Punks und Journalisten

Es war ein Kinderspiel: «Eckstein, Eckstein, alles muß versteckt sein.» Kennen Sie nicht? Na ja, vielleicht gab's das nur in Franken, wo ich aufgewachsen bin. Einer hält sich die Augen zu, und während er den Spruch sagt, müssen sich die anderen Kinder verstecken. Heute läuft das anders. Die Polizei hält die Augen offen, und sie können sich oft nicht schnell genug verstecken, die Punks. Abgesehen davon, daß Bayern rein geographisch gesehen tatsächlich zu den (deutschen) Südstaaten gehört, gibt es in diesem Landstrich eine Mentalität, die durchaus dem rassistischen Ungeist der amerikanischen Rednecks entspricht. (Die heißen übrigens deshalb Rednecks, weil sie ihr Haupthaar hinten so kurz scheren, daß zwischen Hemdkragen und Haaransatz immer ein Stück sonnenverbrannter roter Nacken sichtbar bleibt.) Aber Vorsicht, diese Dumpfmentalität ist bestimmt nicht auf Bayern beschränkt, wie Sie nach Lektüre des folgenden Zitats (aus der Süddeutschen Zeitung vom 18. September 1995) vielleicht annehmen werden: «Wegen offenbar geplanter Ausschreitungen hat die Passauer Polizei am Freitagabend 20 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren festgenommen. Unter ihnen waren auch zwei Mädchen. Sichergestellt wurden unter anderem vier Baseballschläger, fünf Messer, vier Gaspistolen und ein Schreckschußrevolver. Die meisten der potentiellen Randalierer kamen am Samstagmorgen wieder auf freien Fuß.» Das kann man sich auf der Zunge zergehen lassen: «Wegen offenbar geplanter Ausschreitungen.» Und: «Potentielle Randalierer.» Stammt von dpa, die Meldung. Da hat ein Journalist auf Nachtschicht einfach den Polizeibericht abgeschrieben — wer sonst müßte sein Tun damit rechtfertigen, daß da «offenbar» Ausschreitungen geplant waren? Und wer die Definition «potentielle Randalierer» finden? Die Leute wurden aber nicht verhaftet, weil sie (zum Selbstschutz vor Skinheads?) «Waffen» dabeihatten, sie wurden verhaftet, weil sie wie Punks aussahen: «Die 20 Angehörigen der Punk- und Rap-Szene stammen aus den Landkreisen Passau und Deggendorf.» Die Punks sind unsere Neger.

Und der Redakteur von der SZ? Er druckt es nach und wartet nur auf solchen Nachrichtenmüll, wie die dpa-Meldung vom 9. Oktober 1995 zeigt: «Zur Unterbindung und Verhütung von Straftaten hat die Polizei in Nürnberg rund 40 jugendliche Punks in Gewahrsam genommen.» Süddeutsche Zeitung, das Leib- und Magenblatt der Studienräte, Oberamtmänner und schöngeistigen Berufsschwätzer von 18 bis 80. Die Formulierung erzwingt Einverständnis mit dem Treiben der Polizei, alles schon recht so, kein Gedanke an Rassismus oder Vorbeugehaft unseligen Angedenkens. Dasselbe Blatt, in dem Joachim Kaiser sich über Beethoven-Interpretationen auslassen darf, dieselbe Zeitung, die auf der ersten Seite den gehobenen Esprit mit Streiflichtern pflegt und auf der Seite drei den Versuch seriöser Hintergrundreportagen. Aber lesen wir weiter, nicht ohne noch einmal auf die schöne Zeile «zur Unterbindung und Verhütung von Straftaten» hinzuweisen: «Die Polizei hatte die Ansammlung von etwa 60 Personen aus der Punkerszene festgestellt. Sie wurden beim Einsammeln von Flaschen beobachtet. Daraus ergab sich der Verdacht auf eine gewalttätige Aktion.» Ach ja? Vielleicht hat man Geld gebraucht und Flaschenpfand einkassieren wollen? Jedenfalls blieb es beim «Verdacht», denn: «Am Abend zogen sich dann die rund 70 Personen in das Jugendzentrum ‹KOMM› zurück. Kurz darauf verließen 40 Jugendliche das Gebäude und rannten durch die Nürnberger Fußgängerzone. Sie wurden im Bereich des Bahnhofsplatzes von den Beamten gestoppt und in Gewahrsam genommen.»

Total normal: Rennen verboten. In Bayern (wie wir aus früheren Meldungen wissen, gilt das auch für Hannover und die Insel Sylt, norddeutsche Häme ist also nicht angebracht), in Deutschland also, genügt es schon, anders auszusehen, um verhaftet zu werden. Das erinnert mich an den Cartoon mit den zwei Pandabären. Sie sitzen im Käfig, und der eine sagt zum anderen: «Du, sag mal — wenn es nicht illegal ist, ein Pandabär zu sein, kannst du mir dann sagen, weshalb wir eingesperrt sind?»

Sie handeln natürlich in Volkes Namen, die Polizei und Edmund Stoibers Wadlbeißer Günter Beckstein, der Mann fürs Grobe, ein fränkischer Rotnacken, der als Innenminister die Uniformierten anleitet zu solchem Tun. Was mich gelegentlich zur Weißglut bringt, sind die Journalisten, die zu Komplizen der schwarzen Scharfmacher werden: der unbedarfte Nachtdienstler bei dpa, der fröhliche Ignorantenredakteur bei der SZ, der diesen Stuß unverändert und, ohne auch nur Anführungszeichen zu setzen, nachdruckt. Sie denken sich offenbar nichts, aber auch gar nichts dabei, wenn sie ihren Lesern Formulierungen dieser (Un-)Art vorsetzen.

Gedankenlose Kinder, diese Schreiber? «Beckstein, Beckstein, Punks müssen versteckt sein.»

Hans Pfitzinger

Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 1
 
Di, 05.01.2010 |  link | (2253) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftliches



Telefax aus Paris

Photographie: mafate69 CC


Gestern brachte mir ein linientreuer 68er rote Rosen mit. «Die sind doch jetzt in Mode», beschwichtigte der stark ergraute Architekturkritiker, der nicht nur im Freundeskreis für seinen Zynismus bekannt ist, mein freudiges Erstaunen. Und dann gestand er, daß auch er am Abend des 10. Januar auf die Place de la Bastille gegangen war und sich selbst dabei ertappt hätte, unwillkürlich mit roter Rose zu erscheinen und sie vor einem der Riesenphotos, die an den vier Seiten des Platzes zum Gedenken an Mitterrand errichtet waren, niederzulegen. Wir waren einander an dem Abend nicht begegnet. Die Menschen standen so dichtgedrängt, daß man sich nur in der kaum merklichen Bewegung der Menge über den Platz tragen lassen konnte. Der Freund gestand noch mehr — auch er sei in dieser stillen, andächtigen Menge ergriffen gewesen, schließlich sei Mitterrand ja «doch irgendwie so etwas wie eine Vaterfigur gewesen».

Das war für mich mit dem ‹Doppelbewußtsein› einer Ausländerin das Beeindruckendste am Tod von Mitterrand: Bei aller Widersprüchlichkeit seiner eigenen Geschichte hat dieser Staatsmann es geschafft, in den 14 Jahren seiner Präsidentenzeit so etwas wie ein familiäres Band zu den Staatsbürgern zu knüpfen. Das Statement von der Straße, das in vielen Variationen durch alle Medien ging, «Da ist einer gegangen, der zu uns gehört hat, ja fast wie ein Familienmitglied», war einmal keine virtuell hochgespielte Blase; so haben das die besten Freunde auch empfunden.

Diese Wärme werden Chirac und Juppé nie erleben, auch wenn angeblich ihre Beliebtheit in den letzten zwei Wochen (Mitte Januar; Anm. d. Red.) um einige Prozent angestiegen ist. Charisma haben und Politik machen, sind zwei verschiedene Dinge.

Als neulich die Streikwelle auf ihrem Höhepunkt war und Millionen Demonstrierende durch die Straßen zogen, hielt Juppé seine lang ausstehende Rede an die Staatsbürger. Und da sagte der Premierminister doch den Satz: «La situation est grave, non pas pour moi, mais pour le pays.» (Die Situation ist dramatisch, nicht für mich, aber für das Land.) Stimmt. Selbst wenn er seinen Posten verliert, wird er kaum weniger verdienen.

Am selben Abend liefen in den Fernsehnachrichten an erster Stelle nicht etwa die Bilder von den Massendemonstrationen, sondern in ausführlichster Breite Berichte über die aus Bosnien geretteten beiden französischen Piloten, und Chirac sprach Grußworte für die beiden Familien, die so tapfer und geduldig die lange Wartezeit durchgestanden hatten. Dann kamen endlich ein paar zusammengeschnittene Reportagen, insgesamt drei Minuten, die lustige Clowns, fröhliche Gesangsgruppen und tanzende Maskeraden zeigten: die Menschenmassen reduziert auf Zahlen wie 50.000. Es waren aber eineinhalb Millionen, und sie marschierten durch die großen Achsen von Paris zur Place de la Nation von morgens um halb zehn bis abends um halb sechs, immer mindestens zehn nebeneinander in ununterbrochenem, dichtem Strom. Zwischendurch gab es tatsächlich mal ein paar Gesangsgruppen mit selbstgedichteten politischen Liedern, die allerdings immer den Kopf von Juppé oder von Chirac oder beider Köpfe forderten; auch einen Clown habe ich gesehen. Aber sonst? Arbeiter in dicken blauen Pullovern, die sich Ascheimer vor den Leib gebunden hatten und darauf mit Holzlatten den düsteren Rhythmus schlugen: «Tous ensemble, tous ensemble, tous ensemble ...» (Alle gemeinsam ...) Alle 200 Meter brannten sie nebeneinander ab, groß wie ein halber Arm. Der Qualm war so stark und undurchsichtig, daß für ein paar Minuten ein ganzes Straßenstück in grauen, beißenden Wolken völlig verschwand: nur noch die Brennköpfe der Kerzen selbst leuchteten. Am Straßenrand stand die zweite Masse von Zuschauern. Die Geschäftsinhaber hatten aus Vorsicht die Rolläden heruntergelassen. Einige, die am Straßenrand standen, weinten. Zum Glück, da fielen die eigenen Tränen nicht so auf.

Wer in den Medien die Begriffe ‹fröhliche Katastrophe› oder ‹Demonstrationskarneval› verbreitet hat, muß entweder von der Regierung gekauft worden sein oder hat — wie heute üblich — den Respekt vor Bildern verloren. Solche Naivität macht Angst.

Seit dem 21. Dezember, nach den sogenannten Dialogen, ist Juppé auf dem Fernsehbildschirm nicht mehr aufgetaucht. So, als wolle man ihn schonen. Denn die Fortsetzung der Streiks ist angekündigt. Und das Gerücht geht um, sie würden heftiger als vorher. — Der [angebliche; Anm. d. Red.] Ausspruch von Marie-Antoinette, wenn das Volk kein Brot habe, solle es doch Kuchen essen, ist mit dieser Regierung wieder in aller Munde.

Doris von Drathen


Laubacher Feuilleton 17.1996, S. 16
 
Mi, 30.12.2009 |  link | (2206) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftliches











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