeder sein eigener Held, ein bißchen Selbsterfahrung lebend, die dem psychoanalytischen Diskurs entkommt, wird zur Fratze. Beschworen, ja simuliert wird eine gefährliche Welt, es soll das große Wagnis noch einmal greifen. Und doch sind diese «postmodernen» Mutanten zwischen Reinhold Messner und Dietrich Thurau eher Vortäuschungen eines unmittelbaren Lebens oder aufregenden Alltags, der dasjenige in die Freizeit verbannen will, was ihm an Spannung vielleicht mal gehörte — der Schlaf des Kopfes gebiert Allmachtsphantasien und Reste eines technischen Aberglaubens, der seine Normalität durch massenhafte Gefolgschaft proklamiert.

Ohne das Naturschöne noch einmal gesundbeten zu wollen (denn das hieße vielleicht noch mehr Fahrräder nach Sils Maria tragen), ohne auch die Verkarstung der Berglandschaften auf irgendwie blöde Weise in Anschlag zu bringen oder den Zeigefinger moralisierend zu heben — zwei Fragen bleiben hier: Was ist der Mensch, und wo fährt er hin?

Ralph Köhnen

Laubacher Feuilleton 10.1994, S. 2
 
Mi, 22.04.2009 |  link | (6818) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Sportliches


edition csc   (24.08.09, 15:31)   (link)  
Mountain-Bike

Aus Strange Sports; der Link ist leider nicht mehr auffindbar.



jean stubenzweig   (24.08.09, 17:44)   (link)  
Mont Ventoux
in: Unterschiedliche Ansichten






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