Wer immer hofft ...

stirbt singend.

Hier ist die Rede von Antoine Billot. An der Katastrophe von Arles nahm er teil. Hunderte Tote über Nacht, weil ein Damm brach. Soldaten holten ihn in Booten ab, als er bereits bewußtlos war vor Hunger und Kälte, mit beiden Armen an einen Baum geklammert.

1939 lag er unter der Lokomotive zusammen mit vier anderen Streckenarbeitern, da irgendetwas mit dem Warnsystem nicht geklappt hatte. Das Zugpersonal, das den Eilzug erst einige Meter hinter der Unfallstelle zum Halten bringen konnte, unübersichtliche Kurve, wurde im nächsten Ort ausgewechselt. Die Schäden an der Lokomotive waren gering. Unser Mann wurde ärztlich nicht sogleich behandelt, da man ihn zu den übrigen Toten gelegt hatte, später rappelte er sich noch einmal zusammen.

Eine Betondecke stürzte ein, sieben Frauen, die in dem Raum unter der Betondecke für eine Firma Kartoffeln schälten, wurden getötet. Er war der einzige Mann in diesem Raum. Stand im Augenblick des Betriebsunfalles in der Tür und wurde lediglich schwer verletzt, so daß die Ärzte an seinem Aufkommen zweifelten. Die Sache ging durch die Zeitungen.

Im Krieg wurde er von dem Ort, an dem er seine Verwundung empfing, zurückgeflogen ins Innere des Landes. Da ein Motor der Sanitätsmaschine aussetzte und das Flugzeug an Höhe verlor, kam von der Bodenstelle die Weisung, die Schwerverletzten abzuwerfen. Der Mann gehörte zu den Schwerverletzten. Er wurde abgeworfen. Niemand hätte mehr mit ihm gerechnet, da Mangel an Fallschirmen bestand. Aber er fiel noch ganz glücklich und ließ sich in dem Bauernhof, in dessen Gebiet er fiel, gesund pflegen. Es war sein Glück, denn er entging dadurch der Gefangenschaft und der Zwangsarbeit in Deutschland. Nach dem Sieg beging er die Torheit, sich auf den Nachhauseweg nach Südfrankreich zu machen. Auf diesem Weg geriet er in Nimes unter die verhafteten Milizangehörigen, die man ins Stadion trieb und mit Maschinengewehren beschoß. Hierein wurde er entweder durch ein Versehen verwickelt oder weil er tatsächlich etwas mit der Miliz zu tun hatte. Er lag angeschossen, verdeckt von einigen Toten, die über ihn gefallen waren, und wurde, wie er später erzählte: wie ein toter Stier, als tot abgeschleppt. Es gelang ihm später, sich zu entfernen.

Vom Wehrdienst in Algier wurde er befreit. Er nahm auch keine Arbeit mehr an, wenn sie in Betrieben stattfand, in denen die Unfallquote über 1,2 % im Jahr lag. Es passierte aber, daß er sich im Stadion eines südfranzösischen Städtchens in der goldenen Abendsonne ein Fußballspiel ansah, die Ränge bis auf den letzten Platz besetzt, plötzlich setzt ein wolkenbruchartiger Regen ein, der ganze Himmel ein einziger Wasserstrahl auf die Schaulustigen, die aus Angst, naß zu werden, zu Tausenden zu den Ausgängen der Arena drängen. Dabei blieben zwanzig Menschen, teils getötet, teils schwer verletzt, liegen. Der inzwischen vierzigjährige Billot — schon in der Nähe des Ausgangs — gehörte zu den erheblich Blessierten, entging aber dem Tode. Die Verletzung, die er auszukurieren hatte und zu der durch unsachgemäße Behandlung in der Kreiskrankenanstalt ein Leberleiden und eine leichte Blutvergiftung hinzukamen, bewahrte ihn vor der Teilnahme am Suez-Abenteuer, von dem man damals nicht wissen konnte, ob es nicht gefährlich enden würde. Der Mann war dankbar.

Alexander Kluge


Laubacher Feuilleton 20.1996, S. 16

Aus: Lebensläufe, Bibliothek Suhrkamp 911, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1986

 
Di, 29.03.2011 |  link | (1167) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Der Töter

Eine Erzählung von Veijo Meri

Er lag im Morast am Flußufer, unbeweglich, vom Morgengrauen bis zum Abend; wenn es dämmrig wurde, verschwand er. Eine Woche hindurch war er da, ohne sich entdecken zu lassen.
Er trug eine aus einer riesigen Stoffmenge gearbeitete Montur, mit Streifen und Fransen; darin war er wie ein raschelnder Erlenbusch, der den Wind öffnet und schließt, ohne den Blick hindurchzulassen.
Seine Augen suchten unablässig das gegenüberliegende Flußufer ab, den dreißig Meter hohen Sandrücken, im Fernrohr, und ohne Glas. Vor allem an dieser an- und absteigenden Grenzlinie war er interessiert, die über ihm den klaren Himmel vom trüben Land trennte. Von Zeit zu Zeit ließ er, um sich Abwechslung zu verschaffen, seinen kreisrunden Blick den Abhang hinabgleiten: zu den verschiedenen großen grauen Steinhaufen und den grauen Flecken Sand. Bis die im Fluß angestaute Floßholzmenge sich plötzlich über ihn zu neigen schien. Er richtete den runden, sehr wenig einfangenden, sich aber dafür umso weiter erstreckenden Blick langsam wieder nach oben, dorthin, wo das Land aufhörte und sich der Himmel öffnete. Er hob seine Waffe, die in Streifen und Fransen gekleidet war wie ihr Herr, so langsam an, daß nichts auf eine Bewegung hindeutete.
Damit der Körper nicht einschlafe, brachte er ihn von Zeit zu Zeit in Bewegung: er zog die Knie an und krümmte dabei den Rücken, dann streckte er sich, indem er die Beine spreizte, aber so langsam, das nichts die Bewegung verriet. Damit konnte er eine halbe Stunde zubringen, um danach zwei drei Stunden dazuliegen, ohne sich zu rühren.
Um den Donner des Artilleriefeuers kümmerte er sich nicht, die Schußziele lagen weit ab, vor und hinter ihm. Man hatte versucht, ihn mit Granatwerfern zu vernichten am dritten Tag, indem man das Fichtenwäldchen am Flußufer unter massiven Beschuß nahm. Der Gegner feuerte mit hochexplosiven Geschossen, die in der Luft zerplatzten, aber er hatte das vorausgesehen und sich aufs offene Moor abgesetzt. Er hatte seinen Tarnanzug umgekrempelt und lag dort einen Tag über als gelbblau gefleckte Moorlache, ehe er wieder an seinen Platz zurückkehrte.
Der Frontabschnitt war ruhig, zu ruhig. Immer wieder kam es dazu, daß er durchs Zielfernrohr einem Gegner direkt in die Augen starrte, die durch ihn hindurchzublicken schienen, wissentlich, aber sein Finger rührte sich nicht am Abzug. Aufgrund des Schusses hätte man ihn lokalisieren können.
Sie versuchten ihn dazu zu bringen, daß er schoß. Man arrangierte für ihn Scheinziele: ein Helm bewegte sich wie eine Schildkröte die Randlinie des Abhanges entlang. Wenn sich ein Mensch bewegt, hebt und senkt sich der Kopf immer ein wenig. Wenn seine Füße sich voneinender entfernt haben, ist er kleiner als in dem Moment, indem sie sich einander genähert haben. Derlei Grundregeln schienen die Fallensteller nie zu lernen. Man hatte ihn auf alle nur möglichen Täuschungsmanöver trainiert. Davon abgesehen schoß er nie auf einen Helm; immer nur ins Gesicht, ins Zentrum des Gesichts. Zielmarke war der Schnittpunkt der über Auge und Nase verlaufenden Achsen, ihr Nullpunkt. Auf einen seitwärts gedrehten Kopf schoß er nur im Ausnahmefall, weil das Ziel uneinheitlich und es ziemlich schwierig war, so schnell, in einer Zehntelsekunde, einen Fixpunkt zu finden. Die einzig mögliche Stelle war das Ohr, aber damit man einen effektiven Treffer erzielte, mußte der Einschlag dicht dahinter liegen. Und zudem war die Zielfläche schmal. Außerdem hatte der Helm einen langen Nackenschutz. Wenn ein Mann einen Helm aufhatte, schoß er auf ihn weder von der Seite, noch von hinten, außer aus allerkürzester Entfernung. Wegen der schiefen Bauform hatte man den Helm praktisch immer im Anschlagwinkel.
Man betrachtet seinesgleichen als für seinen Beruf geeignet, wenn er sich in der Lage zeigt, auf eine Figur von der Größe eines Kopfes aus einer Entfernung von sechshundert Metern mit hundertprozentiger Treffsicherheit zu schießen. Aber das genügt nicht. Man kann einem Menschen das Gesicht unter den Augen wegschießen, und das Ganze ist nichts als Pulververschwendung. Es gibt Stellen im Kopf, an denen ein Einschuß nicht tötet. Aber er kannte alle Finessen seines Fachs, den Bau des menschlichen Schädels aus dem Effeff. Wenn eine Kugel nicht schlagartig tötete, hatte er versagt, und der Tag war verdorben. Der fortwährende Schmerzensschrei war für ihn beschämend. Nichts weiter wurde von ihm verlangt als die vollkommene Leistung. Einem Mann Glieder und Organe außer Betrieb zu setzen, kann jeder Stümper. Der augenblicklich erfolgende absolute Tod kommt selten vor, so selten, daß viele glauben, so etwas gäbe es gar nicht. Jemand, der auf der Stelle tot ist, hat keine Gelegenheit mehr, einen Laut von sich zu geben, die Glieder versagen der angefangenen Bewegung den Dienst.
Die letzten fünf Tage hatte er niemand erwischt. Dermaßen vorsichtig war der Gegner geworden. Seine Scharfschützentätigkeit auf diesem Frontabschnitt war beendet. Die Verlegung an einen anderen Abschnitt stand ihm bevor. Länger als eine Woche hielt er sich selten in einer Gegend auf. Er hatte ein Betätigungsfeld, das sich über zwanzig, dreißig Kilometer erstrecken konnte, je nachdem, wie begehrt er war.
Ohne auch nur einen Schuß abgegeben zu haben, zog er sich bei Anbruch der Nacht vom Moor zurück. Aus dem Fluß stieg Nebel auf, wie aus einer tiefen Kluft, und wälzte sich über die Moorblöße zum Wald hin. Wie ein bläulicher Rauchflecken inmitten weißen Strohfeuerrauchs bewegte er sich in der Richtung fort, ebenso langsam wie der Nebel.
Die in ihren Unterständen eingemieteten Landser sahen, wie er vorüberging. Sie trauten sich nicht, ihm mit Fragen zu kommen, und die Unterhaltung brach ab, als hätte ihnen jemand einen Reißnagel in den Gaumen gedrückt. Nur ein Unterleutnant der Infanterie schloß sich ihm auf dem Pfad an, um ihm eine Zigarette anzubieten, aber er war kein Raucher. Der Unterleutnant fing an, ihm vom MG-Nest zu erzählen, aus dem sie Seitenfeuer bekommen hätten und das ihm große Verluste gebracht hätte. Er wiederholte jeden Satz und redete ununterbrochen. Der Feind läge auf der Anhöhe gegenüber, hoch über dem Flußufer. Seine Männer lägen unten auf dem flachen Moor. Alle Flußufer auf der Westseite wären hoch wie Berge, und überall auf der Ostseite gäbe es Moor. Gott hätte sich gedacht, daß hier ein Reich verkehrt herum entstehen solle...
Sie kamen zur Schneise. Der Streifen Tageslicht brachte das weiße Gesicht des Unterleutnants und seine flatternden Augen zum Vorschein. Sein Mund und seine Augen kamen nicht zur Ruhe. Er erklärte, daß er mit sieben Jahren auf dem Eis eingebrochen sei. Seitdem habe er das dauernde Augenzucken. Er wisse nicht genau, worauf das zurückzuführen sei, aber er glaube, das eisige Wasser habe ihm die Augen verdorben. Er sei nachtblind, sehe nichts...
Der Unterleutnant bot, als sie am Ziel waren, wo der Kradfahrer wartete, Schokolade an, aber der Scharfschütze schwang sich, ihm den Rücken kehrend, auf den Soziussitz und setzte den Büchsenkolben auf die Fußraste. An der Büchse gab es keinen Riemen. Er hatte die Erfahrung gemacht, daß ein Riemen nur hinderlich ist, obgleich die Gewehrschützen auf Riemen und stramme Lederjacken als Rückhalt beim Visieren schwören. Aber das war mehr etwas für Federwildjäger, für stehend freihändiges Schießen. Die Büchse war nicht auf dem Rücken zu tragen, er mußte sie in der Hand behalten. Als der Fahrer auf den Kickstarter trat, knatterten im Wald hundert Maschinen gleichzeitig los. Die fuhren da im Gestrüpp neben ihnen her, wie eine riesige Eskorte.
Der Scharfschütze war in einem fünfzehn Kilometer weit im rückwärtigen Gebiet gelegenen Dorf untergebracht. Jeden Morgen, ehe es hell wurde, wurde er von einem Kradfahrer in die vorderste Linie gebracht und dort jeden Abend, wenn es dunkel wurde, wieder abgeholt. Er hatte ein eigenes Zimmer im Kasinogebäude neben dem vom Regimentsstab belegten Räumen. Dort lag er nachts in einem richtigen Bett, und dort nahm er sein Essen ein, das ihm der Chauffeur aufs Zimmer brachte. Er erhielt Offiziersverpflegung mit einer Extrazulage.
Als er sich beim Bataillon zum täglichen Rapport meldete, den er telephonisch durchgab, kam der Kommandeur auf das MG-Nest zu sprechen, das dem Bataillon große Verluste gebracht habe. Es sei kein Befehl, aber er bitte darum, das MG außer Gefecht zu setzen oder es in Schach zu halten.
Der Scharfschütze sagte, er habe das MG bemerkt, und er wisse schon. Das MG hatte sich dicht an der Mündung des von Osten herkommenden kleinen Nebenflusses eingenistet, und wahrscheinlich mit dem Auftrag, im versumpften Flußgelände eine seitliche Truppenverschiebung zu verhindern. Es gab dort auch etwas weiter entfernt eine Brücke, aber die war nicht passierbar, noch nicht einmal nachts, weil sie sich deutlich gegen das Wasser abzeichnete und weil das MG dort freies Schußfeld hatte, die Brücke unter Beschuß nehmen konnte auch bei völliger Dunkelheit. Das MG-Nest war von der gegenüberliegenden Seite des Flusses her nicht zu beschatten, der Sumpf war bodenlos und nicht begehbar. Davon abgesehen war es nicht gut möglich, ein MG mit einer einfachen Büchse außer Gefecht zu setzen. Und sich mit einer Panzerbüchse ins vorgeschobene Gelände zu begeben, lohnte sich ebensowenig.
Er ging in sein Zimmer, nahm sein Essen ein und reinigte sorgfältig sein Gewehr, obgleich er nicht damit geschossen hatte. Er füllte die Patronentaschen mit neuen Patronen. Er hatte Spezialpatronen, deren Pulverkörner genau abgezählt waren. Auf dem Moor könnten die Patronen und das Gewehr Wasser angezogen haben. Ebenso sorgfältig wie für seine Waffe sorgte er für sich selbst. Er achtete darauf, daß die Zusammensetzung der Nahrung zweckentsprechend sei. Wenn er sich morgens gründlich entleert hatte, war er wieder für einen ganzen Tag fit, ohne an die Befriedigung seiner Befriedigung oder die Verrichtung seiner Notdurft denken zu müssen.
Als ihn die Wache am frühen Morgen weckte, stieg er in seinen Tarnanzug und bekleidete sein Gewehr. Er war entschlossen, sich mit dem MG-Nest zu befassen. Die Sache schien ohne weiteres klar zu sein, als hätte sein Gehirn nachts im Schlaf die Entscheidung getroffen, wie die Aufgabe durchzuführen sei, obgleich es sich um eine schwierige Gleichung handelte, in der es verschiedene Unbekannte gab. Er dachte schon nicht mehr an seine Verlegung, die beschlossen und bereits mit ihm abgesprochen war, an den Einsatz auf dem anderen Abschnitt, wo man ihn sehnlich erwartete. Es gab ja für ihn auch hier noch eine sauber umrissene Aufgabe, und er war sich völlig im Klaren über deren Durchführung.
Er zog die Generalstabskarte aus der am Nagel hängenden Kartentasche und vergewisserte sich, daß es da wirklich einen Weg gab, auf dem man auf der anderen Seite des Nebenflusses in den Abschnitt des II. Regiments gelangen konnte. Er hatte nicht gewußt, daß es solch einen Weg gab, ihn aber als bekannte Größe für seine Berechnung eingesetzt.
Nebenbei ging ihm auf, daß der Unterleutnant ihn angelogen hatte mit dem, was er am Abend zuvor über die Gefährlichkeit des MGs erzählt hatte. Wenn das MG-Nest von der Gefechtslinie aus nicht zu beschießen war, wie konnte es dann umgekehrt möglich sein, von dort aus den Abschnitt unter wirksamen Beschuß zu nehmen? Aber irgendetwas brauchte der Unterleutnant ja wohl, um sich wegen der Verluste seiner Kompanie rechtfertigen zu können. Und der Bataillonskommandeur glaubte, was man ihm einzureden versuchte.
Sie mußten einen Umweg von vierzig Kilometern machen, ehe sie ans Ziel kamen. Er schickte den Kradfahrer zurück und befahl ihm, ihn abends am selben Platz wieder abzuholen. Er robbte am Fluß entlang und arbeitete sich zur Flußmündung vor, bis ihm das MG-Nest auf der anderen Seite des Flusses genau gegenüber lag. Das Flußufer war leichter begehbar als das auf der feindlichen Seite. Der Unterleutnant hatte zum Schluß von diesen unheilvollen Ufern geredet, am Abend.
Er richtete sein Gewehr auf das Nest und starrte durchs Glas. Im ersten Tageslicht tauchte in der schwarzen Öffnung der Umriß eines MGs auf, ein Modell mit Wasserkühlung. Gegen die Waffe selbst war er machtlos, aber deren Bedienungsmannschaft konnte er außer Gefecht setzen, dem Gegner sogar an dieser Stelle einen solchen Schlag versetzen, daß ihm für längere Zeit die Puste ausgehen würde. Vereinzelte Gewehrkugeln zischten pfeifend durch die Luft.
Alles schien auf einen sehr ruhigen Tag hinzudeuten. Nur von fern hörte man im Norden das dumpfe Grollen der Artillerie.
Als im rückwärtigen Flußgelände wildes Geschrei losbrach, begleitet von spärlichem, zaghaften Gewehrfeuer, das sich schließlich zu ohrenbetäubender Knallerei steigerte, wie bei einem Zusammenstoß mit einem feindlichen Stoßtrupp, kümmerte er sich nicht darum. Er bemerkte den im Fluß tauchenden Mann erst, als die Strömung ihn bereits dicht an seine Schußlinie herangetragen hatte. Die Gewehrkugeln peitschten das Wasser, prallten am Wasser ab und schlugen in der Böschung am gegenüberliegenden Ufer ein; sie schlugen dicht vor ihm weiße Stempelmarken in die schwarzen Flußhölzer. Er sah einen um einen Stamm geschlungenen Arm, aber der Arm war im selben Augenblick wieder verschwunden.
Die Strömung war stärker und rascher, als die im Fluß treibenden Stämme erkennen ließen. Der Unterleutnant war am nördlichen Geländeabschnitt seiner Kompanie ins Wasser gesprungen, und die Strömung hatte ihn bereits dicht unter das MG-Nest abgetrieben. Unglaublich, wie schnell und weit ihn der Fluß nach jedem Untertauchen mit sich fortriß. Zwischendurch ruhte er sich, nur den Kopf über Wasser haltend, hinter einem der Flußhölzer aus. Die Hand, mit der er sich festklammerte, verriet ihn, aber sobald ihm die Kugeln um die Ohren zu pfeifen begannen, tauchte er wieder unter. Obgleich es Tag war, waren die Flugbahnen der Leuchtspurgeschosse deutlich zu erkennen. Die aus den tiefergelegenen Stellungen abgefeuerten Geschosse hatten zu wenig Durchschlagskraft, sie sprangen an der Wasseroberfläche auf, zurück in die Luft.
Erst als der Schwimmer am gegenüberliegenden Ufer auftauchte und an Land stürzte, erkannte ihn der Scharfschütze an der blonden, langen Mähne _ denn der gewöhnliche Landser war kahlgeschoren _ und irgendwie auf Grund eines Gesamteindrucks; der Mann war nackt. Er tauchte dermaßen schnell wieder im hohen Ufergras unter, daß es unmöglich war, sich die Stelle zu merken, wo er verschwunden war. Die in der Böschung einschlagenden Gewehrkugeln wirbelten hier und da vom Blick kaum einzufangende Staubwölkchen auf.
Der Unterleutnant schien genau kalkuliert zu haben. Erst als der Scharfschütze nicht mehr auf seinem Geländeabschnitt erschienen war, hatte er sich getraut, und gleich so, als könnte ihm keiner mehr etwas.
Als sich der Überläufer am Abhang aufrichtete, war der Scharfschütze der einzige, der ihn bemerkte. Er lag knappe zweihundert Meter von ihm entfernt. Die nächste Infanterie-Stellung lag dreihundert, vierhundert Meter weiter zurück, abseits der Schußlinie. Der Unterleutnant bewegte sich in langen Sätzen wie ein Bergtier auf vier Beinen auf sein Ziel zu. Er war auf dem sandigen Abhang durch seine Hautfarbe so vollkommen getarnt, daß nur die immer wieder gleichbleibend schnell aufsteigende Staubspirale seinen Fluchtweg verriet. Der Scharfschütze reagierte blitzartig. Er richtete sein Zielfernrohr auf die Horizontlinie des Abhangs und wartete. Vor der Flinte im Glas drei feindliche Schützen und den MG-Stand. Eins der Gesichter mitten im Fadenkreuz. Alle drei Schützen vom Scheitel bis zum Koppelschloß direkt im Visier! Überall, auch weiter entfernt auf den Flanken, tauchten die Männer hinter ihren Verschanzungen auf, um den Ablauf des Geschehens zu verfolgen. Der Überläufer steigerte sich bei zunehmender Erschöpfung bis zur Raserei, sein rhythmisches Aufbrüllen klang gedämpft über den Fluß herüber. Als er oben am Hang zum Sprung ansetzte, um hinter der Kammlinie zu verschwinden, war für den Scharfschützen der Augenblick gekommen. Trotz seiner rasenden Geschwindigkeit schien der Überläufer für die Dauer eines meßbaren Augenblicks auf der Stelle zu erstarren, er zeichnete sich klar gegen den wolkigen Himmel ab.
Oben die Männer, wie vom Schlag gerührt, begannen automatisch nach der Stelle zu suchen, woher die Kugel gekommen war. Wer hatte den Überläufer zur Strecke gebracht? Etwa einer aus den eigenen Reihen? Dem Knall nach mußte die Kugel ganz aus der Nähe kommen. Ihr Verdacht richtete sich auf das vor ihnen liegende Moor in der Flußniederung, aber auf dem Moor war nichts zu entdecken. Es war ungerecht, daß einer, der sich so am hellichten Tag selber verraten und verkauft hatte, nicht mit dem Leben davonkommen sollte. Zehn Minuten hatte er gebraucht, um flußab zu paddeln und am Ufer herumzuspringen, und im letzten Augenblick, auf dem Sprung hinter den schützenden Wall, wo das Schützenloch ihn auffing, am Ziel...
Huttunen, einer der Männer auf dem Wall, sank, an der Stirn getroffen, rücklings ins Schützenloch. Die anderen starrten aufs Moor hin, woher der Schuß gekommen war. Der Knall schien sich weiter über den krummen Rücken der Moospolster zu halten. Hals über Kopf, so schnell sie konnten, ließen sie sich ins Loch zurückfallen; sie hatten begriffen: ein Scharfschütze! Aber Huttunen lebte noch.
Ich verrecke. Er lag, die Augen offen, regungslos da. _ Ich sterbe zum Verrecken nicht, klagte er und untersuchte seine Stirn.
Seht nach, Jungens, ob das Loch bis hinten durchgeht.
Auch ohne genauer hinzusehen sah jeder das Loch im Schädel.
Ich seh kein Loch, sagte jemand.
Huttunen richtete sich zum Sitzen auf. Huttunen erhob sich, kam auf die Beine.
Ich geh zum Verbandsplatz, sagte er leise, in zweifelndem Ton.
Huttunen ging zum Graben hinüber. Der neben ihm gestanden hatte, blickte ihm nach und sah, wie er hinter dem Grabenknick verschwand.
Der feindliche Scharfschütze lag im Sumpf am Flußufer ihnen direkt gegenüber, denn die Kugel war Huttunen durch Stirn und Hinterkopf gegangen.
Genau mittendurchgegangen!
Mäenpää sah sich bereits feuern und das Biest unten mit dem MG vernichten. Im Handumdrehn, damit ihm die anderen nicht zuvorkämen, krallte er sich in den Griffen fest und feuerte eine Serie ins Moor ab. Das ging so blitzartig und ohne Überlegung _ die im Gefühl der Sicherheit eingelullte Angst kam nicht dazu, ihren Finger zu heben. Eine Kugel flatschte in seine Stirn und schlug durch, unbemerkt unter dem langen Haar im Nacken. Mäenpää richtete sich steil auf , als versuchte er nach oben zu fallen, und zog, während er weiterfeuerte, das MG mit sich empor. Das MG hackte seinen lose klappernden Ton eintönig stupide fort. Als Mäenpää Schluß machte, von oben herunterkam, bückte er sich, um den Schritt nicht zu verfehlen. Er brach zusammen, ohne einen Laut von sich zu geben, ohne daß sich ein Finger an ihm krümmte.
Als sich die Männer schließlich wieder vorwagten, um die Lage hinter dem Fluß zu erkunden, war dort ein merkwürdig gekrümmter Haufen erschienen, den es da vorher nicht gegeben hatte.
Wann Mäenpää zu stöhnen begonnen hatte, war ihnen entgangen. Aber er war am Leben, und zwei von ihnen brachten ihn fort.
Ich werde niemals im Krieg sterben, sagte er. Das war sein Reden seit je und deswegen nicht weiter verwunderlich, aber gleichzeitig entwand er sich den Händen seiner Begleiter. Als er im Eingang des Sanitätszeltes den Kopf einzog, sank er ohnmächtig zusammen. Der diensttuende Sanitäter stellte fest, daß ihm eine Kugel durch den Kopf gegangen sei, und schleifte ihn fort, hinter das Zelt zu den Gefallenen. Dort lagen vier Männer, drei von ihnen mit Kopfschuß zwischen den Augen: zur Strecke gebrachte Opfer des Scharfschützen.
Der Arzt war unterdessen mit Huttunen beschäftigt; er hielt das Unmögliche nicht für möglich. Huttunen sollte sich auf den Tod gefaßt machen, da er nun einmal noch nicht gestorben sei. Der endgültige Tod könne jeden Moment eintreten, leise und unbemerkt. Mäenpää kroch ins Zelt zurück.
Was krauchen sie hier herum, fragte der Arzt.
Wenn ich den Kopf einziehe, sterbe ich, sagte Mäenpää, von seinen Ohnmachtsanfällen verwirrt. _ Und wenn ich ihn nicht einziehe, sterbe ich.
Der Arzt überließ Huttunen dem Sanitäter und befahl, ihm einen Verband zu machen. Er untersuchte Mäenpää. Er schüttelte den Kopf. Auch bei diesem Mann war nichts zu hoffen, jeden Augenblick konnte es soweit sein.
Es war bereits Nachmittag. Im Zelt gab es nur Huttunen und Mäenpää. Ein friedlicher Nachmittag, es konnte einem so vorkommen, als habe es auf der Welt immer nur diesen Nachmittag gegeben. Sie lagen nebeneinander auf Matratzen, durch die Zeltwände schien Gottes schöner Tag. Sie warteten. Huttunen begann ein leichtes Ziehen im Kopf zu spüren, er sagte es Mäenpää. Etwas später begann das Ziehen auch bei Mäenpää.
Erst nach einem Monat kamen Huttunen und Mäenpää zu ihrer Einheit zurück. Sie waren von einem klugen Doktor untersucht worden, der den Grund für ihre Unsterblichkeit wußte. Das habe es auch schon früher, im ersten Weltkrieg gegeben, daß ein Mann, dem es an der empfindlichsten Stelle im Kopf den Schädel durchgeschlagen habe, am Leben geblieben sei. Es mußte im Gehirn einen für Kugeln passierbaren Kanal geben, eine Zone, die gegen durchschlagende Kugeln immun war. So mußte es sein.
Ein übertrieben scharfer Schütze war das. Schießt dem Huttunen und dem Mäenpää durch den Kopf, haarscharf am Kopf vorbei.


Laubacher Feuilleton 11.1994, S. 12 und 13

Die Erzählung wurde von Manfred Peter Hein aus dem Finnischen übersetzt (Veijo Meri novellit, 1965)

Zitiert nach: Moderne Erzähler der Welt — Finnland, Horst Erdmann Verlag für internationalen Kulturaustausch, Tübingen und Basel 1974, Seiten 219–229, Die Rechte liegen beim Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, der diese und weitere Erzählungen 1967 in der Bibliothek Suhrkamp veröffentlichte. Ihm nochmals Dank für das immer freundliche Entgegenkommen bzw. die Nachdruckgenehmigung.

 
Fr, 04.03.2011 |  link | (1264) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Lothar, der Fernreisende

Ich muß einräumen, daß ich mich von Lothar ziemlich zurückgezogen hatte. Er ist ein guter Freund, aber er redet mir zuviel. Und nicht nur mir. Deswegen haben sie ihn am Stadttheater, wo er Maskenbildner ist, auch gezwungen, auf halbe Stelle zu gehen. Die Schauspieler haben sein ewiges Gequassel ausgerechnet in der Konzentrationsphase vor dem Auftritt nicht mehr ertragen. Ein Kompromiß wurde gefunden. Lothar arbeitet einen Monat, den nächsten hat er frei — und so weiter. Damit verdoppelt sich auch sein Urlaubsanspruch. Da haben die Künstler eine Erholungspause.

Neulich traf ich Lothar in der Stadt. ich wollte mich schnell in einen Hauseingang drücken, aber es war schon zu spät. Er kam geradewegs auf mich zu. Und er war ganz der Alte. Mit blauem Bartschatten, rund wie immer und in allerbester Stimmung. Über seiner echten Augenbraue fiel mir eine kaum verheilte Schürfwunde auf. Und der Haaransatz war, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, wieder ein Stück zurückgewichen.

Was er denn jetzt mit seiner reichlich bemessenen Freizeit anfange, fragte ich routiniert.

«Ich reise sehr viel», sagte Lothar mit einem seltsamen Lächeln. «Ich komme gerade aus Brasilien zurück. Drei Wochen war ich dort, Copacabana und schneeweise Riesensandstrände, du weißt schon. Davor war ich in der Türkei, in Rumänien und in Paraguay.»

Er faßte sich für seine Verhältnisse erstaunlich kurz und sah mich erwartungsvoll an, als erwarte er eine Frage von mir.

«Darf ich fragen, wie du das finanziell machst mit deiner halben Stelle?»

«Kannst du schweigen?» fragte er und zog mich mit einem raschen Seitenblicken ein leeres Omnibushäuschen. «Ich reise nie anders als zum halben Preis», kicherte er. «Ich zahle immer nur den Rückflug. Den Hinflug zahlt die Bundesrepublik Deutschland. Und ein Taschengeld gibt's meistens noch dazu.»

«Wie bitte?»

«Ich mache nur meine Kunst und mein Köpfchen zunutze.» Er tippte sich grinsend an den lackschwarzen Haaransatz.

«Deine Kunst?»

Lothar lachte selbstgefällig. «Ja, meine Kunst und das Ausländergesetz.»

Ich begann zu ahnen, daß Lothar durch die halbe Stelle und die Einsamkeit im Kopf nicht mehr ganz richtig geworden war.

Lothar schüttelte sein rundes Haupt: «Denk nicht, daß ich durch die halbe Stelle und die Einsamkeit nicht mehr ganz richtig im Kopf bin. Ich erkläre dir alles, und dann kapierst du schon.»

Er zwang mich auf die Wartebank. Seine Stimme sank herab. «Schau, ich mache mich etwas zurecht, dezente Schminke natürlich, denn sie muß bei Tageslicht bestehen, und statte mich mit Klamotten vom Flohmarkt aus, je nach Bedarf. Zum Beispiel zu enges Jackett, ausgebeulte Hose, Brille mit Krankenkassenfassung der 70er Jahre und eine karierte Schiebermütze. Ein Dreitagebart und fertig. Schon bin ich ein Türk.» Lothar schaute sich vorsichtig um. «Jetzt kommt die Hauptsache, mein Lieber! Genial ausgedacht. Ich randaliere ein bißchen am Hauptbahnhof, bis die Polizei kommt. Du weißt schon: Ein paar Tritte gegen den Fahrkartenautomaten und ein lautes Gebrüll, bis die Bullen da sind.»

«Ich verstehe kein Wort.»

«Kommt schon», lachte Lothar, «kommt. Sei nicht so schwer von Begriff. Wenn die Bullen als da sind, sage ich so gebrochen wie möglich ‹Assüll›.» Beim Wort Asyl bekam er einen Hundeblick, knickte leicht nach vorne ein und schaute mich von unten herauf flehend an.

Beim Theater, dachte ich, konnte man offenbar auch in der Maske allerlei lernen.

«Und so läuft der Laden nach Plan», fuhr Lothar fort. «Sie halten mich für einen Ausländer, der sich illegal hier aufhält, und nehmen mich folgerichtig und pflichtbewußt in Abschiebehaft. Ich mache natürlich nie Schwierigkeiten mit Anwalt oder so. An irgendwelche Verzögerungen bin ich selbstverständlich nicht interessiert. Ich mache meine Stimme ein bißchen leiser und sage zum Beispiel: «‹Verstäh nix doitsch.› Nix Paß.»

In Lothars braunen Augen glänzte jetzt so etwas wie schmerzhafte Demut. «Ick Türk, ick Folter. Türkland nix gutt für Ali.» Seine Augenbrauen bildeten bekümmerte Dächlein, die aber sogleich wie weggepustet waren und einem heiteren Lächeln Platz machten. «Damit hätte ich auch zugleich ziemlich unauffällig das gewünschte Reiseziel angegeben.»

«Ja, aber was passiert dann?»

«Es heißt dann, Asyl offensichtlich unbegründet, und sie schieben mich so schnell wie möglich in die Türkei ab. Das klappt immer, ich habe noch nie länger als vier Tage warten müssen. du darfst übrigens, bei allem Entgegenkommen, nie sagen, über welches Land du angeblich eingereist bist, sonst wirst du dahin zurückgeschickt, und der schöne Plan ist im Eimer. Denn in Polen oder Rumänien kannste Freiflüge vergessen.»

«Ja, werden die Beamten denn nie mißtrauisch?»

«Hat es auch schon gegeben. Da muß man natürlich gut aufpassen. Wenn einer anfängt, mich nachdenklich anzusehen, mache ich sofort Schwierigkeiten, wehre mich handgreiflich, versuche zu fliehen, bettele auf den Kien und heule wie ein Schloßhund. ‹Nix heim in Türkei, Folter Militär, Gnade, bitte, ihr gute Leute?› — Das hat noch nie seine Wirkung verfehlt. Spätestens drei Tage danach bin ich in Handschellen und im Flugzeug.»

«Es kann doch nicht sein, daß sie nie dahinter gekommen sind!»

«Na ja. Einmal war es fast soweit, aber nur fast. Ein Beamter vom Bundesbeauftragten hat etwas geahnt. Ich stellte damals einen Regimegegner aus Südamerika dar. Natürlich bin ich auf solche Fälle vorbereitet. Ich hab ihm sofort Folternarben an Unterarmen und Brust gezeigt, erstklassige Beweise meiner Modellierkunst. Als ich ihn fragte, ob er auch die Narben von den Elektroschocks am Hodensack sehen wollte, war sein Mißtrauen wie weggeblasen, und er fand mich dann doch sehr glaubwürdig. Sie haben mich sofort nach Hause, ich meine, nach Paraguay, abgeschoben. Schönes Land übrigens.»

Ich konnte es noch immer nicht glauben und wurde sogar ein bißchen wütend. «Lothar, jetzt zerpflücke ich dir deine Lügengeschichte. Was passiert denn, wenn du in deinem Wunschland am Flughafen ankommst? Dann fliegt die Sache doch sofort auf.»

«Keineswegs, mein Lieber!» krähte er triumphierend. «Der Grenzschützer, der meistens mitfliegt, hat nur Interesse für den duty free shop. Da bleibt er regelmäßig hängen. Er weiß ja, ich muß den Behörden in die Arme laufen, sind auch vorgewarnt. Komme ich folglich allein an der Paßkontrolle an, hole ich meinen schönen deutschen Paß mit dem Visum aus dem Schuh und zeige meine Reiseschecks. So, wie neulich in Rio. Eine halbe Stunde später war ich schon am Strand und pfiff denn herrlichen schwarzen Mädchen nach.»

Was für eine Geschichte! dachte ich, innerlich den Kopf schüttelnd. «Hat die Wunde über deinem Auge auch etwas mit der Sache zu tun?» fragte ich mühsam.

«Gut beobachtet, mein Lieber. Wenn ich ein wenig Schwierigkeiten mache», meinte Lothar mit fachmännischer Miene, «dann geht's eben am schnellsten. Um ein oder zwei Tage Abschiebehaft zu sparen, muß man eben ein bißchen was investieren.» Jetzt griff Lothar in seine Jackentasche, holte ein paar vergilbte Photos heraus und hielt sie mir unter die Nase. Sie zeigten lachende Kinder, mal mit Mutter, mal ohne. «Das sind meine Trumpfkarten. Meine verschiedenen Familien. Die Photos habe ich vom Flohmarkt, genau wie die Klamotten. Das hier ist die Familie, die ich vorgezeigt habe, als ich nach Rußland wollte. Sind die neun Kinder nicht nett? Und das da hinten ist mein bescheidenes Häuschen. Ich sage dann: ‹Das Famillje, alle kommen hier, Deutschland reiche Land.› »

Lothar lachte in sich hinein, wurde aber auf einmal sehr ernst. «Ich will ehrlich sein zu dir. Einmal ist es doch beinahe schiefgegangen. Ich zog die übliche Nummer am Bahnhof ab. Da ist uns eine Frau von irgendeinem Flüchtlingskränzchen zur Polizeiwache gefolgt, hat die Beamten, die ja nur ihre Pflicht taten, übel beschimpft und wollte auf Biegen und Brechen einen Anwalt für mich besorgen. Sie ließ sich einfach nicht abschütteln. Ich hatte Todesangst, im Kirchenasyl zu landen, bemuttert von überreifen Frauen mit runden Nickelbrillen, die mich bei dünnem Tee und Keksen anhimmeln. Irgendwie haben die Bullen sie dann doch noch auf den nächsten Tag vertrösten können.»

«Und wie ging die Sache aus?»

«Man hat mich gottseidank noch in der Nacht abgeschoben.»

Lothar wischte sich nachträglich den Schweiß von der Stirn. Plötzlich sprang er auf. «Huch, ich muß los. Die Visastelle des chinesischen Konsulats hat nur bis zwölf Uhr auf. Wenn es irgendwie geht, will ich morgen oder übermorgen schon fliegen. Heute nachmittag habe ich noch eine Verabredung mit einem Kollegen von der Oper, der in der letzten Saison ›Land des Lächelns‹ geschminkt hat. Der Junge ist allererste Sahne! Ein echter Spitzenkönner. Und jetzt: Zai dschiän! Ist Chinesisch und heißt Auf Wiedersehen! Weiß ich aus dem Schnellkursus Und viel Glück! Shenti dschian kang, mein Lieber!»

Thomas Hauschild

Laubacher Feuilleton 20.1996, S. 10
 
Fr, 30.04.2010 |  link | (1133) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Die letzte Umarmung

auf dem Friedhof der Großen Revolution

Eine Erzählung von Hellmuth G. Haasis

Drei Karren, von Gendarmen begleitet, rumpeln die Rue Saint-Honoré hinunter. Fast ausgestorben liegt Paris da: gewürgt vom Krieg, vom Hunger, vom Schrecken.
Die Abgeurteilten, die bald auf der Place de la Révolution das Blutgerüst besteigen werden, haben sich vor kurzem noch selbstgefällig unter den Größten von Paris bewegt.
Die wenigen Schaulustigen am Straßenrand beachten auf den Wagen nur Georges Danton, den zwielichtigen Lebemann und orkanartigen Redner. In seinen Schatten drücken sich ein General mit deutschem Namen, einige Konventsabgeordnete und ein kosmopolitischer Zeitungsschreiber.
Der letzte Karren birgt einen Haufen Nichts. Unpersonen, die das aufgeregte, elende Paris angewidert ausspuckt. Lauter Bankiers und Finanzspekulanten, überdies Ausländer.
Unter ihnen ein jüdisches Brüderpaar aus Brünn in Mähren.
Die beiden, schon lange der Judengasse entkommen, werden als die Brüder Frey sterben: Junius und Emanuel. Einst hießen sie Mosche und David Dobruschka.

Ihr langer und gekrümmter Weg in das Reich der Freiheit kehrt ihnen noch einmal in der Erinnerung zurück. Sie halten sich an den Händen fest. Jede Unebenheit der Straße bringt sie auseinander und stößt sie wieder zusammen.
Sie kommen ins Schaukeln, wie einst in der Synagoge von Austerlitz, wo sie sich beim Gebet in die beruhigende Gewißheit der Überlieferung gewiegt hatten.
Die Straße wird zu ihrer Todesschlucht.
Die Häuser rücken näher.
Drängen in die Höhe.
Wollen hinauf zur Luft.
Verlieren ihre Lieblichkeit.
Werden asthmatisch.
Atmen nur noch schwer.
Nehmen düstere, drohende Züge an.
Schmale Gänge zwischen den Gebäuden lassen schmutzstarrende, schaurige Hinterhöfe ahnen.
Aus dem Boden wachsen ekelerregende Keller. Hier verstecken sich lumpige Trödlerläden und übelriechende Spelunken.
Windschief neigen sich die Häuser hoch droben noch mehr gegeneinander, scheinen sich zu berühren. Bis in den Himmel hinein kleben ein Anbau und ein Erker neben dem andern.
Es läßt sich kaum ausmachen, welche Ecke an welchem Bau hängt.
Angst drückt schwer die Brüder Frey nieder. Es kommt ihnen so vor, wie wenn Neugierige, aus dem Häusergewirr gelehnt, den Vorbeifahrenden spielend die Gurgel zudrücken könnten.
Ihrem Tod entgegenschaukelnd, finden sich die Dobruschkas im Getto wieder: in Brünn und Prag. Ihr Ausbruch von dort erscheint ihnen mit einem Mal wie ein Flug nur, auch wenn er Jahre gedauert und am Ende weit geführt hat.

Schon jung glaubten die Brüder der lebenslangen Demütigung entwischt zu sein. Der Großvater Jacob Mosche zuerst, dann der Vater Salomon hatten den staatlichen Tabakhandel in Mähren gepachtet. Von da an schleuderte es die Dobruschkas nach oben. Fast alles, was sie in die Hände nahmen, verwandelte sich ihnen in Geld.
Doch ihr Name kettete sie an die stickige Enge, blies den anderen, die eben keine Juden waren, einen modrigen Geruch in die Nasen.
Der Vater war mit seinem Los zufrieden. Sein Himmel wölbte sich über ihm in der Synagoge von Austerlitz. Sooft er in demütigem Stolz ein Söhnchen dorthin zur Beschneidung trug, sah er sein Glück erfüllt. Er blieb in den Fußstapfen seiner Väter. Für Mosche, seinen Zweitältesten, wählte er das Studium des Rabbinats.
Die Mutter Schoendl Katharina war anders. Sie bebte in innerer Unruhe, voll Zweifel, ob Ungleichheit und Ungerechtigkeit ewig auf ihnen lasten müßten.
Sie wollte ihre Hoffnungen auf ein neues Leben nicht in der Einförmigkeit des Hergebrachten ersticken lassen.
Der Messias sollte endlich kommen.
Erstmals war er nach den blutüberströmten Pogromen der Kosaken erschienen. Die Gequälten hatten den endzeitlichen Propheten Sabbatai Zwi als ihren Erlöser angenommen. Doch Sabbatai mußte sich noch einmal überwältigen lassen, zum Schein sich einer anderen Religion unterwerfen: dem Islam. Äußerlich weiterhin unfrei, konnte ihn innerlich niemand mehr binden.
So wenigstens glaubten seine Anhänger in ganz Europa, selbst nach seinem Tod. Zu ihnen zählten die Mutter Dobruschka und ihr Sohn Mosche.
Schoendl wollte nicht untätig sein. Sie wünschte, dem Messias, wenn es Zeit sein sollte, mit vollen Händen auf der Schwelle der Haustür entgegenzutreten.
Mit messianischem Feuer stürzte sie sich in ihr eigenes Geschäft. Sie nahm einen weiteren Teil des staatlichen Handels von Mähren in Pacht.
Wenn ihre Geschäfte zum schönsten Erfolg kamen, glaubte sie den Erlöser ein gutes Stück nähergekommen.
Sie selbst wollte es schaffen.
Die katholische Kirche riß die Familie auseinander. Kaum war nach dem Tod des Vaters das Trauerjahr vorüber, da warf sich ein Kind nach dem andern dem machtgierigen Bekenntnis in den Rachen. Der Wiener Kaiserhof schmückte die Dobruschkas dafür mit einem Adelstitel: Barone von Schönfeld.
Der Glanz barocken Bombastes sollte die Erinnerung an die Judengasse blenden.

Nun senkt sich das Getto auf seine entflohenen Kinder nieder, zeigt sich unansehnlich, baufällig, drohend. Doch warm.
Mosche und David fliegen mit ihren Erinnerungen nach Prag. In das Jerusalem der europäischen Juden. Mit dem guten Grund ungestillter Sehnsüchte glaubt man dort: von der Prager Altneusynagoge führt ein geheimer Gang nach Jerusalem zum Tempel. Der Messias wird einst mit einem machtvollen Heer begeisterter Anhänger von Jerusalem nach Prag aufbrechen.

Jetzt, in der Hauptstadt der revolutionären Demokratie, sehen die Augen des Gettos nirgends mehr Freunde. Von den Wagen hört man nur Danton brüllen. Den Kraftprotz, das nimmermüde Großmaul.
Beim Palais d'Egalité, einem Palast voll Luxus, Korruption und Prostitution, feiert man seinen Sturz ins Nichts.
Für die Dobruschkas reicht es nicht einmal zu Neugier. In den sumpfigen Gesichtern steht Gleichgültigkeit.
So hält sich in den Brüdern unbeschädigt das Sehnen nach einem messianischen Reich. Dort werden einmal Friede, Gerechtigkeit und Freiheit blühen. Für jeden Menschen, ohne Ausnahme.

Mosche Dobruschka hatte, kaum in die Gemeinde von Brünn aufgenommen, den Talmud zu studieren begonnen. Ohne je von zufriedener Ermattung belohnt zu werden, rang er mit den fünf Büchern Moses'.
Die scharfsinnigen Bemerkungen der Kommentare genügten ihm nicht. Das waren Berechnung und Raffinesse, keine Antworten auf Zweifel und Angst.
In solche Kleinlichkeit konnte der Messias unmöglich kommen. Er brauchte die Weite der Welt. Und die spürte Mosche zuerst in den Sprachen.
Zum Unwillen des Vaters wandte er sich der Poesie zu, der hebräischen und der chaldäischen. Er lernte Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Verschlang die deutsche Dichtung. Und zog nach Prag.
Mit zwanzig Jahren trat Dobruschka als gewandter Schriftsteller auf. In den nächsten beiden Jahren veröffentlichte er mehrere Bücher, in deutscher oder hebräischer Sprache: Gedichte, Oden, kleine Theaterstücke und ein philosophisches Werk.
Er zählte zu den Hoffnungen des jüdischen Prag. Alles gelang ihm, auch sein Heiratsplan, der ihn in eine Märchenwelt emporhob. Mosche bekam Elke Joß, die Nichte des reichsten jüdischen Händlers von Prag, mit ihr ein Millionenvermögen.

Liegt hier der Grund für mein schmähliches Ende verborgen? fragt sich Junius Frey auf dem Todeskarren.

Er bewegte sich in einer abgesonderten Welt. Zu der von Sorgen zerfressenen Geducktheit der jüdischen Hausierer und Trödler hatte er sich nie herunterziehen lassen.
Beflügelt von einem unversiegbaren Reichtum, trug er leicht an seiner Liebe zur ganzen Menschheit.
Er war noch nicht einmal imstande, mit den Geplagten der eigenen Stadt mitzufühlen. Er nahm sie einfach nicht wahr.

So wie er jetzt die Leute auf der Straße nicht bemerkt.
Ach was. Das sind alles nur Äußerlichkeiten, was sich da über uns zusammenbraut. Ohne Bedeutung für unser Inneres.
Ein Blick auf den jüngeren Bruder läßt in ihm noch einmal Zweifel aufsteigen, ob er den treu, ihm fast blind folgenden David in den Strudel dieses Freiheitskampfes hatte reißen dürfen.
Und erst recht die Schwester Esterle. Vielleicht kommt wenigstens sie davon?

Die erste Wärme der neuen Religion war in Wien, wohin Mosche übersiedelte, rasch verflogen.
Er fand wenig geistige Substanz und Schönheit, viel Despotie, Heuchelei, Duckmäuserturm und Häßlichkeit. Äußerlicher Pomp vor geplünderten Kulissen.
Seine zähesten Hoffnungen holten ihn ein. In Wien gründete Franz Thomas Edler von Schönfeld, wie er sich nun nannte, einen judenfreundlichen Freimaurerorden. Dessen Name erzählte von einer rätselhaften Reise: Brüder St. Johannis des Evangelisten aus Asien in Europa.
Hartnäckiger und hitziger als zuvor vertiefte er sich in die jüdische Geheimlehre der Kabbala. Mit einer verwickelten Zahlensymbolik suchte er den bloß äußerlichen Buchstaben und Worten einen tieferen Sinn zu entreißen.
So müßten sich unfehlbar alle Fragen beantworten lassen.
Schönfeld schrieb Werke der Kabbala ab, übersetzte und verbreitete sie unter seinen Brüdern. Mit Erfolg.
Seine messianischen Erwartungen waren nicht untergegangen. Der Drang nach Erlösung führte ihn innerlich zum Judentum zurück. Als seinen Ordensnamen unter den asiatischen Brüdern wählte er Sacharja. Den messianischen Propheten voller Nachtgesichte.
Mit dem Sturm auf die Bastille zog auch für Schönfeld ein neues Zeitalter herauf. Sein Jerusalem hieß von nun an Paris. Sein Messias: die revolutionäre französische Nation.
Solange es ihn noch in Wien hielt, gelangen ihm größte Spekulationen, dem Zug der neuen Zeit würdig: Armeelieferungen, Besorgung riesiger Kredite, Verkäufe von enteignetem Kirchenbesitz.
Auf die Dauer zog es Schönfeld in das neue Jerusalem. Als erste Station wählte er das freie Elsaß: Straßburg. Als Franz Thomas den Rhein überschritt, der zwei feindliche Welten trennte, verwandelte er seinen Bruder, seine Schwester und sich mit Hilfe eines von jeher geträumten Namens: Frey.
Jetzt waren sie keine Verachteten mehr, keine Juden. Nur noch Freigelassene.
Zu Füßen des Münsters verflüchtigten sich die würgenden Bilder des Gettos. Hier erlebten die Geschwister Offenheit, Weite, lichte Höhe. Der ältere Bruder stürzte sich in die Arme des Jakobinerklubs. Für einen inhaftierten Gesinnungsfreund warf er viel Geld aus.
Bald ging es nach Paris weiter. Dort erwarb Junius ein großes Haus in der Rue d'Anjou, nicht weit von der Place de la Révolution.

Mosches Herz zuckt bei diesem Gedanken zusammen. Mit geheimer Freude spürt er: er ist also doch nicht abgestumpft worden, auf der Seineinsel, in der Haft der Conciergerie.
Er reckt sich auf dem Karren, um zu seinem leergefegten Palast zu segeln. Doch die zurückgekehrten Gettohäuser ragen zu eng und zu steil auf.
Hier ist kein Durchkommen.

Nichts kann ihn mehr stören. Er sieht auch so noch einmal das tolle Leben seines Hauses vor sich. Wo einst der Hochadel residierte, hatte Junius Frey ein bedingungsloses Asyl geschaffen: dem Geist der Revolution, der Philosophie und der wärmsten Menschenliebe.
Doch der Messias zögerte noch.
Frey sah in den Straßen widerliche Szenen, die ihn in seinem Glauben fast irregemacht hätten. Die Armut gab sich intolerant. Gewalttätig. Grausam. Fast viehisch.
Der Reichtum provozierte zu arg.
Frey flüchtete in die besten Kreise, die das jakobinische Paris bieten konnte. Bei ihm verkehrte, wer inzwischen zu Ansehen und Macht gekommen war. An Geld fehlte es allen. Der Krieg gegen die Fürsten Europas dauerte bereits anderthalb Jahre.
Da kam Frey wieder in sein Element. Er entfaltete sich als Bankier, Börsenspekulant und Armeelieferant. Er unterhielt ein Netz von Agenten und Spähern. Gegen gutes Geld bekam er für seine Tafel vergessen geglaubte Leckerbissen. Paris hungerte.
Bei seinen Gastmählern lockerten sich die Zungen. Frey wußte bald mehr als Robespierre.
Der oberste Moralhüter der Revolution schickte Spitzel in dieses emporende Haus. Das war keine Kunst. Hier herrschte offen, ohne Mißtrauen, die Philosophie der Vernunft. Kein Versteckspiel.
Frey spürte etwas von dem wachsenden Mißtrauen gegen seinen Reichtum.
Aber er wollte sich sein messianisches Reich, das er so nahe glaubte, nicht rauben lassen.
Als der Unbestechliche die Brüder Frey für die Guillotine empfahl, nannte er sie nur Schurken, die sich vollkommen verstellt hätten. Einer seiner Spitzel sog sich voller Ratlosigkeit aus den Fingern: die Freys werden von Österreich, Preußen und England als Spion bezahlt.

Bei den Gedanken an Robespierre steigt Ärger in Junius hoch. Und Bedauern über eine verpaßte Gelegenheit, ein geistiges Freiheitsfest.
Was will dieser Hungerleider? Der hat ja keine Lebensart, keinen Stil. Pfui. Und so was will dem Volk die Freiheit und die Liebe zur Philosophie schmackhaft machen?
Schmackhaft bitte.
Ein unübertrefflicher Langweiler.
Schade, daß es nie zu einem Disput zwischen uns beiden gekommen ist. Den hätte ich lächerlich gemacht. Was versteht der schon von den alten Dichtern? von der Wiege unserer Kultu? vom Orient?
Zum ersten Mal ist Frey stolz darauf, Jude zu sein. Jetzt in Paris und gegen Robespierre.

Der mährische Emigrant sprang schließlich über Nacht in die vordersten Reihen der aufgewühlten Hauptstadt. Einen der einflußreichsten Jakobiner des Nationalkonvents vermochte er mit Esterle zu verheiraten.
Bei der Mitgift gab sich Frey zu großzügig.
Er erntete die blutunterlaufene Wut des Klubs und der kleinen Leute.

Junius drückt die Hand seines Bruders fester. Der schaut ihn fragend an. Der gehauchte Name Esterle umschlingt die Brüder mit Sorge.
Was wird aus ihr? Sie kann Gedichte vortragen, Klavier spielen, ganz gut singen. Aber arbeiten hat sie nie müssen. Auch in Paris haben wir sie im Haus verschlossen gehalten. Ganz weiß ihr Gesicht und ihre Hände, nie von Sonnenstrahlen getroffen. Eine becircende Schönheit aus einem goldenem Serail.
Jetzt eine gehaßte Ausländerin. Bespuckt. In einem verlausten Gefängnis auf den Boden geworfen. Vielleicht schon zerbrochen?

Als die Mitgift bekannt wurde, verstand Junius Frey nicht mehr viel.
Alles nahm leidvoll bekannte Züge an.
Über Nacht sein Haus leer. Niemand besuchte ihn mehr. Das betörende Essen blieb unberührt. Keiner sprach den alten Weinen zu.
Auf der Straße wich man dem Verdächtigen aus. Seine Agenten kamen nur, solange sein Geld noch über ihre Angst siegte.
Der Nationalkonvent schlug gegen korrupte Abgeordnete und ihre Hintermänner zu.
Frey fühlte sich von seiner Geburt eingeholt. Zuerst hatten sie alle beim Juden gegessen. Dafür war sein Geld gerade recht.
Seine Bildung, Gewandtheit, seinen Charme hatten sie einem Sohn des Gettos nicht zugetraut. Ihre Vorurteile schienen sich zu verlieren, je schöner seine Feste ausfielen.
Mit einem Schlag war alles verschwunden. Der alte Haß stand verjüngt auf. Der Frey war doch nur ein Österreicher, bezahlt vom Kaiser. Seinen Adel hatte er sich gekauft. Ein Geldmensch. Frech kaufte er auch einen der Ihren auf, einen armen Schlucker, einen entsprungenen Klosterbruder, den die Aufstände nach oben gespült hatten.

Was wollen eigentlich die aufgebrachten Leute von mir?
Habe ich feindliche Truppen gegen Frankreich geschickt?
Kann ich etwas für den Hunger?
Wohin führt die Köpfmaschine, wenn sie jeden kürzt, der in seinen Taschen mehr Geld hat als die Habenichtse?
Junius Frey wagt einen Gedanken, der ihm einen Schauder aus Angst, Verzweiflung und Prophetie durch den matten Körper jagt.
Wollen die den Unterschied zwischen arm und reich wegköpfen?

Der kleine Zug mit den drei Karren bekommt die Öffnung der Gasse in den Blick: die Place de la Révolution.
Mosche läßt die schlaff gewordene, schweißfeuchte Hand seines Bruders los, hängt sich lieber bei ihm ein.
Gleich werden wir dort sein. Man wird uns anstarren. Mach dir nichts draus. Wir brauchen uns bald nicht mehr in Ungeduld nach dem Messias verzehren.
Als der Zug auf den Todesplatz einbiegt, neigt sich die Erinnerung ihrem Ende zu. Die Brüder aus Brünn sehen das Blutgerüst, umringt von einer Menge undeutlicher Kohlköpfe.
Die sechzehn Opfer steigen von den Karren hinunter. Die Freys stützen sich gegenseitig, ihre Knie sind schwach. Erst jetzt spüren sie, was ihre Körper während der Fahrt gelitten haben, als ihre Sehnsucht noch einmal zuhause weilte.
Die Verurteilten stellen sich vor der hölzernen Tribüne auf, die den Zuschauern gerade bis zur Brust reicht. Gendarmerie rings um das rotgestrichene Gerüst. Das Fallbeil hoch oben bereit. Eine gierig aufgerissene, fleischfressende Fratze.
Gleich zum Anfang ruft der Henker die Freys auf.
Sie eilen nicht.
Nicht mit Leichtigkeit, doch gefaßt verlassen sie eine Welt, die ihnen den Messias geraubt hat.
Bevor der Ältere die Stufen hinaufsteigt, umarmen sich die Brüder.
Der Henker stutzt.
Erstmals streift ein Hauch Leben die Menge.
Den Dobruschkas scheint es die letzte Umarmung zu sein.
Sie wärmen sich noch einmal, ihre Herzen, die das Getto nie ganz verlassen haben.
Bald wird Paris, dieser Kübel voller Kriegsgeschrei und Blutrausch, sie nicht mehr anrühren.
Sie schaukeln nochmals, ganz schwach, auch ihnen selbst unmerklich.
Die Menge ist plötzlich ganz still.
Diese Umarmung paßt nicht zu dem Platz.
Der Druck der Arme wärmt den kalt zitternden Leib noch, als Mosche zur Guillotine hinaufsteigt.
Die Henkersknechte binden ihn auf das Fallbrett und kippen ihn unter das Beil. Ein Eisenring umklammert seinen Hals. Das kalte Metall durchzuckt seinen Körper.
Gequält hat man schon meine Vorfahren.
Einst liebte ich schwärmerisch die Aufklärung. Gebracht hat sie auch das eine: die Pogrome treffen nun auch andere, nicht nur Juden. Die Gleichheit, wenn sie sich mit Blut übergießen läßt, macht alle zu Verdächtigen. Zu Verschwörern.
Zu Juden.
Diese letzte Erkenntnis des Mosche Dobruschka fällt mit dem Sturz des großen Hackmessers zusammen.
Der Kopf rollt in einen Weidenkorb. Der Körper wird vom Brett losgemacht und in einen Schubkarren gekippt. Die Knechte säubern flüchtig die verspritzte Tribüne und das Brett. Ihre Handgriffe laufen wie ein Uhrwerk ab.
Der Henker, ihr Meister, zählt die Minuten des Schauspiels: sechzehn Hinrichtungen in genau achtzehn Minuten. Er ist zufrieden.
Tierische Instinkte tauchen mitgebrachte Messer und Dolche in das Blut der Hingeschlachteten, bevorzugt in Dantons.
Dann entschwinden die Leichenkarren. Sie fahren auf einen alten Müllplatz vor den Toren von Paris. Dort hat die Kommune Gruben ausheben lassen.
Der neue Friedhof behält den ahnungsvollen alten Flurnamen die Verkrüppelten.
Der zuletzt geköpfte Danton kommt im Massengrab ganz unten zu liegen, die Dobruschkas oben.
Mosche und David haben sich, als man sie in den Schinderkarren stürzte, ineinander verkrampft. Ein ausblutender Rumpf in den andern.
In dieser letzten Umarmung verfallen sie in die Leichenstarre. Weil es anders nicht gehen will, werden sie von vier fluchenden Knechten in die Grube geschleift.
Die Unklammerung widersteht der Blutgier der höllischen Stadt. Die Leichenfledderer, die nachts die dicke Kalkschicht durchwühlen und für wundertätige und geldbringende Zwecke Glieder und Fetzen von den Leichen abschneiden, bringen das Brüderpaar nicht auseinander.


Laubacher Feuilleton 13.1995, S. 4f.
 
Mi, 17.03.2010 |  link | (1157) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Winterliebe

Lachte Sofie im Auto und verlangte nach einem halben Kaugummi, wußte Theo, daß sie sich freute, neben ihm zu sitzen, mit ihm zusammen zu sein. Sofie genoß die seltenen Momente der Gemeinsamkeit doppelt und dreifach, in ihrem Erleben weiteten sich die Stunden zu Tagen und Tage zu Monaten. Diese Liebe, auf die keiner der wenigen eingeweihten Freunde auch nur einen Pfifferling hätte setzen wollen, bestand nun schon viele Jahre. Theo und Sofie aber schienen aus dem Mangel an gemeinsam zu verbringender Zeit Kraft zu schöpfen, ja, sich daran zu euphorisieren. Theo und Sofie sind aus ähnlichem Holz geschnitzt: Vom Ehrgeiz zerfressen, die eigene Leistung bis zum Äußersten zu treiben, das bißchen Leben, das ihnen gegeben ist, auszureizen und zu genießen. Füreinander geschaffen, doch nur durch den verschiedenen Stand ihrer Karrieren zeitlich ‹behindert› — ein Ausdruck im übrigen, den Sofie nie gelten lassen würde — leben sie eine Sonntagsliebe. Sonntag, der Tag, als das ungleiche Paar — sie, die Dunkelhaarige, aufbrausend Zärtliche, der man die harten Jahre im Pariser Schmuddelviertel von Zeit zu Zeit anmerkte und vor allem anhörte, und er, der große, blonde, vom Erfolg verwöhnte Deutsche, der schon vor Jahren seinen Jähzorn zu beherrschen gelernt hatte und ihre Zornesausbrüche mit sardonischem Lächeln quittierte, was sie zum Verstummen brachte und ihre Wangen, was ihn immer wieder verzauberte, leicht erröten ließ —, Sonntag, als Theo und Sofie im unauffälligen kleinen Wagen über die Salzburger Autobahn gen Winter brausten. Ein Tag, an dem man den Winter suchen mußte, überall grünten die Wiesen, trieben die Bäume verschämt grüne Triebe aus, blühten die ersten Schneeglöckchen und Krokusse.

Theo kannte das Ziel der Reise, Sofie versuchte, ihn durch Fangfragen auszuhorchen, er aber kannte ihre Neugier und schwieg. Sie fuhren auf der Salzburger Autobahn, am Brunntal-Dreieck und dem Irschenberg vorbei auf die Inntal-Autobahn. Sofie konnte mit detektivischem Spürsinn die Skiorte Brauneck, Sudelfeld, was ihr nur recht war, denn der einsitzige Sessellift hatte es ihr noch nie angetan, Spitzingsee oder den Lungau mit seiner Dracula-Burg ausschließen, nach Tirol ging die Reise. Kurz hinter Kufstein bog Theo von der Autobahn rechts ab. Kitzbühel also, dachte Sofie.

Auch recht, dieses Skigebiet und den Ort kannte sie wirklich gut, und wunderte sich trotzdem. Theo hatte diese notorische Angst vor zuviel Aufhebens um seine Person — in diesem Promi-Ort wußte doch mehr als jeder Dritte um die Bedeutung des Feinsinnigen, was einen Skitag leicht zu einem der verhaßten Kopfnick-Tage werden lassen konnte.

Theo fuhr nicht nach Kitzbühel, er nahm die Straße nach Wörgl. In Hopfgarten bat er Sofie, in der Tasche seines Anoraks nach Kaugummis zu suchen. So abgelenkt, übersah Sofie das aufklärende Straßenschild, und Theo hatte sein Ziel erreicht.

Nach nur wenigen hundert Metern erreichten sie das Winter-Wunderland. Disney hätte es nicht besser inszenieren können! Tief verschneite, überzuckerte Tannen säumten den Wegesrand, unter Schneewehen windeten sich mühsam Bäche, der Himmel öffnete sich blau, die Sonne strahlte warm und so hell, daß Sofie die Augen zukneifen mußte, so sehr blendeten die tanzenden Schneekristalle. Sofie strahlte mit dem Licht um die Wette — ein Anblick, den Theo immer wieder genießen wollte, er liebte es, wenn die Stadtpflanze an seiner Seite, die vorgab, nur auf Asphalt und mit dem Geruch verbrennender Kohle glücklich sein zu können, die Schönheiten der Natur wie ein unverhofftes Geschenk begriff, verstummte und sich eine oder auch zwei verschämte Tränen von der Wange wischte.

Ski fuhren an diesem Tag, viel und ausdauernd, sich gar nicht bewußt, daß die anspruchsvollen Pisten in der Kelchsau nur eine Sesselbahn und zwei Skilifte verband. Als die Sonne begann, hinter düsteren, nichts Gutes verheißenden Wolken zu verschwinden, der Tag sich anschickte, der Nacht zu weichen, beschlich Sofie und Theo eine angenehme Sinnlichkeit; Verlangen, dem anderen ohne wattegepolstertes Überkleid nahe sein zu wollen, nebeneinander zu liegen, Hände gleiten zu lassen und vielleicht ... Noch aber tranken sie Obstler und spielten Tischfußball in der ältesten Wirtschaft im Ort, in der allerdings Resopal und Linoleum gründlich das Urige und Ursprüngliche vertrieben hatten.

Daß sie spät am Abend noch zum ‹Fuchswirt› im Oberdorf gefunden hatten, schien beiden eigentlich wie ein Wunder — ein Bild, als wäre die Zeit stehen geblieben: eine fein-hölzerne Gaststube, der Tafelspitz wunderbar zart, die Bratkartoffeln kroß und mit Kümmel, der Blaufränkische samten und schwer, großzügig und angenehm die Zimmer, tief und weich die Betten. Sofie hätte diesen Aufenthalt am liebsten mehr als eine Nacht dauern lassen wollen, so wohl war ihr, nicht nur ums Herz.

Die Natur hatte ein Einsehen mit ihr: In der Nacht und am folgenden Tag schneite es so heftig, daß aus den paar Stunden Winter-Wunderland in der Kelchsau beinahe eine Winter-Katastrophe geworden wäre — es wurde ein Tag länger Winterliebe.

Anne Maier


Laubacher Feuilleton 14.1995, S. 15
 
Mi, 09.12.2009 |  link | (981) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Die Hände des Tilmann Riemenschneider

Eine Kurzerzählung

Dunkel herrscht: Gewalt und Verzweiflung. Der Boden feucht, die Luft schneidend kalt, tropfend naß die Wände. Hoch über dem Silberband des Maines liegt Riemenschneider gefangen. Das Licht der Weinberge hüllt die Festung des Bischofs in grünen Zauber. Der Herrscher, sonst von Frauen, Essen und Wein und schrankenloser Machtfülle angezogen, schlürft sich an Opfern satt. Seinen aufgestandenen Untertanen, Bauern wie Bürgern, will er sich in die Knochen und in die Seelen einbrennen. Abgrundtief haßt er den Gekreuzigten, verwünscht Gebete, verflucht die eigenen gefalteten Hände.

Erst ein Gesicht durchbricht die schmerzvolle Einsamkeit des gefesselten Künstlers. Noch einmal will der Gequälte durch sein größtes Werk gehen: den Marienaltar von Creglingen. Aus der Tiefe der Kassematte weht ein warmer Wind durch die feingliedrigen Ornamente des Altaraufbaus: ein sanftes Rauschen wie im Geäst eines Lindenbaums. Lange stillgestelltes Leben kehrt in die Figuren zurück. Hier ist noch nicht alles vollendet, Sehnsüchte liegen offen.

Der Schöpfer dieser geschnitzten Dichtung möchte nicht mehr bloß aus der Predella herausschauen, wie bisher, selbsterniedrigt. Er will hinauf zu den Aposteln. Die Arme streckt er zu Marias Himmelfahrt empor. Mit der letzten Kraft seines verlöschenden Lebens sucht er sich an seinen zerbrochenen Händen nach oben zu ziehen.

Da dringt langsam Bewegung in die Figuren ein. Philippus sieht als erster das von Schmerzen entstellte Antlitz des Bildhauers auftauchen. Vor Schreck fällt ihm sein Buch aus den Händen und reißt auch des träumenden Petrus Buch mit zu Boden. Beide Werke zerschellen.

Das feiste Gesicht des Philippus nimmt einen unterwürfigen, schleimigen Ausdruck an. Der Apostel erkennt, daß hier sein einstiger Herr heraufkommen will. Sobald er begreift, wie unheilbar zerstört dessen Hände sind, lacht er mit bösartiger Genugtuung: Auch du hast deinen Meister gefunden.

Petrus ärgert sich, daß sein Buch zugrunde ging, mit dem er seine Gewalt befestigen wollte. Er beschuldigt den Bildhauer, der sich noch immer nicht aufrichten kann. Bartholomäus wirft gar sein Buch nach dem Eindringling.

Dann erfaßt Leben auch die rechte Apostelgruppe. Die überlangen, zerbrechlich anmutenden Hände der Apostel fangen an, eine neue Sprache zu führen. Statt von Zuneigung und Hoffnungen reden sie von Sattheit, Abweisung, fast Haß. Johannes läßt sein liebendes Gesicht fallen und schreit auf den am Boden Liegenden hinunter: Laß deine Dreckfinger von meiner Mutter. Die gehört uns, der Kirche. Uns, die oben sind. Das längliche Gesicht des Jakobus reißt zu einem vernichtenden Schlund auf: Zieh unsere Maria nicht in den Schmutz deiner Rebellen herunter. Die ist für euch viel zu schade.

Tilman Riemenschneider wirft sich nicht weg: Bevor man mich beim Dom verscharren wird, will ich sehen, ob überdauern kann, was ich einst geschaffen hab'.

Diesen Ausspruch lassen ihn seine Geschöpfe sogleich büßen. Andreas nimmt seinen Arm von Petrus weg und springt dem Hilflosen auf die blutigen Hände. Schmerzensschreie wecken das verschlafene Gesicht der soeben nach oben entschwebenden Maria. Ihre Hände geben die geknickte Gebetshaltung auf und neigen sich nach unten. Marias Arme werden lang und länger. Als sie Riemenschneider beinahe heraufziehen könnten, schlägt Petrus mit der Faust ihre spindeldürr ausgedehnten Arme ab. Es klingt, als ob Brennholz gespalten würde.

Die Apostel atmen auf und lachen los. Sie fühlen sich von der Last der Anbetung befreit, fassen sich an den Händen und hüpfen herum, so gut es ihre steifen Beine erlauben. Ihr Freudentanz nimmt wildere Züge an. Die Augen quellen hervor, auch die Haarpracht gerät in Aufruhr. Als Johannes mit der Glut seiner Jugend den beleibten Philippus herumschleudert, treten die Adern seiner Hände noch stärker hervor.

Riemenschneider ist zu schwach, um eine Warnung vor dem Unheil hören zu lassen. Philippus stolpert. Seine Gewicht hängt an den dünnen Händen des Johannes. Das schon rissige Lindenholz bricht. Philippus stürzt über den Altar hinaus und zerbricht auf dem Steinboden der Kirche, mit den abgerissenen Händen des Johannes verklammert. Blut spritzt aus den geplatzten Adern der Hände.

Die anderen Apostel wollen nichts bemerken. Die Lücke in dem engen Altarschrein ist gleich geschlossen.

Nun fassen sich ihre Hände nicht mehr zum Tanzen, vielmehr zum Angreifen. Sie zielen auf die wackligen Beine, die verwundbaren Hälse. Unter den faltenreichen Gewändern schlägt verheimlichtes Metall aneinander. Dem Jakobus kehrt sich die Wehmut seines Antlitzes in Grausamkeit um. Seine galante rechte Hand wird zur gepanzerten Faust, holt unter dem bodenlangen Gewand ein Schwert hervor und dreht es dem bärbeißigen Simon im Unterleib herum. Mit einem gellenden Schrei sinkt der Sterbende zusammen. Die übrigen tanzen auf ihm weiter als Fratzen eines schadenfrohen Vergnügens und ziehen ebenfalls ihre Waffen hervor. Über diesen Niedergang ihrer Verherrlichung starrt Maria mit toten Augen in eine unfaßbare Leere.

So erlöscht das Gesicht, das Riemenschneider für kurze Zeit wenigstens über seinen Untergang erheben sollte. Der Gefangene möchte seine Hände ins Stroh eingraben. Er kann nicht. Er versucht sich aufzurichten. Er bringt es nicht mehr fertig. Er will sich auf dem Lager umdrehen. Die Arme versagen.

Nach diesem Gesicht weiß er: sein künstlerisches Leben ist unwiderruflich zu Ende gegangen. Vielleicht werde ich mit dem nackten Leben davonkommen, aber mein Werk kann ich nicht mehr fortsetzen. Ich werde kein Messer, keinen Hammer, keinen Meißel mehr halten können: in diesen gemarterten Händen.

Seine Verzweiflung wirft sich gegen die grinsende Wand. Er will sich aufbäumen. Sein geschundener Körper gehorcht nicht mehr. Als Tilman noch tiefer zusammensinkt, breitet sich ein zweites Gesicht über ihn aus, wie schon so oft, seitdem er aus dem Folterkeller in die Kassematten zurückgekommen ist: ein Gesicht seiner Erinnerung.

Im Verhör wird er befragt, warum er im Rat der Stadt für die Bauern gesprochen habe. Warum er den Bewaffneten Ratschläge zum Sturm auf die Festung gegeben habe. Warum er den Bischof und seine Beamten verhöhnt habe. Warum er Flüchtigen durchgeholfen habe. Ob er einen geheimen Briefwechsel mit Bauernheeren unterhalten habe, vor allem mit Florian Geyers Schwarzem Haufen. Wo die geheimen Schriftstücke steckten.

Des Bischofs Kanzler kommt eigens zur Folterung. Man fragt den Bildhauer, was er gearbeitet habe. Als er von seinen großen Altären sprechen will, brechen die Folterknechte in eine dreckige Lache aus. Ha, welchen denn? Er, der Verräter an Gottes würdigstem Diener. Der Kanzler stellt sich taub. Als Riemenschneider die Handlanger hören läßt, er habe die Himmelfahrt der Maria geschnitzt, schreien sie Hure! Hurenbock! machen mit widerlichen Gesten vor, wie sie überfallene Bäuerinnen zu vergewaltigen pflegen.

Auf ein verstecktes Zeichen des Kanzlers hin werfen die erregt Schnaufenden den Holzschnitzer auf die Folter. Die Armsehnen werden ihm auf dem Streckbett zerrissen, auf den Stacheln der Leiter wird der Rücken zerfleischt, die Beine zerdehnt man durch Gewichte. Und mit höchstem Genuß brechen die Knechte dem Bildhauer Finger für Finger.

Unter der Folter wirft Tilman seine Hoffnungen auf seine Schöpfungen. Seine schmalen Hände streckt er zu Maria hoch. Sie dreht sich weg und verbirgt ihre Armstümpfe. Als er nach ihr schreit und nach seiner Mutter, kehrt sie nur ein wenig den Kopf zur Seite. In ihrem einst jugendlich zarten, verklärten Gesicht sieht er tiefe Risse, grobe Falten und einen stumpfen Ausdruck.

Dann läßt man ihn aus dem Folterkeller auf das Strohlager. Mit seiner restlichen seelischen Kraft will er sein Lebenswerk wiederherstellen. Noch lange sprechen seine Figuren von Gewalt und Vernichtung. Die Knochen verrenken sich, Finger brechen ab, manchmal ganze Hände. Unter Riemenschneiders Sehnsucht wachsen sie in seinen schlaflosen Nächten nach. Die Bärte zeigen zuerst Verwilderung, die Haare sind spröde. Auch sie gewinnen langsam ihre schöpferische Lieblichkeit zurück. Die einander mit Vergnügen abschlachtenden Apostel erlangen nach und nach den geglückten Ausdruck ihres Schöpfers wieder. Ihre in die Waffen verkrampften Hände öffnen sich, lassen die Eisen zu Boden sinken und raffen die Gewänder wieder kokett in Falten. In resignierender Liebe richtet Bartholomäus seinen prophetischen Blick auf den Krüppel. Seine Hände halten ein Buch offen, in dem Riemenschneider seine Zukunft zu lesen glaubt: einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Tilmans eigener Friede bricht, als der Bischof den Häftling nach Würzburg hinunter entläßt. Auf den Gassen der besiegten Stadt stieren ihn Feindschaft, Rachgier und Schadenfreude der Ratsherrn an. Die Mitleidenden müssen sich mit ihren Wunden verstecken.

Alleingelassen purzeln dem Gelähmten die Phantasien seiner Schmerzensnächte wieder durcheinander. Die Apostel blicken hochmütig auf Riemenschneider hinunter. Bartholomäus schreit ihn an: Du bist an allem selbst schuldig. Erneut verändern sich die Hände aller, sie werden spitziger, knochiger, verlieren ihre Grazie und überziehen den Altar wie mit einem Spinnennetz.

Den greisen Bildhauer fangen alte Angstträume ein, die ihn einst in der Werkstatt geplagt hatten. Aus den zwangsweise gefaltenen Händen der gebrochenen Bürgerschaft kriechen Würmer auf das weiche, wehrlose Lindenholz zu. Riemenschneider tritt der Angstschweiß auf die Stirn, er will aufspringen und sein Werk schützen. Doch er ist angekettet.

Ein letztes Mal muß er sich geschlagen geben, das Heer von Würmern befindet sich auf dem Siegesmarsch. Das Blutrecht des Bischofs, die genießerische Grausamkeit der gekauften Knechte, die Erbärmlichkeit der Leisetreter fressen sich durch Riemenschneiders gelungenste Arbeit.

Am Ende bleiben in den Bildern seiner vorauseilenden Erinnerung nur Häufchen von Holzmehl übrig. Bewunderung, Freude, Weisheit, Harmonie, Glück: alles zerfressen. Was einst die Prophetie von kommender Schönheit und Liebe hätte sein sollen, ist umgeschlagen in die Unheilsprophetie bleierner Knechtschaft. Das geschnitzte Sehnen nach Freiheit ist zerstoben. Schwarze Angst regiert.

(Geschrieben im Sommer des Jahres 1993 in der Lüneburger Heide.)

Hellmut G. Haasis


Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 14
 
Di, 01.12.2009 |  link | (1558) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Cottas Denkmal

Eines Tages lockte man ihn aus der Emigration zurück. Er wollte sehen, was aus seinen Hoffnungen auf ein freies Land geworden war. Auf seiner Rückreise fand er sich vollauf damit beschäftigt, in der Eisenbahn nicht die falsche Türe zu öffnen, dem Schaffner klarzumachen, daß er noch nie etwas von einer Fahrkarte gehört hatte, und vor allem die Leute in ihrer eigenartigen heutigen Sprache zu verstehen.

Seine Emigration hatte wirklich unvorstellbar lange gedauert: über 200 Jahre. Neulich hatte sich ein schräger Vogel seiner erinnert und veranlaßt, daß der Vergessene in seinem Grab aufgescheucht worden war, tief hinten im Pfälzer Wald. Eines Tages hörte der Ausgewanderte, wie eine Kommission des Stuttgarter Gemeinderats an seiner Grabstätte über die Frage stritt: Soll der Cotta ein Denkmal bei seinem Stuttgarter Geburtshaus bekommen oder nicht lieber die Bürger Freibier und Rote Würste? Die eher schmalen unter den Stadträten hatten sich für ein demokratisches Denkmal erwärmt, die dickleibigen schwärmten von den Würsten.

Wer kenne überhaupt diesen Cotta, diesen Feigling und Vaterlandsverräter, meinten die Freunde von Bier und Würsten. Der habe sich doch bloß ins Ausland verdrückt, weil er nichts habe schaffen wollen und sich nie unterordnen konnte. Ja, wenn es der berühmte Verleger wäre, aber doch nicht der andere, der ältere Bruder, der Tagdieb.

Das sei eine Schande, gaben Cottas jüngste Freunde zurück. Dieser erste Stuttgarter Demokrat stünde der Stadtkultur gut an.

Ach was, polterten die anderen. Wir brauchen keine Kultur, wenigstens keine, die Geld kostet. Was wir brauchen, sind Wähler und stärkere Autos, mehr und größere Fabriken und einen Flughafen auf Weltniveau.

Da standen die Anhänger der Denkmalsidee begossen herum. Bis sie sich aufrappeln konnten, gingen die anderen schon lachend und tief zufrieden in die nächste Wirtschaft, wo sie die verruchte Denkmalsidee in Pfälzer Riesling ersäuften.

Die gespaltene Kommission war noch nicht aus der Pfalz zurückgekehrt, da rief der Stuttgarter Polizeipräsident im Rathaus an, wer den Auftrag gegeben habe, die Hirschgasse abzusperren, Baufahrzeuge und Material anzufahren. Niemand wußte etwas. Beim Verhör des Bauleiters stellte sich heraus, daß ein auffallend blasser, ausgemergelter Herr mit einem altertümlichen Schwäbisch, das stark mit französischen Wörtern durchsetzt war, im Namen der Stadt den Auftrag erteilt hatte, hier ein Denkmal für den alten Journalisten, Juristen und Demokraten Christoph Friedrich Cotta zu errichten. Vorgelegt hatte er genaue Baupläne eines seriösen Architekturbüros und eine Genehmigung mit städtischen Stempeln. Da gab es eigentlich nichts zu zweifeln.

Dennoch untersuchte der Polizeipräsident die Pläne. Er verstand nichts. Was sollte denn in der Hirschgasse ein roter Sandsteinblock der Vogesen, aus dem eine Bildhauerin an Ort und Stelle, unter Beteiligung von Einwohnern und Zuschauern, eine riesige Plastik heraushauen sollte? Ein höherer Polizeibeamter kam auf die Idee, man könne im Stadtarchiv nachfragen. Dort wußte wirklich jemand etwas von dem alten Herrn, einer verblichenen Gestalt der nicht gerade populären Revolutionszeit. Etwas Anrüchiges ging von diesem Cotta aus, weil er für die Franzosen und auf eine deutsche Republik hin gearbeitet und sich dabei konspirativer Methoden bedient hatte.

Nach einigen Tagen schien alles vergessen. Es geschah lange nichts. Eines Morgens fand dann ein Wagen der Stadtreinigung die Hirschgasse durch einen riesigen roten Sandsteinblock versperrt. Der Polizeipräsident schäumte und schickte einen Autokran. Als der Fahrer anheben wollte, riß das Seil. Bis am nächsten Tag umständlich ein gigantischer Baukran aufgebaut werden konnte, hatten über Nacht unbekannte Hände eine erste Figur aus dem Block herausgehauen. Der Kranführer straffte vorsichtig das Seil, erkannte sofort, daß es auch ihm nicht gelingen würde. Der Polizeipräsident stand mit gedehntem Gesicht und Rücken daneben, um höher zu erscheinen. Er befahl mit gewaltiger Stimme, rücksichtslos vorzugehen. Kein Arbeiter wollte es wagen. So mußte am Ende der wütende Herr selber das Steuergerät bedienen. Der Kran schwankte, kippte wieder zurück, schien es zu schaffen. Als der Block sich leicht bewegte, stürzte Stuttgarts höchster Kran auf ein tadelloses Geschäftshaus nieder.

In der nächsten Nacht hörten einige der aufgescheuchten Anwohner leises Pochen, wie von einem Specht. Sie gaben nichts drauf. Am nächsten Morgen sah man eine zweite Figur aus dem Stein herausgehauen, der anderen in jeder Hinsicht entgegengesetzt. Die erste Gestalt, mit einer Jakobinermütze auf dem Kopf, streckte sich sehnsüchtig nach Westen, auf dem Wipfel eines vom Wind beschwingten Freiheitsbaumes stehend. Die zweite dagegen blickte herrisch nach Osten, schwer auf die krummen Buckel von Sklaven drückend. Auf dem Sockel war nur der Familiennamen Cotta eingemeißelt worden. Das waren die Brüder Cotta, der eine der nach Frankreich emigrierte ältere Bruder, der zweite der erfolgreiche Verleger.

Die Stadtverwaltung ließ Preßlufthämmer herbeiholen. Die Meißel kamen kaum voran, viele brachen ab. Mancher Arbeiter verletzte sich. Am Ende traute sich keiner mehr heran. So kamen die Stuttgarter doch noch zu einem Cotta-Denkmal. Wenn von nun an die Stadträte ihre feuchten Nachsitzungen im Ratskeller beendet hatten, pilgerten sie zum roten Sandstein aus den Vogesen. In vereinter Fröhlichkeit und stolz stellten sie sich an das kleine Gebirge. Voll Freude darüber, daß hier etwas für die demokratische Kultur geschehen war und doch nichts gekostet hatte, seichten sie den riesigen Findling an.

Hellmut G. Haasis


Laubacher Feuilleton 7.1993, S. 14
 
Di, 03.11.2009 |  link | (1100) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Christiane Hegel

Es war Spätnachmittag, goldener Herbstglanz tänzelte auf dem silbernen Band der Nagold. Die Luft des Schwarzwaldes roch nach Erfolg. Am Calwer Friedhof fuhr ein Journalist mit seinem Sportwagen vor, hüpfte heraus, schloß nicht ab und stürzte in den Gräbern. Er sollte noch eine Theaterpremiere vorbereiten. Was er hier suchte, kannte er nicht, fand es aber sofort: weit hinten an der eingefallenen Mauer das längst vergessene, von Efeu und Gebüsch überwucherte Grab der Christiane Hegel.

Hier war vor mehr als anderthalb Jahrhunderten die unglückliche Schwester des Philosophen von vier gelangweilten Männern begraben worden. Nach dem Freitod hatte der Fluß sie bei Kentheim angeschwemmt. Eine geistreiche, wissensdurstige, gelegentlich bockbeinige Stuttgarterin. Aber ein Schandfleck für die Familie und für die Hauptstadt. Heute Abend kam die Tote auf die Bühne, sie sollte als tolle Geschichte verkauft werden.

Auf dem Grabstein war der Name mehr zu ahnen als zu lesen, nur beim Todesdatum hatten sich im roten Sandstein die Kerben leidlich erhalten. Mit einem Mal schwappte eine bedrohliche Gefühlswelle über den Journalisten hinweg. Dagegen war er machtlos. Zuerst fühlte er sich enttäuscht: so viele Kilometer für nichts. Dann war er besorgt, was er nach der Premiere Sensationelles berichten sollte. Später verärgert, weil man ihn vielleicht an der Nase herumgeführt hatte.

Abneigung gegen alte, zudem tote Weiber stieg in ihm auf. Angst, sie könnten ihn mit ihren Runzeln und ihrem Geruch anstecken. Würde seine Freundin etwas davon spüren, wenn er das nächste Mal mit ihr schlafen wollte? Wut kam in ihm hoch: bisher war ihm alles gelungen, alles. Na ja, so gut wie alles.

Zuerst bruddelte er vor sich hin, wurde lauter, als niemand antwortete. Er schreckte auf, als er von weither hörte, wie jemand einen Grabstein anbrüllte. Und mit was für unflätigen Worten. Eine Donnerstimme, wie sie zu Wilhelm Hauffs Holländermichel gepaßt hätte, schien da die Grabsteine ins Wanken bringen zu wollen. Der Berichterstatter blickte um sich, unsicher, schwankte ein wenig. Die Stimme drehte sich ebenfalls, schien ihn nachzuäffen.

Seine Wut kam ins Kochen. Er fühlte sich in seinem Beruf bedroht, wußte nicht, was andere Frauen nun von ihm halten würden. Er sah sich aus dem bißchen Rampenlicht geschoben, in dem er sich zu aalen pflegte. Das ungeduldiger werdende Gebrüll wollte eine beerdigte Frau ausfragen: warum sie tot sei, wen sie wirklich geliebt habe, was sie sich am Schluß eigentlich gedacht habe, was sie von ihrem großen Bruder halte, wie es ihr im Irrenhaus gegangen sei, ob sie die Männer hasse, ob sie sich nicht heute Abend das neue Theaterstück ansehen wolle; zuletzt: was ihre Leibspeise sei?

Angewidert von dem neugierigen, brutalen Ton, enttäuscht vom Ausbleiben jeder Antwort, zog der Journalist sich in einen hübscheren Teil des Friedhofs zurück. Abgewandt von Christianes Grab, konnte er nicht mehr sehen, wie der Grabstein umstürzte und zersprang. Nachher wollte der Herr beschwören, es habe einen metallenen Klang gegeben. Aber es war ihm klar: bei einem Sandstein mußte ein solcher Ton ein Ding der Unmöglichkeit sein. Als der Berichterstatter sich umwandte, um sich zu vergewissern, huschte eine spindeldürre Gestalt an ihm vorbei. Ihre schmuddeligen Kleiderfetzen trieften von faulendem Wasser und durchnäßten seinen guten Anzug, Modergeruch würgte ihm den Hals.

Von Ekel gezeichnet, schlich der Besucher zum Friedhofsausgang, hörte nur noch, wie seine Autotüre zugeschlagen und der Gang von unerfahrener Hand krachend eingelegt wurde. Eine keifige, leicht wahnsinnige Frauenstimme höhnte aus dem wegfahrenden Auto:

«Jetzt kannst du dich selbst in mein leeres Grab legen und ausprobieren, ob dir mein Leben schmeckt. Dieses Land hat nur drei Ausgänge: Gefängnis, Irrenhaus oder Friedhof.»

Hellmut G. Haasis


Laubacher Feuilleton 6.1993, S. 14
 
Di, 03.11.2009 |  link | (1050) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Hölderlin im Funkhaus

Der letzte runde Geburtstag war dem scheuen Fritz auf dem alten Tübinger Friedhof nun wirklich zuviel geworden. Vorgestrige Herren hatten ihn wieder einmal mit Kränzen, Schleifen und Ansprachen belästigt. So hatte er sich die ewige Ruhe nicht vorgestellt. In der nächsten Nacht drückte er nach oben, schob auf seinem Grab den ganzen Plunder beiseite und begann, durch den Schönbuch nach Stuttgart zu trotten. Wie er am nächsten Mittag über die Schnellstraßen und Autobahnzubringer schlurgelte*, hätte er schon auffallen müssen. Aber es war ein Werktag, in den eiligen Autos hatte niemand Zeit, einen Blick auf den Landstreicher zu werfen. Abgerissen Kleider und Schuh, den turmhohen Wasserkopf nicht einmal gekämmt, die Hände seit undenklichen Zeiten nicht mehr gewaschen, die Fingernägel kohlrabenschwarz.

Endlich wollte auch er etwas in Stuttgart sagen, über sich selbst. Am Fuß der Weinsteige angekommen, ließ er sich den Weg in die Landesbibliothek zeigen. Er landete nebenan, im Amerikahaus. Ein Wachsoldat warf ihn hinaus, ein Haus weiter. Dort begrüßten ihn lauthals andere Penner, boten ihm Rotwein an. Hölderlin, in gehobener Stimmung, murmelte etwas von Brot und Wein. Von Brot wollten die anderen nichts wissen. Mit Fußtritten stießen sie ihn weg.

Eine Bibliothekarin beobachtet ihn, wie er interessiert, dann mit Freude ein Plakat des Marbacher Literaturarchivs über sich selbst studiert. Ihr vertraut er an, dass er etwas zu Hölderlin zu sagen habe. Als Liebhaberin phantastischer Literatur rechnet sie mit jeder Unwahrscheinlichkeit und weist ihn hinauf ins Hölderlinarchiv. Dort stößt er in eine kleine Geburtstagsrunde und bekommt Kaffee und Kuchen angeboten. Die Fröhlichkeit erstarrt, als einer älteren Frau entfährt, der arme Teufel sähe fast wie der Friedrich Hölderlin aus. Er wird nach Wer, Wohin und Absicht gefragt. Aber als er mühsam nach Worten sucht — er will schließlich nicht schlechter sprechen, als er gedruckt worden ist — hört ihm niemand zu. Nach einer halben Stunde zieht er geschlagen die Tür hinter sich zu. Dann will er in den Katalogen lesen, kommt damit aber nicht zu Streich. Eine junge Frau an der Information erklärt ihm alles, spricht aber für ihn viel zu schnell. Er hört sowieso nicht zu, schaut sie nur gebannt an und stammelt mehrmals «Diotima». Sie stört sich daran nicht. Sie weiß, wie anziehend sie wirkt und wie viele Fragende sie mit verwirrtem Kopf hat heimgehen lassen. Und sie hat hier schon viele Weggetretene beraten, die nur noch in der Bücherwelt atmen.

Einer Frau an der Garderobe klagt er sein Leid, er habe etwas Wichtiges zum alten Hölderlin zu sagen. Die rät ihm — warum weiß sie selbst nicht — vielleicht wäre er im Rundfunk am rechten Platz. Er schleppt sich dorthin. Am Eingang schnauzt ihn ein Uniformierter des Betriebsschutzes an, hier seien Betteln, Hausieren und Saufen verboten. Hölderlin mit gesenktem Kopf und leiser Stimme, er werde hier erwartet. Wo? In der Literaturabteilung. Man weist ihn nach oben. Ein Redakteur fühlt sich gestört, er habe keinen Termin vereinbart und noch ein Manuskript zu korrigieren. Und überhaupt: wer er denn sei? Dem Fragenden fällt das Gesicht auseinander, als er die freche Antwort hört. Raus du Hochstapler, alter Scharlatan.

Der Hinausgeschmissene wird noch in anderen Abteilungen herumgereicht: Kultur, Bildung, ernste Musik, selbst in der Unterhaltungsmusik. Man schickt ihn in eine laufende Sendung aus dem wilden Süden. Die beschwingten Spätjugendlichen reagieren stocksauer, weil sie auf eine Rockband warten und dieser komische Alte hereingeschneit kommt, seiner Sinne und Sprache nicht mehr ganz mächtig.

Am Ende landet der Orientierungslose im Hochhaus ganz oben, bei der Abteilung für Land und Leute. Ein Nordlicht mit schwäbischen Anklängen spielt gleich, holt ein Tonband und fragt den überalterten Zeitzeugen aus. Hölderlin fühlt sich ernst genommen, holt weit aus und strapaziert die Geduld des Redakteurs. Er redet von Württembergs damaligen Hoffnungen auf eine große Republik im deutschen Süden, vielleicht gar zusammen mit der Eidgenossenschaft. Er spricht von seiner zunehmenden Ratlosigkeit, als alles in Enttäuschung endete, auch seine Liebe in Frankfurt. Der Redakteur fällt befriedigt ein: Diotima? Die Augen des Alten glänzen ein letztes Mal. Dann verliert sich das Interview im Tübinger Turm. Der Redakteur hält sich mit Mühe am Mikrofon fest. Nach einer Stunde ist das Tonband abgelaufen. Hölderlin bekommt in der Kantine ein Gästeessen. Seine Augen haben den Glanz verloren. Er stiert vor sich hin, stochert in der Gemüsesuppe herum. Als der Redakteur später kopfschüttelnd in das Interview hineinhören will, stellt er erleichtert fest: wegen eines Defektes wurde kein einziges Wort aufgenommen.

Hellmut G. Haasis


Laubacher Feuilleton 5.1993, S. 3
 
Mi, 14.10.2009 |  link | (2165) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches



Die Ausländer

Die Ausländer leben in Büchsen. Nebeneinanderliegende Büchsen bilden eine Wohnung. Übereinanderliegende Büchsen ein Haus. Es werden Löcher hineingemacht, um den Bewohnern, der Kälte und dem Regen Einlaß zu gewähren. Drehscheiben aus einem undurchsichtigen Stoff bewerkstelligen das Aussondern der Bewohner einer Büchse, vorausgesetzt, daß diese Drehscheiben mit einem Loch versehen sind, Schlüsselloch genannt. Es gibt verschiedene Büchsenkategorien. Im allgemeinen verheiraten sich die Ausländer in der Büchse, in der sie schlafen und umgekehrt. Es ist selten, daß sie sich in einer Büchse zu einem anderen Gebrauch verheiraten, in der Küche zum Beispiel (in dieser Büchse finden die kleinen Büchsen ihren Platz, dazu dient sie nämlich: Konservenbüchsen, Bohnerwachsbüchsen, Radieschenbüchsen). Es gibt Büchsen, die sie mehr oder weniger mit Wasser voll laufen lassen, das sind die Badezimmer. Diese letzteren sind selten. Die Ausländer, die keine haben, nennt man die Armen. Die anderen nennen sich die Reichen. Man sieht es nicht oft, daß Reiche und Arme in dem gleichen Büchsenhaufen wohnen. Manchmal wird eine Familie von Reichen durch eine weibliche Person der armen Gattung vervollständigt. Diese schläft dann in einer Spezialbüchse, die unter dem Dach hängt.

Die Leute, die sich in ein Bettlaken wickeln, um aus dem Verkehr zu kommen, werden in eine Büchse gelegt, die man vergräbt. Zwei zusammengefügte Büchsen, deren gemeinsame Zwischenwand herausgebrochen ist, nennt man Theater. In der linken Büchse drängen sich die Zuschauer, in der rechten die Schauspieler. Die Zuschauer sind Leute, die sich versammeln, um Lärm zu machen, indem sie mit den Händen gegeneinanderschlagen. Die Schauspieler sind Leute, die zwischen den Pausen, die ihnen die Zuschauer lassen, laut miteinander sprechen. Unter den großen Büchsen, die für die Menschen bestimmt sind, und den kleinen Büchsen, die für die Stoffe bestimmt sind, gibt es die kleinen, für die Menschen bestimmten Büchsen, die man Gefängnisse nennt, und die großen, für Stoffe bestimmten Büchsen, die man Lagerspeicher nennt. Die Büchsen von mittlerem Umfang heißen Möbel, die meisten Möbel sind äußerst verdrehte Büchsen. Ein Tisch ist eine plattgeschlagene Büchse auf vier Beinen. Der Stuhl ist ein ehemaliger Behälter von sehr kleinem Ausmaß, der zusätzlich mit einer Lehne versehen wurde; da der Rezipient, ähnlich wie beim Tisch, verschwunden ist, hat man ihn durch vier Beine gestützt. Der Kamm stellt die letzte Spur einer verschwundenen Gattung dar: die Grätenbüchse. Manche runden Büchsen enthalten Bohnerwachs, andere Zeitfragmente. Ein Stück von der Welt abgetrennte Zeit, in einen kleinen Kerker eingeschlossen, dreht sich wie ein Karussel im Kreise herum. Die Ausländer bringen in der Mitte Zeiger an und erfassen sodann das genaue Pensum. Manchmal jedoch siecht das Stück Zeit dahin und stirbt. Daraufhin bringt man es vor die Stadttore auf kleine Märkte voller Flöhe, wo es sich in alle Winde zerstreut. Die zylindrischen Büchsen enthalten Stoffe, die einen bald am Schlafen hindern, bald einschläfern. Die kubischen Büchsen sind, wenn man sie den Kindern gibt, mit Zeichnungen geschmückt, die die Ausländer Buchstaben nennen, wenn man sie den Erwachsenen gibt, sind sie mit kleinen Kreisen geschmückt, deren Zahl sechs nie übersteigt. Die Ausländer schütteln sie hin und her und lassen sie dann rollen, aber sie können tun was sie wollen, es sind nie mehr als sechs Kreise auf ihren kubischen Büchsen. Auf die runden Büchsen malen die Ausländer unzählige kleine Kreise, von denen sie sagen, es seien Sterne oder aber sie bestreichen sie mit bunten Klecksen, von denen sie behaupten, es seien Festland und Ozeane. Die ovalen Büchsen enthalten Sperma, das beim Kochen hart wird, mit einem Auge ohne Augapfel in der Mitte. Man muß sie zerbrechen, um das alles zu finden, und dann ißt man es. In den Büchsen, deren eine weiße Fläche von einem Tuch ersetzt wird, walzt man menschliche Wesen bis zur äußersten Möglichkeit der Plattheit platt und projiziert sie dann durch ein Loch auf das phosphoreszierende Leintuch. Lange Zeit hindurch hat diese Operation die Schauspieler ihrer Stimme beraubt, ohne ihnen jedoch ihre Beweglichkeit zu nehmen. Die neuesten Fortschritte der ausländischen Chirurgie haben sie ihnen zurückgegeben. Manche Ausländer möchten ihnen ihr Volumen wiedergeben, aber andere Ausländer fragen daraufhin: Warum das Plattwalzen?

Auf die Weise plattgewalzte weibliche Personen werden ganz ungemein angehimmelt. An die Wand gestochen, reizen sie zahlreiche Herren dazu auf, sich mit ihnen zu verheiraten, aber immer auf Distanz. Die Ausländer verfügen auch über nicht plattgewalzte weibliche Darstellungen, allerdings für alle Zeit ihrer Beweglichkeit benommen; sie nennen sie Puppen. Es gibt davon drei Typen: Die Riesinnen (oder leicht über dem Durchschnitt liegend), die Naturgrößen und die Kleinen. Die letzteren sind den Kindern vorbehalten, die zweiten den Erwachsenen und die ersten der Gesamtheit. Es gibt sogar Superriesinnen. Diese sind äußerst selten. Die Ausländer können nur zwei anführen. Die eine hält einsam auf einer kleinen Insel eine Fackel, die andere umfaßt ein Gestell aus Stahlgitter und steht auf vier Beinen; sie ist sehr schmal, fein und bewegt sanft die Antenne. Die Reisenpuppen (oder leicht über dem Durchschnitt) stehen an Straßenecken und in Parks. Wenn sie nackt sind, zeigt sich ihr Schamberg glattrasiert. Wenn sie bekleidet sind, macht man ihre Kleider aus Bronze oder Marmor. Manche sind bewaffnet und zu Pferd. Es gibt auch vergoldete. Die ganz alten werden in Häusern untergebracht. Man bricht ihnen manchmal die Arme ab, damit sie reingehen, die Ausländer nennen sie dann Milos. Die Puppen in Naturgröße machen sie aus Wachs und stellen sie, fast immer bekleidet, hinter Glasscheiben. Wenn sie nur wenige Kleider tragen, brechen sie ihnen die Arme ab, den Milos, und dazu noch die Beine. Sie zeigen einzelne Beine, die sie mit wässrigen Ausscheidungen der Seidenraupe bedecken. Die kleinen Puppen werden den Kindern weiblichen Geschlechts anvertraut, damit sie lernen, Mütter zu werden. Die wenigen Kinder männlichen Geschlechts, die es wagen, mit kleinen Puppen umzugehen, werden von den Sittenrichtern als Einschlußkomplizen verurteilt. Ich habe nie geschrien. Nie. Nie. Ich bin ein Mädchen, ich. Ich habe nie geschrien. Nie.

Raymond Queneau

Übersetzt aus dem Französischen von Eugen Helmlé.
Laubacher Feuilleton 2.1992, S. 11; mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages

Aus: Heiliger Bimbam, Bibliothek Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1987, S. 185 –188

 
Mi, 07.10.2009 |  link | (1129) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Episches


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