Fremdsprachen

Denn wenn man auch auf den ersten Blick in die Versuchung geraten konnte, anzunehmen, daß die Vielfältigkeit der Sprachen dem Menschen zum Unglück gereicht und eine Trennwand zwischen den Völkern aufgerichtet habe, so bemerkt man doch bei näherer Betrachtung, daß dem nicht so ist. Ja, im Gegenteil, die Verschiedenheit der Sprachen gibt dem Menschen die Gelegenheit, die Vielfalt des menschlichen Geistes in sich aufzunehmen. So wird die Kenntnis der Sprachen zu einem unvergleichlichen Vorteil und einer fast unumgänglichen Notwendigkeit in der Ordnung der Dinge. Hier scheint es mir, daß gerade meine Landsleute, die Franzosen, sich etwas mehr anstrengen müßten, da sie lange Zeit glaubten, es nicht nötig zu haben, aus dieser Quelle der Menschenkenntnis zu schöpfen. Wie eingebildet sind doch diejenigen, die annehmen, daß wir keiner fremden Sprache bedürften, weil überall die unsrige geläufig ist. Abgesehen davon, daß in England zum Beispiel die Kenntnis des Französischen nur sehr ungenügend gepflegt wird, finden sich auch in Deutschland, wo nahezu alle gebildeten Leute französisch sprechen, aufs ganze gesehen nur wenige, die es wirklich beherrschen. Ungleich wichtiger aber ist die Erwägung, daß jede Nation ihre eigene Sprache schreibt und spricht und daß man den ihr eigentümlichen Geist nur in dieser ihr eigenen Sprache erfassen kann. Und da sollten wir eine oberflächliche Konversation, wie sie heute allenthalben üblich ist, der Tiefe der Gedanken vorziehen, wie wir sie in der Litaratur der Völker finden? Andererseits ist es nicht zu leugnen, daß das Sprachstudium große Schwierigkeiten mit sich bringt. Herr von Mauvillon, der bei dem ungeheuren Arbeitspensum seiner Studien manchen guten Gedanken entwickelte, erklärt ganz richtig, daß in Europa zwei große Sprachfamilien beheimatet seien: die lateinische und die teutonische; daß aber nur die der zweiten zugehörigen Völker, da sie von ihrer Jugend an in beide eingeweiht werden, auch beide beherrschen, während die Angehörigen des lateinischen Sprachstammes sich auf die Ehrwürdigkeit ihrer Literatur verlassen und annehmen, sie brauchten nichts weiteres zu erlernen. Deshalb stoßen wir auch beim Erlernen von Fremdsprachen auf viel größere Schwierigkeiten als die Deutschen, die von ihrer frühesten Jugend an gewohnt sind, mit Latein und Französisch umzugehen. Diese Schwierigkeiten lähmen unseren Fleiß, und der Widerwille, den wir gegen diese Mühen des Geistes empfinden, bestätigt uns in unserem Wahn, daß derjenige, der sich im Besitz einer weiterverbreiteten Sprache weiß, keine andere nötig habe. Solange wir nicht in unserer frühesten Jugend Fremdsprachen lernen und weiterhin glauben, daß unsere Sprache allein für uns genüge — was unter anderem heißt, daß unsere Bücher, unsere Meinungen, unsere Kenntnisse für uns genug sind — so lange werden wir uns im Vergleich zu anderen Völkern in einer höchst nachteiligen Lage finden, die von Tag zu Tag schlimmer wird. Denn während andere Völker ihre geistigen Fähigkeiten durch den Umgang mit Fremdsprachen und fremden Literaturen befruchten, begnügen wir uns damit, unsere vermeintliche Erhabenheit möglichst lautstark hinauszuposaunen. Der Erfolg ist, daß sich Literaturen, die jünger sind als die unsrige, immer rascher in die Höhen der Geistigkeit aufschwingen, während die französische Litaratur stagniert. Das Resultat ist offenkundig: wenn wir weiterhin darauf beharren, uns nur auf unsere eigenen Kenntnisse zu verlassen, werden wir schließlich von anderen Nationen, die anpassungsfähiger sind, überflügelt werden. Man sage mir nicht, daß ja alle guten Bücher übersetzt werden. Denn ich wage förmlich zu behaupten: gerade die guten Bücher werden nicht übersetzt. Sind wir etwa nicht heute noch der Ansicht, daß die Werke der schönen Wissenschaften der beste und nahezu einzig wirklich schätzenswerte Teil der Literatur seien? Wie? Gibt es nicht noch genügend Länder, in denen es nicht erlaubt ist, sich mit den wirklichen Interessen der Menschen zu beschäftigen, und wo man infolgedessen in billige Schönrednerei ausweicht? Hat man etwa nicht die Kunst des Wortes einem Volk von Zwergen übertragen, die nichts anderes zu tun wissen, als die Produkte ihrer Schöngeisterei für Geist auszugeben? Ich wage nicht zu entscheiden, ob die Kunst, in Versen zu schreiben, unter den Arbeiten des menschlichen Geistes eine der schwersten sei. Aber eines weiß ich genau: sie ist eine der nutzlosesten.

Man bilde sich nicht ein, die ausländische Literatur zu kennen, wenn man ihre Komödien, ihre Possen, ihre Gedichte kennt. Bei einer solchen Beurteilung hätte Deutschland zum Beispiel viel zu verlieren. Die Beständigkeit und Ausdauer der Deutschen war groß genug, alle Wissensgebiete sehr gründlich zu bearbeiten. Hinzu kommt, daß man hier, infolge der Unübersichtlichkeit der Duodezfürstentümer, vieles ducken kann, was man in anderen absolutistischen Staaten nicht herauszubringen wagen dürfte. Dies um so mehr, als die Narrheit vieler Fürsten, die fast nur französische Schriften lesen, dem Nationalschriftsteller zuviel Verachtung entgegenbringt, ihm gegenüber die auch hierzulande strengen Pressegesetze anzuwenden. Man muß also ihre moralischen, politischen und ökonomischen Bücher lesen, um zu einer Grundkenntnis ihres Geistes zu gelangen. Gerade diese aber könnten bei uns nie übersetzt werden. Man findet darin viele wahre Schätze der Gelehrsamkeit, unbekannte Themen, gesunde Ideen, richtige Resultate, die wir mit Geschick anwenden könnten und die sehr dazu angetan wären, unsere eigenen Kenntnisse zu bereichern.

Honoré Gabriel de Riqueti, Graf von Mirabeau


Laubacher Feuilleton 3.1992, S. 5

Übertragen aus dem Französischen von Johanna Fürstauer
Aus: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, herausgegeben von Dr. Johanna Fürstauer, Merlin Verlag, Hamburg 1971, Seiten 281 - 284; mit einer ganz besonders freundlichen Genehmigung von Andreas J. Meyer (Verlags GmbH + CoKG, Vastorf bei Lüneburg)

 
Mi, 10.03.2010 |  link | (258) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift + Sprache
















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