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Schraubenkunst Was das Schöne an der Alzheimerschen Krankheit sei? fragte mich vor ein paar Monaten mein Kollege Lothar Romain. — Nun, man lerne jeden Tag neue Menschen kennen. Es ist nicht mehr nachzuvollziehen, ob dieser doch etwas makabre Witz zum Eröffnungstag der Art Frankfurt 1995 bewußt wieder ausgegraben wurde. Auf jeden Fall sprach da kaum jemand mehr von der Verleihung des ‹Elsheimer-Preises›, sondern ein sehr großer Teil der Branche (die ja für ihre biestige Tratschigkeit wahrlich bekannt ist) meinte: Ja — möglichst schnell vergessen. Das hat seine (tieferen) Gründe allerdings nicht nur in der allgefälligen Ignoranz oder auch Arroganz (die ja bekanntlich ihre tiefreichenden Schwimmwurzeln im Modder der Dummheit verankert hat) der Branche, sondern auch in berechtigtem Ärger. Bevor ich die Äußerungen anderer zu diesem Thema nenne, mache ich's mal anders als unser Bundeskanzler, der sich bei Schwierigkeiten gerne hinter seine Bediensteten stellt, und stelle mich vor (die meckernden Kolleginnen und Kollegen): Vor gut zehn Jahren habe ich mehrfach öffentlich-rechtlich vor den möglicherweise kommenden US-amerikanischen Verhältnissen in diesem unserem Lande gewarnt — für den Fall, daß es so weiter weggehe vom Mäzenatentum und immer mehr hin zum von vielen so ersehnten Sponsoring. Nun, unser Bundeskanzler hat sich lange Zeit und andauernd hinter seinen Finanzminister begeben — und nun haben wir den Schlammassel: In allen Bereichen der Künste die Abhängigkeit von denen, die mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen die Löcher stopfen, die von keiner Muse je geküßte, pragmatische Politiker in unsere Kulturhaushalte gerissen haben. So sei, stellvertretend, ein Exempel statuiert: Reinhold Würth, der Mann, dessen Name weltweit immer dann wie von Wirtschaftswunderhand eingeblendet wird, wenn sich ein Kamera-Team während der Verletzungs- oder Verschnauf-Auszeit einer Fußballmannschaft ausruhen darf (die Bandenwerbungspreise bitte bei der FIFA einholen); also jener, der diesen Hosenband-Orden erhielt auf der Art Frankfurt 1995, äußert ohne schwere Nöte (Honi soit qui mal y pense): Mit der Christo-Aktion in seinem Schraubengebäude im heimeligen, hohenlohischen Künzelsau spare er 2,5 Millionen Mark aus seinem Werbeetat. Wie das? Steuerlich absetzbare Kunst? Aber sicher: Es seien doch alle Fernsehkameras — und von denen gibt es ja mittlerweile (auch hierbei Dank an unseren Ober-Pfälzer) immer mehr — auf das Würth-Emblem gerichtet. Letzteres ist eine ebenso ungefilterte Äußerung des Reinhold Würth, dem Manager seines (10-Milliarden) Umsatzes, wie eine andere — die die vielfältigen Spekulationen der kunstverkaufenden Träger von Hoffnungen durcheinanderbrachte (und bringt): Er kaufe sowieso nur beim Künstler direkt, weil billiger. Er ist eben ein gestandener Geschäftsmann, der es versteht, den Zwischenhandel außen vor zu lassen. — Und ausgerechnet dieser Kunstfreund erhält auf einem Kunstmarkt von denjenigen einen solchen Preis, die sich darum bemühen, ein Produkt überhaupt erst einmal bekannt zu machen. À propos Kunstmarkt. Sagte da doch am Eröffnungstag ein Besucher zu seinem Begleiter: «Was ich bis jetzt gesehen habe, war ja recht ordentlich.» Mir stellte sich daraufhin die Frage, was er damit wohl gemeint haben möge. Das Angebot insgesamt oder die ‹neue› Ordnung, das ‹neue› Konzept, mit der es, die Kunst also, kanalisiert worden war? «Abstrakt-gestische Tendenzen» heißt es da, oder «Konstruktiv-geometrische ...» — oder «figurative». Mir fällt dazu nur ein, daß die seriösen «kritischen Kunst-Interpretatoren» (Annemarie Monteil) mit ihrer Arbeit sich immerfort bemühen, die Übergänge fließender zu gestalten, das Schubladendenken abzuschaffen. — Aber was soll's?! Schrauben verkaufen sich ja auch viel besser, wenn sie vorher wohlsortiert wurden. neue bildende kunst 3.1995, S. 75; nachgedruckt in Kurzschrift 3.2000, S. 13
Schnäppchen-Kunst Die vom verblichenen Andy Warhol als «Schwulenkrebs» bezeichnete Immunschwäche AIDS mag schrecklicher sein als andere Krankheiten. Doch ich kann mich langsam, aber bedrohlich des Eindrucks nicht erwehren, Krebs oder andere Schicksale, mit oder ohne Todesfolge, bekämen von einem Teil unserer Gesellschaft den Status zweiter Klasse zugewiesen. Oder sollte es, ohne mein Wissen, doch irgendwo Krebs- oder Multiple-Sklerose-Benefiz-Auktionen geben? Wie auch immer: Diese Teil-Gesellschaft ist unsere Art-Society der mittleren achtziger, frühen neunziger Jahre. Sie geriert sich wie ein Rotstift-Kommando, das die menschliche Sehhilfe Kunst zum (spieß-)bürgerlichen Affirmationsgestell zusammenstreicht. Sie ist ein (bedauerlicher?) Teil unserer Gesellschaft, deren «Anliegen» (ein Begriff, das ein gewisser Theodor Wiesengrund in den Orkus der Unwörter stieß) Nicolai Sarafov kürzlich liebevoll-resignativ «die Verwaltung des schlechten Gewissens» nannte. Ich kann das allerdings nur als ‹Vorab-Erbschleicherei› bezeichnen. Ich meine diejenigen, die, ob in Frankfurt oder Köln, ob, um Karlheinz Schmid zu paraphrasieren, in Stadtteilhausen oder Teilstadtbergen immer dann, modisch brav und uniform herausgeputzt wie für den Kirchgang, losstolzieren, wenn es gilt, bei AIDS-Benefiz-Veranstaltungen ein Schnäppchen zu machen. Mein langjähriger Ärger mutierte endgültig nach der AIDS-Auktion auf der letzten Art Frankfurt zur Wut. Da ich solche Veranstaltungen grundsätzlich meide, überkam sie mich erst spät am Abend. Da nämlich zitierte Vollrad Kutscher aus Angebot und Nachfrage. Ein paar Hausnummern: Hella Berent spendet eine Arbeit aus dem Jahr 1993 zum «Aufrufpreis» von 1.800 Mark; sie geht wegen mangelden Interesses zurück. Tomas Schmits 1980er Bratkartoffel, von Barbara Wien für 900 Mark zur Verfügung gestellt, wird von einem Jäger für 750 Mark «abgeschossen». Den Wert von 3.000 Mark stellte sich Marina Abramowicz vor als AIDS-Benefiz-Gabe für eine Arbeit aus dem Jahr 1993; bei dem Höchstgebot von 900 Mark geht sie zurück. Eine Blau-rote Überkreuzung von Rainer Ruthenbeck aus dem Bestand der Arbeitsgemeinschaft deutscher AIDS-Stiftungen sollte 1.800 Mark erbringen; Ergebnis: 1.000 Mark weniger. Einen mehr als günstigen Heerich wollte keiner, auch einen Förg nicht, und auch bei Nam June Paiks RCa von 1982 schnappten die Börsen der risikofreudigen Kunstfreundinnen und Kunstfreunde zu. Und das ist die Crux: Während New York, die Metropole dieser Erste-Klasse-Krankheit AIDS, zu Veranstaltungen mit präservativem oder reparativem Charakter unter 500 Dollar nicht mal Eintritt gewährt, richtet unsere mittelalterliche Achtziger-Jahre-Boutiquen-Gesellschaft, diejenige, die sich später zur Art-Society gewandelt hat, in den Beeten des Solidar-Gedankens einen exorbitanten Flurschaden an. Anstatt auf den Scheck für den Aufrufpreis nochmal dieselbe Summe zu schreiben, um den gesellschaftlich-verantwortlichen Wert solcher insgesamt für- und vorsorglichen ‹Auktionen› entsprechend zu bewerten, wird — im Grunde – «abkassiert». Hier erfährt der Begriff der siebziger Jahre, Ware Kunst, für den der ‹Eingeweihte› heute nicht einmal mehr ein müdes Stirnrunzeln übrig hat, eine unappetitliche Wiedergeburt: Kunst wird wie im Frühjahrs-, Sommer- oder Winterschlußverkauf verramscht – in Frankfurt, Basel, Köln oder anderswo. Krebs hin, AIDS her — diese Party-Nachricht würde ich gerne demnächst von einem der vielen Noch-Besserverdienenden hören: Vossmerbäumer auf Benefiz-Auktion ergattert. Sehr günstig. 1.200 Mark. Hab' ich gleich noch 1.000 draufgelegt. Na ja, gibt ja 'ne Spendenquittung dafür. artis 6.1994 + Laubacher Feuilleton 10.1994, S. 1
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