Stille

Oder: Warum es beim Stillsein laut sein kann, aber beim Lautsein nicht still

Stille macht beredt. Jeder weiß genau, was das ist. Aber keine Erklärung stimmt mit einer anderen überein: Bachfugen, ist doch klar. Es gibt manchmal so einen Moment mitten im Straßengewühl. Nachts allein in einer Schneelandschaft. Vor einem Gemälde von Giotto. Allein in den eigenen vier Wänden auf dem Fußboden liegend. Nur unter Wasser. Nach einem Rockkonzert ...

Regen, Wind und andere Phänomene sind einfacher zu fassen. Stille gibt es nicht. Jedenfalls nicht als Abwesenheit von Geräusch. Denn alles, was lebt, macht Geräusch. Und wer sich einschließt, in einen von allen Geräuschen isolierten Raum, der hört um so lauter das eigene Herz schlagen, hört diesen Leib rumoren, der nie still ist. Und draußen, selbst bei großer Ruhe, selbst bei jener vielbesungenen ‹Stille der Natur›, nimmt dieser Leib, an den nun einmal unsere Wahrnehmung gebunden ist, jedes kleinste Geräusch auf, denn er ist auch das, nicht nur durchpulste Hülle, auch Resonanzkörper.

Ist aber die ‹Stille der Natur› damit schon gestört? Besteht sie nicht im wesentlichen aus Störungen, aus einem Astknacken, einem Insektenbrummen, selbst dem Heulen einer Kreissäge im Tal? — Sind es nicht diese kleinen Geräusche, die den Bogen, den Raum der Stille aufspannen und erst Stille erkennbar werden lassen? Wie aber kommt es, daß sie dann nicht für jeden erkennbar ist? Und für den, der sie erlebt, wie leicht ist sie tatsächlich zu stören, wie leicht ist sie zu verlieren. «Avoir perdu le silence, le regret que j'en éprouve est sans mesurea» — die Stille verloren haben, das schmerzt mich unendlich, heißt es bei Maurice Blanchot (L'Arrêt de mort).

Trügerisch ist sie, die Stille, wie das Glück, mit seinem reimenden Augenblick. Und tatsächlich kann ihr Verlust schmerzen, so wie der Verlust von Glück. Und wie das Glück, wie das Erleben von erstaunlichen Zufällen, ist sie abhängig von der subjektiven Erfahrung, von jenem Resonanzkörper, der allein ihr Auftreten möglich macht.

Schweigen? Einsamkeit? Jeder kennt wohl Momente, die angefüllt sind mit einem Schweigen, das erst recht alle Sinne weckt. Solche Momente sind für manche oftmals dann ein Erlebnis von Stille, wenn sie von spiritueller oder sakraler Kontemplation aufgeladen sind. Oder überborden von emotionaler, erotischer Fülle. Was aber ist dann mit dem verzweifelten Schrei, mit dem aufbegehrenden Lärmen, das einen Menschen anfüllt, der in Folterhaft zum Schweigen verurteilt ist? Das Schweigen allein reicht wohl nicht als allgemeine Voraussetzung für Stille.

In seinen Attacken gegen den Surrealismus schreibt Joan Mirò über André Breton, was ihm am meisten fehle sei die Fähigkeit, «de recevoir la surprise», also wörtlich eine Empfänglichkeit für die Überraschung. Vielleicht läßt sich dieses Bild auf die Stille übertragen. Und damit ist eigentlich gesagt, was zu sagen ist, nämlich, daß die Stille Teil eines subjektiven Dialogs ist. Außerhalb dieser subjektiven Erfahrung kann sie nicht in Erscheinung treten.

Vielleicht aber könnte man hier auch beginnen und einen Nebensatz von Blanchot zum Motto machen: «tout commence, là ou je m'arrête» — alles fängt da, wo ich aufhöre (L'Arrêt de mort).

Denn vielleicht gibt es eine noch ganz andere Stille als jene, die so oft verstanden wird als eine glückhafte Seelenverfassung.

‹Stillwasser› bezeichnet nicht etwa eine glatte Wasseroberfläche, sondern jenen kurzen, kaum existierenden Moment zwischen Ebbe und Flut, wenn die Gezeiten wechseln. Wenn man lange genug an einem Nordseeufer sitzt, kann man ihn wahrnehmen, diesen eigentlich unmöglichen Augenblick: Für den Bruchteil einer Weile stehen die Bojen aufrecht, kerzengerade und ganz still, bevor sie dann in den Winkel der anderen Wasserrichtung gezogen werden und sich wieder senken. Genauso wie ein Ball, der, in die Luft geworfen, einen winzigen Augenblick stillsteht, bevor er, der Schwerkraft folgend, wieder fällt. Genauswo wie an der Grenze zwischen Wachen und Schlafen, das Bewußtsein für ein paar Sekunden in einem Zwischenbereich verharrt. Mit jedem Atemzug tragen wir diesen unmöglichen Augenblick mit uns — zwischen Ein- und Ausatmen entsteht er jedesmal neu, dieser kaum wahrnehmbare Hiatus, das Innehalten.

Anders als eine Pause, die in einem Musikstück die Stille als Schweigen der Musik markiert, ist dieser Moment in der Musik etwa mit jenem angespannten, kurzen Innehalten vor dem Einsatz des Hauptinstruments in einem Solokonzert zu vergleichen oder mit dem emotionalen Zögern, dem kurz aufseufzenden Stocken im Tango, bevor die Musik wieder in ihren Rhythmus fällt. Es ist ein angespannter Moment, ein verheißungsvoller Augenblick, nicht irgendein Zwischenraum, sondern der Zwischenraum, der einen Auftakt markiert, wie jene Sekunde, wenn im Süden die Luft stillsteht, kurz bevor die Zikaden einsetzen.

So eine Stille ist mehr als ein Seelenzustand. Sie hat die absolute Qualität eines Nullpunkts, eines kurzen Heraustretens aus Ort und Zeit. Ein privilegierter Moment, der mehr noch als dem Glück, der Ekstase gleicht. Anders aber als die Ekstase, trägt dieser Nullpunkt nicht hinweg, sondern sammelt gerade alle Sinne, alle Wachheit. Wenn man vor den kinetischen Skulpturen von Rebecca Horn steht, etwa vor dem Piano, das mit der Tastatur nach unten von der Decke hängt, und darauf wartet, daß gleich, gleich etwas passiert, bis man dann die herausfahrenden Tasten wie eine befreiende Entladung erlebt, mag dieser Nullpunkt im angespannten Zwischenraum erfahrbar sein, als ein Moment von höchster Geistesgegenwart.

Keine Stille als träumerischer Seelenzustand oder Glückserfahrung also, sondern ein Nullpunkt, der sich öffnet auf ein Terrain, wo das Neue, das Andere, das erwartete Unerwartete auftreten kann. Eine Art punktuelles Niemandsland, könnte man vielleicht sagen, wo für ein paar Sekunden die ganze Wahrnehmung gebündelt auf die eigene Wahrnehmung geworfen ist, alle Sinne für einen Augenblick bei sich sind, eine momentane ›tabula rasa‹ schaffend. Stille also als eine Art des sich Freimachens, Lossagens, als eine Voraussetzung für einen Wendepunkt.

«Stummheit, aufs neue, geräumig ein Haus —:
komm, du sollst wohnen.
Stunden, fluchschön gestuft: erreichbar
die Freistatt.
Schärfer als je die verbliebene Luft: du sollst atmen,
atmen und du sein.»


Das Gedicht von Paul Celan (In die Ferne) zeichnet dieses Bild einer Stille als Freiheit, von der neue Räume sich öffnen können. Vielleicht könnte man von zollfreien Bewußtseinsmomenten sprechen, die für einen Moment nicht nur aus Ort und Zeit, sondern aus den Konventionen unserer erlernten Kultur heraustreten.

Celan formuliert aber vor allen Dingen im Zusammenhang mit einer Situation von Stille die Erfahrung des auf sich selbst Geworfenseins. Seine Aufforderung vom «du sein» ähnelt seiner Auffoderung aus anderen Gedichten:

«[...] gib dich auch hier zu erkennen,
hier, in der Mitte des Marktes. Ruf's, das Schibboleth, hinaus
in die Fremde der Heimat: Februar. No pasaràn.»


Nun ist aber dieses Schibboleth-Rufen, eine Form von Individuation, allerdings eine, die auf einem dialogischen Prinzip beruht, das Martin Buber grundsätzlich entwickelte, auf dem Emmanuel Lévinas aber dann seine entscheidende Onthologie begründete, die mit einem im Du, in der Verantwortung verfaßten Ich, über Heidegger hinausging. Das Schibboleth-Rufen entspricht bei Buber einer Ich-Gründung im Grundwort «Ich-Du», in der menschlichen Zwiefalt, wie Celan sie in seinen Gedichten anlegt. «Je mehr der Mensch, je mehr die Menschheit vom Eigenwesen beherrscht wird, um so tiefer verfällt das Ich der Unwirklichkeit. In solchen Zeiten führt die Person im Menschen und in der Menschheit eine unterirdische, verborgene, gleichsam ungültige Existenz — bis sie aufgerufen wird», postuliert Buber. Und deshalb bezeichnet er das Schibboleth als das eigentliche, das menschliche ‹Ich›.

Das mit Celan neugewonnene Verständnis von einer Stille als «Freistatt» öffnet also eine ganz neue Dimension, nämlich die eines punktuellen Freiraums, wo das Ich auf sein Du geworfen wird, beides zusammenfällt zu einer Ich-gründenden Zwiefalt. Von dieser Perspektive aus wird die Stille zu einer individuellen Freiheit, zu einem Ausgangspunkt, dessen Parameter erst erfunden werden müssen. Schließlich öffnet sich damit, ganz im Gegensatz zu den Vorstellungen einer Stille, als einer Seelenverfassung, eine aktive politische Komponente. Denn, wenn der beschriebene Nullpunkt einen Moment von höchster Geistesgegenwart bedeutet, dann heißt das auch eine höchste Wirklichkeitserfassung und damit die Fähigkeit zur Veränderung und zum Handeln. Stille — so verstanden — hätte dann nichts mehr zu tun mit dem träumerischen «Über allen Gipfeln ist Ruh», sondern würde sich annähern an das Benjaminsche Aufwachen, vielleicht an das Aufwachen zur Revolution.

Doris von Drathen


Kurzschrift 1.1999, S. 9-13
 
Di, 14.04.2009 |  link | (1699) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Essai






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