Der dünne Pelz des Bären Burlót

Mit ansteckender Gutgelauntheit ruft das Großferkel Tip morgens seinen Mitferkeln im Kobel sein «Alles paletti?» zu und erhält die Antwort: «Palettikaleppi!» Die Welt ist noch in Ordnung — aber nur solange, bis Alter und Tod sich einschleichen: dann, wenn man mit dem Hintern so laut wie möglich gegen die Mauer anrennen muß. Und was dann klatscht, ist der Schinken, die Umstehenden grölen nur das Höhnen der Jüngeren.

Wer glaubt, aus Koolhaas' Buch ein Vorlesebuch für die Kleinen machen zu können, wird sich getäuscht sehen. Anton Koolhaas' einziges Thema ist der Tod. Doch der Autor teilt die Unschuld seiner Tiere, ihre Ahnungslosigkeit, ihr Ausgeliefertsein, ihre Ohnmacht und ihr Nichtverstehen. Er — 1912 geboren — hat ihm dann auch 80 Jahre standgehalten und war ihm vielleicht davongelaufen in dem gehetzten Schreiben vieler Romane und Geschichten. Die Hetze war ihm Notwendigkeit, denn als Präsident der Filmakademie blieben ihm nur wenige Wochen Schreibzeit pro Jahr. Einer Art Trance bemächtigte sich seiner, die ihn bis über die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit hinausführte. Eine losgelöste Schwebe ist in den Geschichten auch zu spüren; sie sind wirklich-unwirklich wie des Reihers Todesphantasie an seinem Eisweiher.

Außer über die gedankenschwere Leicht(sinn)igkeit eines Schweins weiß Koolhaas unter anderem einiges über die Eitelkeit von Hahn und Hühnern, die prankenhiebende Machtbesessenheit von Löwen, über die tumbe Leichtgläubigkeit des Jungschwans Kalaam und über die Liebe zweier Hasen zu erzählen.

Gleichnisse? Keineswegs. Fabeln noch weniger. Für Koolhaas' Tiergeschichten gibt es keine Gattungsbezeichnung. Seine Tierwelt ist sinister, also keine bessere, und so drängt sich auch keine moralinsaure Überheblichkeit auf. Wer moralisiert, glaubt an die Verbesserlichkeit der Welt. Aber die Welt ist, was sie ist: Wer frißt, wird gefressen, der schwächste hat das Nachsehen, und wer eine schallende Ohrfeige kassiert — und daran auch noch stirbt — hat einfach auf eine Frage die passende Antwort nicht gewußt. Das Böse erscheint in vielwiderwärtiger Gestalt. Aber Koolhaas begegnet ihm mit einem Achselzucken, was einem allemal lieber ist als der erhobene Zeigefinger.

Den literarischen McGimmik bildet hier nicht der erzählerische Kern der Geschichte — deren Faden verläuft sich manchmal, verheddert sich sogar —, sondern die Evokation eines Zustandes: Gefühlskälte, Angst, Liebe, um willkürlich drei zu nennen. Und es ist ganz selbstverständlich, daß das erste ein unangenehmes Gefühl unter dem Schwanz, das zweite der Schatten von Eulen in der Nacht und das dritte die Kunst ist, den richtigen Haken zu schlagen, wenn eh schon alles verloren ist. Und man muß zugeben, daß den Tieren diese Dinge doch recht gut stehen: Sie dürfen noch ungehindert verliebt sein, ungehindert albern, feige, eigensüchtig und weise, ja, und ungehindert philosophisch sein: kurzum alles, was von Menschen zu lesen oft nur noch peinlich ist. Verloren ist deshalb nichts, ist der Mensch am Ende doch nichts anderes als ein Tier.

Für den Leser eine Vorwarnung vorweg: Wer liest, wird den Tieren neue Namen geben müssen. Kaum einer wird je wieder ein Schwein betrachten, ohne daß ihm Tip einfällt, und Hasen werden immer aussehen, als ob sie gerade verliebt seien. Daran wird sich nichts mehr ändern lassen.

Gelegenheit macht Lobredner? Vielleicht. Wer hat was dagegen. Und weils die Übersetzerin schreibt, lautet die letzte seufzende Variation dazu auch: «Ach, gäb's doch mehr solche Bücher zu übersetzen!»

Ira Wilhelm


Der dünne Pelz des Bären Burlót

Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 12

 
So, 05.04.2009 |  link | (231) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schrift + Sprache
















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