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Die Hände des Tilmann Riemenschneider Eine Kurzerzählung Dunkel herrscht: Gewalt und Verzweiflung. Der Boden feucht, die Luft schneidend kalt, tropfend naß die Wände. Hoch über dem Silberband des Maines liegt Riemenschneider gefangen. Das Licht der Weinberge hüllt die Festung des Bischofs in grünen Zauber. Der Herrscher, sonst von Frauen, Essen und Wein und schrankenloser Machtfülle angezogen, schlürft sich an Opfern satt. Seinen aufgestandenen Untertanen, Bauern wie Bürgern, will er sich in die Knochen und in die Seelen einbrennen. Abgrundtief haßt er den Gekreuzigten, verwünscht Gebete, verflucht die eigenen gefalteten Hände. Erst ein Gesicht durchbricht die schmerzvolle Einsamkeit des gefesselten Künstlers. Noch einmal will der Gequälte durch sein größtes Werk gehen: den Marienaltar von Creglingen. Aus der Tiefe der Kassematte weht ein warmer Wind durch die feingliedrigen Ornamente des Altaraufbaus: ein sanftes Rauschen wie im Geäst eines Lindenbaums. Lange stillgestelltes Leben kehrt in die Figuren zurück. Hier ist noch nicht alles vollendet, Sehnsüchte liegen offen. Der Schöpfer dieser geschnitzten Dichtung möchte nicht mehr bloß aus der Predella herausschauen, wie bisher, selbsterniedrigt. Er will hinauf zu den Aposteln. Die Arme streckt er zu Marias Himmelfahrt empor. Mit der letzten Kraft seines verlöschenden Lebens sucht er sich an seinen zerbrochenen Händen nach oben zu ziehen. Da dringt langsam Bewegung in die Figuren ein. Philippus sieht als erster das von Schmerzen entstellte Antlitz des Bildhauers auftauchen. Vor Schreck fällt ihm sein Buch aus den Händen und reißt auch des träumenden Petrus Buch mit zu Boden. Beide Werke zerschellen. Das feiste Gesicht des Philippus nimmt einen unterwürfigen, schleimigen Ausdruck an. Der Apostel erkennt, daß hier sein einstiger Herr heraufkommen will. Sobald er begreift, wie unheilbar zerstört dessen Hände sind, lacht er mit bösartiger Genugtuung: Auch du hast deinen Meister gefunden. Petrus ärgert sich, daß sein Buch zugrunde ging, mit dem er seine Gewalt befestigen wollte. Er beschuldigt den Bildhauer, der sich noch immer nicht aufrichten kann. Bartholomäus wirft gar sein Buch nach dem Eindringling. Dann erfaßt Leben auch die rechte Apostelgruppe. Die überlangen, zerbrechlich anmutenden Hände der Apostel fangen an, eine neue Sprache zu führen. Statt von Zuneigung und Hoffnungen reden sie von Sattheit, Abweisung, fast Haß. Johannes läßt sein liebendes Gesicht fallen und schreit auf den am Boden Liegenden hinunter: Laß deine Dreckfinger von meiner Mutter. Die gehört uns, der Kirche. Uns, die oben sind. Das längliche Gesicht des Jakobus reißt zu einem vernichtenden Schlund auf: Zieh unsere Maria nicht in den Schmutz deiner Rebellen herunter. Die ist für euch viel zu schade. Tilman Riemenschneider wirft sich nicht weg: Bevor man mich beim Dom verscharren wird, will ich sehen, ob überdauern kann, was ich einst geschaffen hab'. Diesen Ausspruch lassen ihn seine Geschöpfe sogleich büßen. Andreas nimmt seinen Arm von Petrus weg und springt dem Hilflosen auf die blutigen Hände. Schmerzensschreie wecken das verschlafene Gesicht der soeben nach oben entschwebenden Maria. Ihre Hände geben die geknickte Gebetshaltung auf und neigen sich nach unten. Marias Arme werden lang und länger. Als sie Riemenschneider beinahe heraufziehen könnten, schlägt Petrus mit der Faust ihre spindeldürr ausgedehnten Arme ab. Es klingt, als ob Brennholz gespalten würde. Die Apostel atmen auf und lachen los. Sie fühlen sich von der Last der Anbetung befreit, fassen sich an den Händen und hüpfen herum, so gut es ihre steifen Beine erlauben. Ihr Freudentanz nimmt wildere Züge an. Die Augen quellen hervor, auch die Haarpracht gerät in Aufruhr. Als Johannes mit der Glut seiner Jugend den beleibten Philippus herumschleudert, treten die Adern seiner Hände noch stärker hervor. Riemenschneider ist zu schwach, um eine Warnung vor dem Unheil hören zu lassen. Philippus stolpert. Seine Gewicht hängt an den dünnen Händen des Johannes. Das schon rissige Lindenholz bricht. Philippus stürzt über den Altar hinaus und zerbricht auf dem Steinboden der Kirche, mit den abgerissenen Händen des Johannes verklammert. Blut spritzt aus den geplatzten Adern der Hände. Die anderen Apostel wollen nichts bemerken. Die Lücke in dem engen Altarschrein ist gleich geschlossen. Nun fassen sich ihre Hände nicht mehr zum Tanzen, vielmehr zum Angreifen. Sie zielen auf die wackligen Beine, die verwundbaren Hälse. Unter den faltenreichen Gewändern schlägt verheimlichtes Metall aneinander. Dem Jakobus kehrt sich die Wehmut seines Antlitzes in Grausamkeit um. Seine galante rechte Hand wird zur gepanzerten Faust, holt unter dem bodenlangen Gewand ein Schwert hervor und dreht es dem bärbeißigen Simon im Unterleib herum. Mit einem gellenden Schrei sinkt der Sterbende zusammen. Die übrigen tanzen auf ihm weiter als Fratzen eines schadenfrohen Vergnügens und ziehen ebenfalls ihre Waffen hervor. Über diesen Niedergang ihrer Verherrlichung starrt Maria mit toten Augen in eine unfaßbare Leere. So erlöscht das Gesicht, das Riemenschneider für kurze Zeit wenigstens über seinen Untergang erheben sollte. Der Gefangene möchte seine Hände ins Stroh eingraben. Er kann nicht. Er versucht sich aufzurichten. Er bringt es nicht mehr fertig. Er will sich auf dem Lager umdrehen. Die Arme versagen. Nach diesem Gesicht weiß er: sein künstlerisches Leben ist unwiderruflich zu Ende gegangen. Vielleicht werde ich mit dem nackten Leben davonkommen, aber mein Werk kann ich nicht mehr fortsetzen. Ich werde kein Messer, keinen Hammer, keinen Meißel mehr halten können: in diesen gemarterten Händen. Seine Verzweiflung wirft sich gegen die grinsende Wand. Er will sich aufbäumen. Sein geschundener Körper gehorcht nicht mehr. Als Tilman noch tiefer zusammensinkt, breitet sich ein zweites Gesicht über ihn aus, wie schon so oft, seitdem er aus dem Folterkeller in die Kassematten zurückgekommen ist: ein Gesicht seiner Erinnerung. Im Verhör wird er befragt, warum er im Rat der Stadt für die Bauern gesprochen habe. Warum er den Bewaffneten Ratschläge zum Sturm auf die Festung gegeben habe. Warum er den Bischof und seine Beamten verhöhnt habe. Warum er Flüchtigen durchgeholfen habe. Ob er einen geheimen Briefwechsel mit Bauernheeren unterhalten habe, vor allem mit Florian Geyers Schwarzem Haufen. Wo die geheimen Schriftstücke steckten. Des Bischofs Kanzler kommt eigens zur Folterung. Man fragt den Bildhauer, was er gearbeitet habe. Als er von seinen großen Altären sprechen will, brechen die Folterknechte in eine dreckige Lache aus. Ha, welchen denn? Er, der Verräter an Gottes würdigstem Diener. Der Kanzler stellt sich taub. Als Riemenschneider die Handlanger hören läßt, er habe die Himmelfahrt der Maria geschnitzt, schreien sie Hure! Hurenbock! machen mit widerlichen Gesten vor, wie sie überfallene Bäuerinnen zu vergewaltigen pflegen. Auf ein verstecktes Zeichen des Kanzlers hin werfen die erregt Schnaufenden den Holzschnitzer auf die Folter. Die Armsehnen werden ihm auf dem Streckbett zerrissen, auf den Stacheln der Leiter wird der Rücken zerfleischt, die Beine zerdehnt man durch Gewichte. Und mit höchstem Genuß brechen die Knechte dem Bildhauer Finger für Finger. Unter der Folter wirft Tilman seine Hoffnungen auf seine Schöpfungen. Seine schmalen Hände streckt er zu Maria hoch. Sie dreht sich weg und verbirgt ihre Armstümpfe. Als er nach ihr schreit und nach seiner Mutter, kehrt sie nur ein wenig den Kopf zur Seite. In ihrem einst jugendlich zarten, verklärten Gesicht sieht er tiefe Risse, grobe Falten und einen stumpfen Ausdruck. Dann läßt man ihn aus dem Folterkeller auf das Strohlager. Mit seiner restlichen seelischen Kraft will er sein Lebenswerk wiederherstellen. Noch lange sprechen seine Figuren von Gewalt und Vernichtung. Die Knochen verrenken sich, Finger brechen ab, manchmal ganze Hände. Unter Riemenschneiders Sehnsucht wachsen sie in seinen schlaflosen Nächten nach. Die Bärte zeigen zuerst Verwilderung, die Haare sind spröde. Auch sie gewinnen langsam ihre schöpferische Lieblichkeit zurück. Die einander mit Vergnügen abschlachtenden Apostel erlangen nach und nach den geglückten Ausdruck ihres Schöpfers wieder. Ihre in die Waffen verkrampften Hände öffnen sich, lassen die Eisen zu Boden sinken und raffen die Gewänder wieder kokett in Falten. In resignierender Liebe richtet Bartholomäus seinen prophetischen Blick auf den Krüppel. Seine Hände halten ein Buch offen, in dem Riemenschneider seine Zukunft zu lesen glaubt: einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Tilmans eigener Friede bricht, als der Bischof den Häftling nach Würzburg hinunter entläßt. Auf den Gassen der besiegten Stadt stieren ihn Feindschaft, Rachgier und Schadenfreude der Ratsherrn an. Die Mitleidenden müssen sich mit ihren Wunden verstecken. Alleingelassen purzeln dem Gelähmten die Phantasien seiner Schmerzensnächte wieder durcheinander. Die Apostel blicken hochmütig auf Riemenschneider hinunter. Bartholomäus schreit ihn an: Du bist an allem selbst schuldig. Erneut verändern sich die Hände aller, sie werden spitziger, knochiger, verlieren ihre Grazie und überziehen den Altar wie mit einem Spinnennetz. Den greisen Bildhauer fangen alte Angstträume ein, die ihn einst in der Werkstatt geplagt hatten. Aus den zwangsweise gefaltenen Händen der gebrochenen Bürgerschaft kriechen Würmer auf das weiche, wehrlose Lindenholz zu. Riemenschneider tritt der Angstschweiß auf die Stirn, er will aufspringen und sein Werk schützen. Doch er ist angekettet. Ein letztes Mal muß er sich geschlagen geben, das Heer von Würmern befindet sich auf dem Siegesmarsch. Das Blutrecht des Bischofs, die genießerische Grausamkeit der gekauften Knechte, die Erbärmlichkeit der Leisetreter fressen sich durch Riemenschneiders gelungenste Arbeit. Am Ende bleiben in den Bildern seiner vorauseilenden Erinnerung nur Häufchen von Holzmehl übrig. Bewunderung, Freude, Weisheit, Harmonie, Glück: alles zerfressen. Was einst die Prophetie von kommender Schönheit und Liebe hätte sein sollen, ist umgeschlagen in die Unheilsprophetie bleierner Knechtschaft. Das geschnitzte Sehnen nach Freiheit ist zerstoben. Schwarze Angst regiert. (Geschrieben im Sommer des Jahres 1993 in der Lüneburger Heide.) Hellmut G. Haasis Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 14
Die Engländer Im englischen Privathause lernte ich erst verstehen, daß gewisse Sonderbarkeiten des Engländers, die wir als Flegeleien bezeichnen, dies keineswegs sind. Der Engländer denkt eben in vielen Fragen anders als wir; anders, nicht besser, aber auch nicht schlechter. So geht er von dem durchaus vernünftigen Standpunkt aus: mache dir das Leben, wo du immer weilst, so bequem wie möglich. Sitzt du im Rauchzimmer und hast das Bedürfnis, deine Beine auf den Stuhl vis-à-vis, oder gar auf den Tisch, zu legen, so kann er nicht einsehen, warum du dir deinen Wunsch nicht erfüllen solltest. Kommt dann ein Zweiter ins Rauchzimmer, in dem zurzeit nur zwei Sessel sind, so denkt der Erste gar nicht daran, seine Beine von dem Sessel herunterzunehmen, sondern hält es für selbstverständlich, daß sich der andere einen dritten Stuhl aus dem Nebenzimmer holt. Er würde es genau so machen, wenn der andere die beiden Stühle im Gebrauch hätte. Er sagt sich eben, wer eher da ist, hat das Recht, die vorhandenen Bequemlichkeiten, soweit es ihm irgendwie beliebt, auszunutzen. Eine verständliche Logik für ein Volk, das in den letzten zweihundert Jahren fast auf der ganzen Erde im richtigen Moment immer eher da war, als die anderen, und darum das Recht des Ersten sehr hoch einschätzt. Wir regen uns darüber auf, wenn ein Engländer im Coupé eine ganze Sitzreihe einnimmt, um im Liegen sein Pfeifchen zu rauchen. Wir verlangen kategorisch von ihm, daß er aufsteht. Er würde in seinem Lande niemand stören, der es sich bequem gemacht hat, solange er überhaupt noch irgendein Plätzchen für sich findet. Er hält es im Gegenteil für rücksichtslos, wenn man ihn aus seiner bequemen Lage verdrängt, weil man sich gerade auf die Sitze in seinem Coupé versteift. Und genau so ist er in seinem Hause. Benutzt er seinen Schreibtisch, denkt er gar nicht daran, ihn für dich freizugeben, weil er annimmt, du wolltest zu jener Zeit auch schreiben. Sitzt du eher dort, stört er dich nicht durch unnütze Fragen: wie lange du noch zu schreiben hast? Kommt die Mittagsplatte zuerst zu ihm, nimmt er sich die Stücke heraus, die ihm am meisten zusagen; bei der nächsten Platte, die eher zu dir kommt, kannst du dich dafür revanchieren. Er fragt dich nicht: «Wollen Sie morgen früh um acht oder neun Uhr baden?» Ist das Bad frei, kannst du ja baden, ohne ihn zu fragen; ist es besetzt, mußt du eben warten; wie er ja unter gleichen Umständen auch warten muß. Geht ihr aus, gibt es keine Förmlichkeiten, wer zuerst durch eine Tür geht, wenn du keine Dame bist; denn die geht natürlich immer voran. Seid ihr aber Männer unter euch, so geht der zuerst hinein, der der Tür am nächsten steht. Auf dieser Grundlage ist das ganze englische Leben und so auch das Familienleben aufgebaut, und weil jeder dem andern seine Bequemlichkeit gönnt, fühlen sich alle behaglich. Ein weiterer Vorzug des Engländers besteht darin, daß er den Klatsch haßt. Er ist zu großzügig, um über Abwesende, die sich nicht wehren können, boshafte Bemerkungen zu machen. Natürlich gibt es Ausnahmen; bei uns gibt es aber in dieser Beziehung fast nur Ausnahmen und deshalb überall Familienzwistigkeiten, die jedem feiner organisierten Menschen den Aufenthalt in befreundetem Hause ungemütlich machen. Der Engländer fühlt im allgemeinen viel naiver, als wir, frischer, ursprünglicher und natürlicher; deshalb zerbricht er sich den Kopf nicht darüber, daß andere Menschen anders sind, sondern läßt sie mit Vergnügen anders sein, weil er weiß, er ist ja auch anders als die andern. Aus diesem Gefühl heraus erträgt er alle kleinen Schwächen der anderen mit bewundernswerter Geduld, solange man sich nur im übrigen wie ein Gentleman oder eine Lady benimmt. Durch diese Lebensauffassung fühlt sich jeder, der mit dem Engländer in nähere Berührung kommt, überaus sympathisch berührt, und zieht deshalb das englische home-life jedem anderen vor. Nur ist das Hineindringen in englische Familien sehr schwer, weil der Engländer natürlich durch längeren Umgang mit dem Fremdling erst zu erfahren sucht, ob dieser ein Gewinn oder eine Störung für sein Haus sein wird. Hat er sich aber für das erstere entschieden und öffnet sein Haus, dann fühlt man sich dort so wohl, als sei man das beliebteste Familienmitglied. Da ich [...] das Rezept kannte, wie man Engländer und Engländerinnen angelt, setzte ich mich in jedem neuen Boardinghause [...] ans Klavier und hatte überall den gleichen Erfolg. [...] Man darf aber nicht etwa Beethoven oder Bach spielen; das verständen sie nicht, auch wenn Beethoven selber am Flügel säße, sondern immer nur leichte, süße, etwas melancholische Sachen; dann beißen sie an. Alexander O. Weber * um 1880 Laubacher Feuilleton 13.1995, S. 16 Indiskretionen, Erlebtes und Erlauchtes, Heinrich F. S. Bachmair Verlag, Berlin-München 1917, S. 18 - 20
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